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WOCHENEND-INTERVIEW : Hamburg, meine Perle

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Adam Bousdoukos liebt die Hansestadt, Griechenland und den Film.

In der Schule blieb Adam Bousdoukos sitzen, weil er und sein Freund, der Regisseur Fatih Akin, nicht genug aufpassten. Sein Ziel verlor er aber nicht aus den Augen: Der Sohn griechischer Eltern wollte zum Film. Am Donnerstag ist der 43-Jährige in der ARD als Anwalt Dimitros Schulze zu sehen. Im Interview erzählt er, wie er seinen Kinder seinen Job erklärt und warum er nie eine Pappfigur werden wollte.

Herr Bousdoukos, wie verhalten Sie sich in einer Polizeikontrolle?

Ich wurde schon sehr oft von der Polizei angehalten und würde gerne wissen, woran das liegt. Vielleicht sind meine langen Haare daran schuld (lacht)? Nein, aber wenn ich kontrolliert werde, tue ich natürlich, was die Beamten verlangen. Denn wer nichts getan hat, dem tun sie nichts – und ich habe nichts zu verbergen.

Also waren Sie noch nie in der Situation, dass sie die magischen Worte „nicht ohne meinen Anwalt“ aussprechen mussten?

Zum Glück noch nicht. Auf der Autobahn von Berlin nach Hamburg ist uns einmal ein Auto hinten reingefahren. Uns ist nichts passiert, aber es war trotzdem eine schlimme Situation. Mein Beifahrer war Anwalt – unser Familienanwalt genau gesagt –, und ich war sehr froh, dass er vor Ort war, weil er alles für uns geklärt hat. Das war Glück im Unglück.

In Ihrem neuen Krimi „Dimitros Schulze“ spielen Sie einen Anwalt, der noch mit Mitte 40 bei seiner Familie wohnt. Wann sind Sie ausgezogen?

Ich bin für meine Verhältnisse auch relativ spät ausgezogen und muss so 24 Jahre alt gewesen sein. Wenn es nach meiner Mutter gegangen wäre, hätte ich dort wohnen können, bis ich verheiratet gewesen wäre. In unserer griechischen Familie sprachen wir oft über dieses Thema, und meine Mutter sagte immer, dass die Deutschen ihre Kinder mit 18 Jahren aus der Wohnung werfen (lacht). Bei uns war das nicht so. Aber ich finde beide Extreme nicht gut. Wer lange von seiner Mutter betüdelt wird, verliert ein gewisses Maß an Selbstständigkeit. Deswegen bin ich mit 24 Jahren in eine eigene Wohnung in Hamburg-Ottensen gezogen.

War es für Sie jemals Thema, aus Hamburg wegzugehen?

Nein. Ich bin hier aufgewachsen, meine Familie und Freunde leben hier. Außerdem macht es für mich als Schauspieler keinen Unterschied, wo ich lebe. Hier fühle ich mich einfach wohl, ich liebe Hamburg.

Wie sehr haben Sie die Vorurteile über die Griechen in letzter Zeit genervt?

Das Thema rund um die Eurokrise und Griechenland hat mich sehr bewegt, weil es so ernst ist. Ich weiß nicht, wo Fehler gemacht wurden. Aber ich weiß, dass die Menschen dort leiden. Das macht mich traurig. Ich finde es schwierig, die Situation an dem Charakter einer Nation festzumachen. Menschen sollten offener sein und ihre Augen, ihre Ohren und ihr Herz benutzen. Dann würden sie verstehen, dass die Nationen gar nicht so unterschiedlich sind. Mich hat es als Grieche sehr bewegt. Vor allem die Arroganz mancher Politiker hat mich verletzt. Ich bin emotional verbunden mit diesem Land.

Warum sind wir denn gar nicht so unterschiedlich?

Das fängt doch im Kleinen an: Jeder hat eine Nase, einen Mund, zwei Augen, zwei Beine und zwei Arme (lacht). Nein, aber mal im Ernst: Geldprobleme kennt doch jeder von uns. Außerdem gibt es immer Menschen, die ihre Machtposition gegenüber Schwächeren ausnutzen. Man sollte gegen diese Menschen vorgehen und nicht den normalen Bürger, Arbeiter oder Rentner angreifen.

Wie sehr bricht es Ihnen das Herz, wenn Deutsche beim Griechen immer nur Gyros mit Zaziki und Pommes bestellen?

Mit Obst, Gemüse und Kräutern aus Griechenland kann man leckere Speisen zubereiten. Essen ist immer ein großes Thema, wenn ich bei meinen Verwandten in Griechenland zu Besuch bin. Der griechische Salat in Deutschland ist nicht mit dem Salat aus Griechenland zu vergleichen. Denn das Olivenöl kommt vom Supermarkt, und der Schafskäse entpuppt sich hier als Kuhmilchkäse. Wer diese Feinheiten nicht beachtet, verwässert das Essen.

