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Wochenend-Interview : Können Tiere trauern?

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Aus der Onlineredaktion

Matto Barfuss hat den Überlebenskampf einer Gepardin mit der Kamera begleitet.

svz.de von
erstellt am 07.Okt.2017 | 16:00 Uhr

Sechs Jungtiere hat die Gepardin, die Matto Bafuss für seinen Kinofilm „Maleika“ (ab 12. Oktober) über Jahre begleitet hat. Nicht alle überstehen die Begegnung mit Krokodilen und Löwen. Trauert eine Raubkatze, wenn sie ein Junges verliert? Trauert der Tierfilmer? Ein Gespräch über die Zwischentöne im Verhältnis von Mensch und Tier.

Herr Barfuss, in Brehms Tierleben hat der Löwe 27 Seiten, der Tiger 19. Der Jagdleopard, wie der Gepard hier noch genannt wird, muss mit vier Seiten auskommen. Warum ist sein Ruhm so viel kleiner als der anderer Großkatzen?
Das wollen wir ändern. Der Löwe profitiert vom Image des Königs der Tiere, der Leopard von der Mode: Der Raubkatzen-Look heißt allgemein Leo-Look; viele können ihn vom Geparden gar nicht unterscheiden. Man muss immer dazusagen: Der Gepard ist der Schnelle, der Hochläufige, und er hat Punkte und keine Rosetten.

Brehm beschreibt ihn als den Hund unter den Großkatzen, weil er vom Körperbau …
… ganz auf Schnelligkeit ausgelegt ist.

Und selbst im Wesen erkennt Brehm eine „Hundegemütlichkeit, die schon aus den Augen hervorspricht“.
Das ist hineininterpretiert. Der Gepard lebt davon, dass er sehr fokussiert ist. Er sitzt stundenlang in der Steppe und bereitet seine Jagd vor. Das lässt ihn besonnener und vielleicht weniger aggressiv als den Leoparden wirken.

Warum wurden Sie der Gepardenmann und nicht der Tigermann?
Ich bin sehr katzenaffin, weil ich mit Katzen aufgewachsen bin. Am Anfang habe ich auch eher Tiger oder Löwe bevorzugt. Da hat man’s wieder. Als ich nach 1995 Afrika kam, habe ich mich dann in eine wilde Gepardin mit ihren fünf Babys verliebt: Diana. Das war Liebe auf den ersten Blick. Eigentlich wollte ich nur eine Reportage machen, aber am Ende war ich als Teil der Familie adoptiert.

War die Liebe denn gleich gegenseitig?
Der Begriff Liebe ist vielleicht etwas überdehnt. Als der erste Kontakt mit den Kindern stattfand, hat Diana gemerkt, dass ich keine Gefahr bin, und mich akzeptiert. Später wurde ihr klar, dass ich sogar ein Vorteil bin, weil ich die Jungtiere während der Jagd bewachen konnte – und ich wurde adoptiert.

Ihr Buch dazu heißt „Ich war ein Gepard“. Was an Ihnen war damals Gepardisch?
Ich habe 25 Wochen auf allen Vieren gelebt und mich im Sozialverhalten angepasst. Wenn die Tiere mich beleckt haben, habe ich zurückgeleckt – auch wenn ich es nur mit der Hand imitiert habe. Ich habe geschnurrt, ihre Laute imitiert und beim Fressen um die Beute gestritten. Wirklich gegessen habe ich sie dann allerdings nicht.

Ist es nicht riskant, mit Geparden ums Futter zu streiten?
Es darf nicht zur Wunde kommen, aber das tut es auch nicht. Man faucht, man schlägt auf den Boden und demonstriert Stärke. Aber es bleibt beim Austesten. Es geht immer darum, dem Gegenüber zu signalisieren, dass ein Kampf zumindest mit einer Verletzung enden könnte. Das würde einen Geparden anderen Tieren schutzlos ausliefern. Konflikten aus dem Weg zu gehen, ist deshalb eine ganz zentrale Strategie von einzelgängerischen Tieren.

Ihr aktueller Film erzählt von der Gepardin Maleika. Wie haben Sie das Tier gefunden?
Sie lebt in dem gleichen Gebiet, in dem ich damals schon gedreht hatte. Wir meinen, dass sie von Diana abstammt, auch wenn das nur eine Spekulation ist. Die Initialzündung für den Film war eine Jagd, bei der Maleika nach zwei Kilometern noch mal beschleunigt hatte und dann einen Jagderfolg hatte. Wow! Das ist außergewöhnlich; wir kamen mit dem Filmauto kaum hinterher, und ich hatte das Gefühl, dass sie mir eine gute Geschichte erzählen würde. Als ich nach einem Jahr wiederkam, hatte sie auf einmal sechs Babys – ein normaler Gepardenwurf umfasst ein bis drei Tiere.

