Wochenend-Interview: Till Brönner : Jazz ist eine Therapieform

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Till Brönner

Trompeter Till Brönner und seine Leidenschaften – Musik, Fotografieren, Kochen.

svz.de von
13. Mai 2017, 16:00 Uhr

Trompeter Till Brönner ist viel unterwegs: zwei Wohnsitze, Konzerte auf der ganzen Welt. Trotzdem spricht er gern und ausführlich über seine Leidenschaften: Jazz, Fotografieren, Kochen.

Herr Brönner, ein Wohnsitz in Berlin, einer in Los Angeles – hat das Ihr Leben ruhiger oder aufwendiger gemacht?
Das hat es natürlich aufwendiger gemacht. Es ist eine Herausforderung, diese beiden Kulturen übereinanderzubekommen. New York ist ja immer noch eine Art direkter Nachbar Europas, auch wenn ein Ozean dazwischenliegt. Los Angeles hingegen ist so weit weg; das hat nichts mehr miteinander zu tun. Man fragt in L.A. nicht nach Deutschland.

Die Jazzstadt ist nach wie vor New York. Warum haben Sie sich trotzdem für Los Angeles entschieden?
Vor einer Weile setzte eine Bewegung ein, die viele Künstler nach L.A. gezogen hat. Mittlerweile hat sich dort eine sehr kreative und rege Jazzszene eingefunden. Das gilt auch für andere Künste; alle sind sehr eng vernetzt und bewegen sich auf hohem Niveau: Fotografen, bildende Künstler. Der Film ist natürlich auch in der Stadt – damit wachsen die Beschäftigungsmöglichkeiten. Man trifft sehr schnell Menschen, wird für den nächsten Tag zur nächsten Party eingeladen, führt bereits neue Gespräche.

Was hat Sie überhaupt bewogen, dorthin zu ziehen?
Seit 2006 produziere ich dort meine Platten. Ich habe also immer wieder sehr viel Zeit dort verbracht. Irgendwann habe ich gemerkt, dass die Menschen, die dort leben, sehr inspirierend für mich sind. Man kann dort sehr gesund leben, wird fast dazu gezwungen: die vielen Frauen und Männer, die Yoga machen – das färbt schon ab; man kann sehr gut entspannen. Trotzdem muss man arbeiten! Sonst merkst du sofort: Ich habe gar keinen Grund, hier zu sein. L.A. ist keine Urlaubsstadt.

In jungen Jahren haben Sie gekellnert wie viele. Was haben Sie danach anders gemacht als Ihre Kollegen im Bundesjugend Jazz Orchester oder in der RIAS Big Band?
Letztlich war es die Kombination aus meinem unbedingten Willen und ein bisschen Glück. Ich war schon frühzeitig in der glücklichen Lage, von Leuten gefördert zu werden, zum Beispiel von Horst Jankowski und all den Leuten, die mir schon mit zwanzig die Chance gaben, mich auf einer großen Bühne zu zeigen. In der Zeit wurde der Gedanke geboren, meine erste CD zu machen, und da bin ich sehr kompromisslos vorgegangen. Viele Jazz-Experten haben diese Kompromisslosigkeit allerdings als eine Art Ausverkauf interpretiert. Dabei habe ich einfach nur gemacht, worauf ich Lust hatte. Das war schon falsch – aus deren Sicht. Für mich hat sich das aber amortisiert: Ich wurde in der Zeit zwei- oder dreimal von Roger Willemsen eingeladen, bei dem freitagabends im ZDF die Zielgruppe pur einschaltete. Damit wurde ich den Leuten ein Begriff. Das geht heute nicht mehr, selbst wenn man es wollte. Heute müssen sich junge Jazzmusiker fragen, wo sie überhaupt noch eine Plattform bekommen.

Was sagen Sie nun Ihren Studierenden in Dresden, wenn Sie über deren berufliche Zukunft sprechen?
Hat jemand Substanz, echte Substanz, dann merkt man das sofort. In ein, zwei Fällen ist es mir gelungen, Studenten zu einem Plattenvertrag zu verhelfen. Wichtig ist jedenfalls Wiedererkennbarkeit: sei es in der Unverwechselbarkeit des Stils, sei es in der Virtuosität, sei es eine Frau, die etwas macht, was eigentlich nur von einem Mann kommt. Es gibt ein paar Dinge, die lassen sich öffentlichkeitswirksam an den Mann bringen. Viele Musiker sind respektabel, aber aus irgendeinem Grund fehlt die Story dazu. Ich versuche, meinen Studenten schon mal auf den Zahn zu fühlen, ob sie eine Story zu ihrem Projekt haben, einen Beweggrund, der über das „ich habe mal gemacht“ hinausgeht. Die Leute müssen strategische Aspekte stärker denn je mit einfließen lassen.