Haben Sie wegen Ihrer Leidenschaft zum Essen ein eigenes Restaurant eröffnet?

Nein. Eigentlich wollte ich kein Restaurant, sondern eine Bar mit kleinen Snacks eröffnen. Als mir das Restaurant, in dem ich vorher gearbeitet hatte, zum Kauf angeboten wurde, habe ich trotzdem nicht gezögert. Ich mochte es, Gastronom zu sein: Essen verbindet, die Menschen sitzen zusammen, Freunde schauen vorbei. Das war das Schönste am ganzen Laden. Ich hatte natürlich Zaziki im Angebot, aber ich habe auch meine Mutter kochen lassen.

Wie viel Ouzo vertragen Sie?

Ich vertrage genug Ouzo, jedoch trinke ich ihn nicht so, wie die Deutschen (lacht). Denn Ouzo trinken wir Griechen nicht nach dem Essen, sondern zur Vorspeise. Er wird – gemischt mit Eis und Wasser – als Appetitanreger serviert. Man sollte Ouzo nur in Verbindung mit Essen und einer guten Runde trinken, so ist es am schönsten. Und man verträgt mehr (lacht).

Werden Sie melancholisch, wenn Sie am alten Laden vorbeigehen?

Ich habe den Laden fast zehn Jahre geführt und war damit sehr lange beruflich an einen Ort gebunden. Dabei bin ich ein freiheitsliebender Typ. Ich habe sehr lange gebraucht, den Laden loszulassen und zu verkaufen. Als ich mich entschieden hatte, fühlte es sich erst so an, als ob ich mich von einer Frau trennen würde. Aber nach ein paar Wochen fühlte ich mich frei wie ein Vogel. Der Laden war ein Fulltime-Job. Ich konnte fünf oder sechs Jahre keinen Urlaub machen. Wenn andere verreist sind, habe ich den Laden renoviert. Auch für eine Familie hätte ich damals keine Zeit gehabt. Melancholisch werde ich nicht, denn wir haben aus der Geschichte rund um den Laden einen schönen Film gemacht. Wenn ich Sehnsucht habe, schaue ich mir „Soul Kitchen“ an. Das war ein guter Abschluss.

„Soul Kitchen“ haben Sie mit Ihrem Freund Fatih Akin gedreht, den Sie schon seit Schultagen kennen. Wie viel Mist haben Sie damals gebaut?

So viel, dass ich mich kaum noch daran erinnern kann (lacht). Nachdem wir beide Spanisch gewählt hatten, sind wir in der siebten in eine Klasse gekommen. Wir kannten uns schon vorher. Denn er war der Clown seiner und ich der Clown meiner Klasse. Dann wurden wir zur Chaosklasse. Für mich war das keine Schule mehr, wir haben nur noch Mist gebaut – aber vom Feinsten (lacht).

Wie haben Sie sich die Zeit im Unterricht vertrieben?

Fatih hat mit Strichmännchen ein Comic-Drehbuch gezeichnet. Anstatt im Unterricht aufzupassen, haben wir uns den Comic angeschaut und in den Pausen die Szenen nachgespielt. In diesem Schuljahr bin ich sitzen geblieben, Fatih ist knapp durchgekommen. Die Lehrer haben uns getrennt, doch unsere Freundschaft ist weitergewachsen.

Lief es für Sie dann in der Schule besser?

Nein, ich war mit meinen Gedanken immer woanders. Auch nach der Schule war ich nie der Typ für die sichere Nummer. Ich habe erst eine Physiotherapeuten-Ausbildung begonnen, diese dann abgebrochen und ein paar Semester Sozialpädagogik studiert. Aber es funktionierte nicht für mich. Ich fühlte mich wie in einer Fabrik, in der ich von anderen geformt werde. Schon als Kind hatte ich den Wunsch, zum Film zu gehen. Es war ein Traum, der nun in Erfüllung gegangen ist.

Mit Fatih Akin waren Sie in einer Video-AG. Was war der erste Film, den Sie gedreht haben?

Wir haben oft andere Filme nachgespielt. Einer unserer ersten Filme war eine Kopie von „Top Gun“. Wir waren zwei Piloten, die über einem russischen Gebiet abstürzten. Ich trug gelbe Hosenträger und wollte damit an einem Baum hängen bleiben, was natürlich nicht funktionierte, weil die Hosenträger nicht hielten. Danach haben wir noch eine Talkrunde inszeniert. Ich spielte einen italienischen Schauspieler und Fatih einen schwulen Regisseur.

Wo können wir dieses Meisterwerk sehen?

