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Interview Sebastian Bezzel : „Grüß Gott“ von der Waterkant

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Warum der bayerische Schauspieler Sebastian Bezzel Hamburg liebt und den Tatort nicht vermisst.

Fast 13 Jahre lang war Sebastian Bezzel Tatort-Kommissar am Bodensee. Wer aber glaubt, er vermisse diesen Job, täuscht sich. Mit der Hauptrolle eines bayerischen Dorfpolizisten in den schrägen Eberhofer-Krimis (nicht verpassen: „Schweinskopf al dente“ am 26. Juli im Ersten) hat sich der in Hamburg lebende Bayer unverwechselbar gemacht. In einem Hannoveraner Café unterhalten wir uns über Polizistenrollen, Fußball, Hamburg und den G-20-Gipfel.

Herr Bezzel, wo waren Sie gestern zwischen 21 und 23 Uhr?
Um 21 Uhr war ich in Köln in einem Restaurant in Bahnhofsnähe, habe Linguine gegessen und den „Kicker“ gelesen. Ich bin dann ins Hotel gegangen und um kurz vor 23 Uhr, nachdem ich mit meiner Frau telefoniert habe, ins Bett gegangen. Zeugen gibt’s vielleicht an der Rezeption und meine Frau telefonisch. Aber ansonsten war ich allein unterwegs. Eberhofer würde sagen: Du weißt halt scho, dass des a rechtes Scheißalibi ist.

Sie haben sich ja mehrfach erleichtert geäußert, dass Sie diese Alibi-Frage nicht mehr stellen müssen, seit Sie kein Tatort-Kommissar mehr sind.
Als Tatort-Kommissar stellt man halt sehr viele Fragen und viele davon wiederholen sich. Deshalb mochte ich Mehmet Kurtulus im früheren Hamburger Tatort so sehr – für einen verdeckten Ermittler mussten diese Fragen anders abgehandelt werden.

Ist das Leben ohne Tatort für Sie ein anderes, vielleicht sogar ein schöneres als in den 13 Jahren davor?

Das Leben hat sich gar nicht groß verändert. Na klar, wenn es eine Tatort-Ausstrahlung mit vielleicht neun Millionen Zuschauern gab, hat man es ein oder zwei Wochen lang gemerkt, aber so viel hat sich nicht verändert. Was ich aber wirklich vermisse, ist es, zwei Filme pro Jahr mit Eva Mattes am Bodensee zu machen. Wir haben uns sehr gut verstanden, ich habe viel von ihr gelernt und deshalb empfinde ich es wirklich als Verlust.

In Zeiten, in den viele Schauspieler von ihrem Beruf kaum leben können, ist es doch nicht das Schlechteste, jedes Jahr zwei gut bezahlte Filme mit acht oder neun Millionen Zuschauern sicher zu haben.
Na klar, aber das ist ja auch das Grundproblem unseres Berufes. Ich hatte das große Glück, 13 Jahre lang diesen Job machen zu können, in Sicherheit zu leben und mir finanziell ein bisschen an die Seite schaffen zu können. Der Tatort hat mich auch bekannter gemacht, wodurch der Fall danach weicher ist. Ich darf mich wirklich nicht beschweren, zumal ich ja noch den Eberhofer hab.

Perlmann ist tot, es lebe Eberhofer. Ein herrlich schräger bayerischer Dorfpolizist, wie man ihn in keinem anderen deutschen Krimi sehen kann. Was gefällt Ihnen an dieser Figur?
Dass er sich nichts scheißt. Der hat keinen beruflichen Ehrgeiz, der ruht in sich und zeigt sich von Äußerlichkeiten ziemlich unbeeindruckt. Der hechelt keinem Zeitgeist hinterher und ist das ruhige Auge im Hurrikan des Wahnsinns um ihn herum. Alle sind verrückt, und Eberhofer sitzt kopfschüttelnd daneben und denkt: Das ist alles sehr anstrengend.

Perlmann und Eberhofer sind längst nicht die einzigen Polizistenrollen Ihrer Karriere, manche Medien bezeichnen Sie sogar als „ewigen Polizisten“.
Die sind mir noch lieber als die Medien, die mich als „Leberkässpezialisten“ bezeichnen, nur weil ich in einem Interview mal im Nebensatz gesagt habe, dass ich die Leberkässemmeln in Hamburg vermisse. Die drei großen Polizistenrollen, die ich in „Abschnitt 40“, „Tatort“ und den Eberhofer-Krimis gespielt habe, waren doch sehr unterschiedlich. Mittlerweile nehme ich von Polizistenrollen Abstand, aber das ist gar nicht so einfach. Dann kommen nämlich wieder Drehbücher, die Polizisten als gebrochene Figuren zeigen und fantastisch sind. Trotzdem versuche ich jetzt erst mal, kein Polizist mehr zu sein.

Ihr Vater ist laut Wikipedia Biologielehrer, Redakteur, Buchautor, Vogelkundler und Tierfotograf.
Er hat das zwar alles gemacht, aber Vogelkundler trifft es am besten.

