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Interview Neil Patrick Harris : Meine Kinder haben keine Mutter

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Der Schauspieler Neil Patrick Harris über seine Netflix-Serie, seine Traumrolle und das Problem Leihmutterschaft

Am Broadway ist Neil Patrick Harris genauso erfolgreich wie in der Sitcom „How I Met Your Mother“ oder als Oscar-Host. Im Interview stellt der 43-Jährige seine Netflix-Serie „Eine Reihe betrüblicher Ereignisse“ vor. (Start am 13. Januar.) Er erklärt, wieso er die Rolle des finsteren Kinderschrecks Graf Olaf besser spielt als Jim Carrey, und berichtet, wie er und sein Mann mithilfe einer Leihmutter Väter von Zwillingen wurden.

Herr Harris, in der Netflix-Serie „Eine Reihe betrüblicher Ereignisse“ spielen Sie den bösartigen Grafen Olaf, der Kinder mit den Tricks eines sehr, sehr schlechten Schauspielers hintergeht. Und Ihr Kollege Patrick Warburton sagt dazu: Neil Patrick Harris ist wie geschaffen für die Rolle.
Ich bin dafür geschaffen, schlechte Schauspieler zu spielen? Das klingt wie eine ziemlich perfide Beleidigung, oder?

Wie gut ist Patrick Warburton denn selbst?
Er ist perfekt. Aber ich muss dafür vielleicht erstmal die Geschichte erklären. In der Buchserie „Eine Reihe betrüblicher Ereignisse“ wird die Handlung von dem fiktiven Erzähler Lemony Snicket präsentiert, der seine Leser ständig daran erinnert: Diese Geschichte geht nicht gut aus. Und natürlich geht man bei einem Jugendbuch davon aus: Der sagt das nur so; selbstverständlich wird zum Schluss alles wieder gut sein. Wir reden hier von den Abenteuern dreier Kinder, deren Eltern verbrannt sind. So was muss ein Happy End haben. Aber es stimmt leider: Die Bücher gehen nie gut aus. Darin steckt ein sehr trockener, sehr schwarzer Humor; und Patrick Warburton hat ihn in sich.

Gab es Momente in Ihrer langen Laufbahn ...
… in denen ich wirklich ein richtig schlechter Schauspieler war?

Ja? Gibt es Rollen, für die Sie sich heute schämen?
Ähhhh – nein, eigentlich nicht. Ich war in Produktionen, die weniger Erfolg hatten als erhofft. Aber ich habe immer versucht, mich in einer Welt zu bewegen, bei der ich auch in schwächeren Produktionen eine Arbeit abliefern kann, auf die ich stolz sein kann. Ich bemühe mich immer um Aufträge, in denen die Chance auf gute Arbeit besteht. Auch wenn es ein Kinderfilm ist, auch wenn es eine Fernsehproduktion ist, zumindest meine eigene Rolle muss mich überzeugen.

Der Theatermann Graf Olaf mokiert sich in einer Szene über Streaming-Dienste; Sie selbst kennen als Musical-, Fernseh- und nun Netflix-Schauspieler alle Seiten des Geschäfts. Was macht am meisten Spaß?
Graf Olaf liebt das Theater, weil er als Produzent und Star seiner eigenen Stücke einen Ego-Trip daraus machen kann. Ich liebe das Theater auch, aber aus anderen Gründen. Und zwar weil es einen stärkeren Eindruck auf Zuschauer machen kann als das Fernsehen. Schon dass man extra hingehen muss, macht die Erfahrung profunder. Zuhause lenkt einen das Telefon oder der Hund ab; im Theater ist man voll bei der Sache. Was die Sonderform der Streaming-Dienste angeht: Ich glaube wirklich, dass hier einige der besten Dinge entstehen, die zurzeit überhaupt gedreht werden – auf Augenhöhe mit dem Kino, wenn nicht sogar besser.

Wieso?
Streaming-Dienste produzieren sehr fokussierte Programme. Sie versammeln die besten Künstler, bezahlen sie gut und geben ihnen die Freiheiten, zu tun und zu lassen, was immer sie wollen. Man muss seine Arbeit hier vor niemanden rechtfertigen. Wir alle haben inzwischen gesehen, zu wie guten Ergebnissen diese Bedingungen führen.

Trotzdem ist „Eine Reihe betrüblicher Ereignisse“ Ihre erste Netflix-Serie. Für welche anderen wären Sie gern angefragt worden?
Hmm, hmm, hmm. Das ist ein knifflige Frage. Ich hätte wirklich gern eine Rolle in „House of Cards“.

Als Präsident oder als Opfer des Präsidenten?
Gern als sein Mordopfer, ich bin einfach so ein großer Fan von Kevin Spacey. Und ein noch größerer Fan von David Fincher…

… der „House of Cards“ produziert und Sie für seinen Kino-Film „Gone Girl“ besetzt hat.
Ich glaube, „House of Cards“ war die erste Serie überhaupt, von der alle Episoden auf einmal veröffentlich wurden. Und ich erinnere mich noch, das für eine ungeheuer dumme Idee gehalten zu haben. Weil doch alles aus ist, wenn erstmal das Ende bekannt ist. Dachte ich. Ich habe nicht vorhergesehen, dass man nicht alles auf einmal gucken muss. Oder dass man – wenn man trotzdem alles auf einmal guckt – seinen Freunden zwar sagt, dass sie die Serie unbedingt auch gucken müssen, ihnen aber nicht die Auflösung verrät. Wenn wir heute den Anspruch haben, Serien und Filme dann anzusehen, wenn es uns passt, dann verdanken wir es „House of Cards“.

