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Interview Papis Loveday : „Ich fand mich nie schön“

vom
Aus der Onlineredaktion

Papis Loveday gilt als das erfolgreichste dunkelhäutige Männermodel der Welt.

Extravagante Outfits und bunte Kreationen sind sein Markenzeichen. Im Gespräch erzählt Papis Loveday, wie er über Umwege auf die Laufstege dieser Welt gelangte und warum er seiner Familie jahrelang verschwieg, wie er sein Geld verdient.

Herr Loveday, was wollten Sie als Kind werden?
Als Kind träumte ich davon, Arzt zu werden wie mein Vater. Den Beruf meiner Mutter fand ich aber auch sehr interessant. Sie hat als Diplomatin in den verschiedensten Ländern gelebt. Es war spannend zu reisen. Am Ende gab es aber nicht den einen Traumberuf für mich. Je älter ich wurde, desto wichtiger war es mir zu studieren, danach eine gute Position zu erlangen und Geld zu verdienen. Schließlich wollte ich meine Eltern unterstützen. Am Ende war mir klar, dass ich es mit meinem Sport und einem Studium nach Europa schaffen könnte.

Sie sind als Leichtathlet nach Paris gekommen, wollten Profiläufer werden. Doch eine Verletzung verhinderte eine Karriere im Profisport. Haben Sie lange daran geknabbert?
Ich hatte als 400-Meter-Läufer ein Stipendium bekommen, um in Paris zu studieren. Nach der Verletzung hatte ich eine Operation und sieben Monate Krankengymnastik. Relativ schnell war klar, dass ich den Sport nicht mehr würde ausüben können. Ich bin niemand, der den Kopf in den Sand steckt, wenn sich ein Traum in Luft auflöst. Ich schaue nicht zurück. Ich habe alle meine Medaillen und Fotos von Wettkämpfen vernichtet und weitergemacht.

Haben Sie das nicht bereut?
Doch, wenn ich darüber spreche, bereue ich das schon. Aber ich blicke nicht jeden Tag reumütig zurück. Trotzdem fragen mich heute noch viele Menschen nach alten Fotos. Meine Mutter hatte zwar auch ein paar Medaillen und Fotos. Aber auf ihren Reisen von Konsulat zu Konsulat ist immer mehr verloren gegangen. Ich bin ein gläubiger Mensch. Es ist nicht meine Schuld, dass es mit dem Sport nicht geklappt hat. Vielmehr denke ich, dass Gott es so wollte.

Danach bekamen Sie das Angebot, für eine Kampagne von Benetton zu modeln. Ein Fotograf hatte Bilder von Ihnen einer Agentur geschickt. Was haben Sie dazu gesagt?
Ich habe das Angebot der Mailänder Agentur erst einmal nicht ernst genommen. Aber ich hatte ein Problem: Ich wollte nicht zurück in den Senegal, doch mit meinem Aus im Profisport war mein Stipendium in Gefahr, und ich musste mir einen Job suchen. Nur wer sein Studium bezahlen kann, darf bleiben. Aber ich wusste nicht, was hinter diesem Modeljob steckte und habe abgesagt. Doch die Frau rief immer und immer wieder an. „Wenn Sie das nicht machen, dann sind Sie dumm“, sagte sie zu mir am Telefon. Denn mit diesem Job würde ich mein Studium zahlen und meine Eltern unterstützen können. Da wurde ich hellhörig und habe gefragt, was ich verdienen kann. Als ich die Summe hörte, war ich dabei.

Was haben Sie damals für diese Kampagne bekommen?
Es war eine weltweite Kampagne für Benetton. Ich habe ungefähr 40  000 Euro für drei Tage Arbeit bekommen. Ich habe es wegen des Geldes gemacht.

Wie haben Sie sich als Laie beim Shooting angestellt?
Ob ich Talent habe oder nicht – wenn ich mich entscheide, einen Job zu machen, dann lerne ich schnell. Ich kann Tipps sehr schnell umsetzen. Für diese Fähigkeit danke ich Gott. Meine Mutter wusste das auch schon immer. Obwohl ich acht Schwestern habe, hat sie immer mich gefragt, ob ich ihr helfen kann. Denn wenn man mir sagt, was ich tun soll, setze ich es genauso um.

