Maximal Max

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Fernsehmoderator Max Moor über Talkshows, die Schweiz und seinen Vornamen

von
01. August 2015, 16:00 Uhr

Er ist nicht nur das Aushängeschild des ARD-Kulturmagazins „ttt“ und Autor höchst amüsanter Bücher wie das gerade erschienene „Als Max noch Dietr war“, sondern auch ein ebenso geistreicher wie unterhaltsamer Gesprächspartner: Max Moor, der bis 2013 Dieter hieß.

Sie sind vermutlich der maximal beschäftigte Talkshow-Gast dieses Sommers.
Das wäre schön, denn ich liebe es, in Talkshows zu sein. Und in letzter Zeit hat es sich tatsächlich ein bisschen gehäuft.

Was ist denn so toll daran?
Man hat in dieser Zeit eine kleine heile Welt und trifft Leute, die man sonst nicht getroffen hätte. Ich bin ja ein völliger Banause, was Promis betrifft. Vor der Talkshow gucke ich immer nach, wer sonst noch kommt und fast immer finde ich sie klasse.

Haben Sie eine Lieblings-Talkshow?
Der „Kölner Treff“ mit Bettina Böttinger ist wunderbar. Und letztens war ich in einer Aufzeichnung der „NDR Talk Show“, die machen das auch sehr gut. Barbara Schöneberger und Hubertus Meyer-Burckhardt sind ein kongeniales Team. Anschließend haben wir an Holztischen noch draußen gesessen, was getrunken und dann setzte das ein, was in meinem Alter ja immer seltener passiert: Eine letzte Zigarette noch – und dann wird’s zwei, halb drei Uhr morgens.

Worüber spreche ich denn mit jemandem, der in Talkshows schon alles gesagt hat?
Das ist wirklich ein Problem, ein ganz schwieriges (lacht). Alles was ich in den Talkshows nicht gesagt habe, werde ich jetzt auch nicht sagen.

Ich versuch’s mal. Um die Schweiz kommen wir wohl nicht rum.
Logisch.

Was ist typischer für die Schweiz – Sepp Blatter oder das Matterhorn?
Beides. Das kann ja durchaus miteinander in Beziehung gebracht werden.

Blatterhorn?
(lacht) Blatterhorn ist gut. Blatter ist ja einfach nur ein Typ, der geldgierig und machtgeil ist. Aber er ist auch ein sehr typischer Schweizer, weil er eine unglaubliche Karriere vom aktenfressenden Kleinfunktionär zum mächtigsten Fußballmenschen der Welt hingelegt hat. Was er kann, ist, einen Mythos aufzubauen. Und damit kommen wir dann zum Matterhorn.

Warum?
Ich glaube nicht, dass es viele Naturdenkmäler gibt, die besser vermarktet werden als das Matterhorn. Obwohl das Matterhorn überwiegend in Italien liegt, ist es der Schweizer Berg schlechthin.

Ach was?
Ja, das wissen die meisten nicht. Ich bin auch erst darauf gekommen, als ich fürs Schweizer Fernsehen ein Matterhorn-Gespräch führte. Das meiste vom Matterhorn liegt auf italienischem Staatsgebiet, aber diesen typischen Matterhorn-Blick gibt’s nur in der Schweiz.

Kommen wir noch mal zurück zu Blatter. In Deutschland hat man sich in den letzten Monaten ja sein Urteil über ihn gemacht.
Welches?

Vernichtend.
Dann muss ich ihn wohl ein bisschen verteidigen. In Deutschland mag man den Blatter ja schon sehr lange nicht. Das impliziert ja, dass in Deutschland niemand korrupt wäre. Aber möglicherweise kommen ja noch ein paar sehr spannende Geschichten vom Sepp – wer wo wie alles mitgeredet hat. Da sind die Deutschen ja seltsam still.

Verteidigt das den Blatter?
Ich stelle einfach fest: Man hat sich schon sehr lange über den Blatter geärgert, aber man hat ihn auch respektiert. Und jetzt plötzlich nicht mehr – das ist doch nicht konsequent, oder? Fußball ist doch so ein wunderbares Geschäft, und da ist der Blatter gerade hochgradig verwundert, weil bis jetzt doch immer alle mitgemacht haben. Was hat sich denn geändert?

„Als Max noch Dietr war“ bezeichnen Sie als „fiktive Biografie“. Alles frei erfunden?
Man kann gar nicht alles frei erfinden, weil sobald man etwas schreibt, es etwas mit dem zu tun hat, was man erlebt hat. Nicht mal Science-Fiction ist frei erfunden. Als ich dieses Buch geschrieben habe, sind in mir unheimlich viele Dinge hochgekommen, die ich längst vergessen glaubte, wo ich nicht mal wusste, dass es da etwas zu erinnern gäbe. Natürlich ist das alles mit hineingeflossen. Die Figur Geeri ist bestimmt relativ nah an meinem Vater, aber eben auch überzeichnet. Man kann also nicht sagen: Aha, das ist also der Vater von Max Moor. Ich habe Dinge aus dem Leben genommen, sie ein bisschen zugespitzt und auch geschrieben, wenn ich gedacht habe, das wäre doch ganz geil, wenn es so passiert wäre.

