Fotograf Andy Spyra : „Krieg ist ganz viel Langeweile“

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Fotograf Andy Spyra arbeitet in den gefährlichsten Regionen dieser Welt.

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27. Mai 2018, 05:00 Uhr

Andy Spyra führt ein Leben, das den meisten von uns zu aufregend wäre: Er fotografiert in den Kriegs- und Krisengebieten dieser Welt. Und er kann wunderbar erzählen: Von dem, was ihn antreibt, zum Beispiel. Oder von der segensreichen Wirkung von Angst.

Herr Spyra, wie schwierig ist es für Sie, eine Lebensversicherung zu bekommen?
Ich habe vor kurzem bei der Berufsgenossenschaft BG Etem für ein Projekt angefragt, wie ich mich absichern kann, wenn ich in den Irak und nach Afghanistan fahre. Tatsächlich war das gar nicht so schwierig. Es gibt nur eine Einschränkung: Wenn die Bombe einschlägt, und ich sitze gerade, so wie jetzt, beim Bier oder im Restaurant, zahlt die Berufsgenossenschaft nicht. Ich muss also auf der Straße sein, wenn mir die Bombe die Beine wegzieht. Dann wäre es ein Arbeitsunfall.

Nun tun Sie ja hoffentlich alles, damit der Versicherungsfall nicht eintritt.
Klar. Die wichtigste Versicherung ist immer die Vorbereitung der Reise. Ganz entscheidend ist da, mit welchem Autoren ich fahre, weil man als Team unbedingt gut funktionieren muss. Seit drei Jahren bin ich mit Wolfgang Bauer unterwegs, und auf Reisen sind wir wie ein Ehepaar. Nein, schlimmer noch: Man hat null Rückzugsraum, man hängt ständig aufeinander, 24/7, wir schlafen meistens sogar im selben Bett, weil es keine andere Möglichkeiten gibt. Da gut zu funktionieren ist extrem wichtig, die Einstellung des anderen zu teilen, die Lage ähnlich einzuschätzen: Können wir das machen, ist das zu gefährlich, wieviel Risiko gehen wir ein, wem vertrauen wir?

Wie informieren Sie sich über die Sicherheitslage vor Ort?
Eine Komponente ist wiederum der Autor. Ich bin 34 Jahre alt und noch sehr unerfahren im Vergleich zu Wolfgang, der das zehn, fünfzehn Jahre länger macht. Deshalb weiß ich, dass ich mit einem Kollegen unterwegs ist, der auch unter Stress und Anspannung funktioniert, wenn es mal brenzlig wird – da kommt es eben nicht zu Kurzschlusshandlungen. Die wichtigste Säule der Sicherheitsinfrastruktur auf so einer Reise ist aber der Fixer…

…also der Experte vor Ort. Können Sie denn sicher sein, dass der Fixer tatsächlich der Organisation angehört, die Sie eingeladen hat, und nicht dem IS oder den Taliban?
Ein Restrisiko bleibt immer. Es gibt aber zum Beispiel auf Facebook Foren für Auslandsreporter und Kriegsberichterstatter, geschlossene Gruppen, um zu recherchieren. In Syrien und Afghanistan ist das Entführungsrisiko schon ein wahnsinnig großes Problem, und da kann man in den Foren checken, wer gut ist, wer gute Referenzen hat. Ich frage auch bei Kollegen nach, die gerade in Afghanistan unterwegs sind, hey, kennst Du den, ist der cool? So findet man die richtigen Leute.

Sie sind im Irak, in Syrien, Afghanistan unterwegs, Sie waren im Süd-Sudan, in Nigeria, allesamt Länder, in denen Krieg herrscht. Sie bezeichnen sich aber nicht als Kriegsfotograf. Was unterscheidet Sie vom Kriegsfotografen?
Der Kriegsfotograf fotografiert den Krieg als solchen, als Zustand, der in diesem Land oder in Landesteilen gerade herrscht. Es versinkt ja fast nie ein ganzes Land im Krieg. Das kann man sich so vorstellen: Wir sitzen gerade hier im Café, und zehn Kilometer weiter tobt ein Kampf. Auch in Kriegsländern gibt es immer Oasen der Normalität in all diesem Wahnsinn des Krieges. Ich suche aber selten den Krieg als Kriegshandlung. Natürlich begegnen wir dem Momentum des Kriegs, den Granaten und Kämpfen. Ich bin aber nicht interessiert an jungen bärtigen Männern die mit Kalaschnikows in kaputten Gebäuden herumstehen. Diese Bilder begegnen mir natürlich ständig, und ich nehme sie auch mit. Mich interessiert aber vielmehr die Frage, was der Krieg mit den Menschen macht. Für die meisten von uns ist Krieg ein völliges Abstraktum, das wir nie erlebt haben, in das wir uns nicht einfühlen können. Ich sehe mich da in der Vermittlerposition, weil ich beide Seiten kenne. Ich versuche die Emotionen hier hin zu transportieren.

