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Wochenend-Interview : Max Giesinger, der Sparfuchs

vom
Aus der Onlineredaktion

Popstar Max Giesinger fährt lieber U-Bahn als Taxi – Banklehre abgebrochen.

Max Giesinger, der letztes Jahr mit seinem Song „80 Millionen“ die Charts und EM-Fanarenen stürmte, spricht Frauen auf altmodische Art in Bars an. „Bei Dating-Apps werde ich eh wegen meines Namens gesperrt“, verrät der 28-Jährige. Außerdem erzählt er, wie hart ihn Kritik wie die von Jan Böhmermann trifft und warum er ein Sparfuchs ist.

Leben Sie derzeit Ihren Lebenstraum, oder gibt es noch Verbesserungsbedarf?
Alles, wofür ich mein Leben lang gearbeitet habe, ist letztes Jahr wahr geworden. Ich hab immer dafür gekämpft, so viele Auftritte wie möglich zu spielen und dass irgendwann mal ein Song von mir im Radio läuft – der Traum ist schon mal in Erfüllung gegangen, und jetzt muss man sich neue Ziele stecken. Schön wäre, wenn ich noch ein paar Jahre so weitermachen könnte. Ich werde einfach weiter versuchen, gute Musik zu machen und am Ball zu bleiben.

Was ist Ihr nächster Traum?
Musikalisch träume ich davon, bei der nächsten Platte einen draufsetzen zu können. Ansonsten hab ich große Lust, irgendwann noch mal auf Weltreise zu gehen. Sechs Monate oder länger. Da muss ich mal gucken, wann das passt.

Sie haben eine Ausbildung zum Banker abgebrochen. Warum haben Sie es dort nur zwei Wochen ausgehalten?

Das hat sich einfach nicht gut für mich angefühlt. Ich kam mir im Anzug verkleidet vor. Vorher habe ich jahrelang ein Musikerleben geführt, konnte ausschlafen, hatte dreimal in der Woche einen Auftritt und ein paar Gitarrenschüler. Und dann bist du plötzlich in diesem Bankkorsett – was für viele sicher eine gute Sache ist; meine Mutter ist damit auch seit Jahrzehnten glücklich. Ich habe damals aber auch gesehen, dass viele Leute ihre Stunden dort nur abgesessen haben. Ich hab schon nach drei Tagen gemerkt, dass das nichts wird, und dann hab ich rechtzeitig die Reißleine gezogen.

Wie gut können Sie denn mit Geld umgehen?
Ich bin tatsächlich ein Sparfuchs. Das liegt vermutlich an meiner badischen Herkunft. Ich brauche keine materialistischen Sachen wie ein teures Auto. Ich fahre in Hamburg immer mit der U-Bahn, weil ich es nicht einsehe, für eine Strecke, die man schneller mit der Bahn zurücklegt, Geld für ein Taxi auszugeben. Für gutes Essen und Reisen geb ich aber gerne Geld aus.

Das letzte Jahr war sehr erfolgreich für Sie, Sie waren viel unterwegs – wie nehmen Sie sich eine Auszeit?

Ich muss mich zum Auszeitnehmen zwingen, weil es eigentlich immer irgendwas zu tun gibt. Wir spielen dieses Jahr 140 Konzerte, montags und dienstags hab ich aber meistens frei. Da versuche ich dann Sport zu machen oder mal in die Heimat nach Karlsruhe zu fahren.

Wie sieht Urlaub dann bei Ihnen aus – chillen am Strand oder Abenteuerurlaub?
Letzten Monat bin ich mit einem Kumpel durch Island gereist. Ich hatte erst überlegt, ob ich klassisch nach Malle fliegen soll, aber ich hatte mehr Lust auf ein richtiges Abenteuer, weg von der Zivilisation. Ich mache auch gerne mal Urlaub in der Sonne, bin aber vom klassischen Hotelurlaub weggekommen. Eine Woche kann ich mir das schon mal geben, dann wird mir das aber zu öde.

