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Interview: Intendant der Elbphilharmonie : „Ich begleite ein einmaliges Projekt“

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Die Elbphilharmonie wird im Januar 2017 endlich eröffnet. Dann kann Christoph Lieben-Seutter sich endlich auf die Musik konzentrieren.

Fast wäre Christoph Lieben-Seutter zur tragischsten Figur der Klassikszene geworden – als Intendant eines Konzerthauses, das zwar immer teurer, aber nicht fertig werden will. Schlussendlich ist das Werk aber doch gelungen: Im Januar 2017 eröffnet die Elbphilharmonie, und Lieben-Seutter wird endlich, wofür er vor einem Jahrzehnt aus Wien nach Hamburg gekommen ist: Leiter des spektakulärsten Konzerthauses des 21. Jahrhunderts.

Herr Lieben-Seutter, nach zehn Jahren in Hamburg: Was lieben Sie an dieser Stadt?
Hm... Die Weite, das Wasser, den alten Elbtunnel... Vor allem das Wasser.

Und was vermissen Sie an Wien?
Kaum etwas. Natürlich die Dichte an Musik: Die ist unübertroffen, das hast du in keiner anderen Stadt dieser Welt.

Angesichts der Bausumme werden Bürger, Politiker und Presse ein scharfes Auge auf Sie haben. Stört es Sie, dass Sie in Effizienzkategorien denken müssen?
Im Prinzip nicht. Die Frage ist doch: Was ist das Ziel der Elbphilharmonie? Das oberste Ziel kann nicht sein, kostendeckend oder wirtschaftlich erfolgreich zu sein. Es geht vielmehr um die Maximierung des künstlerischen Angebots in der Stadt. Um dieses Ziel zu erreichen, muss man natürlich betriebswirtschaftliches Handwerk anlegen, kosteneffizient und produktiv arbeiten. Deshalb stört es mich nicht, wenn jemand wissen will, welche Auslastung wir haben, wie sich die Kosten entwickeln. Aber klar ist: Maximiert wird nicht der Gewinn, sondern maximiert wird die Kunst.

 

Wie oft haben Sie schon ein Eröffnungsprogramm angekündigt und dann wieder zurückgezogen?
Wir haben erst einmal ein Eröffnungsprogramm angekündigt, und zwar jetzt, 2016. Was wir sehr wohl davor schon zweimal gemacht haben, ist ein Eröffnungsprogramm bis zu einem gewissen Status zu planen. Aber es war in keinem Fall eine fixe Zusage gemacht oder ein Vertrag unterschrieben worden. Die Projekte, die wir damals besprochen hatten, sind dann entweder in die Laeiszhalle gekommen oder auf später verschoben oder wieder abgesagt worden. Aber das ist lange her; das war 2010 und 2012.

Waren Sie manchmal verzweifelt?
Klar, das war nicht immer alles erfreulich. Die erste Erschütterung war, dass das Bauprojekt so auf den Weg gebracht worden war, dass niemand eine zuverlässige Einhaltung von Terminen garantieren konnte. Obwohl zu viele offene Fragen im Raum standen, der Planung schlicht die nötige Tiefe fehlte, waren die Aufträge vergeben worden. Nachdem ich das erkannt hatte – das war Anfang 2009 –, habe ich ein paar Wochen gebraucht, um meine Job-Definition für mich anzupassen: Ich bin eben nicht nach Hamburg gekommen, um ein Konzerthaus zu führen, so wie ich das in Wien gemacht habe, sondern ich begleite ein einmaliges Projekt, komme, was da wolle. Seit ich mich mit diesem Schicksal angefreundet habe, geht’s mir gut.

Was haben Sie angesichts der explodierenden Bausumme gedacht? Wächst dadurch Ihre Verantwortung den Bürgern gegenüber?
Jein. Es gibt schon einen besonders hohen Druck, auch was den Anspruch an uns selber im Hinblick auf die Qualität und die Perfektion des Projektes betrifft. Aber es ist nicht legitim, aus den Problemen und den Kosten des Baus, so unerfreulich und grauenhaft das auch war, eine Hypothek für den künstlerischen Betrieb zu konstruieren. Die Baukosten haben ja auch nichts mit den Betriebskosten oder den Eintrittskartenpreisen zu tun. Das sind zwei Paar Schuhe.