Erkennen Sie ein Tier gleich wieder?
Ja, sofort. Ich erkenne sie am Gesicht; die wissenschaftliche Unterscheidung beschreibt die Punkte am Schulterblatt und den Schwanz. Das ist sehr eindeutig; danach kann man sie katalogisieren.

Wie haben Sie Maleika für sich gewonnen?
Natürlich dreht man erst mit Teleobjektiven und geht dann immer näher ran. Bei Maleika wollte ich aber im Gegensatz zur ersten Familie auf Distanz bleiben und nicht zusammen mit ihr leben. Natürlich lässt sich das nicht durchhalten. Wenn man vier Jahre mit einer Gepardenmutter unterwegs ist, baut sich natürlich eine sehr enge Beziehung auf.

Gerade Muttertiere gelten als besonders gefährlich; gibt es am Set von Tierfilmen Waffen, die Ihr Leben retten könnten, wenn Sie als Feind oder Beute aufgefasst werden?
Auf keinen Fall. Das Ethos von Tierfilmern lautet: Animal first, egal, was passiert. Ich bin seit fast 25 Jahren im Busch, jedes Jahr sechs Monate. Das ist mein Zuhause; und dass ich ein eher ängstlicher Typ bin, hilft mir, nicht leichtsinnig zu werden. Ich muss Zeit und Einfühlungsvermögen mitbringen. Die Regie führt das Tier, und ich verhalte mich so unauffällig wie möglich. BBC-Dokus entstehen mitunter mit zehn, fünfzehn Autos. Das finde ich nicht vertretbar. Es leben mittlerweile so wenige Geparden in Freiheit, dass man ihnen keinerlei Beeinträchtigung zumuten kann. Bei diesem Film haben wir mit nur einem Auto, also auch mit nur einer Kameraposition gearbeitet. Das ist ein großes Risiko, weil man Bilder verlieren kann, die für die Geschichte wichtig sind. Damit das nicht passiert, muss ich die Gepardin und ihre Mimik in und auswendig lernen: Ich muss erkennen, wie sie ihre Jagd ankündigt. Besonders bei so einem spontanen Tier wie Maleika.

Inwiefern ist sie denn spontan?
Sie jagt alles. Normalerweise jagen Geparden Gazellen, es gibt keinen wissenschaftlichen Nachweis, dass ein Gepard jemals einen Büffel getötet hätte, zumal ein so zierlicher wie Maleika. Einmal lag sie entspannt auf einem Hügel und betrachtete eine Büffelherde – und auf einmal setzt sie ihren Jagdblick auf. Mein Fahrer und ich haben sofort reagiert. Er rast mit Vollgas in die Ebene und dreht das Auto um 180 Grad, währenddessen fahre ich die Kamera hoch und fokussiere auf den Büffel. Maleika kommt ins Bild, tötet den Büffel unglaublich schnell und verteidigt ihn auch noch gegen die Herde. Ein Geschenk für den Film.

Gab es auch Bilder, die Sie verpasst haben? Man sieht zum Beispiel nicht die Paarung.
Es gibt unter Tierfilmern tatsächlich eine Diskussion, ob man das überhaupt zeigen sollte oder ob nicht auch Tiere ein Recht auf Intimität haben.

Wer schon mal einen Dackel an der Wade hatte, weiß natürlich, dass nicht alle Säugetiere dasselbe Schamgefühl haben.
Bei Geparden ist die Paarung wirklich ein großes Geheimnis. In 25 Jahren habe ich nur eine einzige filmen können. Was man weiß: Es findet meist nachts statt, und um in Stimmung zu kommen, braucht eine Gepardin mehrere Kater. Es ist sehr wahrscheinlich, dass zu Maleikas Sechser-Wurf verschiedene Väter gehören.

Mit einer Ausnahme sieht man auch nicht, wie Maleikas Kinder sterben.
Das war eine dramaturgische Entscheidung. Den Tod von Mia, die von Löwen erlegt wurde, haben wir zum Beispiel hautnah mitbekommen. Wir haben Close-ups von den Verletzungen; der Löwe hat sie nicht gefressen, sondern nur getötet, um zukünftige Konkurrenz zu dezimieren; auch Büffel zertrampeln den Nachwuchs ihrer Fressfeinde. Das Bild haben wir aus der Rohfassung rausgenommen, weil es uns zu hart war.

