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Wochenend-Interview Roger Federer : „Kleine Momente machen es aus“

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Tennisstar Roger Federer über Olympia, Eiskunstlauf und Facebook.

Er ist der große Gentleman des Tennis – kein Mann für laute Töne oder Extravaganzen. Bevor Roger Federer sich in einem Hotel in Monaco mit einer kleinen Gruppe Journalisten an den Tisch setzt, begrüßt er jeden lächelnd per Handschlag, tauscht sichtlich gut gelaunt Höflichkeiten aus. Danach spricht er über seine Ziele bei den Olympischen Spielen, seinen Respekt für Eiskunstläufer und soziale Medien.

 

Wenn Sie es sich wünschen dürften: der achte Wimbledon-Titel oder Einzel-Gold in Rio de Janeiro?
Es ist völlig schwierig, das zu beantworten. Der Grand Slam hat einen hohen Stellenwert bei uns Tennisspielern. Olympia ist einfach anders. Da ist die Enttäuschung riesig, wenn du verlierst, weil diese Chance nur alle vier Jahre kommt. Das sind wir Tennisspieler nicht gewohnt. Wir sind gewohnt: „Wimbledon ist schlecht gelaufen, dann halt nächstes Jahr.“

Warum sind Ihnen die Olympischen Spiele so wichtig?
Als Kleiner habe ich früher viel Olympia geschaut. Ich war sehr vom Basketball angetan: Michael Jordan, Shaquille O’Neal und so weiter. Das kam im Fernsehen. Oder auch Marc Rosset, der Gold geholt hat im Tennis. Ich war selber auf dem Platz, als die Nachricht über den Lautsprecher kam. Dazu kommen meine eigenen Erfahrungen: Ich durfte als Teenager nach Sydney, habe ein absolutes Wahnsinnsturnier gespielt und bin ins Halbfinale gekommen. Dann habe ich zweimal verloren und war total traurig. Auf einmal wollte ich unbedingt eine Medaille. Ich konnte es nicht fassen, dass ich fast eine hatte und zum Schuss leer ausging.

Immerhin gab es privat für Sie ein glückliches Ende.
Genau. Sportlich hat es mir sehr wehgetan, aber gleichzeitig habe ich dort Mirka kennengelernt, und wir hatten die besten zwei Wochen im Dorf.

Danach waren Sie bei noch drei weiteren Olympischen Spielen.

In Athen war ich Olympiafahnenträger, in Peking auch – vor Millionen Leuten zu Hause vor dem Fernseher und Tausenden im Stadion. Andere Athleten sind zu mir gekommen und wollten Autogramme. Es war Wahnsinn – diese ganzen Emotionen. In Peking habe ich mit Stan Wawrinka im Doppel Gold gewonnen. Das kam aus dem Nichts. Danach Silber im Einzel in London. Es ist so viel passiert bei den Spielen, sodass mir das extrem viel bedeutet.

Sie sind für andere Athleten eine Art Inspiration. Lassen auch Sie sich von jemandem inspirieren?
Mehr als früher noch. Ich hatte nie so richtige Idole und wollte nie jemand anderes werden. Ich wollte immer ich selber bleiben. Aber ich wollte auch mal so eine Karriere haben wie die Besten. Das war damals völlig weit weg. Aber dann bin ich immer weiter gekommen, bin immer näher herangerückt an diese Michael Schumachers, Tiger Woods und Valentino Rossis. Von ihrer Dominanz über lange Jahre habe ich mich inspirieren lassen.

Und heute?
Heute finde ich es sehr spannend, interessante Leute zu treffen und mich mit ihnen auszutauschen. Wie zum Beispiel bei den Oscars – oder in den Bereichen Kunst oder Mode. Da triffst du Leute, die sind total anders als im Tennis. Ich lasse mich aber auch von Sportlern inspirieren – durch das, was sie sagen, oder durch ihre Leistung.

Zum Beispiel?
Vor Kurzem habe ich die Eiskunslauf-WM geschaut. Da lief es mir kalt den Rücken runter, weil ich nicht glauben konnte, was diese Leute aufs Eis bringen. Ich weiß nicht, wie sie es schaffen, diese Sprünge auf den Kufen zu machen und sich wieder abzufangen. Das ist der Hammer. Letztlich glaube ich, wir inspirieren uns gegenseitig. Das heißt nicht, zu jemandem hochzuschauen, sondern zu bewundern, was andere Leute machen. Aber ich höre es gerne, wenn ich diese Person bin. Es schmeichelt mir, dass ich so einen Stellenwert im Leben von anderen habe.

Den haben Sie sich durch eine lange, erfolgreiche Karriere erarbeitet. In den letzten Jahren haben Sie stets betont, keinen Gedanken ans Aufhören zu haben. Gilt das nach wie vor?
Ja, absolut. Für mich hat sich nichts geändert. Es war auch niemals ein Punkt da, wo ich gesagt habe: „Oh, das könnte eine Ausstiegsklausel sein.“

Hat Ihnen denn die Meniskus-Verletzung Ende Januar zu denken gegeben? Es war ja Ihre erste größere Zwangspause . . .
. . . und meine erste Operation.

Also ganz neue Erfahrungen. Waren Sie da mal erschrocken, dass so etwas passiert ist?
Wir sind ja nicht im Eishockey oder im Fußball. Bei Kontaktsportarten kann immer etwas passieren. Bei uns ist das anders. Wenn es dir nicht gut geht, dann machst du mal Pause. Aber du gehst nicht in ein Match rein und denkst: Ich hoffe, ich verletze mich nicht. Ich habe das selber sehr gelassen genommen und habe akzeptiert, was der Doktor mir gesagt hat. Und erst, als ich dann wirklich in den Operationsraum reingekommen bin, da ist mir bewusst geworden: „In einer Stunde bin ich ein operierter Mensch.“ Und das hat mir dann Angst gemacht. Das hat mich traurig gestimmt – ganz ehrlich. Und als ich rausgekommen bin, habe ich mein Bein angeschaut und gedacht: „Das ist, als ob das nicht mein Bein wäre. Das ist nicht mehr so, wie es früher war. Ich kann kaum meine Zehen bewegen.“ Das war dann vielleicht für 12 bis 14 Stunden so. Dann bin ich mit den Krücken rausgelaufen, und es ging mir schon besser.

War diese Auszeit schon ein kleiner Ausblick auf die Zeit nach der aktiven Karriere?
Ich war dann natürlich zwei-, dreimal am Tag mit Reha am Werke. Ich habe schon auch hart gearbeitet. Aber klar: Was mir vor allem gefallen hat, war, dass ich keinen Plan hatte für den restlichen Tag. Eigentlich hätte ich ja Turniere spielen sollen: Rotterdam und Dubai und so. Aber auf einmal ist da gar nichts los. Und dann hast du vier Wochen, in denen du einfach sagen kannst: „Okay, jetzt ist Zeit für Familie, Reha und Freunde, die vorbeikommen.“

Planen Sie denn Ihren Ausstieg schon? Oder ist dann irgendwann von einer auf die andere Sekunde Schluss?
Ich weiß es nicht. Es könnte sein, dass ich irgendwann einmal aufwache und sage „Ich habe keine Lust mehr“ oder der Körper, der will nicht mehr so richtig. Es müsste aber schon über Monate dauern oder ein Jahr, in dem du immer verletzt bist und du kein Turnier mehr richtig spielen kannst. Entweder so, oder dass du einfach sagst: „Es ist genug!“ Es muss von sich aus kommen und nicht total durchgeplant. Darauf habe ich eigentlich keine Lust.

Inzwischen sind Sie wieder fit und gehen in eine weitere Saison. Wie steht es um Ihre Lust auf Tennis?
Es ist völlig anders als früher. Früher war ich schon überhaupt happy, auf der Tour zu sein. Klar warst du riesig enttäuscht, wenn du verloren hast. Und wenn du gewinnen konntest, war das das Größte. Auch das Reisen war schwer am Anfang. Man musste sich daran gewöhnen, gegen Profis zu spielen als Bub. Das war manchmal nicht einfach, aber trotzdem war es der absolute Traum, den ich durchlebt habe.

Wie ist es heute?
Heute lebe ich den Traum anders. Einfach zu wissen, was mir Tennis bedeutet; zu sehen, wie viele Fans ich habe überall auf der Welt, und all das mit der Familie zu erleben. Ich mag es auch, Turniere spielen zu können, die mir selber gefallen. Früher hast du nicht mal einen Handschlag bekommen von einem Turnierdirektor. Das ist jetzt anders. Ich sehe einfach, dass viele Leute mich gerne spielen sehen, und das inspiriert natürlich auch, hart zu arbeiten.

Gibt es etwas Konkretes, das Sie motiviert?
Diese Gänsehautmomente. Der Wunsch, Erfolge noch einmal zu erleben – wie es beim achten Wimbledon-Titel wäre. Also Momente, zu denen du sagst: „Das war wieder ein Hammer-Turnier. Ich hatte eine super Zeit. Die Leute freuen sich für dich.“ Ich mag es, Autogramme zu schreiben; wenn die Leute mich anstrahlen. Aber ich mache mir auch selber Freude, wenn ich kreativ spiele – im Training wie auf dem Match-Platz. Diese kleinen Momente machen es für mich aus.

Haben Sie Angst davor, dass diese Momente mal fehlen?
Das glaube ich jetzt weniger. Aber es ist sicher so, dass ich vor Spielen nicht mehr so nervös bin wie früher. Manchmal bin ich aber vor einer ersten Runde total nervös und vor dem Finale nicht.

