Interview: Andrea Bocelli : „Ich vertraue meinem Pferd“

Ein Herz und eine Seele: Andrea Bocelli mit einem seiner andalusischen Hengste. Schon als Junge ritt der Tenor – sogar ohne Sattel.
Ein Herz und eine Seele: Andrea Bocelli mit einem seiner andalusischen Hengste. Schon als Junge ritt der Tenor – sogar ohne Sattel.

Tenor Andrea Bocelli reitet am Strand und mag Kinofilme

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02. Januar 2016, 15:24 Uhr

Wer Andrea Bocelli interviewt, muss mit allem rechnen. Denn der 57-jährige Tenor hat den Schalk im Nacken. Mein zur Aufnahme eingestelltes Handy nimmt der blinde Italiener erst einmal in Beschlag und untersucht das Modell. „No iPhone“, stellt Bocelli schließlich etwas despektierlich lächelnd fest und drückt versehentlich die Aufnahme aus.

Herr Bocelli, wie haben Sie in diesem Jahr Weihnachten gefeiert?
Nachdem wir in den vergangenen zwei Jahren Weihnachten in den USA verbracht haben, wollte ich diesmal das Fest unbedingt wieder in meiner Heimat Italien feiern. Mir hat die Atmosphäre gefehlt und die Möglichkeit, an einer religiösen Zeremonie auf Italienisch teilzunehmen. Das liegt mir sehr am Herzen. Außerdem habe ich mich sehr darauf gefreut, meine Familie und engste Freunde um mich zu haben.

Sie haben gerade ein neues Album herausgebracht, „Cinema“. Was ist das besondere daran?
„Cinema“ ist eine persönliche Auswahl berühmter Filmmelodien, die mir viel bedeuten. Die Schönheit dieser Songs ist etwas Besonderes, weil sie freier als normale Lieder komponiert sind. Das Schema ist nicht wie in der Popmusik Strophe, Refrain, Strophe, Refrain, sondern vielschichtiger und kreativer. Es lässt mehr Assoziationen und Gefühle zu.

Wieder gibt es Duette mit Ariana Grande, Nicole Scherzinger und sogar mit Ihrer Frau. Wie kam es dazu?
Ich singe einfach gern mit anderen zusammen. Auch wenn die Gesangsspuren im Studio getrennt voneinander aufgenommen werden, manchmal über Tausende Kilometer hinweg, so gibt es später oft Gelegenheiten, diese Duette live mit den Kollegen aufzuführen. Mit meiner Frau habe ich schon für die Alben „Incanto“ und „Amore“ Lieder zusammen eingesungen. Wir sind also ein eingespieltes Team.

Gehen Sie manchmal ins Kino, nur um der Filmmusik zu lauschen?
Nein. Ich gehe nicht gerne ins Kino, weil ich es nicht mag, in solchen Räumen eingeschlossen zu sein und still zu sitzen. Ich liebe es, Filme zu Hause mit meiner Frau und den Kindern auf dem Sofa anzuschauen. Man kann heutzutage so viel machen, die Filme anhalten, zurückspulen und darüber diskutieren.

Und Ihre Kinder kommentieren dann, was vor sich geht?

(lacht) Nein, das sollen sie natürlich nicht. Sie wissen, dass sie nicht den Film kaputtreden und mir zu viel verraten dürfen. Wenn man einen Film guckt, muss man auch mal den Mund halten.

Waren Sie als Junge oft im Kino, bevor Sie blind wurden?
Ja. In meiner Kindheit bin ich gerne und oft ins Kino gegangen. Danach, in der Pubertät, haben mich mehr die Mädchen interessiert.

Wie würden Sie Ihre Kindheit beschreiben, an was erinnern Sie sich häufig?
Ich habe ein gutes Gedächtnis und kann mich an fast alles oder zumindest an alles Wichtige in meiner Kindheit erinnern. Das Schöne war, dass ich in einer intakten, vereinten Familie aufwuchs. Deswegen betrachte ich mich als sehr glücklichen Menschen. Ich habe sehr viel Liebe erfahren und quasi immer im Mittelpunkt der Zuneigung gestanden, erst durch meine Eltern, dann durch Freunde und durch die Partner, mit denen ich im Laufe der Zeit zusammen war, und jetzt durch meine Kinder.

Sie sollen als Kind ein Draufgänger gewesen sein …
Das stimmt. Ich hatte vor nichts Angst und bin zum Beispiel immer ohne Sattel auf den Pferden geritten. Heute reite ich übrigens auch noch, aber mit Sattel.

Wie bitte, Sie reiten?
Ja. Ich liebe Pferde und besitze zwei andalusische Hengste, einer ist älter und schwarz, der andere ist vier Jahre alt und dunkelbraun. Mit ihnen reite ich gern am Strand entlang. Ich vertraue beim Ausritt meinen Pferden, aber auch mir selbst. Das halte ich nicht für leichtsinnig. Wenn man über die Straße geht, muss man auch darauf vertrauen, dass sich alle an die Verkehrsregeln halten und anhalten.

Wie sind Sie als Kind vom Lande mit klassischer Musik in Kontakt gekommen?
Die Liebe zur Musik entsteht ähnlich wie die Liebe auf den ersten Blick. Meine Mutter hatte irgendwann entdeckt, dass ich bei klassischer Musik schnell aufhöre zu weinen. Es war ein Mittel, um mich vom Weinen abzubringen.

