Interview mit Jella Haase : Mal dämonisch, mal Chantal

Jella Haase sorgt sich um ihre Heimatstadt Berlin.  
Jella Haase sorgt sich um ihre Heimatstadt Berlin.  

Schauspielerin Jella Haase schlägt bei ihren Rollen einen weiten Spagat zwischen Komik und Extrem.

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23. September 2017, 15:50 Uhr

Der dritte Teil von „Fack ju, Göthe“ steht in den Startlöchern, „Vielmachglas“ mit Matthias Schweighöfer ist abgedreht und ein Kino-Projekt mit Bully Herbig wird gerade vorbereitet: Schauspielerin Jella Haase steckt mitten in einem anstrengenden Jahr, der Terminkalender ist prall gefüllt. Bei einem Treffen in Berlin mischt sich in ihren Augen Müdigkeit mit ungebremstem Enthusiasmus für ihren Beruf.

Jella, Sie sind in Berlin geboren, aufgewachsen und leben hier. Gibt es etwas, das Sie an der Stadt nervt?

Ja, die Mieten die steigen so drastisch, dass alle irgendwie verdrängt werden. Das zieht sich durch meinen ganzen Bekanntenkreis und macht mir totale Sorgen. Ich glaube, hier passieren gerade ähnliche Fehler wie in Paris und London, dass die Stadt irgendwie verkauft und den Menschen weggenommen wird, denen sie eigentlich gehört. Da muss die Politik was tun.

Bleiben Sie trotzdem für immer hier?
Es müsste schon eine andere große Stadt im Ausland sein. Berlin ist einfach meine Heimat. Jedes Mal, wenn ich in Tegel lande, oder von der Autobahn aus den Fernsehturm sehe, bekomme ich Heimatgefühle.

Sie haben nie eine Schauspielschule besucht. Warum?
Ehrlich gesagt war keine Zeit. Ich habe mich mit 15 in einer Agentur beworben, weil ich dachte: „Was die im Fernsehen können, das kann ich auch.“ Und dann hat das so angefangen. Während der Schulzeit habe ich immer gedreht und nach dem Abi weitergedreht. Jetzt frage ich mich, ob ich noch eine Schauspielschule sollte oder nicht. Man ist immer mit einem Komplex bewandert, wenn man das nicht gemacht hat: Was kann ich nicht, was die können?

Ist die Schauspielschule dann nicht obsolet?
Wenn ich Theater machen wollen würde und mich darauf ganz fokussieren würde, dann ist das schon empfehlenswert eine Schauspielschule zu besuchen. Ich drehe jetzt seit zehn Jahren und habe mir etwas aufgebaut, das so funktioniert. Durch die Erfahrung älterer Kollegen, die mir am Set begegnen, lerne ich ganz viel.

Hatten Sie irgendwann mal den Gedanken, was völlig anderes zu machen?
Ja, auf jeden Fall. Das war bei mir auch der Grund, warum ich keine Schauspielschule besuchen wollte, weil ich mich nicht auf das Schauspielern festlegen wollte. Ich wollte gerne etwas anderes studieren, einfach, um einen weiteren Blickwinkel zu haben. Hat nicht geklappt, weil Schauspielen dann doch der Dreh- und Angelpunkt ist.

Haben Sie einen Plan B?
Mir würde nicht langweilig werden, wenn ich keine Angebote mehr bekommen würde. Wahrscheinlich würde ich Literaturwissenschaften oder Geschichte studieren. Ich kann mir auch vorstellen, selber etwas zu schreiben.

Gibt es eine reale Persönlichkeit, die Sie gerne mal spielen würden?
Ich würde total gerne mal historisch drehen. Das habe ich so noch nie gemacht. Ich könnte mir vorstellen, dass ich mal eine völlig durchgedrehte barocke Königin spiele.

