Interview Levina : Kiew kann kommen

Die Sängerin Isabella 'Levina' Lueen.
Die Sängerin Isabella 'Levina' Lueen.

Deutsche Sängerin Levina fliegt angstfrei zum ESC.

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06. Mai 2017, 10:00 Uhr

Für Deutschland war der Eurovision Song Contest zuletzt keine fröhliche Veranstaltung. Nach Lenas Sieg im Jahr 2010 ging es schnell bergab. Eine möchte das ändern: Levina tritt am 13. Mai für uns in Kiew auf. Mit ihrem Song „Perfect Life“ will sie in der ersten Hälfte der Tabelle landen. Im Interview verrät uns die 26-Jährige, warum Lenas Sieg auch für sie ein Gewinn war und sie nach ihrem Kindermädchen benannt wurde.

Levina, wir beginnen mit der nervigsten Frage von allen: In den vergangenen Jahren hat sich Deutschland beim Eurovision Song Contest nicht mit Ruhm bekleckert. Warum werden Sie viele Punkte sammeln?

Mir machen die letzten Plätze aus den vergangenen Jahren keine Angst, ich gehe sehr positiv und motiviert an den Auftritt in Kiew heran. Selbstverständlich möchte ich eine Wende für die deutsche Platzierung bringen. Mit meiner Stimme bringe ich etwas Neues und anderes in den Wettbewerb, was man zuvor dort noch nicht so gehört hat. Außerdem haben wir uns eine schöne Show überlegt und haben einen guten Song. „Perfect Life“ hat eine schöne Message und kommt bei den Fan-Events gut an. Die Leute gehen mit, klatschen und tanzen.

Sie sind vor dem ESC durch zehn verschiedene Länder gereist. Wo hat es Ihnen am besten gefallen?

Armenien fand ich sehr toll. Die Hauptstadt Eriwan ist wirklich wunderschön mit hübschen Gebäuden und einem südländischen Flair. Die Menschen waren richtig nett und haben mich mit offenen Armen empfangen. Hier habe ich auch die armenische Teilnehmerin des ESC Artsvik kennengelernt, mit der ich gemeinsam auf einem Fan-Event war. Ich erinnere mich gerne an diese Tage zurück.

Sie sind eine erfahrene Musikerin. Trotzdem ist der ESC eine Riesen-Nummer. Was tun Sie gegen Lampenfieber?

Momentan habe ich so viele Termine, dass ich gar keine Zeit für Lampenfieber habe (lacht). Aber sobald ich am 13. Mai auf dieser riesigen Bühne stehe, werde ich sicher sehr nervös sein. Wenn das Lampenfieber steigt, schließe ich die Augen, atme tief ein und vergewissere mich, warum ich hier stehe. Ich liebe es, auf der Bühne zu stehen und Songs zu singen. In diesem Moment kommt es darauf an, ganz bei sich zu sein. Dann kann nichts schiefgehen.

Was können Sie uns zu Ihrer Show verraten? Wird eine Windmaschine Ihr Haar zerzausen?

(lacht laut) Ich kann leider noch nicht zu viel verraten. Aber wir fokussieren uns bei dem Auftritt nicht auf extravagante Outfits oder eine große Bühnenshow. Das Lied und der Gesang sollen im Fokus stehen. Wir wollen es schlicht halten, aber aufregende Akzente setzen. So hoffen wir, dass sich die Zuschauer an uns erinnern und ganz viel für mich anrufen.

Abseits von Ihrem eigenen Auftritt: Welcher Landesbeitrag gefällt Ihnen besonders gut?

Blanche aus Belgien mit dem Song „City Lights“ sagt mir sehr zu. Auch dem Portugiesen Salvador Sobral höre ich gerne zu.

Gehören diese beiden auch zu Ihrer härtesten Konkurrenz?

Ich finde es immer sehr schwer, das einzuschätzen. Wenn wir uns auf den ESC-Events treffen, spüre ich keine Konkurrenzgedanken untereinander. Wir verstehen uns alle sehr gut. Was die musikalische Konkurrenz angeht, gibt es natürlich Länder, die mit Sommerhits an den Start gehen. Spanien, Frankreich oder Italien können mit diesen Liedern punkten und so zu echten Konkurrenten werden.

Nach dem Vorentscheid kamen sehr schnell Plagiatsvorwürfe zu Ihrem Lied „Perfect Life“. Wie haben Sie das aufgenommen?

Natürlich ist das alles andere als toll. Aber es hat mich nicht beunruhigt. Ich kann verstehen, dass Menschen Ähnlichkeiten zu David Guettas „Titanium“ herausgehört haben, aber „Perfect Life“ ist ein komplett eigenständiger Song. Wer auf den Text und den Gesang achtet, merkt das auch.

Das Lied ist auch auf Ihrem Album „Unexpected“ vertreten, das Ende April erschienen ist. Mit „Nothing At All“ findet sich dabei auch ein Song, der ein Zeichen gegen Fremdenhass setzen soll. Wie nehmen Sie die aktuelle Debatte nach der Flüchtlingskrise wahr?

Nicht nur in Deutschland, sondern auf der ganzen Welt ist Fremdenhass ein Thema. Jeder Mensch sollte, bevor er eine Parole in die Welt ruft, sich Gedanken darüber machen, was er sagt. Man darf nicht nur zwischen Gut und Böse unterscheiden, sondern muss sich die Aspekte dazwischen anschauen. Jeder sollte sich gut informieren und die Meinungen und Themen von beiden Seiten betrachten, bevor er sich ein Urteil bildet.

Haben Sie früher denn regelmäßig den ESC geschaut?

Wie oft ich ihn als Kind gesehen habe, kann ich gar nicht sagen. Aber seit Lenas Sieg habe ich den ESC sehr regelmäßig verfolgt.

Lena war mit ihrem Sieg natürlich herausragend. Welche deutschen Teilnehmer aus der Vergangenheit haben Ihnen noch gefallen?

Roman Lob hat mir mit „Standing Still“ sehr gut gefallen. Wobei ich auch Ann Sophie und Jamie Lee gut fand. Ich hätte nicht erwartet, dass wir mit diesen Songs auf den hinteren Plätzen landen.

Eine Freundin hat Ihnen von dem ESC-Vorentscheid erzählt. Daraufhin haben Sie sich beworben. Wie dankbar sind Sie?

Wenn meine Freundin mir nicht von dieser Chance erzählt hätte – wer weiß, ob ich dann jetzt hier sitzen und mit Ihnen sprechen würde. Ich war zu dieser Zeit sehr in mein Studium vertieft und habe zunächst nichts von dem Casting zum ESC-Vorentscheid mitbekommen. Daher bin ich sehr glücklich über den Hinweis meiner Freundin und bedanke mich jetzt andauernd bei ihr (lacht).

Sie studieren in London. England hat eine wahnsinnige Wettkultur. Worauf haben Sie schon mal gewettet?

Ich habe 2010 das erste und einzige Mal gewettet, und zwar auf den Sieg von Lena beim Eurovision Song Contest. Wir haben unter Freunden die Wette abgeschlossen, und ich habe 50 Euro gewonnen – das hat super geklappt (lacht).

Wie stehen Ihre Chancen bei den Wettbüros?

Ich habe noch nicht nachgeschaut, aber andere sprechen mich darauf an, dass Deutschland von den Wettbüros nicht die größten Chancen zugesprochen werden. Aber davon lasse ich mich nicht beeindrucken.

Der ESC findet in diesem Jahr in der Ukraine statt. Das Land ist politisch gespalten. Mit welchem Gefühl fahren Sie nach Kiew?

Ich fahre mit einem sehr guten Gefühl nach Kiew. Natürlich spielt der politische Konflikt eine Rolle. Gerade deshalb sollten wir mit dem ESC in Kiew ein Zeichen setzen. Musik verbindet und kann Grenzen überwinden – das ist eine schöne Idee des ESC.

Ihre Eltern nennen Sie Isabella, auf der Bühne heißen Sie Levina. Wie stellen Sie sich aktuell neuen Leuten vor?

Ich stelle mich überall als Levina vor. Ich nutze meinen Zweitnamen schon sehr lange für alle meine Musikprojekte. Freunde, mit denen ich Musik mache, sagen deshalb auch Levina zu mir. Eltern und alte Freunde nennen mich natürlich Isabella. Für mich ist das nicht komisch, aber die anderen verwirrt es manchmal, wenn über mich geredet wird (lacht).

Und wie kam es zu dem besonderen Zweitnamen?

Meine große Schwester hatte ein Kindermädchen, das mit Nachnamen Levine hieß. Sie fand sowohl das Kindermädchen als auch den Nachnamen ganz toll (lacht), und als meine Eltern nach einem Zweitnamen für mich suchten, schlug meine Schwester Levina vor. Die Geschichte hört sich verrückt an, ist aber wirklich wahr.

Sie sind in einer sehr musikalischen Familie aufgewachsen. Wann haben Sie das erste Mal mit der Haarbürste vor dem Spiegel einen Song performt?

Ich war sicherlich fünf oder sechs Jahre alt. Ich fand es toll, für meine Eltern Shows aufzuführen oder im Garten Lieder zu singen. Das hat mir schon immer großen Spaß gemacht.

Sie haben sehr früh Gesangsunterricht genommen. Haben Sie hier auch Lieder Ihrer Idole geprobt?

Während meiner klassischen Gesangsausbildung habe ich mich auf Arien fokussiert und viele Lieder aus Opern gesungen. Aber natürlich waren auch moderne Songs dabei. In meiner Freizeit habe ich mich der Popmusik gewidmet. Michael Jackson, Xavier Naidoo oder Avril Lavigne fand ich super. Eine Zeit lang bin ich tatsächlich wie ein Skater-Mädchen im Stil von Lavigne aufgetreten (lacht).

Wann stand fest, dass Sie Musikerin werden wollen?

Ich wusste schon als Kind, dass ich Sängerin werden möchte. Früher fanden das die Erwachsenen süß. Aber nach dem Abitur wurde ich schon gefragt, ob ich nicht einen „richtigen“ Beruf ergreifen will. Ich habe immer Musik gemacht, aber zwischendurch auch andere Sachen ausprobiert wie zum Beispiel ein Studium der Geografie. Das war sehr spannend und interessant. Trotzdem habe ich danach realisiert, dass mich nur die Musik glücklich macht. Musik ist mein Weg, das ist mein Plan A, und das Tattoo auf meinem Arm erinnert mich daran.

Wann waren Sie schon mal so verzweifelt, dass Sie ernsthaft über Plan B nachgedacht haben?

Ich hatte diesen einen Moment noch nie. Natürlich war ich schon in Situationen, die mich frustriert haben. Aber in diesen traurigen, verzweifelten Momenten habe ich mich ans Klavier gesetzt und einen Song darüber geschrieben. Das hat mich aus der Situation geholt und gezeigt, dass es für mich nur die Musik gibt.

Zu einer traurigen Situation gehört bestimmt das Scheitern Ihrer Band „Miss Terry Blue“. Dabei haben Sie mit dem sehr bekannten Produzenten Matt Lawrence eine EP produziert. Woran hakte es?

Wir hatten damals leider keine großen finanziellen Möglichkeiten, um Promo zu machen. So veröffentlichten wir zwar eine CD, aber niemand hat sie gehört. Darauf folgten andere Probleme: Wenn ein Projekt nicht sofort klappt, geht bei manchen Menschen die Motivation verloren. Ich habe versucht, die Band zusammenzuhalten, und war die treibende Kraft. Doch dann kam hinzu, dass einige Bandmitglieder zurück in ihre Heimatländer gegangen sind und sich unsere Wege trennten. In diesem Moment wusste ich, dass ich es alleine versuchen möchte. Trotzdem war es eine wunderbare Zeit, in der ich viel gelernt habe.

Sie pendeln zwischen London und Berlin. Was lieben Sie an der britischen Hauptstadt?

In London findet jeder, was er sucht. Die Stadt hat so viele unterschiedliche Facetten, dass sich jeder Mensch sein perfektes London zusammenstellen könnte. Ich liebe das Multikulti-Leben in London und die Möglichkeit, Menschen aus der ganzen Welt kennenzulernen.

Und was vermissen Sie aus der Heimat, wenn Sie dort studieren?

Wir Deutschen sind sehr effizient organisiert, das vermisse ich wirklich manchmal (lacht). Vielen Deutschen ist gar nicht bewusst, dass unser Organisationstalent und unsere Effizienz tolle Eigenschaften sind. Bei uns läuft alles gut nach Plan ab, das finde ich gut.

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