Treten Ihre Söhne musikalisch in Ihre Fußstapfen?
(lacht) Ja, sie folgen mir, wenn auch ein bisschen gezwungenermaßen. Sie spielen beide gut Klavier. Amos, der Ältere, ist schon fast fertig mit seiner Ausbildung und macht bald sein Examen.

Was hören die Jungs gerne, etwa Rockmusik?
Nein. Amos hat eine Vorliebe für klassische Klaviermusik und Matteo für die Oper. (lacht) Aber sie sind eigentlich ganz normal, auch wenn sie für ihr Alter sicher ungewöhnlich viel Klassik hören.

Und was ist mit der kleinen Tochter: Singt sie schon?

Virginia singt den ganzen Tag.

Die Songs des Vaters?
Ja, natürlich. Sie macht alles nach wie ein kleines Äffchen, aber sie hat eine sehr gute Intonation.

Kommen die Kinder manchmal heimlich in Ihr Haus-Studio und nehmen etwas auf?
Nein, nur sehr selten kommen die Jungen mal herein. Ich war da als Jugendlicher ganz anders: Ich habe ein Tonstudio mit aufgebaut und kannte jedes Kabel, jedes Mikrofon, jedes Effektgerät. Das hilft mir heute noch. Wenn ich etwas Bestimmtes aufnehmen möchte, weiß ich genau, worum ich den Toningenieur bitten muss.

Ein eigenes Tonstudio zu besitzen ist ein Privileg. Ist es auch eine Voraussetzung, um die besten Ergebnisse zu erzielen?
Ich denke, es ist ein Privileg, wenn man Leidenschaften und Interessen hat. Je mehr man davon hat, desto weniger langweilt man sich und desto mehr Gaben und Geschenke hat man.

Wie pflegen Sie Ihre Stimme?

Ich trainiere meine Stimme jeden Tag. Es gibt ein altes Sprichwort, das besagt, durch den Gebrauch entwickelt man den Körper. Es hilft einem natürlich, wenn man dafür brennt, eine große Leidenschaft hat und das Üben als eine Notwendigkeit empfindet.

Gab es Momente, in denen Sie Ihre Stimme oder das Vertrauen in Ihre Stimme verloren haben?
Meine Stimme hat mich immer auf Trab gehalten, ich musste immer an ihr arbeiten. Eine Stimme klingt jeden Tag anders. Vor Kurzem ist mir die Stimme tatsächlich mal weggeblieben, und ich musste für einen Monat pausieren, aber das ist vorher nie passiert.

Sollte Musik in Zeiten von Terror, Krieg und Flüchtlingskrise politischer sein oder im Gegenteil unterhalten, damit Menschen abschalten können?
Die Musik sollte meines Erachtens überhaupt nicht politisch sein, aber sie hat durchaus die Funktion und die Kraft, die Welt ein Stück besser, menschlicher und friedlicher zu machen. In der Antike hatte der römische Feldherr Cato den Behörden empfohlen, den Soldaten keine Musik vorzuspielen, damit sie nicht vergessen, in den Krieg zu ziehen. Die Bedeutung von Musik liegt darin, zu besänftigen, zu beruhigen und zu unterhalten.

In Ihrem Heimatort Lajatico haben Sie das Theater der Stille gegründet. Worin liegt der Reiz?
Die Stille hat heutzutage einen hohen Wert und ist eine Form, durch die der Mensch sich wiederfinden kann. Ich denke, dass das Theater in Lajatico ein ganz besonderer Ort ist, weil dort das ganze Jahr über nur ein Stück aufgeführt wird: die Stille und die Schönheit der Natur. Nur an einem Tag im Sommer gibt es Musik zu hören. Ansonsten ist das Theater frei zugänglich. Jeder kann kommen und diesen magischen Ort genießen.

Sie haben für Präsidenten und Päpste gesungen. Welche Begegnung war am nachhaltigsten?
Es gab sehr viele wichtige und berührende Momente in meinem Leben, zum Beispiel die Begegnungen mit drei Päpsten. Das hat mich als Gläubigen sehr beeindruckt. Eine ebenfalls wichtige Begegnung war das Treffen mit Muhammad Ali alias Cassius Clay. Er war ein Held meiner Jugend und hat heute ein schweres Schicksal, weil er an Parkinson erkrankt ist. Ich habe Muhammad Ali in seinem privaten Umfeld getroffen. Er hat viele Platten von mir und ist zu meinem Konzert gekommen.

Gibt es Rituale, bevor Sie auf die Bühne gehen?
Nein. Ich bin nicht abergläubisch, klopfe nicht auf Holz oder so.

Wie gehen Sie mit Lampenfieber um?
Das mache ich wie die meisten Künstler. Wir müssen uns ja auch alle mental darauf vorbereiten, wenn wir zum Zahnarzt gehen.

Ein Asteroid und ein Stück der Adriatischen Küste ist nach Ihnen benannt. Macht Sie so etwas stolz, oder halten Sie das für verrückt?
Das freut mich insofern, als dass man mich und meine Musik mag. Aber ansonsten hat das keine große Bedeutung für mich. Ich bilde mir nichts darauf ein. Obwohl, ich kann jetzt behaupten, dass mir ein Stück des Weltraums gehört. Das hat doch was. (lacht)
 

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