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Leute : Martin Feifel - Stilles Wasser

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Schauspieler Martin Feifel über Kindheit, Karriere und Alkohol.

Er kann allein eine Theaterbühne ausfüllen und drückt jedem Film seinen Stempel auf. Im Gespräch ist Martin Feifel aber eher ruhig, nachdenklich und etwas melancholisch. Am Sonntag hat er eine Hauptrolle im Münchner Tatort. In einem Münchner Café erzählt er bei einer Flasche stillen Wassers von seiner schwierigen Kindheit, psychischen Problemen und einer großartigen Karriere:

Herr Feifel, ursprünglich wollten Sie mal Clown werden.

Für mich war ein Clown nie der komische August, sondern mehr eine Sehnsucht. Clowns wie Grock oder Charlie Rivel haben mich fasziniert, weil bei ihnen immer auch ein Schuss Melancholie dabei war, was natürlich auch mit der Musik zu tun hatte, die sie gespielt haben und die meist sehr traurig war. Buster Keaton hat mir auch besser gefallen als Charly Chaplin. Mich hat immer das Stille, Pantomimische mehr interessiert als der schenkelklopfende Humor.

Die Melancholie vermitteln Sie mit Ihrem Spiel bis heute.

Die wohnt mir wohl inne und ist ganz tief in mir verwurzelt. Ich war schon als Kind immer sehr ruhig, zurückgezogen und wenn ich mal aus mir rausgekommen bin, habe ich den Pausenclown gemacht, so richtig den Kaschperl. Man muss ja immer ein bisschen auf die Pauke hauen, um Kontakt zu den Mitschülern zu bekommen. Ich bin als Schüler sehr oft verprügelt worden, weil ich so still war. Da wurden wirklich schlimme Sachen mit mir gemacht, das Schlimmste habe ich in der Volksschule erlebt. Nach dem Gitarrenunterricht haben mich ein paar andere Schüler abgefangen, meine Gitarre über eine riesige Thuja-Hecke geworfen und mir dann das Gesicht mit Hundekot eingeschmiert.

Auf der anderen Seite sind Sie mal vor den Augen einer Lehrerin im zweiten Stock aus dem Fenster des Klassenraums gesprungen.

Meine geliebte Französischlehrerin, eine Vietnamesin, hatte Schwangerschaftsurlaub genommen – dann kam eine Ersatzlehrerin und die war so was von blöd im Vergleich zu der anderen, in die ich ja fast verliebt war. Die hatte sogar meine Liebesbriefe korrigiert, die ich nach Frankreich geschickt habe. Und wenn ich mal ein Aufsatzthema verfehlt hatte, dann hat sie mir geholfen, es richtig zu machen.

Und dann kam die andere.
Ja, so eine Hexe, eine richtig fiese Lehrerin, wie es sie in manchen Bilderbüchern gibt. Keiner mochte die. Und als sie sich dann mal zur Tafel drehte, um etwas aufzuschreiben, habe ich mir gedacht: Was macht die wohl gleich für Augen, wenn sie sich wieder umdreht und ich bin nicht mehr da. Ich wollte sie nicht schocken, sondern nur überraschen, wenn ich dann zur Tür hereinkomme. Dann aber hat sie sich genau in dem Moment umgedreht, in dem ich aus dem Fenster gesprungen bin. Ich bin in einen Birnbaum gesprungen, runtergeklettert und dann wieder rein in die Schule.

Ihr Vater war Chirurg, Uni-Professor und Mitglied des Deutschen Wissenschaftsrates. Was hat der dazu gesagt, dass sein Sohn Clown werden wollte?
Mich hat die Clownausbildung genauso interessiert wie die Schauspielerei und ich wollte auch beides machen. Schauspielerei fand er als regelmäßiger Theatergänger durchaus interessant, aber er meinte, dafür fehle mir die notwendige Eloquenz, weil ich halt immer so still war und in der Öffentlichkeit kaum mal gesprochen habe. Ich hab das überhaupt nicht begriffen, sondern musste erst mal nachschlagen, was Eloquenz überhaupt bedeutet (lacht).

Da hat sich Ihr Vater wohl in Ihnen getäuscht?
Nein, er hatte schon Recht, auch wenn mich das lange Zeit verletzt hat. Aber ich musste schon richtig daran arbeiten, bis ich mich getraut habe, öffentlich etwas zu sagen. Als ich dann entschieden habe, an die Dimitri-Schule ins Tessin zu gehen, hat er gesagt: Gut, ich zahl Dir das – aber nur wenn Du vorher Abitur machst. Ich wollte nämlich eigentlich die Schule abbrechen, um so früh wie möglich mit dieser sehr körperlichen Ausbildung inklusive Artistik zu beginnen. Letzten Endes hat mein Vater immer zu meinen Geschwistern und mir gesagt: Und wenn Ihr Müllmänner werdet – es ist mir egal. Aber wollt was und tut was!

