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Karl May: Autor oder Abenteurer? : „Ich, Old Shatterhand!“

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Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Vor 175 Jahren wurde Karl May geboren. Was viele nicht wissen: Er behauptete steif und fest, alle Abenteuer mit Winnetou selbst erlebt zu haben. Wie Karl May sich zunehmend mit seinen Helden identifizierte.

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erstellt am 19.Feb.2017 | 05:00 Uhr

„Weil ich meist Selbsterlebtes erzähle und Selbstgesehenes beschreibe, brauche ich mir nichts auszusinnen“, schreibt Karl May 1896 in seinen autobiographischen „Freuden und Leiden eines Vielgelesenen“. Nur wenig später wird allerdings sein Vorstrafenregister bekannt und damit ist klar: Der gefeierte Autor kann all diese spannenden Abenteuer in fernen Ländern gar nicht selbst erlebt haben, er hat zu dieser Zeit nachweislich in deutschen Gefängnissen gesessen. Ansgar Theodor Pöllmann, seinerzeit einer der größten Kritiker Mays, der unter anderem darauf hinweist, dass der Schriftsteller sich mit einem falschen Doktortitel schmückt, meint schon 1910: „Er ist ein solcher Fabulist, dass er Wirklichkeit und Dichtung nicht mehr zu unterscheiden vermag. Es liegt förmlich etwas Pathologisches in seinem phantastischen Drauflos-Behaupten.“

Zwischen Realität und Traumwelt

Auch Mays zweite Frau, Klara, macht sich bald Sorgen um seinen Geisteszustand, erleidet der gefeierte Autor doch auf seiner Orientreise (1899/1900) gleich zwei Nervenzusammenbrüche, so dass sie fürchtet, „ihn einer Irrenanstalt zuführen zu müssen“. Die Karl-May-Experten Hans Wollschläger und Ekkehard Bartsch gehen davon aus, dass May das „Einbrechen einer grellen Realität in seine Traumwelt“ wohl nicht verkraftete. Die Orientabenteuer mit Kara Ben Nemsi und Hadschi Halef Omar hat er in Wahrheit ja ebenso wie die Wild-West-Geschichten in der Abgeschiedenheit seines Studierzimmers erfunden – und das lag eben nicht selten hinter Gefängnismauern.

Die sogenannte „Old-Shatterhand-Legende“ – also die zunehmende Identifizierung des Autors mit seinem Helden – könnte aber auch ganz andere Wurzeln haben, vermuten Literaturwissenschaftler. Möglich wäre, dass der Wirbel um seine Person eine Eigendynamik entwickelte, aus der es irgendwann kein Zurück mehr gab. Belege lassen sich für diese Theorie durchaus finden. Schon 1881 heißt es in der Wochenzeitschrift „Deutscher Hausschatz“, der Autor Karl May „liege leider gegenwärtig krank darnieder, in der Folge einer wieder aufgebrochenen alten Wunde. Auf seinen weiten und gefahrvollen Reisen in allen Teilen der Erde hat er sich selbstverständlich manche Wunde geholt.“

Viele Leser sind von Anfang an überzeugt, dass der Ich-Erzähler der Geschichten und der Autor Karl May ein und dieselbe Person sind. Während in den frühen Geschichten noch ein namenloser Ich-Erzähler lediglich Zuschauer und Berichterstatter ist („Der Gitano“, 1875), nehmen dessen heldenhafte Fähigkeiten im Laufe der Zeit immer mehr zu. Bald fließen auch erste biographische Details in die Geschichten ein. So wird etwa in „Unter Würgern“ von 1879 erwähnt, dass der Ich-Erzähler von seinem Gefährten Old Shatterhand genannt wird, dass er Sachse ist und Karl mit Vornamen heißt.

Nach und nach findet so eine Gleichsetzung des Ich-Erzählers mit dem Autoren statt (ausgeprägt in „Weihnacht!“ von 1897 und auch schon in „Satan und Ischariot“ von 1893 bis 1896, wo darauf hingewiesen wird, dass Old Shatterhand, Kara Ben Nemsi und Dr. Karl May ein und dieselbe Person sind).

In den 1890er Jahren forciert May die Aufhebung der Distanz des Autors zu seinen Figuren mehr und mehr, in Lesungen, Vorträgen und Briefen. So schreibt er etwa am 8. August 1894 – wohlgemerkt vor (!) seiner ersten Reise nach Amerika und in den Orient – in einem Brief an Prof. Dr. Gustav Jäger: „Ich habe jene Länder wirklich besucht und spreche die Sprachen der betreffenden Völker.“

Maßlose Übertreibung

In einem anderen Brief heißt es: „Keine der Personen und keines der Ereignisse, welche ich beschreibe, ist erfunden.“ Während seiner Lesungen beginnt er damit, den bewundernden Fans seine „echten Narben“ zu zeigen und verschickt Pferdehaare, die vom Kopfe Winnetous stammen sollen. Er verteilt fotografische Autogrammkarten, die ihn selbst im Old-Shatterhand-Kostüm zeigen, unterschrieben mit „Old Shatterhand (Dr. Karl May) mit Winnetous Silberbüchse“.

Im Laufe der Zeit beginnt er damit, maßlos zu übertreiben. Den verdutzten Zuhörern einer Lesung in München offenbart May, nach Winnetous Tod nun selbst Häuptling von 35  000 Apachen zu sein. Im Übrigen beherrsche er 1200 Sprachen und Dialekte. Selbst den Henrystutzen, Old Shatterhands Gewehr in den Romanen, habe in Wahrheit nicht Benjamin Tyler Henry entwickelt, sondern vielmehr er selbst, Karl May. Dererlei Sprüche sind selbst für die hartgesottensten Fans zu viel, die ersten wenden sich enttäuscht ab. Während der Autor den Orient bereist, bricht zu Hause eine Welle der Kritik los. Die Vorwürfe gegen ihn reichen von „religiöser Heuchelei“ über „Unsittlichkeit“ bis hin zu einer „Schund- und Schmutzkampagne“ gegen die „Mörder- und Indianergeschichten“.

Am meisten nehmen ihm Kritiker wie Fans übel, dass er seine erfundenen Geschichten für authentisch ausgibt. Das endgültige Aus für die Old-Shatterhand-Legende kommt aber erst, als Mays Vorstrafenregister öffentlich wird – schließlich hat er nachweislich im Gefängnis gesessen, als er die Abenteuer in fernen Ländern erlebt haben will. Jetzt holt ihn seine Vergangenheit ein: die gescheiterte Lehrerlaufbahn, die Inhaftierungen wegen Betruges, Diebstahls, Landstreicherei und Hochstapelei, der Vorwurf der Amtsanmaßung. All das fliegt ihm nun um die Ohren.

Vom Zuchthäusler zum Edelmenschen

Das Scheitern der Old-Shatterhand-Legende und die Erlebnisse der Orientreise machen aus May in seinen letzten Lebensjahren einen völlig anderen Menschen, der sich in allegorischerer und symbolhafterer Weise noch viel stärker als zuvor mit der Hinwendung des Bösen zum Guten beschäftigt.

Vielsagend ist auch der Titel seines letzten Vortrages, den er wenige Tage vor seinem Tod im Wiener Sophiensaal hält: „Empor, ins Reich der Edelmenschen“. Was man Karl May auch alles vorgeworfen hat, von übersteigertem Geltungsbedürfnis über Aufschneiderei bis hin zu zwanghaftem Lügen: Vielleicht war die Old-Shatterhand-Legende mit all ihrem Heldentum ja auch nichts anderes als eine Art Selbsttherapie, ein Streben vom Zuchthäusler „empor ins Reich der Edelmenschen“.

Karl Friedrich May: Lehrer, Gauner, Schriftsteller
Karl Friedrich May wurde am 25. Februar 1842 im sächsischen Ernstthal geboren. Sein Vater hielt ihn zum Literaturstudium an. Vom Wilden Westen erfuhr er eigenen Angaben zufolge durch die Geschichten zurückgekehrter Auswanderer. Ab 1856 machte May eine Ausbildung zum Lehrer und arbeitete  kurz als Hilfslehrer. Die Anzeige eines Mitbewohners, die eine kurze Haftstrafe und somit eine Vorstrafe nach sich zog, beendete seine Lehrerkarriere, bevor sie richtig begonnen hatte. Daraufhin versuchte er sich mit kleineren Gaunereien über Wasser zu halten, was ihm 1865 eine weitere vierjährige Strafe im Arbeitshaus einbrachte. Zu dieser Zeit begann er, an einer Schriftstellerkarriere zu arbeiten. Nach seiner Freilassung folgten weitere Gaunereien und Inhaftierungen, bis er 1874 zu seinen Eltern zurückkehrte, wo er das Schreiben intensivierte. Im gleichen Jahr erschien seine erste Erzählung „Die Rose von Ernstthal“. Eine Anstellung als Redakteur beim Dresdener Verleger Heinrich Gotthold folgte. 1880 heiratete May seine erste Ehefrau Emma Pollmer. Von nun an erschienen auch seine Orientgeschichten im „Deutschen Hausschatz“. Über 100 weitere Erzählungen folgten  dort und in anderen Zeitungen und Zeitschriften. Mit dem Erfolg begann er aber auch an der Old-Shatterhand-Legende zu stricken, die ihm ab der Jahrhundertwende mehr und mehr um die Ohren flog.  Als wohlhabender Mann konnte er nun erstmals den Orient (1899/1900) bereisen und auch Amerika (1908), die Orte also, an denen seine Geschichten spielten.  1903 heiratete May seine zweite Ehefrau, Klara Plöhn. Am 30. März 1912 starb er. Begraben liegt er in Radebeul. Seine Werke erreichten eine Auflage von 200 Millionen  und wurden in über 30 Sprachen übersetzt. Bis heute ist er durch seine Geschichten um Winnetou und Old Shatterhand, aber auch dank der Orienterzählungen um Kara Ben Nemsi und Hadschi Halef Omar unvergessen. 

 

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