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Edith Piaf : Kleine Frau mit großer Stimme

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Mit „Non, je ne regrette rien“ und „La vie en rose“ sang sich Edith Piaf in den Olymp des Chansons. Heute vor 100 Jahren wurde sie in Paris geboren.

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erstellt am 19.Dez.2015 | 09:40 Uhr

Dass sie in einem Bordell in der französischen Provinz aufwuchs, hat ihr vermutlich das Leben gerettet. Edith Piaf, eigentlich Édith Giovanna Gassion, kommt am 19. Dezember 1915 im Pariser Arbeiterviertel Belleville in äußerst ärmlichen Verhältnissen zur Welt. Ihre Mutter verdingt sich als Straßensängerin; ihr Vater, Akrobat in einem Wanderzirkus, kommt erst 1917 aus dem Ersten Weltkrieg zurück. Zu diesem Zeitpunkt lebt die kleine Edith schon bei ihrer Großmutter. Vater Gassion bringt das vernachlässigte und abgemagerte Kind zu seiner eigenen Mutter, die in Bernay/Normandie ein Bordell betreibt. Dort kümmern sich die Prostituierten rührend um das kleine zarte Mädchen. Edith blüht zusehends auf und überwindet sogar eine Augenkrankheit, an der sie erblindete. Als sie nach zwei Jahren wieder sehen kann, glaubt sie, ihre wundersame Genesung der Heiligen Therese in Lisieux zu verdanken, wohin sie ihre Großmutter auf einer Wallfahrt mitnahm. Noch als gefeierter Star pilgert die Piaf jedes Jahr inkognito zum Grab der Heiligen. Als Edith sieben Jahre alt ist, holt sie der Vater wieder zu sich. Sie tingelt mit seinem Wanderzirkus durch Paris, zeigt aber keinerlei Talent für die akrobatischen Nummern, die er ihr beibringen will. Dafür erregt sie mit ihrer kraftvollen, melodischen Stimme die Aufmerksamkeit der Zuschauer. Ein weiterer Anlass für den alkoholkranken Gassion, seine Tochter zu schlagen und zu schmähen: „Dieses Gör hat alles in der Kehle, aber nichts in den Pfoten.“ Als Edith 14 Jahre alt ist, nimmt sie ihr Schicksal selbst in die Hand. Sie lernt die gleichaltrige obdachlose Sängerin Simone Berteaut kennen. Die beiden geben sich als Schwestern aus und hoffen, als Duo ein paar Francs mehr zu verdienen. Eine lebenslange Freundschaft beginnt.

1933 – sie ist 17 Jahre alt – wird Edith Mutter einer kleinen Tochter, die nach eineinhalb Jahren an einer Hirnhautentzündung stirbt. Mit dem Vater des Kindes lebt sie nur kurze Zeit zusammen. Sie sei für zehn Francs mit einem Freier aufs Zimmer gegangen, um das Begräbnis der kleinen Marcelle bezahlen zu können, schreibt sie später in ihrer Autobiografie „Mein Leben“. 1935 erkennt Louis Leplée, Besitzer des Nachtclubs Le Gerny, das Talent der nur 1,47 Meter großen Edith Gassion und lädt sie zum Vorsingen ein. Er nennt sie la môme piaf (nach le piaf, der Spatz – etwa: die spatzenkleine Göre); als der „Spatz von Paris“ wird sie künftig in seinem Cabaret auftreten. Im Jahr darauf wird Lepée ermordet; auch die Piaf gerät kurzzeitig ins Visier der Polizei. Edith Piaf kommt an beim Pariser Publikum. Sie wird zu Gastspielen nach Brest und Nizza eingeladen und lernt Menschen aus der Unterhaltungsbranche kennen, die sie beraten und fördern. Sie texten und komponieren Chansons für sie, kümmern sich um ein gepflegtes Äußeres und eine korrekte französische Aussprache ihres Schützlings und führen Edith in die besseren Kreise ein. Doch statt ein „gedrilltes Zirkuspferd“ aus sich machen zu lassen, wie ein Freund argwöhnte, bleibt Edith Piaf das, was sie immer schon war: ein Kind aus der Unterschicht, das schmerzlich gelernt hat, sich zu behaupten. Und die Wucht dieses Kampfes prägt die unglaubliche Bühnenpräsenz und die unverwechselbare Stimme der Piaf. Verzweifelt und leidenschaftlich singt sie von ihrer großen Sehnsucht nach Liebe und den großen Enttäuschungen, die sie in immer neuen Beziehungen zu Männern erlebt. „Wenn ich auch die Männer sehr geliebt habe, blieben sie doch immer ,die Anderen’. Dagegen meine Chansons, das bin ich, das ist mein Fleisch, mein Blut, mein Kopf, mein Herz, meine Seele.“