Sie hatten einen Hit – gleichzeitig hat Jan Böhmermann Sie vor ein paar Monaten vorgeführt. Wann haben Sie davon erfahren?
Relativ schnell, am nächsten Morgen hatte ich etliche Nachrichten auf dem Handy. Ich war tierisch überrascht und auch ein bisschen überwältigt, da es mir noch mal vor Augen geführt hat, was in den letzten anderthalb Jahren alles passiert ist. Zu dem Zeitpunkt hat sich noch kaum jemand für mich oder meine Musik interessiert. Und ich fand die Persiflage auch wieder extrem gut gemacht, das muss ich dem Böhmermann lassen.

Wie hart trifft Sie Kritik wie die von Jan Böhmermann?
Überhaupt nicht. Ich glaube, so was muss man immer mit Humor nehmen. Das habe ich damals bei „The Voice of Germany“ gelernt: Wenn man bekannter wird, wird es auch immer Leute geben, die einen nicht mögen. Und es ist wichtig, dass es die gibt, sonst läuft irgendwas nicht ganz richtig. Deshalb war es eine Frage der Zeit, dass mich jemand auf die Schippe nimmt. Ich weiß, was ich kann und was ich die letzten Jahre geleistet habe, um da zu sein wo ich jetzt bin. Kritik muss man sich hier und da stellen, dabei muss man immer abstrahieren, von wem sie kommt und was sie bezwecken soll. Böhmermann muss mit seinem Beruf anecken und polarisieren, er muss immer wieder an die Grenze gehen, damit er wahrgenommen wird.

Wie finden Sie Böhmermann allgemein?
Ich hab ihn auf Facebook geliked – und fand es sehr skurril, selbst irgendwann in einem Post von ihm aufzutauchen.

Wie entsteht ein Song bei Ihnen? Böhmermann hat Ihnen auch vorgeworfen, dass Sie Ihre Songs nicht alleine schreiben.
Die meisten Lieder schreib ich mit meinem guten Freund Jens Schneider, der auch meine Platte produziert hat. Wir spielen uns die Bälle sehr gut hin und her, und es macht einfach tierisch Spaß, mit ihm zu schreiben. In der Endphase des Schreibprozesses zur zweiten Platte haben wir hier und da noch mal jemanden dazugenommen. Ob man nun einen Song zu zweit oder zu viert schreibt, macht den Song nicht unpersönlicher. Die Story kommt dann trotzdem immer von mir. Manchmal hat dann ein anderer eine geile Idee, wie man einen Zustand besser umschreiben kann. Im besten Falle hat man am Ende des Tages einen richtig guten Popsong, und darum geht’s ja im Endeffekt.

In Ihrem Song „Roulette“ geht es um die Abweisung einer Frau. Was war die schlimmste Abfuhr, die Sie je bekommen haben?
Die schlimmste Abfuhr erzähle ich tatsächlich in dem Song. Das war eine Abfuhr über Monate: Wir haben in der Nachbarschaft gewohnt und waren an einer Beziehung nah dran – dachte ich zumindest. Für sie waren wir meilenweit davon entfernt.

Wie schlimm war es für Sie als vierter Platz bei „The Voice of Germany“ kurz vor dem Sieg rauszufliegen?
Das war für mich eher eine Erlösung. Das ist ein gutes Format, das talentierte Leute fördert, aber für mich war es damals zu viel. Vielleicht war ich zu jung, wusste noch nicht genau, was ich musikalisch machen will, und habe mir viel reinquatschen lassen. Ich war überhaupt nicht traurig, dass ich nicht gewonnen habe, sondern froh, wieder nach Hause zu können.

Ihr damaliger Mentor Xavier Naidoo steht derzeit in der Kritik wegen seines Liedes „Marionetten“. Wie sehen Sie die Diskussion darum?
Ich hab vor Jahren auch mit ihm schon mal Songs geschrieben und mitbekommen, wie er ein Lied schreibt. Er schreibt einen Text manchmal innerhalb von fünf Minuten – und dann wird da auch nicht noch mal rangegangen. Vielleicht wäre das bei dem Song nicht schlecht gewesen. Bewusst wird er diesen AfD-Jargon nicht gewählt haben.