Ihre Berichterstattung unterscheidet sich sehr von dem, was uns tagtäglich präsentiert wird.
Deshalb arbeite ich gerne mit dem „Zeit Magazin“: weil es mir als Fotograf eine entsprechende Strecke anbietet. Man kann solche Geschichten nicht in zwei Bildern erzählen. Die Bilder in meiner aktuellen Ausstellung zeigen den Versuch, alle Probleme, unter denen Afghanistan leidet, auf ein Dorf zu destillieren, Abdul Khel. Dort sind der IS und die Taliban, amerikanische Streitkräfte und das afghanische Heer und eben auch die Zivilisten: der ganze Konflikt, der Afghanistan erschüttert, mit allen Beteiligten, wie unter einem Brennglas. Um das aber darzustellen, braucht es die Zeit, da zu sein, und den Platz, um diese Geschichte auszubreiten.

Was hat Sie dazu bewogen, aus Krisengebieten zu berichten?
Schon vor meinem Studium bin ich viel gereist, ganz klassisch mit dem Rucksack: Asien, Indien, ein paar Monate Lateinamerika. Gleichzeitig habe ich mich stark für Politik, Geopolitik interessiert, wollte das eigentlich studieren. Wegen des Numerus clausus musste ich allerdings lange warten. Beim Fotografieren für die Bewerbungsmappe zum Studium merkte ich dann, das Fotografie nur eine andere Form ist, sich mit diesen Themen zu beschäftigen, ein anderes Vehikel, um Feldforschung zu betreiben. Mir hat die Fotografie die Möglichkeit eröffnet, Kriege und geopolitische Zusammenhänge zu verstehen, eben nicht vom Schreibtisch aus auf der akademischen Ebene, sondern live. Das hat einen wahnsinnig großen Reiz, wenn die Interessen so zusammenfallen. Deshalb war relativ schnell klar, dass ich mit meiner Arbeit als Fotograf genau das erreichen wollte.

Und warum ist die islamische Welt zum Hauptinhalt ihrer Arbeit geworden?
Das war ein unbewusster Prozess. Mein erster Kontakt mit dem Krieg war in Kaschmir. Ich bin damals hingereist und habe meine Bewerbungsmappe für die Uni fotografiert. Ich war völlig abgebrannt in Dehli und wollte unbedingt noch die Berge sehen. Mit dem letzten zusammengekratzten Geld bin ich nach Kaschmir gefahren und bin eines morgens mitten im Bürgerkrieg aufgewacht. Ich bin buchstäblich aus dem Hotel rausgegangen, um mich herum tausende Leute, Tränengas und Steine, und ich war völlig überwältigt von der Dynamik, der Drastik, der Intensität dieser Situation.

Hatten Sie keine Angst?
Nein. Das war mehr aufregend; die Angst kam später. Ich war damals 22 Jahre alt, und in diesem Alter hält man sich für unverwundbar. Mit 32 habe ich genug Kollegen sterben sehen und weiß, wie schnell das gehen kann. Da wird man automatisch vorsichtiger. Rückblickend würde ich sagen, mein Gott, war ich jung, dumm und naiv: Ich habe damals gearbeitet, ohne über die einfachsten Sicherheitsmaßnahmen nachzudenken. Ein paar mal war es auch wirklich knapp, weil ich so unvorsichtig war. Ich hatte allerdings auch keinen Mentoren, der mir mal gesagt hätte, das geht nicht, was du hier machst. Fest steht: Heute habe ich mehr Angst.

Hatten Sie schon mal Angst um Ihr Leben?
Es gab immer wieder Situationen, die brenzlig waren. Die waren dann aber oft schnell vorbei – ein Geschoss, das in Hörweite über einen hinweg fliegt. In Nigeria gab es mal eine Situation, wo ich dachte, ich werde gerade entführt – das war eine der unangenehmsten Erfahrungen, die ich gemacht habe. Tatsächlich ist es so: Krieg besteht zu ganz großen Teilen aus Langeweile, aus Warten. Wenn es dann losgeht, wenn die heiße Phase von Gefechten, Granaten und Kugeln kommt, ist man so auf Adrenalin, in diesem Ich-muss-jetzt-funktionieren-und-arbeiten-Modus, dass für Angst nicht viel Raum ist. Sie ist zwar da, sie hält einen davon ab, ganz dumme Entscheidungen zu treffen – andernfalls wäre ich wahrscheinlich gar nicht mehr da. Aber man muss lernen, die Angst zur Seite zu schieben. Wenn allerdings die Dekompressionsphase einsetzt, wenn ich nach drei Wochen Afghanistan im Flieger sitze oder zuhause bin, dann kommt der Zusammenbruch, weil die ganze Spannung abfällt, die mich drei Wochen am Leben und am Laufen gehalten hat.

Ihnen begegnen die Dinge, die man im Internet nur findet, wenn man tief wühlt, die Bilder von Leichen…
…abgerissenen Beinen und dergleichen mehr. Ich habe diese Bilder auch, die werden nur nicht veröffentlicht. Weil man die der Öffentlichkeit nicht zumuten kann und auch nicht möchte. Denn: Was sagt es denn aus über das Thema, über den Konflikt? Die x-te Leiche in Syrien, von denen es mittlerweile hundertausende gibt, bringt einem diesen Konflikt kein Stückchen näher.

Aber Sie haben diese Bilder gesehen. Wie gehen Sie damit um, wie verarbeiten Sie Ihre Erlebnisse?
Das ist kein bewusster Prozess. Mir hilft ein gefestigter Grundcharakter, meine Kinder, meine Familie, gute Freunde, mit denen man sich austauschen kann, ohne immer alles benennen zu müssen. Einer meiner besten Freunde war auch oft im Krieg – vor dem muss ich Dinge nicht benennen, weil der intuitiv weiß, was ich erlebt habe. Ich lese gerade ein Buch von Sebastian Junger, einem amerikanischen Kriegsreporter, „Tribe“, also Stamm, und der beschreibt, wie man zu seinem Stamm zurückkehrt. Verstörend wird es erst, wenn dich keiner mehr versteht, wenn Du dich von deinen Freunden und von der Familie abgrenzt. Aber ein Umfeld, mit dem Du dich austauschen kannst gibt die Stabilität, die das Verarbeiten erst möglich macht.

Es kennzeichnet Ihre Porträts, dass die Menschen noch im größten Leid ihre Würde behalten. Wie schaffen Sie das?
Da müssen Sie meine Mama fragen. Nein, ganz ehrlich: Ich glaube, das sind menschliche Qualitäten, die einem mitgegeben werden. Das ist eben nicht der Fotograf Andy Spyra, sondern der Mensch Andy Spyra, der geprägt ist durch seine Eltern, seine Sozialisation, und das spiegelt die Fotografie wieder. Egal, ob in Afghanistan, Ägypten oder sonst wo: Zuerst bin ich Mensch und dann Fotograf und dann Journalist. So begegne ich auch den Menschen: Das sind für mich keine Objekte, sondern meine Mitmenschen, denen ich dort gegenüber trete.

Deshalb kommen Sie den Menschen so nahe?
Nur so kann überhaupt eine Nähe entstehen. Ich muss mich ebenfalls öffnen – ich kann nicht hingehen und mich hinter meiner Rolle als Journalist oder noch schlimmer, hinter meiner Kamera verstecken. Es klingt ein bisschen pathetisch, aber einen Teil des Schmerzes der Menschen dort muss ich zulassen können, muss ich aufnehmen können, um mich einzufühlen und um diese Bilder machen zu können.

Was treibt Sie an? Ein zutiefst journalistischer Drang?
Das wird immer wichtiger. Als ich angefangen habe, hat mich mehr die Action gereizt. Jetzt weiß ich: Nichts ist so fundamental wie die Geburt der eigenen Kinder – und der Krieg. Danach kommt lange gar nichts. Im Lauf der Zeit, in der ich in diesen Beruf hineingewachsen bin, bin ich mir der Verantwortung bewusst geworden, die damit einhergeht: in diese Gegenden zu fahren, diese Bilder zu machen und sie hier veröffentlicht zu sehen. Natürlich habe ich Angst davor, verwundet zu werden, zu sterben. Aber noch größer ist die Angst, irgendwann aus diesem Leben zu gehen und nichts gesagt zu haben zu all diesen Dingen. Die Möglichkeiten meiner Fotografie trägt auch eine Verantwortung in sich: Ich kann mit meinen Bildern diese Dinge kommunizieren. Das ist eine große Motivation, zu machen.

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