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Interview Franka Potente : „Ich war nie weg“

vom
Aus der Onlineredaktion

Nach etlichen US-Serien dreht Franka Potente wieder für die ARD

Seit Jahren lebt und dreht Franka Potente in den USA. Nach zwei „Bourne“-Filmen hat sie sich mit „Copper“ und „The Bridge“ im Bereich der Qualitätsserien etabliert. Demnächst ist sie in „Taboo“ zu sehen, einer BBC-Miniserie von und mit Tom Hardy. Für zwei Island-Krimis (27. Oktober und 3. November, ARD) hat die 42-Jährige wieder eine Stippvisite nach Europa gemacht.

Das Presseheft zum Island-Krimi nennt ihre Rolle „Comeback im deutschen Fernsehen“. Würden Sie es auch so ausdrücken?

Nein. Man fragt ja automatisch: Wo war ich denn vorher? Ich habe zwei Kinder bekommen und mich um sie gekümmert. Und ich habe in anderen Ländern gedreht. Die Sachen sind auch im deutschen Fernsehen gelaufen. Ich war also nie weg.

Zu Ihren ersten Wortmeldungen vor den Krimis gehört ein Interview mit der „Gala“. Das Blatt jubelt: „Erstmals spricht sie über ihr Familienleben!"

O Gott. Das habe ich noch gar nicht gesehen. Habe ich mit der „Gala“ überhaupt gesprochen?

Offenbar. Und gesagt haben Sie: „Die Geburt, die ersten Jahre, in denen man kaum zur Ruhe kommt – das war schon hart. Das sagt einem ja vorher keiner."

Stimmt ja auch. Ich habe das mal mit Ihrem Werkverzeichnis abgeglichen: Nach der Geburt Ihrer Töchter haben Sie zwei Staffeln „Copper“ gedreht, eine Staffel „The Bridge“, Episodenauftritte in zwei weiteren Serien absolviert – und einen Roman geschrieben. Deutlich mehr, als ich mit zwei Kindern schaffe. Ein bisschen was habe ich also doch erledigt.

Wann haben Sie denn den Roman geschrieben? Nachts?

Immer wenn es gerade ging. Aber es war schon hart. Polly war schon auf der Welt, mit Georgie war ich schwanger, und wir haben die zweite Staffel „Copper“ gedreht. Ich bin ein Deadline-Typ. Wenn etwas zu einem bestimmten Zeitpunkt fertig werden muss, bin ich sehr strukturiert und schließe es eine Woche vorher ab. Mittlerweile habe ich beim Schreiben auch genug Routine, um weiterzuarbeiten, wenn die Kinder mit am Tisch sitzen. Es ist nicht ideal, aber die beiden sind ja auch mal im Kindergarten. Wie jeder will ich alles haben: den Mann, die Family, die Kids, und gleichzeitig noch kreativ sein.

Bei den Island-Krimis gelingt die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, weil Sie zusammen mit Ihrem Mann drehen. War das Ihre Bedingung oder eine Idee aus dem Casting?

Man sollte wirklich direkt so in die Verhandlungen gehen. Aber natürlich geht das nicht. Für die Rolle von Derek war zuerst ein anderer Schauspieler besetzt, der dann Verpflichtungen am Theater hatte. Durch mich war Derek am Set schon bekannt, gedreht haben wir ohnehin auf Englisch – es lag also nahe, ihn zu nehmen.

Das Thema „regretting motherhood“ haben Sie klugerweise schon vor der Familiengründung abgehandelt – in Ihrer Erzählung „Das Monster“. Da geht es um eine Frau, die nicht eingreift, als ihr Kind vom Balkon zu stürzen droht.

Genau, eine Japanerin. Die Geschichten aus dem Erzählungsband spielen alle in Japan und verarbeiten Dinge, die ich auf Reisen erlebt habe. Die der Mutter hat auch einen realen Hintergrund.

Wovor haben Sie mehr Angst: dass Ihre Töchter irgendwann diese Erzählung in die Finger kriegen oder dass sie Ihren Auftritt in „American Horror Story“ sehen?

