zur Navigation springen

Sigmund Jähn : „Ich habe mich nie als Held gefühlt“

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Der erste Deutsche im All wird morgen 80. Im Jahr 1978 umkreiste er 125-mal die Erde - Fanpost kommt noch immer

Der Postbote hat noch immer schwer zu schleppen. Fast 40 Jahre, nachdem Sigmund Jähn als erster Deutscher in den Weltraum flog, kommt noch immer Fanpost, kommen noch immer jeden Tag Dutzende Autogrammwünsche in das Einfamilienhaus im brandenburgischen Strausberg. Und Jähn beantwortet sie alle. „Die Menschen geben sich ja Mühe, wenn sie mir schreiben“, sagt der Kosmonaut, der am Montag seinen 80. Geburtstag begeht.

Am 26. August 1978 war der Jagdflieger der DDR-Volksarmee vom russischen Raumfahrtzentrum Baikonur zusammen mit dem sowjetischen Kosmonauten Waleri Bykowski mit der Rakete „Sojus 31“ in den Weltraum aufgebrochen. Sieben Tage, 20 Stunden und 49 Sekunden blieb er im All, 125-mal umkreiste er die Erde. Für den real existierenden Sozialismus war diese Reise ein wichtiger Erfolg: Ein DDR-Bürger hatte es als erster Deutscher in den Weltraum geschafft. Der Arbeiter- und Bauerstaat war nun Raumfahrernation.

Und dieser Umstand wurde auch propagandistisch und medial genutzt: Im All heiratete das DDR-Fernsehsandmännchen die sowjetische Fernsehpuppe Mascha. Und auch die Multispektral-Fotokamera MKF-6 aus Jena, mit der Jähn Fernerkundung aus dem All betrieb, und Fotos in einer Auflösung von 30 bis 40 Metern erzielte, kannte irgendwann jedes Kind. Schulen wurden nach ihm benannt – zeitweise auch in Schwerin, von wo ihm ehemalige Schüler und Lehrer gelegentlich immer noch schreiben.

In den Jahren nach der Weltraummission wurde der Kosmonaut als politische Figur der DDR-Führung gesehen und als Held gefeiert. Er reiste in offiziellen Delegationen mit. Später zierte sein Gesicht Gedenkmünzen und Briefmarken. Er habe sich nie als Held gefühlt, sagt Jähn später.

Heute hat er sich, der zu DDR-Zeiten zum Generalmajor, „Helden der DDR“ und „Helden der Sowjetunion“ ernannt wurde, und bis heute Ehrenbürger von Berlin und Chemnitz ist, aus der Öffentlichkeit zurückgezogen. Mit seinen Kollegen und Nachfolgern allerdings hat er immer noch einen engen Kontakt: Alexander Gerst etwa, der 2014 die Raumstation ISS besuchte, hatte einen Aufnäher von Jähns Raumflug im All dabei. Ein Foto des vor einem Fenster der Raumstation schwebenden Logos schickte er dann an Sigmund Jähn. „Das hat mich wirklich gerührt“, betont Jähn, als ihn gestern unsere Zeitung in Strausberg besuchte. Wie er die heutige Raumfahrt sieht? Braucht es denn heute mehr Engagement für die Raumfahrt? Einen Flug zum Mars zum Beispiel?

Jähn bleibt im Gespräch zurückhaltend. „Das sollte man machen, wenn man sich auf der Erde nicht mehr gegenseitig umbringt“, sagt Jähn. Der weißhaarige Mann holt ein Buch hervor. Es zeigt Fotos, die Alexander Gerst von der ISS aus aufgenommen hat. Südamerika, Afrika, den tropischen Regenwald.

Und Sigmund Jähn erzählt, dass er diese Bilder mit denen seiner eigenen Weltraumexpedition verglichen habe. Da sehe man dann, wie der Regenwald am Amazonas zerstört werde, wie sich die Menschheit den Ast absäge, auf dem sie sitze.

„Entweder die Menschheit rottet sich aus – oder es wird eine Gesellschaft geben, die die Probleme der Menschheit lösen kann“, sagt Jähn. Der Widerspruch zwischen dem technischen Fortschritt und der „ethisch-moralischen Qualität der Menschheit“ werde immer größer.

„Einer idealen menschlichen Gesellschaft ohne Kriegswaffen würde ich den moralischen Rückhalt zutrauen, an den Flug zu anderen Planeten zu denken.“ Der Sozialismus, so wie er in der Praxis aufgebaut war, habe das freilich nicht vermocht.

Nach der Wende war Jähn für die Europäische Raumfahrtagentur ESA und das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt tätig. Sein Freund Ulf Merbold, der als erster Westdeutscher 1983 ins All flog, hatte ihm die Stelle besorgt. Ohnehin habe er die Astronauten anderer Nationen, etwa die der USA, persönlich nie als Konkurrenten empfunden. Immer wieder sei er von ihnen eingeladen worden – das erste Mal gleich 1979, im Jahr nach seinem Flug, nach München.

„Man umkreist die Erde 16-mal am Tag, da verschwinden die Grenzen“, macht Jähn deutlich. Um seinen Geburtstag am Montag will der Kosmonaut im Ruhestand kein großes Aufheben machen. Dass er deswegen von Journalisten besucht wird, ist ihm fast peinlich.

Was er sich wünscht? Dass an den Schulen wieder stärker Physik und Astronomie unterrichtet werde? „Das wäre schon gut“, sagt Jähn. „Ich glaube, die Menschen brauchen heute wieder mehr Aufklärung.“

 

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen