WOCHENEND-INTERVIEW : „Hanni & Nanni“ auf dem Index

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Bestsellerautorin Kerstin Gier durfte als Kind populäre Jugendbücher nicht lesen.

svz.de von
01. November 2015, 09:00 Uhr

Ein Platz auf den Bestsellerlisten ist Kerstin Gier mit ihren Romanen für Erwachsene („Mütter-Mafia“) und Jugendliche immer sicher gewesen. Nach ihrer bereits für das Kino verfilmten „Edelstein“-Romanreihe („Rubinrot“, „Saphirblau“ und „Smaragdgrün“) hat sie jetzt ihre international erfolgreiche Fantasy-Trilogie „Silber“ abgeschlossen. Wir sprachen mit ihr über Leseverbote in der Kindheit, Harry Potters letzte Geheimnisse und Pseudonyme.

Was war Ihr Traum als Jugendliche, was Sie mal werden?
Sehr unoriginell: Ich wollte tatsächlich Schriftstellerin werden. Ich habe bereits meine ersten Schulhefte mit Geschichten gefüllt.

Waren Sie als junge Leserin ein Fan von Romanserien oder -reihen?
Das gab es früher noch nicht so ausgeprägt, oder? Und wenn es das gab, dann durfte ich es nicht lesen. Meine Mutter hatte etwas gegen die Trivialliteratur von damals, „Hanni und Nanni“ kam bei uns nicht ins Haus.

Sie haben mal gesagt, wenn Sie „Hanni & Nanni“ hätten lesen dürfen, dann wären Sie heute Suhrkamp-Autorin.
Na ja, ich fürchte, das ist mir in den Mund gelegt worden. (lacht) Aber bei einem Kind üben die Dinge, die man nicht tun darf, ja einen besonders großen Reiz aus, und es gab eine Menge Dinge, die meine Mutter nicht so gut fand: Fernsehen, Süßigkeiten, Barbiepuppen, Popmusik – und eben Schneider-Bücher wie „Burg Schreckenstein“ und „Dolly“.

Wie haben Sie diese Verbote damals empfunden?
Ich hätte „Kiki auf dem Ponyhof“ und Co. wohl nie als so spannend empfunden, wenn sie nicht verboten gewesen wären. Immerhin habe ich deshalb gelernt, sehr schnell zu lesen – ich musste sie bei meinen Freundinnen in zwanzig Minuten querlesen. Zu Hause gab es alles, was auf der Empfehlungsliste für die Jugendbuchpreise stand: Romane, in denen der Vater Alkoholiker ist, eine psychische Krankheit hat und Kinder in KZs von ihren Eltern getrennt werden. Vermutlich pädagogisch wertvoll aufgearbeitet, aber als Achtjährige habe ich das alles nicht verstanden, sondern nur die bedrückende Stimmung aufgenommen und die Welt für einen schlimmen Ort gehalten.

Hat dies Ihr späteres Schreiben beeinflusst?
Das hat auf jeden Fall Spuren hinterlassen: Ich wollte Geschichten so erzählen, dass Kinder und Jugendliche sich während und nach der Lektüre gut fühlen, am liebsten besser als vorher. Dass ihnen das Lesen einfach nur Spaß macht und vielleicht ein bisschen Mut, die Welt positiv zu sehen. Ich habe mich früh durch pädagogisch wertvolle Kinderliteratur manipuliert und auch nicht ernst genommen gefühlt und war immer dankbar für spannende, ehrliche, warmherzige Lektüre, wie sie zum Beispiel die wundervollen zeitlosen Bücher von Astrid Lindgren bieten.

Sie haben jetzt Ihre „Silber“-Trilogie vollendet. Welches Gefühl ist stärker: Befreiung oder Abschiedsschmerz?
Eine Mischung aus beidem. Viele Ideen, die ich ursprünglich gehabt habe, finden am Ende doch nicht den Weg in das Buch, es bleibt noch jede Menge nicht Erzähltes übrig, und das macht mich immer ein bisschen traurig. Andererseits habe ich mich jetzt vier Jahre intensiv mit Liv, Henry und dem Träumen beschäftigt und freue mich auf neue, frische Projekte.

Welches ist Ihre Lieblingsfigur in der „Silber“-Reihe, die Hauptfigur, die 16-jährige Liv Silber?
Ich habe meine Figuren immer alle gleich gern, auch die bösen und die unwichtigen. Mein heimlicher Liebling in diesen Büchern ist aber Livs kleine Schwester Mia.

Warum?
Sie kann noch reden, wie ihr der Schnabel gewachsen ist. Mia ist vollkommen angstfrei und dadurch einfach witzig.

Ihre Fantasy-Kollegin J. K. Rowling hat nach Abschluss der Harry-Potter-Reihe Zweifel an Ihren Entscheidungen öffentlich gemacht, z. B. dass es besser gewesen wäre, aus Harry und Hermine ein Paar werden zu lassen. Könnte Ihnen so etwas auch passieren?
Bei „Silber“ bin ich absolut zufrieden mit meinen Entscheidungen – jedenfalls noch. Bei den Büchern davor gibt es durchaus das ein oder andere Detail, das ich gerne anders machen würde, wenn ich könnte. Aber auf jeden Fall hat sich bei mir am Ende immer das richtige Pärchen gefunden.

Finden Sie es richtig, dass Rowling acht Jahre nach Erscheinen des letzten „Harry Potter“-Bands immer noch neue Hintergründe zur Reihe twittert?
Das zeigt, wie wahnsinnig intensiv sie sich damit beschäftigt hat. Es ist schön, dass es noch nicht vorbei ist und man weiterhin Einblicke in das unglaublich komplexe Potter-Universum bekommt.

Es gab jedoch Berichte, dass dies einigen Fans zu viel wird. Der Autor John Green twitterte, dass ein Buch, wenn es beendet ist, dem Leser und nicht dem Schreiber gehöre.
Wenn man Rowlings Informationen nicht lesen will, soll man es eben lassen. Dem Leser gehört das Buch doch so oder so. Er macht daraus, was er möchte, interpretiert es, wie er will, und hat beim Lesen seinen eigenen Film im Kopf laufen. Das kann man ihm nicht mehr wegnehmen, und das tut J. K. Rowling auch nicht. Im Gegenteil: Es ist doch toll, dass sie immer wieder mal ein paar Geheimnisse preisgibt. Ich mag das sehr.

Die „Silber“-Trilogie spielt in London. Ist die britische Metropole ein Sehnsuchtsort für Sie?
O ja. Mindestens einmal im Jahr muss ich dahin. Am liebsten mit der Familie. Ich mochte das Britische einfach immer schon. Wenn ich dort bin, denke ich immer: ‚Die Leute sind viel, viel netter als bei uns.‘ Die Engländer lieben Gärten, sind höflich und geduldig, und ich mag den britischen Humor.

Liest Ihr 16-jähriger Sohn Ihre Fantasy-Bücher?
Nein. Er liest überhaupt nicht gerne, zu meinem großen Kummer. Ich finde es so schade für ihn, weil mich das Lesen doch immer so glücklich gemacht hat. Es tut mir leid für ihn, dass er die wunderbare Erfahrung, sich völlig in einer Geschichte zu verlieren, bisher nicht gemacht hat. Erziehungstechnisch haben wir alles richtig gemacht – aber manchen Kindern erschließt sich das Geheimnis einfach nicht. Dafür kann er toll kochen. (Lacht)

Wie nimmt er Ihren Erfolg als Autorin wahr?

Gar nicht. Außer neulich, als er mir meinen Instagram-Account eingerichtet hat – wie schnell sich die Abonnenten dort einfanden, hat ihn irgendwie beeindruckt.

Gibt es jemanden aus Ihrer Familie, der Ihre Manuskripte liest, bevor Sie an Ihren Verlag gehen?
Meine Nichte liest das Manuskript, wenn ich die erste Hälfte geschrieben habe. Sie ist mittlerweile 25 und gehört damit zwar nicht mehr zur Zielgruppe, aber es ist schön, wenn noch einmal jemand einen kritischen Leser-Blick darauf wirft. Meine Lektorin liest den Roman bereits im Entstehungsprozess.

Ihre Fantasyromane zeichnen sich durch eine große Ironie dem Genre gegenüber aus.
Ich tue mich immer ein wenig schwer mit Romantik, und wenn ich etwas ironisch und sarkastisch sein darf, geht es mir leichter von der Hand. Humor kann eigentlich nie schaden.

Sind für Sie Liebesszenen schwer zu schreiben?
Das geht schon, solange ich mir selbst treu sein darf. Es gibt Kollegen, die grandios herzzerreißende Liebesszenen schreiben. Ich halte mich da eher knapp. Im Gegensatz zu früher brauche ich sehr, sehr lange zum Schreiben, an vielen Szenen feile ich tagelang, und die Zeiten, in denen ich pünktlich abgegeben habe, sind auch längst vorbei. Am leichtesten fallen mir dialoglastige Szenen, aber auch die sind harte Arbeit.


Haben Sie etwas dagegen, wenn in Fan-Kreisen Ihre Fantasy-Reihen wie die Edelstein-Trilogie oder jetzt „Silber“ weiter- oder aus einer anderen Perspektive geschrieben werden?

Fanfiction ist ein unglaubliches Phänomen – und eine gute Methode, Kinder und Jugendliche ans Schreiben zu bringen. Darüber hinaus zeugt es davon, wie sehr die Bücher jemanden berührt haben müssen, dass er sich hinsetzt und die Geschichte weiterspinnt oder aus einer anderen Richtung erzählt. Für mich als Autorin ist das schmeichelhaft, und ich freue mich, dass sich Kinder mit so etwas Kreativem beschäftigen.

Was kommt nach „Silber“? Eine weitere Fantasy-Reihe oder ein Buch für Erwachsene?
Ich werde als Nächstes wieder ein Jugendbuch schreiben, einen Einzelband.

Seit 2005 haben Sie Erfolg mit Ihren Romanen für Erwachsene und für junge Leser. Was bedeutet Ihnen das?
Es ist sehr motivierend zu wissen, dass viele Menschen schon darauf warten, das neue Buch zu lesen. Ansonsten hat sich eigentlich gar nicht so viel geändert, der Schreibprozess als solcher bleibt derselbe. Ich verbringe nur zwischen zwei Büchern sehr viel mehr Zeit damit, das ganze Drumherum wie Lesereisen, Interviews und Fanpost zu managen. Das ist zwar anstrengender als früher, aber dafür sind die Lesungen besser besucht, und das Konto ist am Ende des Jahres nicht mehr leer.

Ist nach den „Mütter-Mafia“-Büchern das Thema Frauenromane bzw. Erwachsenenliteratur durch?
Sagen wir mal so, es gibt da diesen einen Roman, den ich seit Jahren gerne schreiben würde, aber ich will noch ein bisschen Abstand zur „Mütter-Mafia“-Reihe bringen, um die Erwartungshaltung der Leser nicht zu enttäuschen. Das Buch ist nämlich etwas ganz anderes.

Wenn Sie an die „Mütter-Mafia“ denken, der letzte Band erschien 2009, können Sie mit der Einordnung Frauenliteratur für Ihre Romane noch etwas anfangen?
Klar kann ich damit noch was anfangen. Das Thema ist so aktuell wie nie zuvor. Aber für mich ist es jetzt so langsam abgehakt. Vielleicht schreibe ich ja irgendwann mal die Großmütter-Mafia.

Warum haben Sie Romane unter Pseudonym geschrieben?
Das ist schon sehr lange her, das letzte Buch unter Pseudonym habe ich vor sechzehn Jahren geschrieben. Damals habe ich mehrere Bücher pro Jahr veröffentlicht, und der Verlag hat sich dafür Pseudonyme gewünscht. Unter dem Namen Sophie Berard erschienen zwei Familienromane, die auf einem Pfirsichgut in der Provence spielten, und unter dem Namen Jule Brand erschien eine Reihe von Romanen für 14- bis 21-jährige Leserinnen.

Haben Sie dann noch ein richtiges Verhältnis zum Stoff, wenn Sie nicht unter dem eigenen Namen schreiben? Oder diente die Vielschreiberei nur zum Geldverdienen?
Ich war noch jung und voller Energie und hatte noch kein Kind. Klar wollte ich vom Schreiben leben – und das konnte ich ja auch. Es hat mir großen Spaß gemacht. Damals habe ich viel gelernt, dafür bin ich immer noch sehr dankbar. Einfach weil ich so viel üben und aus meinen Fehlern lernen konnte. Das war für meinen späteren Erfolg wichtig. Es war eine tolle Schule, diese fünf Jahre, in denen ich wahnsinnig viel und unbeschwert geschrieben und immer pünktlich abgegeben habe. Das ging aber nur so lange, bis mein Sohn auf die Welt kam.

Als Bestsellerautorin könnten Sie auch unter die Selbstverleger gehen – haben Sie damit schon geliebäugelt?
Viele Selfpublisher machen das ja äußerst erfolgreich, da kann ich nur voller Bewunderung zuschauen. Ich kann mir das Veröffentlichen gar nicht ohne ein professionelles Verlagsteam im Rücken vorstellen, ich bin ja sogar zu faul und zu feige, meine alten, nicht mehr lieferbaren Geschichten als E-Books im Selfpublishing zu veröffentlichen. Da bin einfach Old School: Ich mag Verlage und halte sie für unersetzlich.

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