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Leute

13. Dezember 2017 | 12:20 Uhr

Leute : Jazz, Soul, Sinatra

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

WOCHENEND-INTERVIEW: Roger Cicero spricht über seine Wurzeln und über Casting-Shows

Derzeit fährt Roger Cicero zweigleisig. Einerseits genießt er die musikalische Freiheit mit seiner dreiköpfigen Combo Jazz Experience, andererseits widmet er einem großen Idol ein Programm: Frank Sinatra.

Von Ihrem neuen Album „Jazz Experience“ heißt es, es sei eine Rückkehr zum Jazz. Wie hat es sich denn angefühlt, nach Hause zu kommen?

(lacht) Heimkehr oder Rückkehr würde ja voraussetzen, dass man sich von etwas entfernt oder abgewendet hat. Das empfinde ich nicht so. Ich habe mich nie abgewendet.

Etwas Neues machen Sie trotzdem: Auf die Big Band folgt nun das Trio. Wie ist es, in dieser kleinen Besetzung zu musizieren?

Man hat eine große Freiheit in der Umsetzung, die ich sehr genieße. Gerade in dieser Band ist es etwas Besonderes, weil wir uns viele Freiheiten zugestehen und herausnehmen. Deshalb ist jeder Abend, jedes Konzert ein sehr einzigartiges Unterfangen. Das schätze ich sehr.

Welche Rolle spielt da die CD: Ist das eine Selbstvergewisserung, spielen wirtschaftliche Erwägungen eine Rolle?

Wir sind mit der Jazz Experience seit zwei Jahren unterwegs und spielen Konzerte. Da war es uns jetzt ein Bedürfnis, auf CD festzuhalten, was wir uns erspielt haben. Eine CD ist ja immer eine Momentaufnahme, die Momentaufnahme eines Repertoires, das wir die ganze Zeit gespielt haben und das gewachsen ist. Für die CD sind wir dann natürlich noch mal ganz anders rangegangen. Jazz Experience ist eine Live-Band, und wir spielen vieles jeden Abend anders und lassen uns da sehr, sehr, sehr von der Inspiration treiben. Aber es macht nicht viel Sinn, das Live-Programm eins zu eins auf CD zu bannen. Allein schon die Stücklängen sind ja gigantisch; da passen dann nur drei Stücke aufs Album. Deswegen haben wir uns bemüht, eine Quintessenz des Programms aufs Band zu bekommen.

Kommen wir noch einmal auf den Begriff der musikalischen Heimat zurück . . .

. . . es sind meine Wurzeln. Das ist es.

Beim Album „Artgerecht“ war auch schon die Rede von der Rückkehr zu den Wurzeln, nämlich zum Soul. Wie würden Sie denn Ihre musikalische Heimat umreißen?

Soul und Jazz sind meine tiefsten Wurzeln. Das sind die beiden Musikrichtungen, mit denen ich mich in meinem Leben am intensivsten befasst habe und die ich gefühlt schon immer praktiziert habe.

Und dann gibt es noch eine dritte Wurzel: die Musik von Frank Sinatra. Dem widmen Sie nun, parallel zur Jazz Experience, ein Tribut-Programm anlässlich des 100. Geburtstags. Nun kann man über Ihre Stimme vieles sagen, aber sie hat keine Ähnlichkeiten mit der von Frank Sinatra. Schlüpfen Sie da nicht in sehr große Schuhe?

(lacht) Um ein Sinatra-Programm zu bringen, heißt die Grundvoraussetzung in keinster Weise, dass die Stimme der von Sinatra ähnelt. Es heißt ja nicht „Sinatra-Lookalike- oder -Hearalike-Contest“, sondern das Programm heißt „Cicero sings Sinatra“. Das ist das, was ich tue: Ich singe Titel von Sinatra – die er natürlich geprägt hat. Aber ich versuche das auf meine eigene Art und Weise zu tun. Ich singe mit meiner Stimme und meiner Band; die Stücke wurden neu arrangiert, und bei vielen Arrangements wurden komplett neue Ansätze eingearbeitet. Man muss nicht wie Sinatra klingen, um das zu tun, was ich da mache.

So wie Bob Dylan ja auch Sinatra-Songs gesungen hat.

Zum Beispiel. Und da sind die Unterschiede der Stimmen noch viel ausgeprägter.

Ihr Vater Eugen Cicero ist Rumäne und Anfang der 60er nach einem Besuch in Westberlin nicht mehr zurückgekehrt. Reichen Ihre Wurzeln bis nach Rumänien zurück?

Höchstens welche, die ich nicht spüre. Ich bin in Berlin aufgewachsen, und bis auf das bis zu seinem Tod sehr eigenwillige Deutsch meines Vaters gab es da nichts, was mich hätte prägen können.

Sie haben also auch keinen Kontakt zu irgendwelchen Verwandten?

Nein. Mein Vater hat auch mit Absicht vermieden, mich zweisprachig zu erziehen. Ich spreche daher leider auch kein Rumänisch – ich bedauere das – und habe zu den sehr, sehr verästelten Familienzweigen keinen Kontakt.

Wie hat Ihr Vater Sie denn musikalisch beeinflusst?

Ganz maßgeblich! Einerseits durch sein Handeln. Aber er hat mir unglaublich viele Sachen vorgespielt, zum Beispiel auf langen Autofahrten. Ich war mal mit meinem Vater in Rumänien. Wir sind da mit dem Auto hingefahren, und da gab es keine Möglichkeiten, sich zu entertainen. Das Einzige, was wir hatten, war der Kassettenrekorder und unzählige Mixed-Tapes, die meisten von meinem Vater. Er hat ausgewählt – wenn ich mit meinem Sohn fahre, ist das umgekehrt: Da wählt der Sohn, was wir hören.

