Harry Aberle ist der Schlangenflüsterer : „Jeder Tag kann mein letzter sein“

Harry Aberle mit einer giftigen Brillenschlange
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Harry Aberle mit einer giftigen Brillenschlange

Harry Aberle ist Herr über die gefährlichsten Tiere im Stuttgarter Zoo

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10. August 2016, 08:00 Uhr

Es geht blitzschnell. Flugs hat Harry Aberle der Brillenschlange die Schlinge um den Hals gezogen. Mit einem Haken in der anderen Hand hält er die extrem giftige Kobraart abgeklärt auf Distanz. „Wir haben ordentlich Respekt“, sagt der 58 Jahre alte Tierpfleger im Stuttgarter Zoo Wilhelma. „Das ist auch gut so.“ Jeden Tag. Bei jedem Griff in eines der Terrarien. Bei jeder Behandlung der gefährlichen Reptilien. Heute muss er Hautreste von den Augen der Schlange entfernen. Der Biss der Kobra kann tödlich sein.

„Jeder Tag kann mein letzter sein“, sagt Aberle trocken. Der Routinier ist Herr über die Stuttgarter Schlangen. Und über die ebenfalls extrem gefährlichen Leistenkrokodile. „Man muss schon voll bei Sinnen sein“, sagt Aberle über seinen Umgang mit den Exoten. Muss er etwa ein Krokodil mit Lasso eingefangen, baut er gerne auf drei oder sogar vier erfahrene Kollegen. Und bei Arbeiten im Terrarium schaut er lieber dreimal mehr aufs Laub, ob sich da nicht eine Gabunviper versteckt. „Das sind die Giftigsten überhaupt.“ Gefüttert werden die Schlangen nur alle 14 Tage. Unter Ausschluss der Öffentlichkeit werden dafür die Terrarien geöffnet. Das Menü: eine tote Ratte.

Wie mutig muss man für so einen Beruf sein? Erfahrung ist wichtig, betont Aberle, der seit gut 40 Jahren in der Wilhelma mit gefährlichen Tieren arbeitet. Schon als Kind hätten ihn die Reptilien fasziniert. Seine Urlaube verbringt er von jeher in ihrer Heimat: Sumatra, Borneo, Sri Lanka – er kennt die Umgebung, in die seine Klienten eigentlich gehören.

Einmal ist er von einer Schlange gebissen worden. „Durch den Sack durch“, den er zum Schutz über den Arm hatte. Es war bei einem Polizeieinsatz, zu dem er als Experte gerufen wurde. Die Beamten hatten eine Kobra gefunden. „Es war zum Glück ein kurzer, trockener Biss“, erzählt Aberle. Heißt: Es wurde noch kein Gift injiziert. Trockene Bisse setzen die Schlangen als Abschreckung beim Angriff ein. Gift fließt erst, um das Beutetiere unschädlich zu machen.

„Toi, toi, toi“ sei die Wilhelma bisher von größeren Unfällen von Pflegern mit gefährlichen Tieren verschont geblieben, berichtet Sprecher Harald Knitter. Vorschriften würden stets aktualisiert. So gibt es jetzt eine für Schmuck, weil Affen gerne danach greifen und reißen. Rund zwei Drittel der Kollegen arbeiten mit gefährlichen oder sogar besonders gefährlichen Tieren. Für jeden Arbeitsplatz gibt es eine Gefährdungsbeurteilung und Vorschriften – wobei auch Ameisenbären, Großpapageien, Greifvögel und Seeanemonen als gefährlich gelten, weil sie kratzen, beißen oder nesseln können.

Volker Scholl, Aberles Kollege und Herr der Elefanten, kennt natürlich jene schreckliche Geschichte vom Juni 2015 aus Buchen im Odenwald, als eine ausgerissene Elefantenkuh einen Spaziergänger tötete. Zella und Pama – das sind seine beiden vier Tonnen schweren, indischen Elefanten – merke er an, wenn sie „mal schlecht drauf“ sind, sagt der 58-Jährige. „Einem Elefanten passiert nichts versehentlich.“ Meist gebe es irgendeinen Grund für Aggressivität. „Wir können das erkennen. Lassen sie dann in Ruhe oder versuchen, etwas an der Situation zu ändern.“

Anders sei das bei den Nashörnern nebenan, die bei Weitem nicht so intelligent seien. Dadurch seien sie auch schlechter einzuschätzen. Von Natur aus sind sie „viel cholerischer“ als Elefanten, wie Scholl berichtet, weshalb es die Pfleger tunlichst vermeiden, mit ihnen im gleichen Raum zu sein. Direkter Kontakt mit den zwei Tonnen schweren Tieren ist nicht vorgesehen.

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