Sie hatten im Dresden-Tatort nur einen einzelnen Auftritt als Kommissaranwärterin. War das so geplant?
Ja, ich habe die Anfrage als große Ehre empfunden, aber ich war 23 und wollte mich nicht für zwei Jahre auf so ein Projekt festlegen, sondern die Möglichkeit haben, alles Mögliche drehen zu können. Ich habe gesagt, ich mache gern bei einer Folge mit und dann mal schauen.

Dass die Kommissaranwärterin am Ende tot ist...
Fand ich gut und konsequent für die Geschichte. Das ist auch plausibel für das Format, weil das sind Geschichten, die passieren. Man sieht immer wieder, dass Leute in so einem Gewaltrausch umgebracht werden. Das ist ja nichts Erfundenes.

War es das für Sie mit dem Tatort?
Sag niemals nie.

Waren Sie schon mal richtig enttäuscht, irgendwelche Rollen nicht bekommen zu haben?
Klar. Aber ich nehme es sportlich und denke, es wird seinen Grund haben und für etwas gut sein. Es gab so zwei oder drei Male, wo ich richtig enttäuscht war.

Was waren das für Rollen?
Es waren immer sehr krasse und intensive Rollen.

Ihre aktuelle Rolle ist auch sehr intensiv. In „Das Leben Danach“ spielen Sie eine durch die Loveparade-Katastrophe tief traumatisierte junge Frau. Wo waren Sie an dem Tag, als das Unglück in Duisburg passiert ist?
Ich war in Österreich mit meiner Familie. Wir haben Urlaub gemacht. Und dann kamen die Bilder im Fernsehen. Das weiß ich noch, und es wurde immer mehr und mehr und mehr. Das war ganz furchtbar.

Kennen Sie jemanden, der dort war?
Nein. Ich habe durch den Film Leute kennengerlernt, die da waren. Es gab eine Begegnung, die mir wahnsinnig viel bedeutet hat. Ein Überlebender, der in dem Kessel auf der Rampe war, kam zur Premiere nach München. Er hat sich bei uns bedankt, weil der Film gegen das Vergessen angeht und den Leuten auch einen Raum bietet.

Wie haben Sie sich in diese Gefühle der traumatisierten Antonia hineinversetzt?
Ich habe mir zunächst einen Coach zur Hilfe genommen, mit dem die Rolle der Antonia ergründet habe. Dann habe ich mich mit einer Traumatherapeutin getroffen, die tatsächlich die Traumaarbeit für die Loveparade-Überlebenden und Familienmitglieder übernimmt. Wir sind durchgegangen, was ein Trauma überhaupt macht und was bei so einer Todesangst im Überlebenskampf passiert. Das bewusste Denken wird ausgeschaltet und irgendwo im Gehirn abgespeichert. Da kann man nie wieder bewusst darauf zugreifen. Das war für mich ganz wichtig, auch um die Rolle der Figur, um diese Wut zu verstehen.

Konnten Sie das nachempfinden?
Ich konnte Antonia ganz lange gar nicht greifen. Ich dachte mir: Was ist mit der los? Antonia ist so krass unterwegs, so destruktiv, dass es mir manchmal echt schwergefallen ist und ich auch an Grenzen gekommen bin. Dann als ich den Film das erste Mal gesehen habe, hat sich das mir erschlossen. Es waren Menschen mit einer posttraumatischen Störung bei der Premiere. Die haben gesagt, sie hätten sich sofort identifiziert und denen war das Verhalten so nah, was mir als Jella so fremd war.

Welche Gefühle löst das bei Ihnen als Außenstehende aus?
Man ist wütend, dass Leute in so eine Falle gelaufen sind. Es ist auch ganz großes Unverständnis, dass so etwas passieren konnte. Aber auch eine ganz große Form von Hilflosigkeit, weil die Leute dem so ausgesetzt waren. Doch vor allem natürlich Trauer und Wut.

Würden Sie sagen, dass das die intensivste Rolle ist, die Sie bislang gespielt haben?
Ja, kann ich schon so sagen, dass das für mich die heftigste Rolle war. Bis dato. Und ich habe einige heftige Rollen gespielt. Aber das war noch mal neu.

