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Matthias Schweighöfer im Interview : Kamera am Laptop? Pflaster drauf!

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Musiker, Schauspieler und Produzent Matthias Schweighöfer über seine Amazon-Serie

svz.de von
erstellt am 11.Mär.2017 | 16:00 Uhr

Gerade erst hat Matthias Schweighöfer sein Debüt als Musiker hinter sich, schon kommt das nächste Großereignis: Mit „You Are Wanted“ bringt er am 17. März die erste deutsche Amazon-Serie raus. Schweighöfer erzählt darin die Geschichte eines Berliner Hotelmanagers, der als Opfer eines massiven Daten-Hacks die Kontrolle über sein Leben verliert. Im Interview erklärt der Regisseur, Produzent und Hauptdarsteller, was es damit auf sich hat.

Herr Schweighöfer, haben Sie nach Ihrer Hacker-Serie die Kamera am Laptop abgeklebt?
Schon in der Entwicklungszeit. Die ganze Firma hat das gemacht. Unser Büro ist vollständig verpflastert.

Eine der ersten Attacken auf Ihren Serienhelden besteht darin, dass eine Unbekannte ihm Nacktfotos schickt. Wie oft passiert das einem gut aussehenden Prominenten wie Ihnen denn selbst?
Gar nicht. Aber ich selbst verschicke sehr oft Nacktfotos. Wenn ich Fotos verschicke, dann nur nackt.

Huch.
Nur ein Witz. Es wäre mal eine Idee, aber bislang habe ich Nacktfotos weder verschickt noch bekommen.

Geben sich Leute im Netz als Sie aus?
Das passiert tatsächlich immer wieder. Ich hatte schon Ärger mit unberechtigten Kreditkarten-Abbuchungen, mit Fake-Accounts auf Instagram und Facebook. Oder es schreiben Leute in meinem Namen. Vor Kurzem wurde meine Assistentin verarscht, die gutgläubig darauf vertraut hat, dass sie mit einem netten Freund von mir korrespondiert, der gerade mal meine Hilfe braucht.

„You are Wanted“ startet am 17. März in 200 Ländern und fünf verschiedenen Sprachfassungen. Sind Sie danach ein internationaler Star?
Das müssten Sie dann in den 200 Ländern erfragen. Was mich auf jeden Fall freut, ist die Möglichkeit, in Los Angeles oder New York genauso wie in Vancouver oder auch Tokio, Paris, Barcelona einfach mal fünf Minuten „You Are Wanted“ zu gucken und zu entscheiden, ob es einem gefällt.

Das ist doch genau das Konzept Ihres eigenen Streaming-Dienstes Pantaflix: Deutsche Produktionen überall verfügbar zu machen. Hat Amazon Sie schnell noch als Serienmacher eingekauft, bevor Pantaflix zur Konkurrenz wird?
Wenn wir Glück haben, wird Amazon uns einfach aufkaufen und reich machen – ein Witz. Pantaflix hat eigentlich ein anderes Konzept: Wir kaufen lieber kleinere Filmemacher statt Blockbuster-Projekte. Und uns geht es um erfolgreiche Filme im Heimatmarkt, die aber nicht weltweit sichtbar sind. Somit sind wir keine Konkurrenz.

Die erste deutsche Amazon-Serie ist auch ihr erstes Serienprojekt. Welche seriellen Angebote haben Sie abgelehnt?
Mir hatte tatsächlich noch nie jemand eine angeboten.

Bei welchen Serien hätte Sie ein Angebot denn gefreut?
„True Detective“, „Westworld“, „Penny Dreadful“, „The OA“ und „Life in Pieces“. Bei Amazon-Projekten könnte ich mich in Zukunft wahrscheinlich selbst ins Spiel bringen; wir gehören jetzt ja zur Familie. Oder ich bewerbe mich für die nächste „Walking Dead“-Staffel als Zombie.

War Til Schweiger eifersüchtig, dass Amazon nicht ihn gefragt hat?
Til habe ich noch nie eifersüchtig erlebt, der ist immer sehr unterstützend.

Christoph Schneider, der Deutschland-Chef von Amazon Video, will mit „You are Wanted“ eine Produzenten-Weisheit widerlegen: German content doesn’t travel.
Ich würde Christoph da widersprechen. Maren Ade ist mit einem Riesenerfolg um die Welt gereist: „Toni Erdmann“ travels a lot. „Nirgendwo in Afrika“ auch. „Das Leben der anderen“ ebenfalls.