Gibt es noch Jazzmusiker, die Neues machen?
Es gibt immer wieder Musiker, die hochinteressante Sachen machen. Aber richtig Neues – das wird schwer. Mir geht es aber gar nicht mehr so sehr um die Frage, ob etwas neu ist, als vielmehr darum, ob etwas wiedererkennbar ist. Wenn ich länger als einen Sekundenbruchteil brauche, um herauszuhören, dass es sich beispielsweise um die junge deutsche Pianistin Julia Kadel handelt – dann habe entweder ich oder die Künstlerin ein Problem. Wiedererkennbarkeit ist das Bahnbrechende von heute; wir müssen anders klingen als das, was um uns herum passiert. Es gibt Gott sei Dank unglaublich viele gute deutsche Jazzmusiker. Auf den Pianisten Pablo Held können wir so stolz sein. Hubert Nuss, auch ein Weltklasse-Pianist, oder Florian Weber, Julian Wasserfuhr, der Trompeter – daran scheitert es auf keinen Fall.

Vor hundert Jahren wurde die erste Jazzplatte eingespielt – von der weißen Original Dixiland Jass Band. Deren Trompeter Nick LaRocca wird mit ziemlich bösen Sätzen über schwarze Musiker zitiert. Ist Jazz eine politische Kunst?
Natürlich ist sie das. Jazz ist aus politischen Gründen und viel Leid entstanden: In dieser Musik wurden damals wie heute Missstände verhandelt. Es ist, wenn man so möchte, eine Therapieform gewesen, und letztlich ist Jazz Kommunikation. Das hat er auch immer wieder bewiesen, in jeder Dekade aufs Neue. In den 50ern war das weniger interessant als in den 60ern.

Mit Freejazz und Fusion?
Der Freejazz der 60er war auf eine Art die höchste Weihe: Sich von den letzten Gesetzen zu lösen und ganz frei zu spielen. Jazzrock war dann eine erste Fusion. Man muss trennen zwischen Stilrichtungen, die sehr eigen sind, und den Fusionen – die ja auch so heißen. Die politisch interessanteste Zeit für den Jazz, waren die frühen 40er Jahre...

Warum?
Die unorthodoxe Art des Bebop hat Jazz erstmals zu einer Kunstform weg vom größeren Publikum erhoben. Er trennte die brauchbaren von den wirklich ausgezeichneten Musikern. Später kamen die 60er Jahre, in denen die wichtigen Avantgarde-Platten aufgenommen worden sind. Da sind die Deutschen ganz vorne mit dabei; die Überpräsenz amerikanischer Musiker nach dem Krieg in Deutschland mündete in eine Umorientierung in Richtung freie Musik, und da waren Albert Mangelsdorff und Heinz Sauer ganz vorne mit dabei. Also erneut sehr politisch.

Wie drückt sich dieses politische Moment denn aus?
Musik bewusst nicht mehr zur reinen Unterhaltung zu spielen, sondern um ihrer selbst willen. Auf der Bühne Freiheit anzumahnen, die uns im Leben abhandenzukommen droht. Das ist eine politische Dimension. Natürlich ist Freiheit ein Begriff, der beispielsweise in totalitären Regimen eine ganz andere Bedeutung hat. Deswegen sind Musiker wie Günter „Baby“ Sommer und andere ehemalige DDR-Musiker aus heutiger Sicht viel länger mit einem Auftrag durch die Welt gereist als wir im Westen. Jazz ist eine Musik, die Freiheit ausstrahlt, und das haben Diktatoren stets gemerkt.

Ihr aktuelles Album „The Good Life“ swingt sehr locker und cool. Aber sobald Sie anfangen zu singen, setzt es Schelte von Jazzkritikern und -kennern.
Natürlich.

Wie gehen Sie damit um?
Mittlerweile sehr gelassen. Ich bin ja selbst mein stärkster Kritiker, und ich merke sehr genau, welche Kritik angebracht ist und welche nicht. Meinen Gesang finde ich nicht besonders signifikant oder besonders gut. Deshalb ist das Verhältnis zwischen Gesang und instrumentaler Performance ungefähr 20 zu 80 im Konzert.

Neben dem Jazz ist Ihnen die Fotografie ganz wichtig geworden. Wie haben Sie das für sich entdeckt?
Ich kann bis heute noch nicht so ganz fassen, wie das in mein Leben gekommen ist. Ich bin ja nun oft genug fotografiert worden und hätte bei der Gelegenheit locker sagen können, ich möchte da mal selber reinriechen. Aber das hat mich nie interessiert, auch bei den tollsten Fotografen: „Vielen Dank, war toll, schön, dass du nicht so viel Zeit gebraucht hast“, und dann bin ich gegangen. Irgendwann hat mir ein deutscher Kamerahersteller eine Kamera leihweise in die Hand gedrückt und hat gesagt, hier, probier die mal aus. Die war klein, und da ich durch die vielen Reisen meinem Haupthobby, dem Kochen, nicht mehr nachgehen konnte, habe ich die Fotografie entdeckt. Das kann man so schön auf Tournee bearbeiten und die Zeit effektiv nutzen.

Und wann kommen Sie noch zum Kochen?
Mittlerweile wieder ein bisschen häufiger, weil ich mir die Zeit nehme. Das ist ja etwas, was man nicht verlernt. Ich glaube, man kann kochen, wenn man als Kind selbst bekocht wurde. Meine Mutter hat, als wir die ersten fünf Jahre in Italien gelebt haben, den Leuten um sich herum viel abgeguckt, und ich habe profitiert.

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