Was haben Sie da gehört?

Sehr viele Pianisten. Sehr viel Erroll Garner, sehr viel Oscar Peterson, aber auch einige klassische Pianisten, die mein Vater sehr geschätzt hat. Aber das Tollste war, dass er mich voller Begeisterung und Euphorie auf Sachen aufmerksam gemacht hat, die er besonders großartig fand. Da habe ich sehr viel gelernt, weil ich auf Details aufmerksam gemacht wurde, die mir sonst entgangen wären. So gesehen, war der Einfluss meines Vaters sehr groß. Das war kein Musikunterricht, sondern wir haben gemeinsam gehört, und er hat aus seiner Begeisterung heraus gesagt: „Ah, das ist toll, hör das“ – diese pure Begeisterung war sehr ansteckend.

Mit Ihrem Vater verbindet Sie auch der Umstand, dass Sie keine Angst vor der Nähe zu Pop haben, keine Angst, musikalisch zu unterhalten.

Nein, habe ich nicht. Mein Vater hatte ja keine Nähe zu Pop, bei ihm war die Schnittmenge zwischen U und E die Klassik und der Jazz, und bei mir sind es Pop und Jazz. Ich bin ähnliche Wege gegangen, aber mit etwas anderen Musikstilen.

Wäre es für Sie ein Traum, mal, wie Ihr Vater, bei MPS aufzunehmen, dem legendären Jazzlabel aus dem Schwarzwald?

Gibt’s die noch?

Ja, erst kürzlich ist eine Box mit Oscar-Peterson-Aufnahmen herausgekommen. Ihr Vater hat beim Edellabel MPS aufgenommen. Ist die Arbeit mit einem vergleichbaren Jazz-Label erstrebenswert?

Nicht per se. Das ist heute nicht mehr wie früher. Früher hatte das eine ganz andere Bedeutung, wenn man bei so einem Label erschienen ist. Das ist etwas verwässert. Es ist heute für eine Karriere auch nicht mehr ganz so wichtig, bei Blue Note eine Platte herauszubringen.

Sie hatten Ihren Durchbruch der Teilnahme am Eurovision Song Contest zu verdanken.

Nö, kann man so nicht sagen. Mein Album war auch davor schon sehr erfolgreich. Ich war zwar noch ein sogenannter Geheimtipp, aber vor der Teilnahme am Vorentscheid hatte mein Album schon Gold erzielt. Das war bereits der Durchbruch.

Würden Sie das ganze Prozedere noch einmal über sich ergehen lassen?

Das würde ich noch mal machen. Klar!


Nun hat sich seit 2007, seit Ihrer Teilnahme am ESC, das Musikbusiness gewandelt: Casting-Shows sind aus dem Boden geschossen. Würden Sie dem Nachwuchs empfehlen, daran teilzunehmen?

Es kommt darauf an, was man damit erreichen will. Der Effekt einer solchen Casting-Show auf die Karriere ist überschaubar. Andererseits gibt es auch keine Garantie, dass man eine lange Karriere starten kann, weil man nicht an einer Castingshow teilgenommen hat. Der Weg zum Musikerberuf ist schwierig, und es gibt keinen Königsweg. Wenn man sich darauf einlässt, sollte man sich vorher fragen, ob das, was man da tut, wirklich die Passion und die Leidenschaft ist. Der Weg kann sehr, sehr lang sein – bei mir hat es auch lang gedauert. Die Frage nach Casting-Shows stellte sich mir allerdings nicht, weil es keine gab, als ich noch nicht bekannt war. Wahrscheinlich wäre ich auch hingerannt, muss ich jetzt mal zugeben. Wenn das damals aufgepoppt wäre, hätte ich das unter Umständen als Chance wahrgenommen. Heute weiß man’s besser! Man weiß ja, dass man eine Weile im Fernsehen ist und durchaus vorweisbare Erfolge erzielen kann. Aber sobald so ein Contest vorbei ist, ist es meistens vorbei, selbst für die Sieger. Die Sieger der ersten Staffeln von Castingshows bleiben vielleicht in Erinnerung. Es ist halt, was es ist: Bestimmt eine große Sause, aber kein Garant für den Erfolg. Das war mit dem ESC ja auch so: Ich bin da hin, bin 19. geworden. Für meine internationale Karriere hat das keinen Effekt gehabt, aber für meine deutsche sehr wohl: Die Empörung über den 19. Platz war so groß, dass ich in aller Munde war. Das hat mir sehr geholfen. Das kann bei einer Casting-Show auch so sein. Man muss nur wissen, worauf man sich einlässt.

Die Trennung von Ihrer Lebensgefährtin war letztes Jahr Thema in den Medien. Ist das der Preis für Ihre Popularität, oder werden da auch unzulässige Grenzen überschritten?

Das ist auf jeden Fall der Preis. Die Berichterstattung über die Trennung habe ich allerdings stark gelenkt. Ich bin damit erst eine Weile danach an die Öffentlichkeit gegangen. Man kann also schon wählen, wie man das gestaltet. In diesem Fall haben wir uns die Zeit gegeben, erst dann an die Öffentlichkeit zu gehen, bis wir beide in einer neuen Routine gelandet waren.

 

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