Bei allem Spott und aller Ironie schimmert in Ihrem Buch immer wieder auch eine etwas sperrige Liebeserklärung an die Schweiz durch.
Es ist tatsächlich eine Liebeserklärung. Alles was da in mir hochgekommen ist, sind schöne Erinnerungen. Ich habe tatsächlich eine Tante, die so einen Bauernhof hatte und ich habe es geliebt, dort zu sein, weil ich die Menschen so toll fand und heute noch toll finde.

Es gab Zeiten, da mochten die Deutschen die Schweizer mehr als heute.
Und dann kam der Ackermann, dann der Blatter, und die Schweizer Banken sind ja auch noch schuld an einem anderen großen Deutschen, der gestolpert ist: Uli Hoeneß.

Solange die Deutschen die Schweizer noch mehr mochten, haben Sie sich gern mal kritisch geäußert – jetzt, wo sich das Blatt gewendet hat...
...verteidige ich sie (lacht).

Bürsten Sie gerne mal gegen den Strich?
Ich habe eigentlich immer denselben Standpunkt. Aber wenn man in der Mitte steht und alle anderen links von Dir, dann sagen die: Der ist aber rechts. Und wenn sie dann irgendwann rechts von Dir stehen, dann bist Du der Linke. Ich rede nicht anders über die Schweizer als früher, aber der Blickwinkel der Deutschen hat sich verändert.

Gibt es eine Eigenschaft, die typisch ist für die Schweizer?
Sie haben ein relativ großes Anarchie-Potenzial. Das sieht man an der Sprache: Es ist bis heute nicht gelungen, das Schweizerische zu reglementieren. Das zeigt sich aber auch an Ackermann und Blatter: Diese absolute Gnadenlosigkeit, ein Ding durchzuziehen, das ganz offensichtlich unmoralisch ist. Oder wenn Sie nach Zürich gucken: Konzerne, Finanzwelt, Schwarzgeld, Drogenhandel – pure Anarchie.

Sie haben sich vor zwei Jahren von Ihrem Vornamen getrennt. Was war so schrecklich an Dieter?
Ich kann es nicht sagen. Das war so wie andere Leute sagen: Ich hasse Ingwer. Meine Frau kotzt, wenn sie Ingwer nur riecht – und ich mochte Dieter eben nie.

Wann ist Ihnen das zum ersten Mal übel aufgestoßen?
In der Schule. Da hatten die anderen so tolle Namen wie Bruno oder Florian oder Markus – und ich war der Dieti. Dieser Name war bei uns in der Provinz so unbekannt, dass ich manchmal sogar buchstabieren und an die Tafel schreiben musste. Die Französischlehrerin nannte mich Didier – man kann einen Jungen doch nicht Didier nennen, das geht einfach nicht (lacht). Ich hab’ auch nie verstanden, wie es der einen oder anderen Frau möglich war, „Ich liebe Dich, Dieter“ zu sagen. „Max, Du bist so toll“ ist doch viel einfacher.

Warum haben Sie denn 55 Jahre gewartet, bevor Sie von Dieter auf Max umgestellt haben?
Noch so eine entscheidende Frage, die ich nicht beantworten kann. Es war ganz seltsam und ich erinnere mich noch gut an den Moment, in dem ich am Computer saß und eigentlich mit Buchhaltung befasst war. Deshalb musste ich immer schreiben „Ihr Dieter Moor“, „Ihr Dieter Moor“, „Dieter Moor“ – ich hasste es. Und dann habe ich eine Rundmail geschrieben: Könnt Ihr bitte ab sofort Max zu mir sagen? Das war eine Aktion von zehn Minuten, ohne jede innere Vorbereitung.

Ihre Frau gehört ja vermutlich zu denjenigen, die schon mal „Ich liebe Dich, Dieter“ über die Lippen gebracht haben? Sagt sie heute Max?
Dieter sagt sie nicht mehr, aber Max so ziemlich als einzige auch noch nicht. Es fällt ihr echt schwer. Aber Sie kann sich ja in Worte wie Schatz oder Liebling flüchten.

Vielleicht haben Sie sich ja auch für Max entschieden, weil man bei Lektüre Ihres Buches den Eindruck gewinnt, „maximal“ sei Ihr Lieblingswort. Es taucht gefühlte 300-mal auf, mehr als einmal pro Seite.
Stimmt, ich habe es sehr bewusst und mit großer Freude so häufig verwendet. Es war in der Schweiz tatsächlich ein sehr beliebtes Wort, für meinen Vater war alles Mögliche maximal. Mittlerweile ist es völlig aus der Mode, aber in den sechziger Jahren war alles, was gut war, maximal.

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