Arbeitstier : Joe Bausch: Gefängnisarzt und «Tatort»-Pathologe

Nach 32 Jahren als Gefängnisarzt geht Joe Bausch Ende des Monats in Rente.
Nach 32 Jahren als Gefängnisarzt geht Joe Bausch Ende des Monats in Rente.

Das Fernsehpublikum kennt ihn als «Tatort»-Pathologen von Köln, im wirklichen Leben hat er Schwerverbrecher behandelt. Mit 65 Jahren endet nun seine Karriere als Anstaltsarzt. Zu Besuch bei einem Unruhegeist.

svz.de von
25. November 2018, 10:34 Uhr

Vom Küchenfenster blickt Joe Bausch auf mehr als sechs Meter hohe Anstaltsmauern. Dahinter erhebt sich die Justizvollzugsanstalt Werl - Bauschs Arbeitsplatz.

Ende des Monats geht Deutschlands wohl bekanntester Gefängnisarzt, der mit vollem Namen Hermann Joseph Bausch-Hölterhoff heißt, nach 32 Jahren in Pension. Was dann kommt? Jedenfalls kein Ruhestand.

Dass sein tiefgefurchtes Gesicht und der haarlose Schädel so bekannt sind, verdankt Bausch seinem anderen beruflichen Leben: Der Schauspieler mimt seit 1997 den Pathologen im Kölner «Tatort» an der Seite der Ermittler Max Ballauf (Klaus J. Behrendt) und Freddy Schenk (Dietmar Bär).

Was auf den ersten Blick wie zwei völlig unterschiedliche berufliche Standbeine scheint, gehört für den 65-Jährigen untrennbar zusammen: «Wenn du keine Lust hast, Menschen genau zu beobachten, kannst du sie weder spielen, noch bist du ihnen ein guter Arzt», sagt Bausch, der schon im Gespräch meist mehrere Dinge gleichzeitig tut: Er raucht, telefoniert, bewirtet seine Gäste mit Kaffee, räumt Unterlagen für die Moderation eines Ärztekongresses beiseite, während er über sein Leben berichtet.

Beide Berufe seien für ihn stets mehr gewesen als Broterwerb. Ursprünglich habe es ihn zum Theater gezogen, ihn den «Bauernbub aus dem Westerwald». Dass er dann doch auf den Mediziner-Job setzte, mag auch an dem Leistungsprinzip gelegen haben, was er schon früh aufsog: «Wer etwas leistet, wird wertgeschätzt. Das lernst du als ältester Sohn auf einem Bauernhof schnell.» Es reicht ein Nachmittag, um zu ahnen: Joe Bausch ist ein Arbeitstier, ein Unruhegeist.

Schon die Studienjahre klingen rastlos: Er schmeißt so manches Studienfach, arbeitet beim WDR in Köln, steht auf der Stadttheaterbühne in Marburg, wo er auch eine florierende Kneipe führt. Schließlich landet er bei der Medizin und im Ruhrgebiet. «Ich musste meinen Eltern ja auch irgendwann mal etwas Solides präsentieren», sagt er.

Er hängte sich rein - ohne die Schauspielerei bleiben zu lassen. Anfang der 1980er Jahre war er ein Gesicht des umtriebigen «Theaterpathologischen Instituts», einer Gruppe, die mit freizügigen Stücken im Revier für Furore sorgte. Noch heute glühen Bauschs Augen, wenn er davon erzählt, wie er dort «obsessives Zeug» machte. Dabei hätte ihn sein Engagement für das Theaterprojekt fast die Anstellung im Strafvollzug gekostet: Der Chef des Justizkrankenhauses habe davon abgeraten, ihn einzustellen. «Zu nah an der Klientel», habe es geheißen.

Heute ist der Mann, der im fiktionalen Leben Mörder jagt und im echten behandelt, zu einem Aushängeschild des Strafvollzugs geworden: Joe Bausch hat in Büchern, Fernsehsendungen und Interviews darüber berichtet, wie es zugeht hinter Gittern. Seine Karriere spiegelt auch ein Stück Justizgeschichte. Gemeinsam mit Kollegen habe er Ende der 1980er Jahre auch einen Wandel in der Anstaltsmedizin angestoßen und miterlebt: Von der autoritären Knastmedizin hin zu einer ordentlichen Medizin im humanen Strafvollzug. «Ich bin zwar der Anstaltsarzt, aber ich habe das immer so gehalten, als wäre das meine Praxis.» Ob Mutter Theresa oder ein Serienmörder vor ihm sitze, sei erst mal egal.

Im Justizkrankenhaus von Fröndenberg, wo er sich weiterbilden ließ, musste er mit RAF-Terroristinnen im Hungerstreik umgehen. Im Hochsicherheitsgefängnis von Werl behandelte Geiselnehmer, Kindervergewaltiger, Mehrfachmörder. «Man darf nicht nachtragend sein», sagt er. Ein weißer Kittel sei im Knast noch längst kein Garant für Bewunderung. Oft sei er beschimpft, angezeigt, bedroht worden. Angst habe ihm das nie gemacht. «Ich hasse es, wenn man versucht mir Angst zu machen. Also habe ich das auch nie zugelassen».

Dass ihm Manches unter die Haut ging, verhehlt er nicht. Die tragischen Schicksale einiger Knastgestalten sind Grundlage seines bereits zweiten, gerade erschienenen Buches. In «Gangsterblues» erzählt er die Geschichten von alternden Kriminellen, von Todkranken hinter Gittern, von Rache, rauem Ton und Respekt.

«Vielleicht habe ich vieles auch nur deshalb so gut ausgehalten, weil ich die Perspektive des Theater- und Filmmenschen eingenommen habe. Da suchst du diese Geschichten des Scheiterns ja geradezu», sagt der Mediziner. Der Schauspieler ergänzt: «Ich hatte immer auch einen Beruf, der mich geerdet hat, hatte mein Auskommen, musste niemandem für eine Rolle in den Arsch kriechen.»

Nebenbei hat Bausch Kunst gesammelt, sich mit seinen «Tatort»-Kollegen für Straßenkinder auf den Philippinen eingesetzt, Rollen in «Schimanski», «Der Fahnder» oder «Auf Achse» übernommen. Zeit für Urlaub oder Hobbys: Fehlanzeige. Deshalb sei die Pensionierung auch nur eine Art schleichende Entwöhnung für ihn: «Ich muss nicht mehr drei Dinge nebeneinander her machen, sondern nur noch zwei», sagt er und zündet sich noch eine Zigarette an.

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