Warum sind Sie ausgerechnet ins Tessin auf diese Artistik- und Theaterschule gegangen?
Weil die ein Wahnsinnsangebot hatte: Jonglage, Maskenspiele, Maskenbau, Improvisation, Stimmbildung, Entspannung, Massage, Akrobatik, klassisches Ballett, Modern Dance, Volkstanz – das war eine fantastische Palette an Angeboten. Da wollte ich unbedingt hin. Ich habe dann sogar vor der Aufnahmeprüfung in Florenz einen Intensivkurs Italienisch gemacht, weil an dieser Schule im Tessin nur Italienisch gesprochen wurde.

Und dann war nach zwei Jahren Schluss – wegen Ihres Rückens.
Der Akrobatiklehrer hat zu mir gesagt: Das hat keine Zukunft für Dich. Er hatte gemerkt, dass ich manche Übungen nicht mehr mitmachen konnte, weil es so wehgetan hat. Er sagte: Wenn das jetzt schon losgeht, ist nach fünf Jahren in dem Beruf Schluss für Dich. Zum Glück hatte ich damals zusammen mit Kati Brenner auch schon mein Interesse fürs Sprechtheater entdeckt.

Und sind dann vom Tessin nach Bochum an die Schauspielschule – vermutlich in jeder Beziehung eine andere Welt.
Ich hatte mich bei vier Schauspielschulen beworben: Ernst Busch, Max Reinhardt, Falckenberg und Bochum. Dort wurde ich gleich nach der ersten Prüfung genommen, deshalb wurde es nicht München, Wien oder Berlin, sondern Bochum. Ich habe dieses Theater geliebt – man konnte Zadek riechen und Peymann spüren. Diese Theatergötter waberten noch durch die Hallen. Die Schauspielschule allerdings war eine alte Schuschachtel aus den Fünfzigern, nicht so ein Palast wie in Hamburg oder Wien. Es roch wie in einer alten Turnhalle. Ich war auch von diesem Menschenschlag im Ruhrpott begeistert und bin sechs Jahre geblieben.

Und sind dann nach Hamburg ans Thalia.
Ja, obwohl Frank-Patrick Steckel mich gewarnt hatte und sagte: Das ist nichts für Dich, Du wirst da nur Schwierigkeiten haben.

Und?
Mit dem Ende von Steckels Intendanz in Bochum standen drei Viertel der Kollegen auf der Straße – da habe ich lieber das Angebot vom Thalia angenommen als dass es mir auch so geht. Es ist dann tatsächlich so gekommen wie Steckel es mir prophezeit hatte: Noch bevor ich den ersten Fuß auf die Bühne gesetzt hatte, bekam ich schon einen geharnischten Brief von Flimm, wie ich es wagen könne, mich fragenderweise in Personalien einzumischen. Da war ich erst mal von den Socken, denn in Bochum unter Steckel war genau das angesagt: Mach mit, mach’s Maul auf, sag was.

Danach haben Sie sich dem Film zugewandt?
Ich bekam die Chance zu einem Casting für die Hauptrolle im Hoelderlin-Kinofilm „Feuerreiter“. Nina Grosse hat sich viele Hoelderlins angesehen und mir am Ende die Rolle gegeben. Ich bin dann zu Flimm, habe ihm gesagt, dass ich den Hoelderlin spielen kann, einen der interessantesten deutschen Dichter überhaupt. Zusätzlich zu den sechs Wochen Theaterpause hätte ich noch mal sechs Wochen für die Dreharbeiten gebraucht. Ich habe ihn gefragt, ob ich diese Zeit frei nehmen kann – und die Antwort war: Nein. Du gehörst mir.

Und?
Nach vielen Diskussionen hat er dann irgendwann eingewilligt – mit den Worten: Aber Du kriegst für die sechs Wochen kein Geld. Er hätte ja auch sagen können: Wow, was für eine Rolle! Da habe ich erst mal gemerkt, was freies Arbeiten beim Film bedeutet. Da kann man auch mal Nein sagen, wenn ein Angebot kommt. Nach fast zehn Jahren festen Theaterengagements, was sich für mich oft wie eine Art schlecht bezahlte Leibeigenschaft angefühlt hat, war das neu für mich. Zudem hat mir Film wahnsinnig Spaß gemacht.

Und jetzt haben Sie die Hauptrolle im neuen Münchner Tatort – als Liebhaber von nicht weniger als fünf Frauen. Können Sie mit Ihrer Freundin darüber lachen , wenn Sie eine solche Rolle angeboten bekommen?
Ja, natürlich, wir lachen uns sogar schief über sowas (lacht). Wir haben uns bei meinem ersten Film mit Dominik Graf kennengelernt, bei dem sie Produktionsassistentin war und kennen uns mittlerweile seit über 20 Jahren. Sie ist übrigens jetzt meine Frau, wir haben letztes Jahr geheiratet, aber das nicht weiter verbreitet. Jetzt bekommt sie die Witwenrente, wenn ich mal das Zeitliche segne. Ein Tränchen im Auge hatte ich aber auch, als dann die Ansprache kam.