In Ihrer Serie spielen Sie die Hauptrolle, produzieren und singen den Titelsong. Warum haben Sie Barry Sonnenfeld die Regie überlassen?
Barry ist einer der lustigsten Menschen, die ich je getroffen habe. Wenn er nur die Kraft gehabt hätte, alle Episoden selbst zu inszenieren, wäre ich der glücklichste Mensch.

Zu seinem Werk gehören die „Men in Black“-Filme, und in einer Szene der Serie sieht man ein Kino, in dem „Men in Beige“ läuft. Wird diese Produktion es irgendwann mal in die Bonus-Abteilung einer DVD schaffen?
Wie glücklich wären wir alle darüber! Es wird an Will Smith scheitern.

Ihre Netflix-Rolle wurde schon einmal von Jim Carrey verkörpert. Was unterscheidet seine Interpretation von Ihrer. Und was macht Ihre besser?
Hmmmm. Also Jim Carrey hat „Eine Reihe betrüblicher Ereignisse“ ja für das Kino gemacht; der Film deckt, glaube ich, die ersten vier oder fünf Bücher der Reihe ab. Sie mussten also sehr viel Stoff in zwei Stunden pressen. Das geht nur mit dem groben Messer; Jim hatte deshalb in vielerlei Hinsicht die unerfreuliche Aufgabe, von einer Anekdote zur nächsten überzuleiten. Weil er die Komik der Geschichte getragen hat, musste er sie zwangsläufig in einen Jim-Carrey-Film verwandeln. Wir packen denselben Stoff in acht Episoden; ich habe also luxuriös viel Zeit, um die dunklen Seiten der Geschichte auszukosten. Um zu pointieren. Um die Figur zu entwickeln. Es ist eine Frage der Möglichkeiten, aber ich glaube: Mein Graf Olaf ist ein bisschen nuancierter und vielleicht ein bisschen schwärzer.

Graf Olaf ist ein Mann der kühnen Verkleidungen, und wenn die erste Staffel der Serie ein Erfolg wird, verbringen Sie die nächsten zehn Jahre in der Maske. Wie dringend wünschen Sie sich eine Fortsetzung?
Es ist zum Glück nicht ganz so schlimm. In einer vollkommenen Welt würde die Serie über drei Staffeln laufen. Dann wäre das Material der Vorlage auserzählt. Tatsächlich wäre also allerspätestens in zwei Jahren Schluss; und das war auch ein Grund dafür, dass ich unterschrieben habe. Wenn ich für einen Dreh ein halbes Jahr den Kontinent zwischen mir und meiner Familie haben muss, dann möchte ich ein absehbares Ende einplanen können. Meine Kinder gehen in New York zur Schule; ich kann sie also nicht einfach mitnehmen. Ein weiteres starkes Argument für mich: Der Stoff ist schon bei Drehbeginn abgeschlossen. Wenn man sich für eine Serie verpflichtet, dann kann man normalerweise nur hoffen, dass die Autoren die eigene Figur sinnvoll entwickeln. Hier steht von Anfang an fest, dass die Geschichte mir bis zum Ende gefällt.

Sie haben mitteilen lassen, dass Sie ungern private Fragen beantworten. Ich würde trotzdem gern eine stellen, die ein bisschen privat klingt. Es geht darum, wie Ihre Kinder gezeugt wurden.
Ah.

Ich kenne viele lesbische Paare mit Kindern, aber nur wenige schwule. Und das wohl auch, weil Ihre Art der Familienplanung in Deutschland verboten ist.
Leihmutterschaft? Das ist verboten?

Genau, das ist in vielen Ländern der Welt verboten.
Wow! Was für eine Schande.

Wenn ich darf, würde ich Ihnen als „How I Met Your Mother“-Star also gern die schlichte Frage stellen: Wie haben Sie die Mutter Ihrer Kinder gefunden?
Also in den USA muss man für die Familiengründung mithilfe einer Leihmutter nicht ein gleichgeschlechtliches Paar sein. Wenn Sie Probleme haben, ein Kind zu bekommen, können Sie einfach zu einer Organisation oder einem Unternehmen gehen, dass dabei hilft, Ihr Sperma mit einer Eizell-Spenderin zusammenzubringen. Aus der einfachen Einsicht, dass viele Paare aus allen möglichen Gründen ohne Hilfe keine Kinder bekommen können. Und genau das haben wir getan: eine Frau gefunden, die uns freudig und anonym zu einer Familie verholfen hat. Und am Ende hatten wir Zwillinge. Es war eine sehr wissenschaftliche Angelegenheit; die Eizell-Spenderin war eine andere Frau, als diejenige, die die Kinder dann ausgetragen hat. Das hat eine Frau übernommen, die eine eigene Familie hatte und anderen Paaren helfen wollte.

Wenn Ihre Kinder irgendwann mal den Wunsch haben: Könnten Sie ihre beiden Mütter treffen?
Also das sind ganz sicher keine Mütter; bei uns gibt es zwei Väter, eine Eizell-Spenderin und eine Surrogat-Mutter. Ich denke, wenn die Kinder dieses Gespräch mit uns suchen sollten, würden wir es bestimmt nicht verbieten. Wir würden nicht so tun, als ob diese Frauen nicht existieren. Weil ich stolz auf die Weise bin, wie wir unsere Kinder auf die Welt gekommen sind.

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