Auf der anderen Seite spielen Sie aber auch die Tussi Chantal in „Fack ju Göhte“. Wie schafft man diesen Spagat?
Es ist wichtig, in jeder Rolle mit der gleichen Ernsthaftigkeit heranzugehen. „Fack ju Göhte“ ist natürlich viel seichter. Trotzdem hat auch eine Chantal bei aller Komik eine gewisse Tragik. Es kommt viel auf das Timing an, du musst immer auf den Punkt funktionieren. Bei „Das Leben Danach“ war das Schwierige für mich, dem Trauma meiner Figur gerecht zu werden. Das ist eine andere Vorbereitung und man geht auch mit der anderen Anspannung daran. Weil die Figur angespannt ist.

Nimmt man diese Anspannung mit nach Hause?
Ja das kann gut passieren. Aber ich habe einen sehr guten Background von Familie und Freunden.

Ist das bei Rollen wie der Chantal anders?
Nicht unbedingt. Weil so eine riesige Produktion einen gedanklich auch nicht ganz herauslässt. Weil du weißt, was du noch alles zu drehen und zu schaffen hast. Wir haben so aufwendige Szenen zum Teil. Das ist eine andere Form von Belastung.

Was spielen Sie lieber?
Ich liebe beides. Ich glaube, dass ich auch in einer Komödie ganz gut funktioniere, aber mein Herz schlägt schon für die labileren, dämonischen Rollen, für die Extreme. „Fack Ju Göhte“ war meine erste richtige Komödie.

Wie oft rufen Ihnen Leute auf der Straße das „Fack-ju-Göthe“-Zitat „Chantal, heul leise“ zu?
Nicht so oft. Die Leute haben zum Glück dann doch eine Form von Distanz. Und das finde ich auch gut. Mir ist das auch ganz oft unangenehm, wenn ich erkannt werde, weil sich in meinem privaten Umfeld kaum etwas verändert hat, trotz meiner Arbeit. Und dann wir man für einen kurzen Augenblick so aus seinem eigenen Leben herausgerissen, weil man daran erinnert wird, dass es noch den anderen, großen Teil gibt. Der ist eben mein Beruf.

Was schauen Sie sich in diesem normalen Leben gerne selber an?
Ganz unterschiedlich. Ich schaue mir gern viele Dokus an. Wenn ich meinen Computer aufmache, ploppt die Arte-Mediathek auf. Die haben die umgestellt seit diesem Jahr und ich finde mich da gar nicht mehr zurecht. Ich habe neulich mit einem Freund, der auch ganz viel in der Arte-Mediathek rumhängt, darüber gesprochen. Da habe ich mich wie so ein Nerd gefühlt, der sich über die Arte-Mediathek-Seite beschwert.

Sind Sie angefixt von dem aktuellen Serien-Hype?
Dafür habe ich nicht die Zeit. Ich habe eine Serie geguckt, „Narcos“ über Pablo Escobar. Superspannend. Die habe ich mir so richtig reingeballert, aber irgendwie hat mich das noch nicht so ergriffen.

Dafür muss man sich viel Zeit nehmen.
… und die hab’ ich im Moment gar nicht. Ich habe jetzt zwei Kinofilme hintereinander weggedreht. Aber irgendwann sagt der Körper auch: Stopp. Und dann ist es wichtig, in sich zu gehen und Zeit mit sich selbst zu verbringen. Mir fällt das aber ehrlich gesagt auch ziemlich schwer, und ich hab gar nicht die Ruhe mich hinzusetzen und eine Serie durch zu gucken. Im Moment ist mein Leben so, dass ich eigentlich zwei Jellas bräuchte, um das zu leben.

Haben Sie schon mal darüber nachgedacht, auch im Ausland schauspielern zu wollen?
Ich fände es auf jeden Fall spannend. Auch im Französischen. Dafür müsste ich allerdings ein Bisschen Französisch lernen. Aber ich bin relativ entspannt und nehme die Sachen so, wie sie kommen.

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