Vielleicht sind die drei Oscar-nominierten oder -gekrönten Filmen der letzten zehn Jahre nicht ganz repräsentativ. Verkauft Ihre Firma Pantaleon denn ins Ausland?

Ja. Aber klar, mit Komödien ist es schwieriger, als mit anderen Genres.

Weil der der deutsche Humor als Export-Killer gilt.
Widerlegt durch „Toni Erdmann“. Aber natürlich ist was dran: Die Franzosen haben einen anderen Humor, die Engländer, die Spanier, die Deutschen. Ein Drama oder eine Tragikomödie ist universeller.

Hing die Entscheidung, für Amazon eine Thriller-Serie zu drehen, damit zusammen?
Ich komme ja vom Ernsthaften, das habe ich jahrelang gemacht. Als Regisseur habe ich mir mit den Komödien ein Gebiet gesucht, wo ich mich sicherer fühle. Das war auch immer unsere Firmenstrategie: Kommerzielle Filme machen, damit wir uns dann auch wieder zwei, drei Experimente leisten zu können, die in die Tiefe gehen, weh tun und bleiben – auch wenn es an den Kassen nicht funktioniert.

Musste „You are Wanted“ für den internationalen Markt anders aussehen als für den deutschen?
Wir haben zum Beispiel komplett darauf verzichtet, Berlin kleinteilig zu erzählen. Es ist egal, ob die Szenen am Alexanderplatz oder an der Friedrichstraße spielen. Das würde man für den deutschen Markt anders machen.

Bei Netflix loben die Künstler die kreative Freiheit. Ist das bei Amazon auch so?
Die Idee für die Serie kam von unserem Partner Warner Bros. und die sind dann an mich und meine Produktionsfirma und an Amazon herangetreten. Amazon hat uns aber die Freiheit gelassen, redaktionell und dramaturgisch nach dem eigenen Gutdünken zu arbeiten. Wer mich als Regisseur bucht, bekommt ein Komplettpaket, zu dem eben auch gute Dramaturgen gehören. Ich kann meine Vision so umsetzen, wie ich es will.

Bei wie viel Zugriffen gibt Amazon eine zweite Staffel in Auftrag?
Gute Frage. Keine Ahnung. Es gibt aber schon viele Ideen für eine zweite Staffel.

„You are Wanted“ war vermutlich Ihr bislang teuerstes Projekt. Was kosten 250 Minuten Serie?
Was es kostet, darf ich, glaube ich, nicht sagen. Es war aber nur das längste Projekt, die Filme waren zum Teil teurer.

Ihr letzter soll um die neun Millionen Euro gekostet haben. Haben Sie vor dem Wechsel ins Produzentenfach einen „Wirtschaft für Anfänger“-Kurs belegt?

Genau. Und ein paar profunde Handbücher gelesen. Nein, natürlich nicht. Unsere Firma besteht aus drei guten Jungs, von denen jeder in seinem Bereich schon vorbildlich und diszipliniert gearbeitet hatte. Dan Maag ist bei uns der Producer; der hat bei Martin Scorsese gelernt und weiß, wie man Filme produziert. Marco Beckmann ist der Unternehmer; und ich bin der kreative Kopf.

Zum Serien-Etat gehört Product Placement; ich habe Ihre gewohnten Partner Krombacher und Red Bull wiedererkannt.
Dass meine Figur Red Bull in den Kaffee mischt, war eine echte Drehbuch-Idee. Das fand ich lustig.

Stimmt. Dass es Product Placement ist, merkt man erst, als die Sekretärin dem Energy-Junkie zum Geburtstag eine Kerze auf die Red-Bull-Palette steckt.

Wenn man es charmant inszeniert und sich selbst ein bisschen auf die Schippe nimmt, finde ich Product Placement gar nicht so störend. Und mit Krombacher habe ich keinen persönlichen Werbevertrag mehr; ich hatte mich für die Marke als Partner entschieden, weil es mir schmeckt.

