zur Navigation springen

Arbeiterkind, Staatsmann, Strippenzieher : „Mensch Schröder!“

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Das ZDF porträtiert den vorerst letzten sozialdemokratischen Bundeskanzler

Dass zuletzt ein Sozialdemokrat Bundeskanzler wurde, ist fast 20 Jahre her. Gerhard Schröder schaffte es 1998, die Ära von Helmut Kohl nach 16 Jahren CDU-Regierung zu beenden. Martin Schulz ist seitdem der dritte sozialdemokratische Kandidat, der versucht, ihm ins Kanzleramt nachzufolgen, an dessen Gitterstäben Schröder schon in jungen Jahren gerüttelt haben soll. Manche sehen zwischen beiden durchaus Parallelen, die Herkunft aus bescheidenen Verhältnissen zum Beispiel. Den sieben Jahren an der Regierung und dem Weg dahin widmet das ZDF die Dokumentation „Mensch Schröder - Arbeiterkind, Staatsmann, Strippenzieher“. Sie ist am Dienstag (7. März, 20.15 Uhr) in der Reihe „ZDFzeit“ zu sehen.

Viele von Schröders politischen Freunden und Gegnern kommen zu Wort: Jürgen Trittin zum Beispiel, Otto Schily und Renate Schmidt, die alle zu seinem Kabinett gehörten, Oskar Lafontaine, der dem Kabinett schon bald nicht mehr angehören wollte, Doris Schröder-Köpf, seine Noch-Ehefrau oder der heutige Finanzminister Wolfgang Schäuble (CDU), der Schröder immer mit ironischer Distanz kritisch beobachtet hat.„Er hat natürlich einen starken Geltungs- und Durchsetzungswillen“, sagt er heute. Und das ist vielleicht sogar anerkennend gemeint.

Schröder schafft es nach ganz oben, aber er kommt von ganz unten, ein Kämpfer, den seine Kumpels im lippischen Bergland in Westfalen auf dem Fußballplatz „Acker“ nennen. Einer, der die die gegnerischen Verteidiger umdribbelt, sich nicht ausbremsen lässt und das Ding dann genau im Eck versenkt. Beim Kicken und Toremachen ist er in der 45-minütigen Doku von Florian Huber (Redaktion: Susanne Gelhard, Ursula Schmidt) gleich mehrfach zu sehen. Fußball - das hat immer etwas Volkstümliches, so zeigt sich Schröder gerne.

Auch die Stasi wird früh auf ihn aufmerksam: „Gang lässig, Gestalt kräftig, Kleidung sauber, ordentlich“, liest Schröder vor der Kamera aus seiner Akte vor. „Trink gern und viel Bier, immer große Gläser“, notieren die Schnüffler. „Wahnsinn“, sagt Schröder.

Schröder ist auch der Medienkanzler, der erste, der in die Samstagabend-Show „Wetten dass..?“ geht und dabei keine schlechte Figur macht. „Da kam ein entspannter Geselle, der sich hingesetzt hat: Oh, was machen wir jetzt? Das fand ich immer gut an ihm“, erzählt Thomas Gottschalk, der Schröder mehr als einmal bei sich zu Gast begrüßt. „Der Bundeskanzler war damals populär. Schröder war ein Mensch, den die Leute zur Kenntnis genommen haben. Der hat geredet wie die Leute.“

Dafür gibt es im Film viele schöne Beispiele. „Hol' mir mal ne Flasche Bier“, war so eins, das bald musikalisch untermalt die Runde machte.

Aber er ist eben auch der Brioni-Kanzler, der Designeranzüge trägt und Cohibas raucht, der zur Hassfigur wird, für manche zum Inbegriff sozialer Kälte. Hunderttausende gehen auf die Straße, um gegen seine Sozialreformen, die Agenda 2010, zu demonstrieren.

Natürlich darf die Szene nicht fehlen, wie Schröder nach der verlorenen Bundestagswahl 2005 in der „Elefantenrunde“ mit seiner Konkurrentin Angela Merkel umspringt, als sei klar, dass er Kanzler bleibt. „Unmöglich, machohaft, ohne jedes Benehmen“, meint seine Ex-Ministerin Renate Schmidt heute.

Kurz danach muss Schröder gehen. Zum Abschied beim Großen Zapfenstreich wünscht er sich „I did it my way.“

Andreas Heimann

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen