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Interview Cyndi Lauper : "Ich verstehe die einfachen Menschen"

vom

Sie schrieb die Musik und die Songtexte für das Musical "Kinky Boots". Wir sprachen mit Pop-Queen Cyndi Lauper

svz.de von
erstellt am 01.Feb.2017 | 12:15 Uhr

Wie hat Kinky Boots deiner Meinung nach den Durchbruch an die Spitze der Theaterwelt geschafft?

Cyndi Lauper: Ich finde, das lässt sich schnell beantworten. Das Stück geht zu Herzen und das gefällt den Menschen. Es ist eine Geschichte über Liebe, Akzeptanz und Freundschaft und die Überwindung von Hindernissen, und das mit ganz viel guter Laune. Damit kann sich jeder identifizieren. Harvey Fierstein ist ein großartiger Schauspieler und Autor und das Buch ist sehr, sehr gut. Es war mir eine große Ehre, mit Harvey zusammenarbeiten zu dürfen und die Geschichte von Lola und Charlie zu erzählen.

Wie ist das Musical entstanden?

Nun, es kam von Harvey direkt zu mir (lacht)

Woher kennt ihr euch?

Ich bin ein großer Fan von Harvey und er bat mich eines Tages für ihn zu singen. Er hatte eine Auszeichnung gewonnen für seine Arbeit und als Anerkennung für das, was er tat.

Wir sprachen darüber wie er die Dinge sieht, wie er an eine Geschichte herangeht und wie er diese dann erzählt. Wenn man sich Kinky Boots anschaut, merkt man, was für ein toller Geschichtenerzähler er ist. Und zu meinem Glück holte er mich für dieses Projekt dazu und nahm mich praktisch unter seine Fittiche.

Wie unterscheidet sich das Schreiben für die Bühne vom Schreiben von Pop-Songs?

Der Unterschied ist riesig. Wenn man ein Musical komponiert, müssen die Songs die Handlung des Stücks vorwärts bringen. Man muss für viele Stimmen und aus der Perspektive der unterschiedlichen Rollen schreiben. Und Das hat unheimlich viel Spaß gemacht. Einige meiner Lieder, die ich persönlich wirklich toll fand, wurden nicht in das Stück aufgenommen. Manchmal wurden Skriptänderungen vorgenommen oder die Rolle bestimmter Charaktere im Stück verändert: Dann mussten auch die Songs angepasst werden. Wenn ich einen Song für ein eigenes Album geschrieben habe, und ich den Song wirklich gut finde, dann kommt er auch auf das Album! Und natürlich schreibe ich, wenn ich das für mich tue, aus meiner eigenen Perspektive. Ich versuche, meinen Fans mit den Songs des Albums eine Geschichte zu erzählen.

Wenn du einen Pop-Song schreibst , brauchst du dir keine Gedanken dar über zu machen, was irgendein Typ namens Charlie denkt, der eine Fabrik geerbt hat.

Nein, nein, nein, nein, nein! Egal mit was du dich beschäftigst, du musst dir immer Gedanken machen. In einem Pop-Song muss man mit Worten sehr sparsam umgehen. Und man benötigt eine Geschichte – mit einem Anfang, einer Mitte und einem Ende – denn wenn in einem Song nichts voran geht, dann fragt man sich doch unwillkürlich, was er eigentlich soll?

Ich selbst habe praktisch mein ganzes Leben lang Gedichte geschrieben, ich kann also mit Fug und Recht sagen, dass ich Poesie mag.

Dein Song „True Colors “ hat Kultstatus gewonnen. Kannst du uns ein wenig erzählen, was das Lied dir bedeutet?

Als ich diesen Song aufnahm, starb gerade ein sehr guter Freund von mir an AIDS. Er hatte eine schreckliche Kindheit. Er war missbraucht worden. Der Hauptgrund für den Missbrauch war seine Homosexualität.