Was nutzen Sie denn lieber, um kreativ zu sein? Koffein oder Alkohol? Wenn ich ihre Sektgläser hier mitzähle, habe ich schon eine Ahnung.
Ja, da entscheide ich mich für Alkohol. Aber beim Interview trinke ich nur, weil heute Freitag ist. Kleine Anekdote aus meinem Leben: Als ich mal an einem Freitag ins Büro meiner französischen Agentin kam, um akkurat die kommende Woche zu besprechen, waren die da alle schon angesoffen. Die ganze Agentur, sechzig Leute, feierte um 15 Uhr unter Champagner-Einfluss den Beginn des Wochenendes. Es wurde ein Spitzentermin; und deshalb machen wir es heute auch so.

Das Model Toni Garrn spielt in Ihrer Serie mit. War das ihre erste Rolle?

Genau. Joko Winterscheidt hatte sie getroffen und mir gesagt, dass sie gern mal spielen würde. Also habe ich sie gefragt. Zum Glück. Sie hat richtig Arsch in der Hose: Die stellt sich hin und versucht es einfach.

Ihre Filme erreichen ein sehr großes Publikum, aber …
… bedingt.

Wieso nur bedingt?
Sehr groß ist für mich alles über fünf Millionen. Das haben wir noch nie geschafft. Aber wie wäre denn jetzt Ihre Frage gewesen?

Sie haben regelmäßig ein großes Publikum und schlechte Kritiken. Haben Sie Angst, dass es diesmal andersrum ist?
Über so was mache ich mir keine Gedanken. Gute Kritiken wären natürlich schön.

„What a Man“ hatte 1,8 Millionen Zuschauer – und war der zweiterfolgreichste Film des Jahres nach „Kokowääh“. „Schlussmacher“ hatte 2,5 Millionen Besucher – und blieb hinter „Fack ju Göhte“ und „Kokowääh 2“. „Der Nanny“ lag mit 1,6 Millionen dann weit abgeschlagen hinter „Fack ju Göhte 2“ und „Honig im Kopf“.

Genau. „Schlussmacher“ hatte sogar 2,65 Millionen Zuschauer. Man muss dazu sagen: „Der Nanny“ hätte locker zweieinhalb Millionen gemacht, aber am Premierentag flog die Germanwings-Maschine in den Berg. So was ist Schicksal.

Haben Sie mal darüber nachgedacht, Ihre Filme in einem Jahr zu starten, in denen Schweiger und Dagtekin Urlaub machen?
Als Produzent hätte ich sehr gern „Fack ju Göhte“ gemacht. Die haben, glaube ich, sehr viel Geld verdient. Aber ich freue mich für die Jungs. Deutsche Blockbuster sind gut fürs deutsche Kino. Bora Dagtekin hatte mit dem Schul-Ding einfach eine Hammer-Idee.

Ganz neu ist der Paukerfilm eigentlich nicht. Mit Uschi Glas knüpft Dagtekin sogar an die alte Reihe an.
Aber Bora hat das sehr gut für heute umgesetzt. Er ist einfach sehr gut, was Komik, junge Leute und Jugendslang angeht. Um die Frage anders zu beantworten: Manchmal wünsche ich mir in Cannes, dass es unter allen Regisseuren ein Kantinengefühl gäbe. Und dass Alfonso Cuarón neben einem säße und sagt: „Coolen Film habt ihr da gemacht. Der bleibt.“

Ich sehe Sie immer wieder in Shows von Joko und Klaas, wo sie sich betrinken und Studiogästen die Lippen aufspritzen oder die Wohnung verwüsten. Sind das Ausbruchsversuche aus der FSK-12-Unterhaltung?
Joko ist für mich das, was Jimmy Fallon für Justin Timberlake ist. Joko ist einer meiner engsten Freunde, wir kennen uns aus der Zeit, als wir noch nicht erfolgreich waren. Wir haben in der Boxhagener Straße nebeneinander gewohnt. Kennengelernt habe ich Joko, als er versucht hat, meiner Freundin die Couch hochzutragen. Da habe ich mich gefragt, wer ist dieser Typ?

Und ihm aus Eifersucht erstmal eins auf die Nase gegeben.
In Wahrheit haben wir am nächsten Tag bei ihm einen Wein getrunken, aber Ihre Version wäre viel interessanter gewesen. Schreiben Sie das. Ich habe ihn verprügelt.

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