Bei diesen Turnieren spielen sich inzwischen auch jüngere Spieler in den Vordergrund – wie der Deutsche Alexander Zverev. Wie beurteilen Sie deren Entwicklung?
Es ist sicher etwas im Kommen. Aber ich glaube, es braucht immer noch seine Zeit. Drei bis vier Spieler drängen in den Vordergrund, und das ist auch gut so. Letztes Jahr haben wir schon gesehen, wer so kommt: Kyrgios, Coric. Jetzt ist es so ein bisschen Taylor Fritz und andere junge Amerikaner. Bei Zverev wusste man letztes Jahr auch schon, dass der etwas kann. Aber diese Spieler brauchen jetzt einfach noch ein, zwei Jahre, um sich zu etablieren.

Könnten Sie sich eigentlich vorstellen, als Trainer zu arbeiten?
Ich sehe mich nicht unbedingt als Trainer, der nochmals auf die Tour geht. Man sieht jetzt viele Coaches, die im Jahr zehn bis 15 Wochen trainieren. Ist das etwas, das ich machen könnte, wenn meine Kinder aus dem Haus sind? Ja, vielleicht schon. Aber das ist dann in rund 20 Jahren. Dann bin ich 54. Aber vielleicht sage ich dann: „Das ist das Letzte, was ich jetzt machen will. Denn jetzt will ich mit meiner Frau die Welt bereisen.“ Vielleicht bin ich dann auch schon Großvater. Aber den Jungen helfen könnte ich ohne Probleme. Ich gebe gerne Ratschläge. Man sollte nicht sagen: „Man darf bloß keine Tipps geben, weil es ja sein könnte, dass dich deswegen mal einer in der dritten Runde in Wimbledon schlägt.“ Okay, dann soll er halt (lacht).

Von denen, die nachkommen, zu denen, die da sind. Gibt es momentan statt wie früher einer Top Vier mit Novak Djokovic nur noch eine Top Eins?
Es braucht momentan viel, ihn zu bremsen. Der macht das wunderbar und ist sehr stark in allen Belangen. Er ist körperlich gut drauf, im Kopf scheint es auch zu stimmen. Außerdem hat er den Sprung geschafft von keiner Familie zu Familie, was auch ganz wichtig ist. Das kann ein großer Schnitt sein in deinem Leben, und das kann sehr inspirierend wirken. So wie bei mir im Sommer 2009, als Mirka schwanger war und ich Wimbledon und Paris gewinnen konnte. Es kann aber auch ablenken. Aber wenn du gut genug bist, kann dich eigentlich nichts mehr bremsen; wenn du mal so richtig auf der Welle reitest, wie jetzt er das macht. Darum braucht es sicher besondere Anstrengungen von allen anderen, um ihn zu schlagen.

Sie hatten früher auch große Duelle mit Rafael Nadal. Zuletzt gab es für ihn viele Rückschläge. Glauben Sie, er kommt noch einmal zurück?
Ich glaube, da kommt noch was. Ich bin ein großer Fan von ihm – einfach, weil er für mich der größte und schwierigste Kontrahent war, den ich jemals hatte. Wir hatten so viele coole Matches gegeneinander. Ich bin der Letzte, der aufhört zu denken, dass er noch etwas erreichen kann. Und ich weiß, wie gut er ist. So gut wie ich kennt ihn keiner auf der Tour.

Damit das nicht so schnell passiert, trainieren Sie hart. Aber auf Ihrem Facebook-Profil lässt sich sehen: Sie gönnen sich auch Freizeit am Meer. Bedienen Sie Ihre Social-Media-Kanäle selbst?
Manchmal muss ich Leuten sagen: „Kannst du das bitte posten?“ Aber ansonsten mache ich das selber.

Welchen Stellenwert haben soziale Medien für Sie?
Früher war ich sehr zurückhaltend, einfach weil ich nicht richtig begreifen konnte, um was es ging. Wie kommuniziert man da mit den Leuten? Ich glaube, man muss die sozialen Medien so nutzen, wie es für einen stimmt, ohne dass es einen einnimmt. Sie haben sehr positive Aspekte, wenn es darum geht, zu informieren oder Informationen zu bekommen.

Was ist Ihnen dabei wichtig?
Es sollte authentisch sein. Bei mir ist das extrem wichtig. Grundsätzlich mache ich gerne Fotos. Ich bin aber viel bei der Familie, und für mich ist es tabu, Bilder von meinen Kindern oder meiner Frau zu posten. Deshalb habe ich für mich gesagt, dass ich nicht jeden Tag etwas machen muss oder jede Woche so und so viel. Wenn ich mal einen Monat nichts mache, sollte niemand wütend sein. Wenn ich dann manchmal sechsmal am Tag etwas sage, ist es, weil ich Lust dazu habe. Es ist eine Möglichkeit, mit meinen Fans zu kommunizieren, was früher ja undenkbar war.

 



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