 

So ein Großunternehmen kann man nicht ohne Leidenschaft führen. Wo entwickeln Sie die?
Am meisten bekommt man für seinen Einsatz immer im Konzert zurück: Wenn das Publikum tobt und die Künstler glücklich strahlend von der Bühne zurückkommen. Dann weiß man, warum man das macht. Das muss kein Weltklasseorchester sein. Ich bin oft am glücklichsten über ein kleines Kammerkonzert mit einem Streichquartett oder auch ein zeitgenössisches Projekt oder ein Jazzkonzert. Das ist die eine Sache. Die andere ist, dass ich große Freude an Details habe – nicht immer zur Freude meiner Mitarbeiter. Aber mir ist alles wichtig: nicht nur das Musikprogramm, sondern das Erscheinungsbild, der Service, die Texte, die Funktion der Internetseite, der Geschmack des Kaffees in der Pause. Denn schlussendlich vermittelt sich auch ans Publikum, dass da Leute sind, die wirklich für sie da sind. Das heißt nicht, dass immer alles rund und reibungslos ablaufen muss; es darf auch mal menscheln.

Wie schaffen Sie das in Ihrem Team?
Ich tendiere nicht dazu, besonders laut zu werden; ich habe ein anderes Problem. Ich glaube, ich kann das Team ganz gut motivieren, als Vorbild in Sachen Begeisterung. Ich suche auch Leute aus, die an die Sache glauben, und das Team ist sehr motiviert. Mein Fehler ist: Ich lobe zu wenig. Selbst wenn Leute etwas supergut machen, sehe ich viele Details, die noch nicht so perfekt waren, und ich spreche immer von dem, was noch nicht so rundläuft, und zu wenig von dem, was schon super klappt. Ich brauch’ vielleicht selber nicht so viel Lob, das ist halt eine Typfrage.

Warum haben Sie die Einstürzenden Neubauten fürs Eröffnungsfestival engagiert?
Das Eröffnungsfestival soll ja eine Art Visitenkarte des Programms sein. Deshalb war es uns wichtig, auch laute Musik dabei zu haben, auch wenn der Saal dafür weniger geeignet ist als für Klassik oder Jazz. Mit den Neubauten haben wir schon mal vor vielen Jahren über ein mögliches Elbphilharmonie-Projekt gesprochen. Sie sind sozusagen Klassiker der Avantgarde, zudem für mich sehr wichtig gewesen. Als ich sie zum ersten Mal in Wien im U4 gesehen habe, war ich noch in der Schule. Sie haben da in einem Raum gespielt, der nicht viel größer war als dieses Büro, und da haben sie sich auf ihren Stahlfedern ausgetobt, das hat mich ungeheuer beeindruckt. Und ganz nebenbei: Der Name ist witzig.

Liegt Ihnen ein Projekt besonders am Herzen?
Viele meiner Lieblingskünstler kommen: Mariss Jansons oder Jordi Savall. Oder das Transatlantik-Festival: Das ist genuin auf mein eigenes musikalisches Interesse zurückzuführen. Ich interessiere mich sehr für viele Popwelten. Ich kenne mich zum Beispiel ganz gut mit westafrikanischer Musik aus, und wir alle sind in der amerikanischen Popularmusik zu Hause, wo es aber immer noch sehr viel Geschichtliches zu entdecken gibt. Ich liebe die Folkblues-Sammlungen von Harry Smith und alte Blues-Schellacks, und da war das Interesse, Wege aufzuzeigen: Wie die Musik durch die Sklaven von Afrika nach Amerika gekommen ist, Blues und Jazz entstanden sind und in der Folge daraus alles, was wir heute im Radio hören. Für einen Musikwissenschaftler ist das nichts Neues, aber als Konzertprogramm fand ich das sehr interessant, zumal wir mit einem Programm von Jordi Savall im 15. Jahrhundert anfangen können.

„Salam Syriah“ ist ein Programm, das eng mit dem Morgenland Festival Osnabrück zusammenhängt. Wie sind Sie zu diesem Schwerpunkt gekommen?
Langfristig hatten wir schon immer einen Orient-Schwerpunkt geplant. Wir machen seit sieben Jahren Elbphilharmonie-Konzerte und hatten bereits ein Israel-Festival, ein türkisches, ein persisches. Arabische Musik war schon länger im Hinterkopf; ich musste da noch die Fäden ein bisschen verknüpfen. Dann wurde das Thema Syrien akuter; so ist die Idee entstanden, das Festival speziell Syrien zu widmen. Es gibt dort viele tolle Musiker, die jetzt in Deutschland, Europa oder Amerika leben. Das Morgenland Festival hat auf diesem Gebiet tolle Arbeit gemacht. Ich beobachte das schon lange, und eine meiner Mitarbeiterinnen hat bereits mit Michael Dreyer zusammengearbeitet. Die hat ihn dann kontaktiert, und so ist das entstanden.