Sie sind Juror bei „Austrias Next Topmodel“. Hätten Sie bei einer Show wie dieser mitgemacht?
Auf keinen Fall. Ich fand mich nie schön. Selbst im Gymnasium beim Abschlussball habe ich mich nie beworben. Alle meine Mitschüler fanden den Wettbewerb toll und wollten mich dafür vorschlagen. Aber ich bin erst um ein Uhr nachts auf der Party aufgeschlagen, wenn das schönste Paar des Abends bereits gekürt war. Das hat mich nie interessiert.

Müssen Models heute mehr können als gut auszusehen?
Das Modeln ist immer ein Risiko. Manche machen es nebenbei, für andere ist es ein Fulltime-Job. Aber in der Branche kannst du dich auf nichts verlassen. Ich habe angefangen, Informatik zu studieren, aber als die Jobs immer mehr wurden, habe ich das aufgegeben. Ich hatte damals einfach Glück, weil ich zu der Zeit ein gefragtes Gesicht war. Aber nach zwei Jahren wurden meine Aufträge auch weniger. Ich war weniger gefragt. Dann lag es an mir, mich ins Gespräch zu bringen und auf Partys und Events mit Designern, Fotografen und Insidern der Branche zu sprechen. Ein Model muss nicht nur gut aussehen, sondern sich vermarkten können. Wir hatten damals keine Apps wie Instagram, mit denen wir Millionen von Menschen erreichen konnten. Wir mussten alles selbst machen.

Weibliche Models sind oft richtige Promis im Gegensatz zu ihren männlichen Kollegen. Woran liegt das?
Die ganze Branche ist auf die Frauen fixiert. Frauen träumen mehr, Frauen kaufen mehr. Auch wenn sich eine arme Frau keine Gucci-Tasche leisten kann, kauft sie sich die „Vogue“ und träumt davon. Männer sind anders gestrickt. Wenn sie sich etwas nicht leisten können, schauen sie es sich nicht noch in einer Zeitschrift an. Dadurch werden die weiblichen Models zu richtigen Promis, weil sie viel öfter im Fokus der weiblichen Träume stehen.

Immer noch wird diskutiert, dass viele Mädchen zu dünn sind. Was ist für Sie ein perfektes Model?
Ich entwerfe Jeans, und die passen zu jeder Figur – egal, ob jemand besonders dünn oder besonders kurvig ist. Die Models waren nicht immer sehr dünn. Frauen wie Naomi Campbell und Claudia Schiffer trugen eine 38, heute hat es sich zur Größe 34 gewandelt. Das liegt auch an den Kollektionen. Wer mit vielen Stoffen arbeitet, braucht als Designer androgynere Frauen. Bei weiblicheren Frauen sieht es zwar auch gut aus, wirkt auf dem Laufsteg aber voluminöser, und dann kommt das Kleid oft nicht mehr gut an. Ich finde das schade. Denn manche Kleider würde ich gerne an weiblicheren Frauen sehen. Außerdem sieht man an vielen Mädchen, dass sie nicht mehr gesund, sondern krank sind. Dann frage ich mich: Geht es hier noch um Schönheit?

Wer inspiriert Sie als Designer?
John Galliano.

Und wer ist Ihr Vorbild?
Meine Mutter. Von ihr habe ich gelernt, dass ich jedes Ziel im Leben erreichen kann – egal was die Leute über mich sagen. Sie hat als Frau ein schweres Leben gehabt. Sie war eine von drei Frauen ihres Mannes, hatte sechs Kinder und ist arbeiten gegangen, obwohl die Leute über sie geredet haben. Aber sie hat es durchgezogen, damit wir ein besseres Leben haben.

Wann haben Sie Ihren Eltern verraten, dass Sie als Model arbeiten?
Meine Eltern wussten sehr, sehr lange nichts davon. Erst nach fünf Jahren haben Sie es durch einen Zufall erfahren. Eine Freundin meiner Mutter entdeckte mich in einer französischen Zeitschrift und zeigte sie ganz begeistert meiner Mutter. Zum Glück fand ihre Freundin die Fotos gut, so war meine Mutter auch davon überzeugt und hat sich gefreut. Das war eine große Erleichterung für mich. Ich hatte ihnen viele Jahre Geld geschickt, und meine Mutter fragte mich immer, woher ich das viele Geld hätte, und hoffte, dass ich keinen schlimmen Job hätte.