Ich weiß gar nicht, ob es den Film noch gibt. Vielleicht besitzt ihn unsere Kunstlehrerin noch.


Warum können Sie mit Fatih Akin so gut zusammenarbeiten?
In erster Linie verbindet uns eine Freundschaft. Wenn wir miteinander arbeiten, wissen wir genau, wer welche Position hat: Ich bin der Schauspieler, und Fatih ist der Regisseur. In dieser Situation müssen wir einander Vertrauen und dürfen uns keinen Eifersüchteleien oder Kompetenzgerangel hingeben. Wenn Freunde zusammen arbeiten können, ist das besonders.

Wie oft fragen Sie sich um Rat?
Ich habe einmal ein Angebot für ein Werbeformat bekommen, bei dem es um sehr viel Geld ging, das mich wirklich durcheinandergebracht hat. Ich habe drei Tage gelitten, weil es ein gutes Polster für mich und meine Familie gewesen wäre. Aber am Ende wäre ich vielleicht eine Pappfigur für ein Produkt geworden. Dann habe ich Fatih gefragt. Er sagte sofort: „Mach das nicht!“ Da wusste ich, dass ich davon die Finger lasse. Auch wenn wir nicht zusammenarbeiten, tauschen wir uns aus.


Mit 20 Jahren haben Sie Hamburg und Ihrem Freund kurz den Rücken gekehrt und sind nach Griechenland abgehauen – warum?
Zu dieser Zeit wollte ich herausfinden, was ich mir vom Leben wünsche und mit meinem Gedanken alleine sein. Ich habe meine Sachen und mein gespartes Geld gepackt und bin nach Athen. Wenig später habe ich mich dort in ein Mädchen verliebt. Das war eine wunderschöne Zeit. Ich habe jedoch gemerkt, dass ich nach Hamburg gehöre und Schauspieler werden möchte. Daher hatte ich den Plan, zurück nach Deutschland zu gehen, Geld zu verdienen und dann nach Griechenland zurückzukehren, um mir mit dem Mädchen eine Zukunft aufzubauen. Doch die Beziehung scheiterte, ich hatte Liebeskummer. Die Reise hat sich dennoch gelohnt, weil ich wusste, wie meine Zukunft aussehen soll. Außerdem wollte ich auch ihr in diesem Moment beweisen, dass ich meinen Traum verwirklichen kann.

Haben Sie Ihr später mal einen Film geschickt?
Nein, aber vor drei Jahren hat sie mich mal angerufen, weil sie meine Karriere verfolgt hat. Irgendwann möchte ich sie mal wiedertreffen, weil ich ihr auch sehr dankbar bin. Sie hat mir damals – ohne es zu wissen – einen echten Schubser gegeben.


In Ihrem aktuellen Film spielen Sie nicht nur einen Anwalt, sondern rappen auch. Wäre das auch eine neue Stilform für Ihre Band Amane?
Nein, wir spielen deutsch-griechischen Rock, ein Rapper werde ich in naher Zukunft nicht.


Neben Ihrer Familie und der Schauspielerei singen Sie in einer Band und betreiben ein Delikatessengeschäft. Wie schaffen Sie das?
Film und Familie funktionieren gut. Denn die Schauspielerei ist mein Job, und die Zeit für die Kinder will ich mir nehmen. Die Musik rutscht dabei manchmal ein wenig in den Hintergrund, weil einfach die Zeit fehlt. Natürlich könnte ich nach acht Uhr, wenn die Kleinen schlafen, proben. Oft bin dann so müde, dass ich nicht mehr das Haus verlassen möchte (lacht). Manchmal versuche ich, Musik von uns in Filme zu schmuggeln – wie zuletzt bei „Highway to Hellas“. Den Delikatessenladen „Bock drauf“ verantworte ich mit meinem Bruder und zwei Freunden.

Und wie erklären Sie Ihren Kindern, was Papa beruflich macht?
„Soul Kitchen“ und „Highway to Hellas“ haben die drei schon gesehen, weil es kindgerechte Filme sind. Wenn es möglich ist, zeige ich ihnen das Set. So waren sie bei „Highway to Hellas“ vor Ort. Dort erkläre ich den Kinds die Kamera und zeige, dass wir nur Theater spielen. Mittlerweile verstehen sie, dass Filme nicht echt sind: Spiderman kann nicht fliegen, und auch wenn Pippi Langstrumpf das stärkste Mädchen der Welt ist, hat sie nicht die Kraft, ein Pferd in die Höhe zu heben. Wenn sie hören, wie ich in einem Film Scheiße sage, dann rufen sie: „Papa, du hast Scheiße gesagt.“ Und dann sage ich: „Ja, aber nur im Film.“ Denn in Wirklichkeit darf man das natürlich nicht.

Interview: Sarah Engel

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