Kannten Sie vor diesem Tatort das Wort Poliamorie, das beschreibt, wenn ein Mensch mehrere andere liebt?
(lacht) Nein, davon habe ich auch zum ersten Mal gehört. Ich selbst hatte auch mal eine Zeit, da hatte ich eine Freundin in Paris, eine in Deutschland und dann hab mich auch noch in Bochum verliebt. Von daher weiß ich, wie schwer es ist, mit mehreren Frauen zugange zu sein. Dieses Gemauschel, diese Lügen, eine der Frauen hat mich auf offener Straße verprügelt. Ich hab damals vor lauter Stress einen kreisrunden Haarausfall bekommen.

Hat man Ihnen eigentlich schon mal die Rolle eines Tatort-Kommissars angeboten?
Ich habe einmal ein Casting mit Simone Thomalla mitgemacht, als Peter Sodann in Leipzig aufgehört hatte. Es sah eigentlich ganz gut aus, aber dann hat man sich doch für Martin Wuttke entschieden.

Im ZDF gab’s vor ein paar Jahren den „Kommissar Süden“ mit Ulrich Noethen in der Titelrolle und Ihnen als zweitem Ermittler Martin Heuer. Es gab tolle Kritiken, für Sie einen Grimmepreis, über fünf Millionen Zuschauer – und vom ZDF das Aus nach nur zwei Folgen.
Und ich frag mich heute noch warum – es konnte mir niemand einen vernünftigen Grund dafür sagen. Ich habe völliges Unverständnis für das, was da passiert ist. Irgendwann hieß es mal, die Quote sei während der Ausstrahlung von 5,7 auf fünf Millionen abgesackt, die Zuschauer seien also ausgestiegen. Ein neues Format hat über fünf Millionen Zuschauer und die setzen es nach dem zweitel Teil ab? Es war eine neue Erzählweise und hatte interessante Figuren aus den fantastischen Büchern von Friedrich Ani. Zum Beispiel Martin Heuer, den ich gespielt habe, mit seinem Alkoholproblem. Im zehnten oder elften Buch erschießt er sich in einem Müllcontainer hinter einem Puff – was für ein Ende. Und wie schade, dass wir es nicht zu Ende erzählen durften.

Apropos Alkoholproblem – Sie selbst haben ja auch eins. Im Griff?

Ich fasse keinen Alkohol mehr an. Bei mir wurde während einer Therapie eine affektive Störung diagnostiziert, ich bin jetzt medikamentös eingestellt und blicke längst nicht mehr in diese Abgründe, in die ich schon mal geblickt habe. Natürlich hatte sich das mit dem Alkohol in der Branche wie ein Lauffeuer rumgesprochen. Vor zwei Jahren habe ich dann mit Stefan Arndt von X-Filme gesprochen und ihm das Problem geschildert. Er sagte: Lass die Finger weg, lass Dir nichts zuschulden kommen. Das wird sich zwar nicht so rasend schnell verbreiten wie das Problem selbst. Aber irgendwann wissen die Leute: Der Feifel ist wieder fit, man kann mit dem arbeiten.

Hatte sich das Problem auf Ihre Karriere ausgewirkt?
Natürlich. Vor vier Jahren hat es einen richtigen Knick gegeben. Die Produzenten trauten sich nicht mehr, mit mir zu arbeiten, die Versicherungen wollten mich nicht mehr versichern.

Aber jetzt läuft’s wieder?
Ja, eigentlich seit dem Dani Levy-Film „Die Welt der Wunderlichs“, als er mir sagte: Martin, ich mag mit Dir arbeiten. Als er mir den Zuschlag für die Rolle gab, hat er mich im Supermarkt erwischt – und ich habe einen Riesen-Jubelschrei ausgestoßen. Und dann hat er gesagt: Martin, ich möchte, dass Du aussiehst wie Iggy Pop. Du gehst künftig am Bierregal vorbei und am Schoki-Regal auch. Du nimmst jetzt ab. Okay, Du musst nicht aussehen wie Iggy Pop, aber schon wie Keith Richards (lacht). Da hatte ich noch sechs Wochen Zeit und habe mir in der Zeit acht Kilo und während des Drehs zehn Kilo runtergerockt.

Wie macht man das denn?
Es gibt so ein Pulver, in dem alles drin ist, was man braucht und wodurch man nicht so einen nagenden Hunger hat. Ich habe eine Woche lang nur dieses Pulver genommen und dann ganz vorsichtig wieder mit Trennkost angefangen, aber auch nur einmal am Tag. Kein Alkohol, kein Zucker und viel Bewegung. Seitdem geht’s mir wirklich sehr gut.


 

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erstellt am 20.Mai.2017 | 16:00 Uhr

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