Überhaupt die Männer. Kaum eine Liebschaft entwickelt sich zu einer dauerhaften Beziehung; die Piaf fürchtet sich vor ernsthafter Bindung. Im Lauf der Jahre tauchen in diesem Zusammenhang Namen wie Eddie Constantine, Charles Aznavour und George Moustaki („Milord“) auf. „Für mich war die Liebe Krach, dicke Lügen und Ohrfeigen rechts und links.“ Als sie im Sommer 1944 am Pariser Moulin Rouge engagiert ist, lernt sie Yves Montand kennen. Montand ist sechs Jahre jünger, kommt gerade aus Südfrankreich und steht am Beginn einer vielversprechenden Karriere als Schauspieler und Sänger, die die Piaf zunächst tatkräftig fördert. Doch sie verlässt ihn nach kurzer Zeit für Jean-Louis Jaubert – Kopf der Vokalgruppe „Les Compagnons de la Chanson“, die durch Edith berühmt wird. In dieser Zeit schreibt sie den Text zu „La vie en rose“ – das Chanson, das sie endgültig berühmt macht. 1960 trägt sie es erstmals öffentlich vor.

1947 bricht Edith Piaf zu einer fünfmonatigen Tournee in die USA auf. Nach anfänglicher Skepsis liegen ihr auch die Amerikaner zu Füßen – inklusive Marlene Dietrich, die eigens anreist, um ihre Kollegin zu hören. In New York lernt die Piaf den verheirateten Boxer Marcel Cerdan kennen. Auch diese Liebe endet tragisch: Auf dem Weg zu einem Treffen mit Edith in New York stürzt Cerdans Flugzeug über den Azoren ab. Die Piaf fühlt sich schuldig, einsam und ausgelaugt; ihr ohnehin schon bedenklicher Alkohol- und Tablettenkonsum nimmt gefährliche Formen an. Dazu kommt eine Morphium-Abhängigkeit, die aus der Schmerzbehandlung nach einem Autounfall resultiert. Ein Teufelskreis setzt ein: Edith kann nicht mehr ohne Alkohol und Aufputschmittel auf die Bühne – doch sie muss ihre Drogenabhängigkeit mit Auftritten finanzieren.

In den 50er Jahren begibt sich Edith Piaf mehrmals zur Entgiftung in eine Klinik, hat aber immer wieder mit Rückfällen zu kämpfen. Doch sie singt tapfer weiter. Für die kleine Sängerin mit der großen Stimme gilt wahrhaftig, was sonst klischeehaft klingt: Es scheint, als singe sie um ihr Leben. Legendär ist ihr Auftritt im berühmten Olympia in Paris, wo sie 1958 drei Monate lang jeden Abend vor ausverkauftem Haus singt. Im September 1959 diagnostizieren die Ärzte nach einem Magendurchbruch Leberkrebs. Während sie im Krankenhaus liegt, trennt sich George Moustaki von ihr.

1962 heiratet Edith Piaf den 20 Jahre jüngeren Griechen Theophanis Lamboukas in einer griechisch-orthodoxen Kirche in Paris. Böse Kommentare begleiten das ungleiche Paar. Mit Lamboukas, der Sänger werden will und dem sie den Künstlernamen Théo Sarapo gibt, zieht sich die todkranke Sängerin in eine Villa in Plascassier bei Grasse zurück, wo sie am 10. Oktober 1963 im Alter von 47 Jahren stirbt. Ihr Tod wird erst am nächsten Tag bekannt gegeben, um den Leichnam heimlich nach Paris überführen zu können: Eine Piaf darf nur in Paris sterben.

Am 14. Oktober begleiten sie 40    000 Menschen auf ihrem letzten Weg zum Pariser Prominentenfriedhof Père Lachaise im Stadtteil Belleville. Auf Edith Piafs Lebenserinnerungen „Mein Leben“ beruht der Film „La vie en rose“, der 2007 in die Kinos kam. Hauptdarstellerin Marion Cotillard erhielt für ihre außergewöhnlich einfühlsame Darstellung der Piaf einen Oscar.

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