Wir sind relativ streng, was Fernsehen angeht. Die beiden wollen immerzu Sendungen gucken, die wir alle rigoros verbieten. Ich bin selbst so aufgewachsen. Polly und Georgie sind aber sowieso noch in einem Alter, in dem sie sich wenig dafür interessieren, was ihre Eltern machen – solange wir genug Essen und Aufmerksamkeit für sie bereithalten.

Greifen Sie beim Schreiben und Spielen auf dasselbe Handwerkszeug zurück? Improvisieren Sie am Schreibtisch? Recherchieren Sie fürs Kino?

Im Moment schreibe ich lieber; ich glaube, ich bin gerade in so einer „transition“ drin. 20 Jahre lang habe ich jetzt gespielt. So langsam würde ich gerne in Richtung Schreiben, Produktion, Regie wechseln. Das ist ein Prozess, und man muss daran arbeiten. Schreiben – das mache ich inzwischen kontinuierlich. Mit Derek und ein paar Freunden drehe ich im November den nächsten Kurzfilm, einen 20-Minüter. Wenn ein Auftrag zum Drehen reinkommt, läuft das so mit. Schreiben hat natürlich viele Vorteile, das kann man von zu Hause aus machen. Oder am Set: Als ich in England gedreht habe und wegen des Wetters Termine verschoben wurden, hatte ich immer den Laptop dabei.

Was sind die Momente am Set, in denen Sie sich nach dem Schreiben sehnen?

Ich bin als Mutter ungeduldiger geworden. Ich kann nicht mehr gut damit umgehen, einfach so rumzustehen. Zu Hause will immer einer irgendwas, und wenn die Kollegen am Set dann die Dinge zerreden, statt mir was zu tun zu geben, werde ich unruhig. Früher war ich bestimmt selbst so, aber heute ertrage ich Gelaber nicht mehr.

In ihren Büchern erzählen Sie von Japanern und Amerikanern. Im ARD-Krimi spielen Sie jetzt unter isländischen Schauspielerin eine Isländerin. Sie lieben offenbar die Annäherung ans Fremde.

In den Büchern hat man dabei allerdings eine viel größere Kontrolle – und kann auf das Allgemeingültige abheben, an das man selbst anknüpfen kann. Beim Drehen habe ich mich unter den Muttersprachlern verletzlich gefühlt. Ich bin ja darauf angewiesen, dass sie mich als eine der Ihren annehmen. In dem Kauderwelsch, das wir da gesprochen haben, hat sich meine Angst aber schnell verflüchtigt.

Gibt’s von den Island-Krimis eine unsynchronisierte Originalfassung für die Mediathek?

Das geht nicht, im Original hat jeder anders gesprochen. Wir haben schon auf die Synchronisierung hin gedreht.

Warum war die Isländerin Solveig gerade jetzt die richtige Rolle zum richtigen Zeitpunkt für Sie?

Da weiß ich gar nicht, ob es so ist. Ich fand das Projekt spannend, und es war machbar. Ich bin nicht mehr so pingelig und arbeite eher nach dem Lustprinzip. Die Island-Krimis ließen sich mit den Kids machen, die waren da im Kindergarten und haben einen tollen Sommer in Island gehabt. Meine Eltern waren auch mit dabei, die von Derek auch. Es war wie ein Familienprojekt.

Im Island-Krimi spielt Felix Klare ihren Ex-Freund – womit ein „Tatort“-Kommissar das Bild betritt.

Ich gucke in Amerika natürlich kein deutsches Fernsehen. Aber ich habe das gehört. Überhaupt sind inzwischen alle, die ich so kenne, „Tatort“-Kommissar: Heike Makatsch, Meret Becker.

Ihnen müssen doch auch mindestens drei Ermittlerinnen angeboten worden sein. Es wurden in den letzten Jahren sehr viele Teams neu gebildet oder umbesetzt.

Ich wurde aber kein einziges Mal angesprochen. Ich glaube, die Leute wissen, dass mein Lebensmittelpunkt woanders ist. Da kommt so eine langfristige Verpflichtung schlecht infrage.

Nach den Bourne-Filmen haben Sie Unzufriedenheit mit Ihren Rollenangeboten geäußert. Was haben Sie in den letzten Jahren denn so alles abgelehnt?

