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Interview Martin Brambach : „Ich habe sehr viel Glück gehabt“

vom
Aus der Onlineredaktion

Schauspieler Martin Brambach wird heute 50 und blickt auf bewegte Jahrzehnte zurück

svz.de von
erstellt am 28.Okt.2017 | 16:00 Uhr

Martin Brambach gehört zu den wenigen deutschen Schauspielern, die jedem Film ein Sahnehäubchen aufsetzen können. Heute wird der begnadete Mime 50. In einem Recklinghäuser Café erzählt er, warum er nach vielen Jahren mal wieder feiert, er als Kind Sowjetsoldat werden wollte, Recklinghausen der schönste Wohnort für ihn ist und wie er sich aus einem Schuldenberg herauskämpfte.

Herr Brambach, Sie sind in Dresden geboren, in Berlin aufgewachsen und mit einer Wienerin verheiratet. Warum um alles in der Welt wohnen Sie in Recklinghausen?
Es war die Liebe. Ich hatte gerade meine Scheidung hinter mir, lebte in Berlin und drehte in einem Romantik-Schlosshotel in Österreich einen Tatort. Dabei habe ich meine jetzige Frau kennengelernt. Die wiederum war damals auch noch verheiratet und lebte mit ihren beiden kleinen Mädchen hier in Recklinghausen. Ihr Mann war ein Musiker aus Recklinghausen. Ich war zwar nicht der Grund für ihre Trennung, aber vielleicht der Anlass. Und dann bin ich einfach nach Recklinghausen gezogen.

Ruhrgebiet statt Hauptstadt also.
Mir ging Berlin damals ein bisschen auf den Keks. Meine erste Frau ist mit unserem Sohn, der heute hier in Bochum studiert, nach Österreich gegangen. Ich wohnte immer noch am Prenzlauer Berg. Mir hat die Stadt nicht gut getan. Es ist ständig was los, man hat immer das Gefühl, etwas zu verpassen.

Und jetzt leben Sie nicht nur in Recklinghausen, sondern sagen auch, dass Sie hier nicht mehr weg wollen.
Genau. Je älter ich werde, umso anstrengender finde ich Großstädte. Ich brauche was Überschaubares.

Und der Menschenschlag hier?
Ist das Hauptargument. Vor allem wegen der Leute möchte ich hier nicht mehr weg. Der Menschenschlag hier hat noch eine Grundsolidarität, Offenheit und was ganz Gerades. Das macht mich sehr, sehr glücklich. Hier gibt’s Leute, die rufen mir manchmal über die Straße zu: „Herr Brambach, ich hab Sie gestern im Fernsehen gesehen. War aber nicht so dolle!“ (lacht)

Sie werden 50. Feiern oder flüchten Sie?
Ich feiere zum ersten Mal seit ungefähr zwölf Jahren meinen Geburtstag. Nicht direkt am 28. Oktober, sondern ein paar Tage später. Mein Gitarrenlehrer und seine Band „Pink Ponys in Danger“ spielen, das ist für mich das schönste Geburtstagsgeschenk überhaupt. Es werden keine Leute vom Film oder Theater hier sein, sondern nur Leute, die „normale“ Berufe haben. Wenn man sich nur in seinen Kreisen bewegt, dann weiß man doch nicht, was ein Tischler, ein Banker, ein Computerspezialist oder Architekt so macht. Ich finde es herrlich, so viele von diesen Leuten zu kennen.

Wenn Sie eines der 50 Jahre, die hinter Ihnen liegen, noch mal erleben dürften – welches würden Sie nehmen?
Ich möchte eigentlich keines der 50 Jahre noch mal erleben. Ich möchte nicht mehr jung sein. Ich habe schöne Sachen erlebt, aber auch furchtbare Momente gehabt und kann froh sein, dass ich überhaupt noch da bin. Wir sind in den Urlaub nach Italien gefahren, haben getrunken und sind dann in die Leitplanke. Auch die Unsicherheit, die man als junger Mensch hat, möchte ich nicht noch mal erleben.

Macht Ihnen die 50 denn ein mulmiges Gefühl?
Mir ist letztens Folgendes passiert: Ich sitze im Zug, komme von einem Dreh auf Sylt, und steige um in die Hartbahn. Da kommt ein Schaffner von der schärferen Art, verlangt Fahrschein und Bahncard. Hab ich ihm alles gezeigt und den Personalausweis. Da dreht er die Bahncard um und sagt: „Die ist aber nicht unterschrieben. Unterschreiben Sie sofort, sonst ist die nicht gültig.“ Ich hab ihm geantwortet: „Das steht nicht drauf, dass die ohne Unterschrift nicht gültig ist.“ Er hat aber dennoch darauf bestanden: „Sie unterschreiben das jetzt, sonst kostet Sie das 60 Euro.“ Und in dem Moment habe ich gedacht: „Nee. Ich werde 50 und ich lass mir nicht mehr von jedem irgendwas sagen oder mich bevormunden.“ Das war so ein schönes Gefühl. Das war’s mir wert. Und die 60 Euro habe ich am Ende auch nicht bezahlen müssen.