Popmusik und Politik – passt das überhaupt zusammen?
Das kann zusammenpassen, heißt aber für mich nicht, dass jeder Popmusiker über Politik singen muss. Ich bin überhaupt kein Politcrack und würde mir nicht anmaßen, darüber einen Song zu schreiben. Da muss man richtig im Thema drin sein, und momentan würde ich mir das selbst gar nicht abnehmen. Außerdem freuen sich die Menschen auch mal darüber, wenn sie beim Musikhören abschalten können und es da mal um die kleinen Dinge geht.

Wie schwer ist es in Zeiten von Tinder und Spotted-Gruppen, die eine Person unter 80 Millionen zu finden? War es vor 30 Jahren einfacher?
Das war früher auf jeden Fall einfacher, weil man nicht die Auswahl von heute hatte. Da hast du deine Nachbarin oder jemanden aus dem nächsten Dorf geheiratet. Weil man heute immer danach strebt, etwas Besseres zu finden, halten viele Beziehungen nicht lange. Auf der anderen Seite waren früher auch viele unglücklich verheiratet und haben es 40 Jahre durchgezogen, das ist auch nicht gut. Aber damals hat man bei schwierigen Phasen in der Beziehung nicht so schnell aufgegeben.

Sind Sie altmodisch unterwegs oder ein Freund von Dating-Apps?
Dating-Apps gehen bei mir nicht, weil ich sofort wegen meines Namens gesperrt werde. (lacht) Ich hatte das vor ein paar Jahren, aber die Kollegen meinten, dass das nicht mehr so prall ist. Ich bin generell ein Fan davon, Menschen im normalen Leben kennenzulernen. Auf Instagram sehen natürlich viele Menschen toll aus, aber wie jemand wirklich ist, kann man doch nur im realen Leben rausfinden. Ich sprech da lieber mal ein Mädel in der Bar an.

 

Max Giesinger: Einer von 80 Millionen

Max Giesinger wird am 3. Oktober 1988 in Waldbronn bei Karlsruhe in Baden-Würtemberg geboren. In seiner ersten Band spielt er im Alter von 13 Jahren. Neben der Schule absolviert er rund 70 Auftritte pro Jahr. Nach dem Abitur verschlägt es ihn in die weite Welt nach Australien und Neuseeland, wo er als Straßenmusiker Geld verdient. Eine Lehre zum Bankkaufmann bricht der heute 28-Jährige nach nur zwei Wochen ab. Ab 2006 nutzt Giesinger die Plattform Youtube, um seine Musik bekannter zu machen. Dabei lädt er sowohl eigene Songs als auch Coverversionen hoch. An der Popakademie in Mannheim scheitert er 2011 an der Aufnahmeprüfung. Im selben Jahr nimmt er an der Castingshow „The Voice of Germany“ teil. Gecoacht wird er dabei von Sänger Xavier Naidoo. Max Giesinger belegt dort 2012 den vierten Platz. Wegen Differenzen trennt er sich allerdings von seinem damaligen Platten-Label. Zur Finanzierung seines ersten Albums nutzt er Anfang 2014 eine Crowdfunding-Kampagne – bei der er innerhalb von 24 Stunden den benötigten Betrag erreicht. Das Album ist allerdings wenig erfolgreich. Er kann nicht an die Erfolge aus seiner Zeit bei „The Voice of Germany“ anknüpfen. Bei seinem aktuellen, zweiten Album arbeitet er wieder mit einem Label zusammen. Mit seiner Single „80 Millionen“ erreicht er 2016 Platz zwei der Charts. Für diesen Song gewinnt er im selben Jahr auch die „1Live-Krone“ in der Kategorie beste Single.
 


 

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