Es gehört sich nicht, das zu verraten. Weil man damit Kollegen blamiert, die es dann trotzdem gespielt haben. Man sagt eine Menge ab, es gibt aber auch eine Menge, was man machen möchte und dann nicht kriegt.

Verraten Sie davon was?

Ich war zum Beispiel im Casting für eine Rolle in Danny Boyles „Steve Jobs“, die dann Kate Winslet gespielt hat.

Das tut natürlich weh.

Kate Winslet ist natürlich fantastisch. Absagen gehören zum Alltag eines Schauspielers, und es ist auch schon schön, einfach mal zu so einem Casting zu gehen, bei dem alles top secret ist und die Texte nur für zwei Stunden im Internet zum Abruf bereitstehen.

Wie ist der Casting-Alltag in Hollywood denn sonst so? Kriegen Sie wie in Deutschland Drehbücher von Ihrer Agentin? Müssen Sie auf Partys gehen und Klinken putzen?

Nein, nein, nein, das macht keiner. Zumindest bewege ich mich nicht in solchen Kreisen. Das erzählt man vielleicht jungen Schauspielern, um ihnen Angst einzujagen. Man geht ganz einfach zum Casting, auch wenn das in meinem Fall nicht jede Woche ist. Das liegt daran, dass ich mehr in der Nische arbeite. Ich spiele oft Europäer und bewerbe mich nicht als FBI-Frau vom Dienst.

Eine Ihrer europäischen Rollen ist die Anne Frank in der Serie „American Horror Story“. Ihre Doppelepisode spielt mit dem Gedanken, Anne Frank könnte ihre Ermordung nur vorgetäuscht haben und jetzt in einem Irrenhaus voller pittoresker Killer leben, in dem KZ-Ärzte Lampen aus Menschenhaut basteln. Sie mussten eine komplette deutsche Bildungsgeschichte vergessen, um das zu spielen, oder?

Das geht dann, wenn man einen berühmten Showrunner [eine Art Chef-Autor, Anm. d. Red.] wie Ryan Murphy vor sich sitzen hat, der sagt: Wir haben eine ganz abwegige Idee, und wir müssen sie unbedingt umsetzen. Es gab schon eine Staffel von „American Horror Story“, bei der jedem klar sein musste, dass es nicht um historische Akkuratesse geht. Es ist Unterhaltung. Aber natürlich hatte ich bei dieser Rolle ein anderes Gefühl im Magen als Ryan Murphy.

Was gucken Sie selbst im Fernsehen?

Alles, was wahrscheinlich auch Sie bei Netflix und Amazon gucken: „Transparent“, „Togetherness“, „Fleabag“, „Narcos“. Wenn eine neue Staffel „Homeland“ kommt, würde ich das auch wieder gucken.

Mit den Qualitätsserien hat sich das Problem mangelnder Rollenangebote vermutlich erledigt. Es gibt massenhaft gute Figuren, die man über zehn, zwanzig Stunden erzählen kann.

Das stimmt. Wir merken aber schon die Auswirkungen der #OscarsSoWhite-Debatte. Die Studios haben sofort reagiert. Seit sich im Frühjahr alle über die Bevorzugung von Weißen geärgert haben, gehen viel mehr Rollen an ethnische Schauspieler. Nebenrollen werden konsequent mit Hispanics und Afro-Amerikanern besetzt, auf einmal gibt es auch Drehbücher mit ethnischen Hauptrollen. Und das ist ja auch gut so. Es kann nicht sein, dass wir im Melting Pot leben, ohne dass dieser Umstand in den Serien reflektiert wird. Als wir die Emmy Awards geguckt haben, war die Veränderung schon positiv spürbar. Die Show war auf einmal viel reicher. Ich merke es auch, wenn ich Drehbücher lese und mich auf Rollen bewerbe, die dann hinterher an Schauspieler einer anderen Hautfarbe gehen. Diese Erfahrung haben früher nur und immerzu die anderen gemacht. Natürlich ist es gut, dass es jetzt auch mal andersrum passiert.

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erstellt am 30.Okt.2016 | 09:00 Uhr

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