Was haben Sie Ihrer Mutter damals erzählt?
Ich habe ihr gesagt, dass sie sich keine Sorgen machen soll und dass ich neben dem Studium im Hotel und Catering arbeite.

Wie haben Ihre Eltern auf Ihren wirklichen Job reagiert?
Meine Mutter fand es gut. Mein Vater war sehr kritisch und fand den Job blöd. Erst jetzt versteht er, wie sehr ich der Familie mit diesem Job helfen kann.

Sie sind in einer traditionellen senegalesischen Familie aufgewachsen. Ihr Vater hatte drei Frauen, Sie 25 Geschwister. Wie lebt es sich in einer Großfamilie?
Es war laut und schwierig. Denn Kinder lieben es zu streiten. Als ich zwei Jahre alt war, sind meine leiblichen Geschwister und ich mit meiner Mutter in ein eigenes Haus gezogen. Außerdem sind wir mit meiner Mutter auch viel in die verschiedenen Länder gereist und waren oft unterwegs.

Was vermissen Sie aus der Heimat?
Die Kultur prägt nicht die Menschen, sondern die Menschen prägen die Kultur. Im Senegal sind die Menschen lässiger. Afrika ist zwar arm, aber es geht nicht immer nur ums Rennen, Laufen und Arbeiten. Hier in Deutschland hat niemand Zeit, dort haben die Menschen immer Zeit füreinander. Aber ich habe das hier schnell verlernt (lacht). Heute habe ich auch nur noch wenig Zeit für meinen Bruder und meine Schwestern. Ich schreibe ihnen eine schnelle Nachricht über Whatsapp, mehr ist oft nicht drin. Das ist nicht nur typisch deutsch, sondern typisch für Europa.

Was ist die modischste Stadt Deutschlands?
München. Die Stadt ist wunderschön und hat einen Glamourfaktor. Danach kommt Düsseldorf und dann erst Berlin. In der Hauptstadt kleiden sich die Menschen lässiger. Das ist nicht mein Ding.

Was können die Deutschen von anderen modisch lernen?
Die Deutschen müssen mutiger sein. Hier kleiden sich die Menschen zu konservativ. Sie können gerne mehr Farbe und engere Jeans tragen. Aber das trauen sich viele nicht. Doch wenn sie es nicht ausprobieren, wissen sie nicht, dass es zu ihnen passt.

Was braucht jeder im Schrank?
Accessoires sind für Frauen sehr wichtig: Taschen und Schmuck. Auch Jeans dürfen im Schrank nicht fehlen. Männer sollten nicht auf Jeans und gute Sakkos verzichten. Ein dunkles Sakko kann man zu allem kombinieren.

Welche Schwierigkeiten hatten Sie als farbiges Model?
Es gab Agenten und Designer, die mich schön fanden und andere nicht. Ich habe das aber nie persönlich genommen. Entweder hatten sie keine Erfahrungen mit farbigen Models gemacht, oder ich passte einfach nicht zu der Kollektion.

Inwiefern haben Sie Rassismus in der Branche erlebt?
Sehr wenig. In Italien hatte ich einmal eine Situation, in der die Verantwortlichen des Castings miteinander Italienisch sprachen. Es fielen rassistische Kommentare. Denn sie wussten nicht, dass ich Italienisch sprechen konnte. Daher habe ich meine Mappe genommen und bin gegangen. Hinterher haben sie sich entschuldigt und wollten mich buchen. Aber ich habe abgelehnt.

Sind Sie als Model eitler geworden?
Klar. Jedes Casting war für mich eine Herausforderung, und ich wollte von den Designern gebucht werden. Ich habe immer hart an mir gearbeitet. Wer nichts tut, bleibt immer einer von Tausend.

Gibt es etwas an Ihnen, was Sie gar nicht mögen?
Ich habe mein ganzes Aussehen nie gemocht, bin noch immer sehr kritisch mit mir. Aber der Job hat mir geholfen, mehr Selbstvertrauen und Selbstbewusstsein zu erlangen. Ich fand es auch schwierig, mich auf den Plakaten und Zeitschriften zu sehen. Ich mag meine Fotos nicht.

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