Sie haben mal gesagt, dass Sie in der DDR eine glückliche Kindheit verbracht haben. Was daran war so schön?
Eigentlich alles. Meine Eltern hatten keine finanziellen Sorgen, sie hatten Arbeit, in den Kindergärten und Schulen hat man sich um uns Kinder gekümmert. Ich hatte ständig Arbeitsgemeinschaften, war im Fußball- und im Schwimmverein. Natürlich war ich auch in der Pionierleitung meiner Klasse und hatte das Gefühl, beliebt zu sein, weil die anderen mich gewählt haben. Später, als ich Abitur machen wollte, war ich dann sogar in der Grundorganisationsleitung der FDJ, aber da wurde es dann auch schon langsam haarig. Warum? Weil ich anfing nachzudenken. Es war die Zeit des NATO-Doppelbeschlusses, eines Tages kam der Parteisekretär der Schule und sagte zu uns: Jugendfreunde, haltet mal die Augen offen. Hier gibt’s welche, die haben diese Aufnäher „Schwerter zu Pflugscharen“. Sagt uns doch mal, wer das ist.

Haben Sie?
Ich hab einen Teufel getan, ich hatte ja selbst so einen Aufnäher, mich aber nie getraut, ihn anzunähen. Mir stießen mit der Zeit auch diese Indoktrination und die Phrasen immer mehr auf. Da hieß es dann, der Sozialismus werde sich durchsetzen, wenn wir heute Altpapier sammeln. Da fand die Weltrevolution mit jeder Kleinigkeit statt. Und dann hatte ich das große Glück, dass ich nachkommen durfte, nachdem meine Mutter in den Westen gegangen war.

Ihr Mutter war Kostümbildnerin, Ihr Stiefvater Schauspieler und Regisseur. Haben Sie jemals einen anderen Berufswunsch gehabt als Schauspieler zu werden?
Natürlich. Bis zu meinem achten oder neunten Lebensjahr wollte ich Sowjetsoldat werden. In Dresden, dem Tal der Ahnungslosen, konnten wir kein Westfernsehen empfangen. Stattdessen haben wir eine polnische Fernsehserie über die Befreiung von Berlin gesehen: „Vier Panzersoldaten und ein Hund“. Das waren vier coole Soldaten und ein Rex-Verschnitt, die haben mich so schwer beeindruckt, dass ich selbst auch Sowjetsoldat werden wollte. Später hatte ich den Plan, zur Handelsmarine zu gehen und zur See zu fahren.

Mit 12 hatten Sie schon erfahren, dass Ihr Vater gar nicht Ihr leiblicher Erzeuger ist. Wie eigentlich?
Ich hab im Schrank meiner Mutter in Sachen gekramt, die mich eigentlich nichts angingen und habe dabei eine gerichtliche Vaterschaftsfeststellung gefunden, in der nicht der Name meines erziehenden Vaters stand. Dann haben meine Eltern sich ein bisschen Mut angetrunken, mit mir geredet und versucht, mir das zu erklären. Das war zunächst natürlich mal ein Schock.

Wie kam es denn, dass Sie Ihren leiblichen Vater nie kennengelernt hatten?
Das wollte meine Mutter nicht. Die Trennung war nicht ganz ohne Streit verlaufen, obwohl er wirklich ein netter Mensch ist, ein Architekt, der in Berlin lebt. Ich habe ihn mal kennengelernt und erfahren, dass ich noch mehrere Halbgeschwister habe.

Und einen Stiefbruder namens Jan Josef Liefers – der ist der Sohn Ihres erziehenden Vaters aus einer früheren Beziehung.
Den habe ich auch erst kennengelernt, als ich 15 war. Er ist ja ein bisschen älter als ich, war damals mit seiner hübschen Freundin in Ungarn gewesen und ist dann auf dem Rückweg ganz offiziell bei uns vorbeigekommen. Als er dann auf die Schauspielschule gegangen ist, habe ich ein bisschen Kontakt zu ihm aufgenommen.

Dem Jan hat man in Dresden ja ursprünglich eine Schauspielausbildung verweigert, weshalb er erst mal Tischler gelernt hat. Sind Ihnen auch Knüppel zwischen die Beine geworfen worden?
Ich habe sehr viel Glück gehabt. Mit 17 habe ich mich auf der Ernst-Busch-Schule beworben. Die haben mich angenommen und mir einen Studienplatz versprochen. Dahinter stand natürlich der Plan, dass sie mich retten und vor allem Druck auf meine Mutter ausüben wollten, damit sie aus dem Westen wieder zurückkommt. Es war ja die Zeit, zu der sehr viele Künstler aus der DDR in den Westen gegangen sind. Deshalb wollten sie ein Zeichen setzen und sagen: Da kommt eine zurück.

