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Bushido : Kunst? Jugendgefährdend!

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Zwei Titel von Bushido erklingen im Gerichtssaal, mehr wird nicht gewünscht: Das Album bleibt auf dem Index

svz.de von
erstellt am 02.Sep.2016 | 20:00 Uhr

Verwaltungsgericht Köln, ein massiger Ziegelbau aus Wilhelminischer Zeit. Aufgerufen ist der Fall Anis Mohamed Youssef Ferchichi gegen die Bundesrepublik Deutschland. Es geht um die „Indizierung eines Tonträgers“. Der Kläger selbst ist nicht erschienen und hatte das auch vorher ankündigen lassen. Sonst wären wohl keine Plätze frei geblieben in Saal 55. Denn „Herr Ferchichi“, wie ihn der Vorsitzende Richter Andreas Vogt nennt, ist besser bekannt unter dem Namen Bushido. Der Berliner Rapper klagt dagegen, dass sein 2014 veröffentlichtes Album „Sonny Black“ von der Bundesprüfstelle in Bonn indiziert worden ist.

Was bedeutet: Es gilt als jugendgefährdend und darf Minderjährigen nicht zugänglich gemacht werden.

Das Album ist nach Auffassung der Bundesprüfstelle „geeignet, Kinder und Jugendliche sozialethisch zu desorientieren“. Eine „Einbettung in einen ironischen Kontext“ vermag die Bundesbehörde ebenso wenig zu erkennen wie einen „gesteigerten Kunstgehalt“.

Richter Vogt umreißt noch einmal kurz die Argumentation der Bushido-Anwälte: Die Fans seien mit den „Eigenheiten des Rappers“ bestens vertraut, und ganz allgemein seien heutige Jugendliche „mit immer wirklichkeitsnäheren Darstellungen von Sexualität und Gewalt“ konfrontiert. Das Gesamtkunstwerk Bushidos erfahre im übrigen eine große gesellschaftliche Beachtung. Anschließend werden zwei Titel vorgespielt. Beim ersten Ton zucken mehrere Zuhörer im Gerichtssaal zusammen. „Kleine Schwuchtel mit dei'm Unterlippenpiercing, ein falsches Wort und deine Zunge spürt Rasierklingen“, dröhnt es durch den Saal. Mit unbewegtem Gesicht lauscht auch der zweimalige NPD-Kandidat für die Wahl zum Bundespräsidenten, Frank Rennicke. Die Indizierung seiner Lieder soll im Anschluss verhandelt werden, und da hat er schon mal Platz genommen.

Richter Vogt gibt zu Protokoll: „Wünsche für das Vorspielen weiterer Titel werden von den Beteiligten nicht geäußert.“ Eine Entscheidung soll später verkündet werden. Bushidos Anwalt rauscht davon – die Frage, ob die Klage vielleicht nur ein PR-Trick seines Mandanten ist, will er nicht beantworten.

Wenig später ertönen im Saal die Lieder des Rechtsextremen Rennicke. Berührungspunkte gibt es durchaus: In beiden Fällen erörtert das Gericht die abwertenden Bezeichnungen für Homosexuelle und ihre Wirkung auf Jugendliche. 14.15 Uhr, die Entscheidung: „Die Klage wird abgewiesen.“ Das Gericht stuft das Album zwar als Kunstwerk ein, setzt den Jugendschutz aber höher an. Endgültig muss das nicht sein – Bushido (37) steht der Gang zum Oberverwaltungsgericht Münster offen, dort hat er sich schon einmal durchgesetzt.

Bleibt die Frage: Bringt das alles überhaupt etwas? Im Internet ist das Album schließlich frei verfügbar. Petra Meier, stellvertretende Vorsitzende der Bundesprüfstelle, ist überzeugt: „Das hat schon eine Wirkung. Die CD darf zum Beispiel nicht mehr offen im Laden stehen. Es ist eine weitgehende Beschränkung – wenn auch kein absolutes Verbot.“

Darum ist das Album indiziert

Im April 2015 setzt die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien (BPjM) das 2014 erschienene Album „Sonny Black“ auf den Index. Die Behörde begründet das unter anderem so:

- Die Texte wirkten „verrohend, verherrlichen einen kriminellen Lebensstil, insbesondere den Drogenhandel, und diskriminieren Frauen und homosexuelle Menschen.“

- Die Texte bestünden „ausnahmslos aus Selbstüberhöhungen, sexuellen Diskriminierungen und Gewaltdarstellungen“.

- Frauen würden durchweg mit herabwürdigenden, beleidigenden Begriffen belegt und als minderwertige Sexobjekte dargestellt.

- „Neben Wortspielereien sind in einem aus Sicht der Bundesprüfstelle unvertretbaren Maße real nachvollziehbare Gewaltschilderungen und andere kriminelle Akte dominant, die als Handlungsmaximen durchaus von hierfür anfälligen Rezipierenden angenommen werden können.“

- „Die Wahrscheinlichkeit, dass Minderjährige die geäußerten Demütigungen in ihren Wortschatz und in ihr eigenes Verhalten übernehmen, wird seitens des Gremiums als sehr hoch eingeschätzt.“

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