Sie sind nicht nur Intendant der Elbphilharmonie, sondern Generalintendant für Elbphilharmonie und Laeiszhalle. Wie wollen Sie verhindern, dass die zum Nebenschauplatz wird?
Ganz verhindern lässt sich das nicht, denn natürlich ist die Elbphilharmonie dermaßen spektakulär, dass sie erst mal allem anderen die Show stiehlt, auch der Laeiszhalle. Aber die Laeiszhalle ist ein Schmuckkästchen, ein hervorragender philharmonischer Saal, der nur eine Sanierung nötig hat. Wir hoffen, die in den nächsten Jahren schrittweise durchführen zu können. In der Anfangsphase wollen alle in die Elbphilharmonie: nicht nur das Publikum, sondern auch die Künstler, die Sponsoren und die Politiker, die für die Elbphilharmonie viel schneller Geld loslassen als für die Laeiszhalle. Ich bin aber sicher, dass es eine Art Rückwelle geben wird. Würdige Reihen wie „NDR – Das Alte Werk“, die internationalen Pianisten von ProArte, die Deutsche Kammerphilharmonie, auch Jazz und Kammermusik bleiben hier. Wir haben für das nächste Jahr, obwohl sich sehr viele der Inhalte in die Elbphilharmonie verlegt haben, Anfragen für viele neue Veranstaltungen.

Wann verlegen Sie Ihr Büro in die Elbphilharmonie?
Ende Oktober. Wenn wir die Schlüssel kriegen.

Was ist, wenn der Saal nicht klingt?
Das wär blöd. Das ist die kritischste, spannendste Frage für uns. Aber ich schlafe diesbezüglich sehr gut, denn alles, was wir bisher in dem Saal erlebt haben, ist superb. Gerade haben wir die Abnahme der Orgel gehabt, die klingt superb. Also: Schlecht wird’s auf gar keinen Fall. Was wir noch nicht erlebt haben, ist ein Orchester im Saal – die Frage ist, ob sich das Orchester auch wohlfühlt. Klingen wird’s gut, aber es muss nicht nur fürs Publikum gut klingen, sondern auch für die Musiker auf der Bühne. Das ist das einzige Risiko, das ich noch sehe.

Sie sind im Hamburger Musikleben sehr präsent. Sind Sie auch ab und zu mal zu Hause?
Ja ja, durchaus. Ich habe eine Familie mit drei halbwüchsigen Töchtern, die haben mich nie anders erlebt. Das heißt: nicht allzu viel zu Hause, aber wenn, dann mit höchster Aufmerksamkeit und guter Stimmung. Das klappt recht gut. Auch bin ich sehr gut mobil ausgerüstet. Zwar arbeite ich das Wochenende durch, aber nicht im Büro, sondern von zu Hause aus. Da kann man dann schon einen gemeinsamen Spaziergang machen oder länger beim Frühstück sitzen. Und im Konzert bin ich derzeit weniger zu sehen, als mir lieb ist, weil die Arbeitstage einfach zu lang sind.

Sie sollen eine umfangreiche Plattensammlung besitzen – wie groß ist die?
Schallplatten um die 1500, CDs weiß ich nicht. Ich habe sie vor Jahren mal gezählt, aber ich habe es ehrlich gesagt vergessen. Zurzeit verstauben beide Sammlungen. Die Musik spielt sich auf Sonos (kabellosen Hi-Fi-Systemen, Red.) ab, mit diversen Abos von Spotify und Co und natürlich einer großen Sammlung auf Festplatte. Aber bei uns zu Hause läuft eigentlich immer etwas. Das ist sehr lustig mit meinen Kindern, weil wir kreuz und quer durch den Gemüsegarten hören. Wir können alle Räume zusammenschalten oder in jedem Raum etwas anderes hören, und da läuft mehr aktueller Pop oder Hip-Hop oder anderes, als man glauben würde. Für die Klassik braucht man mehr Aufmerksamkeit, und momentan fehlt mir die Zeit, mich vor die Stereoanlage zu setzen und nur zu hören. Außerdem erlebe ich Klassik doch am liebsten live.

Ihr derzeitiger Vertrag endet 2018. Was kommt danach – Bruch, Sabatical, Weitermachen?
Da werden schon noch drei Jahre drangehängt werden.

Wie gestaltet sich Ihr 11. Januar 2017?
Da wird’s stressig. Ob ich da am Schluss, nachdem alle Gäste gegangen sind, noch fähig bin, mit meiner Frau ein Bier zu trinken, oder ohnmächtig ins Koma falle – da bin ich sehr gespannt.

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erstellt am 24.Jul.2016 | 08:00 Uhr

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