Und Sie?
Ich habe einen Tag, nachdem ich die Schauspielprüfung bestanden hatte, meinen Ausreiseantrag gestellt. Das ging alles sehr unproblematisch. Und im Westen hatte ich dann ja wieder Glück: Ich habe das Abi geschmissen, kurz darauf rief Manfred Karge, ein mit meiner Mutter befreundeter Regisseur an: „Ich hab gehört, dass Du das Abi geschmissen hast – ich habe einen Schauspieler rausgeschmissen. In 14 Tagen ist Premiere, morgen um zehn Probe.“ Und damit war ich im letzten Jahr der Ära Peymann in Bochum am Schauspielhaus.

Manfred Karge hat eine wichtige Rolle in Ihrem Leben gespielt, oder?
Ja, der war so etwas wie mein Theatervater, der mir die ersten Schritte und den Beruf ein bisschen beigebracht hat. Direkt danach machte er am Kölner Schauspielhaus „Die Ratten“ und hat mich da als Bruno besetzt. Ich bin dann ein Jahr in Bochum auf die Schauspielschule gegangen, habe aber den nötigen Ernst vermissen lassen, kriegte ein Festengagement in Köln und schließlich hat mich Peymann mit 22 nach Wien ans Burgtheater geholt. Da bin ich zehn Jahre durch eine harte, aber gute Schule gegangen.

In Wien kamen auch die Schulden, oder?
Ja, ich war ja noch richtig jung und hatte das Gefühl, ich müsste auch leben. Zum Verhängnis wurde mir, dass ich als Burgschauspieler besonders kreditwürdig war. Es gab sogar spezielle Zinskonditionen für uns, wir wurden behandelt, als wären wir Parlamentarier. Ich hab mir dann 70 000 Schilling, also 10 000 Mark, geliehen, war mit meiner Freundin über ein verlängertes Wochenende in Budapest und dann war das Geld wieder alle.

Heidewitzka, Herr Brambach, wie haben Sie das denn hingekriegt?
Och, das war ganz einfach (lacht). Wir sind in einer Kutsche durch die Stadt gefahren, hatten im Hotel die Suite gemietet und immer viel Geld in der Hand gehabt. Auch später wollte ich meine Frau ein bisschen beeindrucken, als das Kind da war. Es hatte aber auch schon was von Suchtverhalten – wenn’s uns mal nicht so gut ging, haben wir uns eben was gekauft. Obwohl ich nicht schlecht verdiente, haben wir eindeutig auf zu großem Fuß gelebt. Und ich hab lange gebraucht, um das zu realisieren.

Wann war das?
Da war ich schon in Berlin. Obwohl ich mir meine Pensionsansprüche in Wien hatte auszahlen lassen, hatte ich noch immer Schulden und musste den Kredit bedienen. In der Schaubühne hatten wir eine Einheitsgage, da hat’s nicht lange gedauert, bis ich da auch wieder im Minus war. Und dann konnte ich nachts nicht mehr richtig schlafen.

Was haben Sie gemacht?
Heimlich gedreht, obwohl wir Drehverbot hatten. Was natürlich auch nicht lange ein Geheimnis war. Ich hab dann meine Kontoauszüge präsentiert und gesagt: „Ich muss drehen, ich habe keine andere Chance.“ Das Ensemble hat daraufhin entschieden, dass ich drehen darf – unter der Bedingung, dass es ein Jahr später alle dürfen.

Für Ihre Filme hat man Ihnen jede Menge Etiketten aufgeklebt: „Deutschlands unauffälligster Star“, „Der bekannteste Unbekannte“ oder „König der Nebenrollen“.
Das sind doch schöne Etiketten. Den Begriff Nebenrolle finde ich nicht so gelungen, die Engländer sagen „supporting role“, das trifft’s besser. Es ist ja eine eigene Kunst. Am Theater gab’s früher den Chargenspieler – Schauspieler, die aus kleinen Auftritten Juwelen gemacht haben. Man muss eine kleine Rolle präsenter und bunter erzählen als eine durchgehende Figur, die man ja entwickeln kann. Gerade beim Film finde ich das sehr spannend. Bei mir gab’s Wochen, da war ich an drei oder vier verschiedenen Sets, deshalb komme ich mittlerweile auch auf 170 oder 180 Filme. Unterschiedliche Regisseure, andere Genres – da lernt man richtig was, das ist doch interessant.
 

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