zur Navigation springen

Interview Tanita Tikaram : Hit als Mysterium

vom
Aus der Onlineredaktion

Sängerin Tanita Tikaram kennt Botschaft von „Twist in my sobriety“ nicht.

svz.de von
erstellt am 02.Sep.2017 | 16:00 Uhr

Von ihrem weltweiten Hit „Twist in my sobriety“ blieb vor allem die sonore Frauenstimme und die wunderschöne Oboe im Ohr. Was aber wollte uns Tanita Tikaram damit eigentlich sagen? Die Antwort darauf und auf andere Fragen unseres Interviews mit der 48-jährigen Britin ergeben erst recht das Bild einer geheimnisvollen Musikerin.

Welche Bilder, welche Momente erinnern Sie, wenn Sie an Ihre Kindheit in Münster denken?
Ich hatte eine sehr schöne, freie Kindheit. Das meine ich vor allem in physischer Hinsicht, ich gehöre zu der Generation, die sehr unabhängig von den Eltern aufwachsen konnten. Wir waren ständig draußen, spielten auf der Straße, in den Feldern, sind viel Fahrrad gefahren und schwimmen gegangen. An die Eltern haben wir kaum gedacht, wir haben gemacht, was wir wollten. Es gab ja auch noch keine Smartphones, mit denen heutzutage die Kinder jederzeit erreichbar sind. Trotzdem fühlte ich mich immer sicher. Insofern hatte ich eine sehr privilegierte Kindheit in Deutschland.

Lebten Sie damals auf dem Kasernengelände?
Wir wohnten außerhalb der Kaserne am Stadtrand von Münster. Wir spielten oft mit deutschen Kindern. Und ich wäre auch gern mit ihnen zur Schule gegangen. Aber es war üblich, dass die Armeeangehörigen ihre Kinder auf eine englische Schule schickten. Zudem war sie auch viel preiswerter für meine Eltern.

Haben Sie noch Kontakt zu einigen Freunden von damals?
Zu den Kindern nicht. Aber meine Eltern waren befreundet mit einer deutschen Familie, mit der wir auch einmal im Urlaub waren. Das war schon sehr ungewöhnlich, dass eine britische Soldatenfamilie überhaupt so eine enge Beziehung zu Deutschen hatte. Aber meine Eltern sind ja auch nich typisch britisch. Sie haben Freunde auf der ganzen Welt und sind sehr gastfreundlich und offen.

Wie haben Sie denn grundsätzlich das Leben in einer Soldatenfamilie empfunden. Mussten Sie zuhause täglich ihren Kleiderschrank tiptop aufräumen?
(lacht) Nein. Gottseidank war mein Vater nicht so streng. Er hat zuhause nicht den Kommandeur gegeben. Überhaupt waren die Achtzigerjahre, verglichen mit dem Terrorismus heutzutage, eine sehr ruhige Periode. Den Soldaten, die in Deutschland stationiert waren, ging es sehr gut. Sie führten ein ruhiges Leben, mussten auf nichts verzichten, und es gab keine gefährlichen Einsätze.

Was mögen Sie denn an Deutschland?
Ich mag vor allem die Menschen. Die sind weder oberflächlich noch einfach gestrickt, sondern sehr komplex in allem, was sie tun. Sie denken viel nach, was meistens zu den richtigen Entscheidungen führt. Ein Brexit wäre ihnen vermutlich nicht passiert.

Welches deutsche Gericht mögen Sie?
(auf Deutsch) Bratwurst mit Pommes. Das war für uns damals das größte, wenn wir zu einem deutschen „Schnellimbiss“ essen gegangen sind.

Ihre Eltern stammen aus Ostasien. Was bedeuten Ihnen diese Wurzeln?
Meine Mutter ist und war über all die Jahre sehr stark mit Malaysia und der dortigen Kultur verbunden. Mein Vater nicht so sehr, da er schon früh in die Armee eintrat, und nicht typisch Fidschi ist, sondern indischer Abstammung. Aber meine Mutter hat ihr kulturelles Erbe stets sehr in Ehren gehalten, besucht oft das Land, spricht die Sprache perfekt und kocht sehr leckere malayische Gerichte. Wer in einem Land mit Eltern fremder Kulturen aufwächst, hat per se eine komplexere Kindheit als andere. Das hat mich zweifellos bereichert und meinen Horizont erweitert.

Haben Sie denn den Wunsch, dieses kulturelle Erbe noch stärker für sich zu entdecken?
Gute Frage. Eindeutig ja. Die kulturellen Zusammenhänge scheinen heutzutage viel wichtiger als noch vor 30 oder 40 Jahren zu sein. Die Gesellschaften sind so vielschichtig und komplex geworden, mit verschiedenen Werten und Einflüssen. Die entscheidende Frage auch für mich lautet: Wer bin ich in diesem Kosmos? Ich fiebere zum Beispiel immer mit dem Rugby-Team der Fidschi-Inseln mit, obwohl ich sonst im Alltag wenig damit zu tun habe.

Wie haben Sie Ihre Musikalität entdeckt?
Eigentlich erst sehr spät. Wie jeder andere Teenager habe auch ich nach meiner Identität gesucht und fühlte mich immer ein wenig als Außenseiter. Ich habe gern geschrieben, Gedichte oder Kurzgeschichten. Gesungen habe ich eigentlich kaum, und wenn, dann nur für mich allein im Zimmer. Meine Stimme hielt ich dafür auch nicht besonders geeignet, ich betrachtete sie eher als Sprechstimme, weil sie so tief war. Deswegen ist es für mich auch um so erstaunlicher, dass ich damals über Nacht so einen Erfolg mit meinem Debütalbum hatte. Ohne stimmliche Erfahrung und jahrelanges Training, ohne jemals vor Publikum gesungen zu haben.

Haben Sie denn in der Schule auch nicht vorgesungen?
Ich habe einmal ein Stück in einem Theaterspiel vorgetragen, als ich 14 war. Das war‘s.

Wie sind Sie dann entdeckt worden?

Das war bei meinem zweiten öffentlichen Auftritt. (lacht) Bevor ich studieren wollte, nahm ich an einer Open Stage Night in einem Londoner Pub teil. Im Publikum saßen höchstens drei Leute. Einer von ihnen war ein einflussreicher Manager.

Was für ein Glück.
(lacht) Ich glaube, der Besitzer des Pubs hatte ihm den Tipp gegeben, mich anzuschauen. Das war alles total obskur und rätselhaft. Vielleicht war es auch Glück, oder sagen wir besser Schicksal. Alles ist doch Schicksal.

1988, im Alter von 19 Jahren, sind Sie dann kometenhaft weltweit bekannt geworden. Wie sind Sie damit umgegangen?
Wenn man jung ist, tut man so, als ob einen das gar nicht beeindruckt. Ich nahm auch tatsächlich an, das sei normal, wenn man einen Plattenvertrag bekommt. Ich hatte auch gar keine Zeit, darüber nachzudenken. Ein Termin jagte den nächsten. Erst heute kann ich diesen Erfolg richtig einschätzen, der alles andere als selbstverständlich war. Das war schon eine seltsame Sache.

Hat Sie der frühe Erfolg als Person verändert?
Mit Sicherheit. Aber das ist schwierig, aus heutiger Sicht zu beurteilen. Wenn sich über Nacht dein ganzes Leben so krass verändert, wenn plötzlich Flüge, Hotels, Tourneen, Konzerte, Fans und Interviews zum Alltag werden, musst du dich irgendwie anpassen und versuchen, so viel Normalität wie möglich in diesem verrückten Musik-Business zu bewahren.

Als diese riesige Erfolgswelle Ende der Neunzigerjahre abebbte, fielen Sie da in ein mentales Loch?
(lacht) Nein, ich bin jedenfalls nicht depressiv geworden. Das Musikerleben fühlte sich mit Ende 20 ganz normal an. Ich habe ja trotzdem weiter Musik mit einer Band gemacht, Konzerte gegeben und Alben veröffentlicht. Ich stand nur nicht so im grellen Rampenlicht wie vorher. Das tat ganz gut. So hatte ich auch mal Zeit, zu reflektieren.

Sie haben sogar mal gesagt, es sei gar nicht Ihr Plan gewesen, Musikerin zu werden. Was war Ihr Masterplan?
Ich fühlte mich immer zum Theater hingezogen. Das ist auch nach wie vor eine große Leidenschaft von ihr. Ich hätte mir gut eine kreative Betätigung hinter den Kulissen vorstellen können. Auch Kunst interessiert mich. Als ich Teenager war, wollte ich Anwältin für Menschenrechte werden. In der Familie meines Vaters gibt es einige Anwälte. Ich war als Teenager sehr interessiert an sozialen Problemen, habe Bücher über Soziologie verschlungen. Ich wollte wissen, was falsch in unserer Gesellschaft läuft.

Wir müssen über Ihren Hit „Twist in my sobriety“ sprechen. Eine ganze Generation war fasziniert davon - und hat gleichzeitig gerätselt, was Sie uns damit sagen wollten. Worum geht es?
(lacht) Das ist ein großes Geheimnis, selbst für mich. Ich habe keine Ahnung, was der Songtext bedeuten soll. Aber er ist sehr poetisch, anspruchsvoll und lässt viele Interpretationen zu. Ich habe damals viele Bücher gelesen, und mir dabei schöne Metaphern und ausdrucksstarke Wörter notiert, die ich für Songs verwendet habe. In diesem Song kam etwas sehr Großes und Mächtiges zustande, das vor allem die Gefühle anspricht und Raum lässt für viele Gedanken. Es ist wie mit dem Song „A whiter shade of Pale“ von Procul Harum: Man muss nicht unbedingt die Bedeutung des Textes kennen, um von dem Song fasziniert zu sein. Es geht um die Atmosphäre, die der Song erzeugt.

Ihr neues Album heißt „Closer to the people“. Ist der Titel so zu verstehen, dass Sie in den vergangenen Jahren zu weit vom Publikum entfernt waren?
(Nein) Nein, das habe ich damit nicht gemeint. Es geht um wirkliche Nähe zu den Menschen, und nicht um virtuelle Nähe. In heutiger Zeit finden Kontakt und Austausch zunehmend über die sozialen Medien statt. Das ist aber nicht direkt und echt wie ein Gespräch oder ein Treffen. Wirkliche Nähe macht vielen Menschen schon Angst, oder sie sind einfach zu bequem dafür geworden. Ich möchte mit dem Albumtitel sagen, dass meine Musik für Authentizität und Direktheit steht.

Die Songs klingen nicht so melancholisch wie früher. Gibt es einen Grund für Ihre Fröhlichkeit?
Ich hatte bisher ein sehr glückliches Leben, es gab nichts, was erschreckend war. Die vermeintliche Melancholie der ersten Jahre ist vielleicht der Ausdruck einer jungen Frau mit ihren Sehnsüchten, Unsicherheiten und Fragen an das Leben. Je älter man wird, desto dankbarer, gelassener und erfahrener wird man. Das drückt sich in der Musik und in den Texten aus. Ich empfinde es als großes Glück, mit meinen Musikern schon so lange zusammenzuarbeiten. Mit ihnen bin ich gut drauf und fröhlich. Ich denke, das spürt man auf dem Album.

Wer sind Ihre musikalischen Idole?
Da gibt es jede Menge. Von Bach bis Ella Fitzgerald. Aber ich werde eigentlich jeden Tag aufs Neue geflasht von guter Musik. Es gibt heutzutage so viele talentierte Musiker und Möglichkeiten, gute Musik zu produzieren und zu verbreiten. Das ist schon beinahe demütigend für mich, all diese großartige Musik zu hören und zu erleben, wenn man im Internet recherchiert oder auf Konzerte geht.

Mit anderen Worten: Kritisieren Sie den Einheitsbrei, der heutzutage in Radio und Fernsehen gesendet wird?
Zum Thema TV kann ich nichts sagen, denn ich besitze kein Fernsehgerät. Ich höre viel Radio, aber nicht die Sender mit den Hit-Rotationen, sondern ausschließlich Jazz, Klassik und Kultur.

Sie vermissen wirklich keinen Fernseher?
Nein. Ich bin jetzt 25 Jahre lang ohne TV ausgekommen. Es hat mir nicht geschadet. Aber ich muss dazu sagen, dass ich mir über das Internet schon die eine oder andere Dokumentation anschaue.




 

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen