Wochenend-Interview : „Ich bin gerne ein Landei“

 

 

Sängerin Francine Jordi über Liebesbriefe mit Kontoauszug, wütende „Stadl“-Fans und ihr Leben in der Provinz.

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29. August 2015, 08:00 Uhr

In der Schweiz ist sie schon längst ein Superstar. In Deutschland wird Francine Jordi bald noch bekannter sein, wenn sie ab September gemeinsam mit Alexander Mazza die TV-Eurovisionssendung „Stadlshow“ (vormals „Musikantenstadl“) moderieren wird – sehr zum Ärgernis vieler eingefleischter „Stadl“-Fans, die ihren langjährigen und abgesetzten Moderator Andy Borg behalten wollen.

Francine, Ihr richtiger Nachname ist Lehmann. Im Künstlerleben haben Sie Ihren Nachnamen auf Jordi geändert. Kann man als Francine Lehmann im Showbusiness keine Karriere machen?
Also, am besten sagen alle Francine zu mir. Aber jetzt mal ehrlich: Haben Sie meinen richtigen Namen mal auf eine Autogrammkarte oder auf ein Plakat geschrieben? So ein langer Name – da werden Sie ja nie fertig.

Das war tatsächlich eines der ausschlaggebenden Argumente für die Wahl eines Künstlernamens?

Ja. Alleine mein Vorname hat schon so viele Buchstaben. Dann haben wir uns damals für einen Nachnamen entschieden, der typisch und traditionell in der Schweiz und in Bern ist – und den man in allen Sprachen sagen kann: Francine Jordi. Mittlerweile bin ich auch froh darüber. Ich kann mit meinem Pass unter meinem Namen reisen und werde nicht so schnell erkannt.

Stimmt es eigentlich, dass Sie Liebesbriefe und Heiratsanträge mit angehängtem Kontoauszug bekommen?
(lacht) Ja, so etwas habe ich tatsächlich mal bekommen. Im Moment liegen aber keine aktuellen Anträge mit Kontoauszügen vor. Heutzutage bekomme ich auch viele Nachrichten über Facebook.

Wie hoch war denn damals der Kontostand des Antragstellers?
Das verrate ich nicht.

Er wäre aber eine gute Partie gewesen?
Vielleicht. Hallo? Jetzt aber bitte mal ernsthaft: Es kommt doch nicht auf das Konto an. Du kannst doch gar nicht steuern, ob du dich verliebst. Du schaust dabei doch nicht auf den Kontostand. Ich habe damals natürlich schon geschmunzelt, als ich diesen Heiratsantrag mit Kontoauszug bekam. Und es schmeichelt einem schon, wenn man solche Post erhält

Ist es für Sie Ehre oder eher ein Fluch, wenn Sie in der Medienlandschaft oft als die „Helene Fischer aus der Schweiz“ bezeichnet werden?
Das ist doch toll – und natürlich eine Ehre für mich. Helene Fischer ist eine hervorragende Künstlerin und absolut bodenständig geblieben. Sie kann singen, sich bewegen, sie macht eine Supershow. Ich bin selbst eine begeisterte Konzertgängerin. Wenn ich die Möglichkeit habe, eine Show von ihr zu besuchen, dann gehe ich hin.

Und Helene Fischer ist aktuell tatsächlich das Maß aller Dinge im deutschen Schlagerbereich?
Helene ist eine Frau, die extrem viel arbeitet. Das sehen viele gar nicht. Sie ist eine Perfektionistin, sonst hätte sie es nie so weit gebracht. Im Moment ist sie das absolute Aushängeschild – nicht nur für die Schlagerbranche, in Deutschland ist sie der Top-Act. Es gibt nichts Vergleichbares.

Nun waren Sie schon vor Helene Fischer im Geschäft. Warum wollten Sie unbedingt in die Schlagerbranche? Sie sind diplomierte Gesangslehrerin, Sie hätten auch einen völlig anderen Weg als Militärpilotin einschlagen können.
Schlager ist für mich eine Herzensangelegenheit.

Die Eltern haben auch alles so mitgetragen?
Vor meinem Sieg beim Grand Prix der Volksmusik 1998 hatte ich ja bereits klassischen Gesang studiert und die dreijährige Handelsschule absolviert. Die solide Basis war somit schon mehrfach vorhanden.

Wenn es also im Showbusiness plötzlich nicht mehr klappt…

…dann kann ich Ihnen Gesangsunterricht geben und für Sie die Buchhaltung erledigen (lacht).

Wie lief damals eigentlich die Geschichte mit der Ausbildung zur Militärpilotin?
Na ja, von den damals 2000 Bewerbern bin ich unter die letzten 50 gekommen. Ich hätte mich dann zwei Jahre beim Militär verpflichten müssen, um tatsächlich auch weiterzukommen und Jetpilotin werden zu können. Nach der Gesangsausbildung und dem Sieg beim Grand Prix der Volksmusik wollte ich aber auf die Karte Musik setzen.

Ich habe gelesen, dass Sie sehr religiös erzogen wurden.

Sehr religiös ist übertrieben. Am Sonntag den Gottesdienst zu besuchen war bei uns nicht Pflicht, es gehörte dazu. Ich bete immer noch täglich, abends bedanke ich mich für den zurückliegenden Tag. Ich bekomme es auch hin, dass ich mich mindestens einmal am Tag an etwas erfreue, egal wie trostlos dieser Tag erscheint. Das kann ein schöner Baum sein, eine schöne Begegnung oder irgendetwas anderes. Dieses Ritual habe ich von meiner Großmutter Liseli gelernt.

Sie sind als Landei aufgewachsen – und genießen heute noch das Leben auf dem Land?

Ja, dazu stehe ich. Ich bin gerne ein Landei. Bei uns im Ort wohnen 450 Menschen – wir haben sogar noch ein Restaurant. Jeder kennt jeden – und mich kennen sie alle (lacht). Da fühle ich mich pudelwohl. Letztens wurde in unserem Dorf das mittelländische Schwingfest ausgerichtet, in der Schweiz ist das Tradition, eine Variante des Ringens. An diesem Wochenende waren über 10  000 Leute in unserem Dorf. Alle haben mit angepackt und geholfen.

Und nun darf das Landei zur besten Sendezeit die „Stadlshow“ moderieren. Geht damit ein Traum in Erfüllung?

Eigentlich nicht, ich habe es ja nicht mal gewagt, davon zu träumen (lacht). Spaß beiseite: Auf jeden Fall ist ein Traum in Erfüllung gegangen. Ich moderiere seit 13 Jahren die Sendung „Weihnachten auf Gut Aiderbichl“ – dann habe ich schon das Gefühl, dass so eine eigene Sendung schön wäre. Aber ich habe nie gedacht, dass ich einmal den „Musikantenstadl“ oder jetzt die „Stadlshow“ moderiere. Das war so hoch oben. Als ich fürs Casting angefragt wurde, ist mir fast der Telefonhörer aus der Hand gefallen, weil ich nie gedacht hatte, dass ich überhaupt im Spiel bin. Und als dann noch der Anruf kam, dass sie mich gerne hätten…

…haben Sie sofort zugesagt.
Nein, nicht sofort. Mir war schon von Anfang an klar, dass ein Moderatoren-Duo gesucht wurde. Ich wollte aber wenigstens vorher erst einmal Alexander Mazza kennenlernen. Bei unserem Treffen haben wir gegenseitig gemerkt, dass der andere ähnlich tickt. Wir sind sehr ehrlich und offen miteinander umgegangen. Mein Bauchgefühl hat mir dann gesagt, dass es passt. Mit ihm kann ich wahrscheinlich durch dick und dünn gehen.

Wie gehen Sie mit den „Musikantenstadl“-Fans um, die gegen Sie wettern und ihren alten Moderator Andy Borg behalten wollen?
Ich verstehe die Kritiker und Enttäuschten und akzeptiere auch, dass sie demnächst nicht mehr den Fernseher einschalten wollen. Ich möchte die Menschen unterhalten, die schauen wollen und Spaß haben an der Musik. Und glauben Sie mir, Alexander Mazza und ich sind extrem dankbar, dass es die Sendung weiterhin gibt. Sie ist enorm wichtig für unsere Branche. Im Übrigen freue ich mich aber auch über alle positiven und negativen Kommentare. Bei den negativen Statements haben sich die Leute zumindest etwas mit mir beschäftigt. Ich bin ihnen offensichtlich nicht egal, sondern wichtig. Leider kann ich es aber nicht allen recht machen.

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