Sie lassen den Dingen ihren Lauf und helfen den Tieren nicht. Wie sehr müssen Sie sich dabei selbst bremsen?
Einzugreifen geht gar nicht; auch wenn es in Kenia unter Umständen erlaubt wäre. Hier wurde es im Fall eines alten Löwen sogar mal gemacht – mit der Folge, dass ein Tier, das von der Natur eigentlich schon aussortiert worden war, noch etliche Jungtiere töten konnte. Anderswo ist es ganz verboten: In Botswana, wo ich auch drehe, würde ein Eingriff mich in den Knast bringen.

Wobei der Begriff offenbar Auslegungssache ist. Als Sie damals den Nachwuchs von Diana bewacht haben, war auch das eine Art Eingriff in die Natur.
Den Vorwurf muss ich mir gefallen lassen. Mein gemeinsames Leben mit diesen Tieren, war eine Veränderung ihres Lebens. Die Zurückhaltung ist uns auch schwergefallen, als Maleika sich bei einem ungeschickten Sprung eine große Wunde in die Brust gerissen hatte. Ihr Tod hätte nicht nur unsere Geschichte beendet; auch ihre damals noch fünf lebenden Babys wären gestorben. Wir hatten sogar den Eindruck, dass Maleika in dieser Situation mehr Nähe zugelassen hatte. Und ehrlich gesagt, haben wir uns da mit einem Veterinär beraten, ob man was tun könnte. Aber auch hier hätte ein Eingriff die Risiken gemehrt: Für eine Versorgung der Wunde hätte man Maleika sedieren müssen, die Babys hätten das Sedativum mit der Milch getrunken, wären eingeschlafen und wehrlos gewesen. Am Ende hat Maleika es aus eigener Kraft geschafft. Für mich ist die Heilung jetzt einer der wichtigsten Momente: Wie sie leidet, wie sie ihren Kindern deutlich macht, dass sie ihr nicht mehr auf der Brust rumspringen dürfen, wie die anderen Tiere ihre Schwäche erkennen und ihr ganzes Verhalten ändern.

Trauern Sie, wenn die Gepardin ein Jungtier verliert? Wie haben Sie zum Beispiel das Ende von Marlo erlebt, dessen Tod durch ein Krokodil Sie im Film zeigen?
Ich hatte erst gar nicht gemerkt, was passiert, als mein Fahrer ganz trocken sagte: Ein Krokodil hat ihn. Und dann hat man gesehen, wie viel Beziehung schon aufgebaut war. Ich stand nur noch hinter der Kamera und habe „Kämpf, kämpf, kämpf!“ gerufen. Und die Gepardin saß am Ufer und guckte mich an – nach dem Motto: „Hilf. Ich kann nicht.“ Es war die Hölle. Als Marlo verschwunden war, haben meine Assistentin und ich uns in den Armen gelegen und geweint. Unser Fahrer war vordergründig cool und hat nur gesagt: So ist die Natur. Auf dem Rückweg ist er allerdings gefahren wie der Teufel; er konnte mit der Situation überhaupt nicht umgehen.

Wie haben die Tiere reagiert?
Maleika war für vier Tage völlig aus dem Ruder. Als die jüngeren Tiere getötet wurden, hatte sie es nach einem Tag akzeptiert, aber Marlo war schon viel älter, und hier haben die drei verbliebenen Geparden sich über Tage in ihrer Trauer hochgeschaukelt. Immer wieder sind sie zu der Stelle zurückgekommen und haben gesucht und gerufen. Maleika hatte mit der Flussüberquerung einfach einen Fehler gemacht, und ich glaube, sie hat es begriffen. Als sie rübergeschwommen sind, war der Fluss nach langem Regen zum Strom angeschwollen. Beim Rückweg konnte Maleika beinahe waten; da gab es gar keine Krokodile mehr.

Ist Trauer das richtige Wort für Tiere?
Man sollte über Empathie bei Tieren zumindest nachdenken. Ihre Sinneswahrnehmungen unterscheiden sich von unseren und so wird es auch mit den Gefühlen sein; aber irgendeine Form von Trauer sollten wir ihnen schon zugestehen. Konrad Lorenz hat den Nobelpreis dafür bekommen, das Verhalten der Tiere zu katalogisieren. Dafür würde es heute keinen Preis mehr geben, weil er viel zu sehr vereinfacht. Selbst das menschliche Verhalten folgt grundsätzlich Mechanismen, aber dann kommen Erfahrungen dazu und Gefühle. Heute weiß man mehr von der Tierpsychologie. Lange hieß es, nur die Elefanten trauern. Dann kamen die Menschenaffen dazu und nach und nach werden es immer mehr Arten.

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