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Liebe Eva : Liebesbriefe an Erich Honecker

vom
Aus der Onlineredaktion

Eine westdeutsche Lehrerin und der gestürzte Staatsratsvorsitzende der DDR schrieben sich innige Zeilen bis zu seinem Tod

svz.de von
erstellt am 24.Jul.2017 | 21:00 Uhr

Sie schickt ihm getrocknete Blumenblätter von Reisen oder aus ihrem Garten. Sie lässt ihm auch per Westpaket Bücher, Musikkassetten und selbstverfasste Gedichte zukommen. Erich Honecker (1912-1994) sitzt im Gefängnis Berlin-Moabit ein, schwer krebskrank, er hat nur noch zweieinhalb Jahre. Doch für diese Verehrerin öffnet er noch ein letztes Mal sein Herz.

Der gescheiterte Politiker hat sich in eine 21 Jahre jüngere Frau verliebt. Er ließ sich auf eine Romanze mit einer glühenden Verehrerin aus dem Westen ein. Dr. Eva Ruppert, heute 84, war lange Jahre Gymnasiallehrerin in Bad Homburg. Sie hielt die DDR für das bessere Deutschland. Wie sie darauf kam, ist nicht bekannt. Was sie ihren Schülern vermittelte, ebenfalls nicht. Nach dem Mauerfall reist sie als Mitglied des „Solidaritätskomitees zur Freilassung Honeckers“ nach Berlin. Sie ist 59, verheiratet, hat zwei erwachsene Kinder.

Zu Honeckers 80. Geburtstag darf sie ihn im Gefängnis besuchen, eine Stunde „nur zu zweit“ im Besucherraum. Honecker erscheint im Jogginganzug, man spricht über Politik, aber „auch Privates“. Fünf weitere Besuche folgten. „Es bestand eine gegenseitige Sympathie“, hat Ruppert der „Berliner Zeitung“ gesagt. „Es war etwas Besonderes, sich mit ihm zu unterhalten. Es war, als hätte man sich schon ewig gekannt. In den Gesprächen mit Honecker erlebte ich den Menschen, der hinter dem Staatsmann steckte. Ich war von seiner aufrechten Haltung sehr angetan.“

Gerade ist ihr Buch „Liebe Eva“ erschienen. An den Briefen wird deutlich, dass der Tonfall der beiden immer vertrauter wurde. Selbst der immer steif erscheinende Honecker , der seine Briefpartnerin zärtlich „meine liebe kleine Genossin“ nennt und sich bedankt – „sehr herzlich für die geistige Nahrung, die Du mir hast zukommen lassen“. In späteren Briefen schwärmt er nahezu sehnsüchtig von seiner „kleinen Companera“. Und sie antwortet ihm im selben Turteltaubenstil, etwa am 15. Oktober 1992: „Mach Dir bitte keine Gedanken, dass ich öfter schreibe als Du. Wenigstens in meinen Briefen möchte ich Dir so nah sein, so wie Du mir in den Deinen.“

Honecker wartet 1992/93 auf seinen Prozess wegen der Mauertoten. „Ich muss Hunderte Seiten von Akten durcharbeiten“, berichtet er nach Bad Homburg. Dennoch nimmt er sich in dieser kritischen Periode mit der Aussicht auf ein hartes Urteil Zeit für seine liebe Eva. Und will immer mehr von ihr. „Aber Du, Eva, schreibe, schreibe, es ist mir immer eine Freude, Deinen Gedanken zu folgen.“ An einer anderen Briefstelle wird es intim: „Nun meine Liebe, ich muss Schluss machen für heute. Ich denke an Dich und umarme Dich, Erich.“

In der DDR war bekannt, dass der Parteichef der Weiblichkeit sehr zugeneigt war. Honecker war dreimal verheiratet, sein Privatleben aber tabu für die Bevölkerung. Seine erste Ehefrau war die neun Jahre ältere Aufseherin Charlotte Schanuel, die NS-Gläubige hatte er kurz vor Kriegsende 1945 im Gefängnis kennengelernt, sie starb 1947. Im selben Jahr heiratete er die Genossin Edith Baumann, mit der er bis 1953 zusammen war. Es folgte Margot Feist, mit 22 Jahren Vorsitzende der Pionierorganisation, die ihn regelrecht eroberte und mit der er die uneheliche Tochter Sonja hatte. Im Scheidungsjahr von Baumann ehelichte er Feist. Die Stasi verwahrte sämtliche Dokumente im Panzerschrank, erst 2004 wurden sie freigegeben.

Was hat Eva Ruppert in Erich Honecker gesehen? Womöglich war sie entzückt, dass der einst mächtigste Mann der DDR so menschlich war? „Deine Briefe bereichern meine Gedanken und Gefühle“, schrieb Honecker seiner Verehrerin. Eine seltsame Briefzusammenstellung.
 

Eva Ruppert: „Liebe Eva. Erich Honeckers Gefängnisbriefe.“ Edition Ost, 160 S., 9,99 Euro
 

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