Er wurde schon in ganz jungen Jahren obdachlos. Als er im Sterben lag, bat er mich, einen Song aufzunehmen, der an ihn erinnern würde. Er war ein wunderbarer Mensch. Eine wirklich gütige und sanfte Seele; leider wurde ihm bereits als Kind immer wieder gesagt, dass er nichts tauge, dass er als Person ganz und gar unakzeptabel war. Und das war einfach nicht wahr. So schrieb ich einen Song für Gregory und für alle, die als Außenseiter abgestempelt werden, oder die sich ungeliebt fühlen. Ich meine, dass der Song immer noch berührt, weil Vorurteile und Mobbing leider noch nicht verschwunden sind. Vielleicht hat Mobbing sogar zugenommen, weil viele Menschen, die nicht den Mut aufbringen würden, einem anderen Menschen von Angesicht zu Angesicht etwas Schlimmes zu sagen, dies in der Anonymität des Internets auf grausame Weise tun. Es gibt immer noch Hass und das ist traurig, denn ich hätte gehofft, dass sich die Menschen bis heute weiterentwickelt hätten. Weil wir im digitalen Zeitalter leben, ist die Welt kleiner geworden. Ich hätte eigentlich gedacht, dass uns das offener und toleranter gemacht hätte. Wenn es uns nur gelänge, den anderen so zu akzeptieren wie er ist, wäre die Welt ein wunderbarer Ort! Das ist letzten Endes auch die Botschaft von Kinky Boots.

Hat dich deshalb auch die Geschichte von Kinky Boots so angespochen?

Ja, absolut. Es ist eine Geschichte über einen Außenseiter, und sie basiert auf einer wahren Geschichte. Weißt du, es ist schon komisch, dass der Titel „Girls Just Want to Have Fun“ durch mich berühmt geworden ist. Jetzt sehe ich auch die andere Seite der Medaille. Als all dies geschah, war das schlimmste, dass alle Eltern und alle Kinder das durchmachen, und jedes Kind ist grausam enttäuscht, wenn es das Gefühl hat, die Erwartungen der Eltern nicht erfüllen zu können, egal ob diese homosexuell oder heterosexuell sind. Und die Tatsache, dass der Typ eine Drag Queen ist, ist in meinen Augen belanglos – außer im Hinblick auf die Tatsache, dass er sich so sehr von dem Arbeitertyp unterscheidet. Das wichtigste ist, dass sie zusammenkommen können, ihre Differenzen überwinden, äußerlich und innerlich, zum Wohle aller.

Welches waren die ersten Songs, die du geschrieben hast?

The Most Beautiful Thing in the World“ und „Sex is in the Heel“. „The Most Beautiful Thing“ kam zuerst dran und das war wirklich total verrückt. Am Anfang wollte ich allein sein. Ich experimentiere, ich hörte mir viel an – sehr, sehr viel, und ich nahm alle Dinge, die ich am meisten liebte und baute sie ein. Ich war begeistert von My Fair Lady und von der Rolle des Vaters. Ich mochte die Tanzsaalatmosphäre. Deshalb die Zeile „you can tell about a fella from his shoes“ – das geht nämlich wirklich! Man erkennt wie ein Mensch tickt, an der Art wie er geht. Man erkennt seinen Stil oder dass es eigentlich nicht sein Stil ist.

Ich finde „I’m Not My Father ’s Son“ ist einer der schönsten Songs, die du jemals geschrieben hast.

Vielen Dank.

Es ist so ein sehr bewegen der Moment im Musical. Kannst du uns eventuell ein wenig mehr darüber erzählen?

Cyn di La uper Nun, für den Chor hatte man mir Stephen Oremus (Musikdirektor) geschickt. Und wir arbeiteten gemeinsam an der Sache; ich hatte den Chor geschrieben, wusste aber nicht, wie das gespielt werden sollte. Ich begann zu singen (sie singt): „I’m not my father’s son.“ Und ich empfand, wie traurig das war. Und ich dachte: „I’m not the image of what he dreamed of.“ Ja, wirklich. „With the strength of Sparta,”,denn ich war fasziniert von Eishockey spielenden Jungen; sie wirkten auf mich wie kleine Spartaner! „And the patience of Job,“ weil mein Mann die Geduld eines Hiob besitzt. Und dann dachte ich: „still couldn’t be the one/to echo what he’d done/and mirror what was not in me.“ Ich wusste noch gar nichts, außer, dass ich in meiner eigenen Welt verloren war. Und dann dachte ich, es wäre hübsch, wenn man nur das Tropfen von Wasser oder das Ticken einer Uhr hören und er dann sagen würde: „When I was just a kid/everything I did was to be like him/under my skin.”

Die Charaktere in Kinky Boots sind einfache Menschen aus der Arbeiterklasse …

Dazu gehöre ich auch. Und ich verstehe diese Menschen. Die einfachen Leute, unter denen ich aufwuchs, waren sehr Shakespeare-artig. Und ich glaube, dass die Leute mich deswegen inspirierten, weil Hätte-Könnte-Sollte für sie wichtig war.

Und das kommt im Stück zum Ausdruck. Bei jeder Person, die in dieser Fabrik arbeitet, weiß man irgendwie ...

Ja genau. Man weiß, wer sie ist! Es sind alles großartige Schauspieler – das ist die eine Sache. Sie sind großartig und sie sind lustig, aber sie sind Menschen. Und sie sehen eigentlich genau so aus, als würden sie in einer Fabrik arbeiten. Und das ist Jerry Mitchell, einem der meistgefragten Broadway-Regisseure unserer Zeit, zuzuschreiben.

Das wirklich Schöne an diesem Stück ist, dass es ein Broadway -Musical ist – es ist erhebend und es vermittelt Lebensfreude. Das Ende des ersten Aktes und der zweite Akt versetzen das Publik um an einen glücklichen Ort. Aber mit einer gewissen Intimität.

Wir sind alle verschieden, jeder leistet seinen Beitrag und wir versuchen gemeinsam, alles richtig zu machen – das Publikum soll lachen und weinen. Und Harvey ist so ein guter Geschichtenerzähler und Jerry auch. Manche Szenen sind zum Weinen traurig und im nächsten Moment passiert wieder etwas schreiend Komisches. Es ist also, wie ich finde, tatsächlich ein „Perfect Storm“ und ich bin einfach nur glücklich. Sie haben viel Herz und es sind großartige Märchenerzähler und ich bin sehr dankbar, dabei sein zu dürfen.

Dein Leben veränderte sich scheinbar über Nacht im Jahr 1983. Was meinst du wäre aus dir gewor den, wenn „She‘s So Unusual“ damals nicht veröffentlicht worden wäre?

Ich habe mich damals nicht wirklich über Nacht geändert. Ich war Mitglied in Bands und habe Konzerte gegeben, seit ich 20 war. Meine Band „Blue Angel“ wurde von Polydor unter Vertrag genommen, als ich 27 war, und wir hatten damit mäßigen Erfolg. Wir hatten auch ein paar ziemlich große Touren sowohl in den USA als auch in Europa gemacht. Und ich fand die anderen Bandmitglieder und die Band als solche einfach toll.

Wir machten Rockabilly und wir waren unserer Zeit ein bisschen voraus. Die Stray Cats kamen Jahre später und machten das Genre wieder populär. Ich unterzeichnete meinen ersten Solovertrag mit 29 bei Portrait und das Album kam heraus, als ich 30 war. Und im Gegensatz zur Arbeit in einer Band konnte ich nun wirklich ganz die Künstlerin sein, die ich sein wollte. Alles musste meinen Vorstellungen entsprechen: Was ich sagen wollte, wie ich es sagen wollte und wie ich aussehen wollte. Das Ganze hat mich sehr beflügelt. Und es war natürlich unglaublich, dass fünf Titel des Albums zu absoluten Hits wurden. Ich weiß nicht, was aus mir geworden wäre, aber ich würde auf jeden Fall singen, und ich würde auf jeden Fall Songs schreiben. Am Anfang meiner Karriere hatte ich einen Job als Sängerin in einer japanischen Piano-Bar in New York. Vielleicht wäre ich dorthin zurückgegangen.

Wie fühlt man sich so als musikalisches – und modisches – Vorbild für Stars wie Lady Gaga, Katy Perry und Nicki Minaj?

Das sind alles großartige Künstler. Wenn die mich als Vorbild betrachten würden, würde mir das sehr schmeicheln. Ich denke es ist wichtig, dass wir als Frauen andere Frauen sehen, die das tun, wovon sie geträumt haben, um zu wissen, dass alles möglich ist. Es gibt so viele Frauen, die mich inspiriert haben – Janis Joplin und Joni Mitchell und Cher – all diese Frauen sind mir vorangegangen und haben mir den Weg gezeigt, und wenn ich für andere Frauen das gleiche tun konnte, so bin ich damit sehr zufrieden.

Kannst du den Moment beschreiben, als dein Name aufgerufen wurde und dir der Tony Award verliehen wurde?

Unglaublich. Einfach unglaublich. Die Broadway-Szene ist etwas ganz Besonderes und es berührt mich immer noch sehr, wie herzlich ich dort aufgenommen wurde.

Worauf sollte das Publik um eingestellt sein, wenn es sich Kinky Boots im Theater ansehen möchte?

Ein hinreißendes Bühnenstück, das mit viel guter Laune, Herz und Sinne anspricht.

Liebe Cyndi, herzlichen Dank für das Gespräch und alles Gute.

Vielen Dank

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