DDR-Sprecher und Versprecher : „Guten Tag, meine Damen auf Herren“

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In einem Buch präsentiert Klaus Feldmann Geschichten um peinliche Versprecher

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14. März 2016, 21:00 Uhr

Die „Nebelverdichtung je nach Bevölkerungsstärke“ war noch harmlos. Besser schon: die „demokratische Hodenreform“ oder „bunte Transparente und Bruchbänder“. Hat das „Pilotbüro der SED“ das etwa gesehen?

Dass solche Versprecher bei Zuhörern und Zuschauern in der DDR oft als Komik ankamen, ist nur die eine Seite. Etliche Kollegen hatten ständig Angst, dass ihnen der Zungensalat politisch negativ ausgelegt wird, wie Klaus Feldmann in seinem neuen Buch „Verhörte Hörer“ schreibt. Der Band erscheint in diesen Tagen.

Der langjährige Sprecher der DDR-Nachrichtensendung „Aktuelle Kamera“ hat für den Buchtitel ebenfalls einen Versprecher gewählt – aus der Sendung „Pulsschlag der Zeit“ beim Berliner Rundfunk. Es hätte auch ein anderer Lapsus linguae – so der wissenschaftliche Begriff für Versprecher – sein können: „Guten Tag, meine Damen auf Herren“.

Mit Selbstironie hat Feldmann, der am 24. März 80 Jahre alt wird, eine Vielzahl von Anekdoten über Kollegen und sich selbst zusammengetragen. Es gibt aber auch Sequenzen, in denen deutlich wird, wie die DDR-Führung in den Medien regierte und unliebsame Kollegen zur „Bewährung in die Produktion“ schickte.

Bis heute sei unklar, warum 1975 die beliebte Sendung „Wünsch Dir was“ mitsamt ihrer Moderatorin Irmgard Düren plötzlich vom Bildschirm verschwand, heißt es im Buch. Düren, die 2004 starb, habe aus ihrer Sympathie für den Liedermacher Wolf Biermann keinen Hehl gemacht, schreibt Feldmann nur.

Eine Nachricht über Erich Honecker habe immer an erster Stelle verlesen werden müssen – aber nicht ohne Titel: Generalsekretär der SED und Vorsitzender des Staatsrates der DDR, schreibt Feldmann. Und die DDR-Presseschau im Staatlichen Rundfunk habe stets mit dem Leitartikel des „Neuen Deutschlands“ begonnen.

Einmal leitete ein Sprecher so ein: „Er ist übertrieben – Verzeihung – überschrieben“.

Ob Wetterberichte, Musiksendungen oder Sportreportagen – der Fehlerteufel lauerte überall. Pannen wurden von Kollege zu Kollege weitergegeben und Feldmann zufolge intern gesammelt. In diesem Fundus stöberte der Journalist und nannte dabei seine Zunft-Kollegen auch mit Namen. Sich selbst sparte er nicht aus.

Feldmann, gebürtiger Thüringer, lebt in Berlin. Seit den 60er-Jahren bis 1989 las er die Nachrichten im DDR-Fernsehen. Der gelernte Buchdrucker und Journalist arbeitete auch für den DDR-Rundfunk. Feldmann hat mehrere Bücher geschrieben und ist bis heute mit Lesungen unterwegs.

Niemand sei vor der Versprecheritis gefeit gewesen, schreibt er. Das „Schnapsmusikkorps des Ministerium des Inneren“ war im DDR-Radio ebenso zu hören wie der „Fressempfang“ für 700 Gäste bei der Leipziger Messe. Verdutzte Hörer erfuhren vom „Polka-Volkstrott“ und einem „Schwanzstreichorchester“. Und nach dem „Flegelsuchplatz“ werde noch heute Ausschau gehalten, meint Feldmann augenzwinkernd.

In einem Bericht über Bergleute unter Tage informierte der Reporter: „Und nun kommt die Parteileitung angekrochen“. Ein anderer verhedderte sich so, dass „zahnlose Helden“ des Alltags herauskamen. Oft habe es dann politische Aussprachen gegeben.

Auch die Weihnachts-Kultsendung vieler Ostdeutscher „Zwischen Frühstück und Gänsebraten“ kommt in dem Buch vor. 1986 habe sie auf der Kippe gestanden, verrät Feldmann – weil es in dem Jahr wegen geplatzter Lieferungen aus Ungarn und Polen keine Gänse gab. Dafür seien Puten und Enten im Angebot gewesen. „Zwischen Frühstück und Putenbraten“ – das ging dann doch nicht.

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