Hat er Sie nie damit infizieren können?
Nö, eher mit anderen Sachen. Meine Eltern sind früh mit uns ins Theater gegangen. Meine Mutter hat sich immer darum gekümmert, dass wir auch mal Karten fürs Residenz-Theater in München kriegten. Und wenn gute Filme im Fernsehen liefen, schöne alte Western oder Filme von Billy Wilder und die frühen Dietl-Sachen, dann durften mein Bruder und ich auch mal länger aufbleiben. Und sie hatten ganz viele alte Single-Schallplatten aus dem Wiener Kabarett der fünfziger und sechziger Jahre – damit bin ich aufgewachsen.

Dann war es für Ihre Eltern ja vermutlich ein Fest, als ihr Sebastian zum ersten Mal auf der Bühne des Residenz-Theaters stand.

Das wäre wohl zu hoch gegriffen. Ich glaube, sie mussten sehr schmunzeln und haben sich gefreut, weil ich’s tatsächlich durchgezogen habe. Ich war ja schon als Achtjähriger zum ersten Mal im Residenz-Theater und weiß noch ganz genau, welches Stück in welcher Inszenierung wir gesehen haben.

Nämlich?
„Der Talismann“, eines meiner absoluten Lieblingsstücke, das ich Jahrzehnte später mal in Garmisch spielen durfte. Mit Hans Brenner als Titus Feuerfuchs in der Inszenierung von Ruth Drexel. Das war für mich das Erlebnis schlechthin. Damals habe ich meinen Eltern und meinen Großeltern gesagt: Da will ich auch mal spielen. Und dann hat es tatsächlich geklappt.

An Schauspielschulen sind Sie nach eigenen Worten „als totales Landei mit Anlauf durchgefallen“.
Ich war halt so ein Schultheater-Provinzfürst. Bei der Aufnahmeprüfung an der Falckenberg-Schule konnte ich nicht mal meinen Text richtig, sondern nur etwas runtergetönt. Es war dann auch nicht so, dass sie mir gesagt haben, da müsste ich jetzt noch mal dran arbeiten und es dann wieder versuchen – die Reaktion war eher nach dem Motto „Das geht ja gar nicht“. Am Anfang habe ich überhaupt nicht kapiert, um was es wirklich geht, sondern erst noch mal zwei Jahre gebraucht, die mir sehr gut getan haben.

Was haben Sie gemacht?
Ich habe Kabarett gespielt, bin viel ins Theater und ins Kino gegangen, habe ein bisschen studiert und mich auch in andere Richtungen orientiert. Irgendwann hat’s dann Klick gemacht, ich bin ganz anders rangegangen an die Schauspielerei und dann war bei der nächsten Prüfung auch schnell klar: Den nehmen wir. Ich bin ein Spätzünder und brauche manchmal etwas länger, bis ich Sachen kapiere. Aber dann kapiere ich sie auch. Es war nie eine Intelligenzfrage, aber manchmal war ich einfach noch zu kindisch.

Was hat denn das bayerische Landei dazu gebracht, heute in Hamburg zu wohnen?

Meine Frau ist Hamburgerin. Aber das bayerische Landei hat zehn Jahre in München und acht Jahre in Berlin gelebt, bevor es nach Hamburg gegangen ist. Da war ich schon nicht mehr ganz so landeiig unterwegs. Und ich höre mich heute noch sagen „Wir können ja mal Hamburg ausprobieren“ – dabei ist es bis heute geblieben. Meine Frau ist in Ottensen aufgewachsen – und in unsere erste gemeinsame Wohnung ist sie eingezogen, als sie zwei Wochen alt war. Mit dem zweiten Kind wurd’s dann ein bisschen eng, deshalb sind wir umgezogen, aber es war immer klar, dass wir in der Ecke bleiben wollen.

Der Liebe wegen nach Hamburg – und heute verliebt in Hamburg?
Ja, total. Hamburg ist eine Superstadt. München und Hamburg sind meine Städte in Deutschland.

„Moin moin“ oder „Grüß Gott“?
„Grüß Gott“ immer noch. Damit bin ich aufgewachsen.

Gehen Sie Hamburg lieber zum Fußball oder ins Theater?
Ich gehe grundsätzlich lieber zum Fußball (lacht). St. Pauli ist immer super, wenn wir Karten kriegen. Da kann man ganz toll auch mit Kindern hingehen, es herrscht eine unglaubliche Stimmung in diesem Stadion mitten in der Stadt, direkt neben Deutschlands bekanntester Amüsiermeile. Die St-Pauli-Fans haben eine unglaublichen Charme und Witz, so einen Nachmittag zu gestalten. Aber auch beim HSV…

…kann man mal so richtig Abstiegskampf pur erleben.
Ja, aber das ist doch auch großes Drama. Ich war nie in meinem Leben HSV-Fan, aber ich habe natürlich in Hamburg einige Freunde und Bekannte, die totale HSV-Fans sind, und ich sehe, wie sie leiden. Ich hab mich schon ertappt, dass ich mit ihnen mitleide.

Waren Sie schon in der Elphi?
Leider noch nicht. Wir sind bislang zweimal mit einem Boot drumherum gefahren. Aber ich finde sie ganz toll und will unbedingt bald mal rein. Natürlich weiß ich, dass sie viel zu teuer war, aber trotzdem hat sich Hamburg damit ein unglaublich schönes Wahrzeichen gebaut. Die Stadt hat dadurch einen ziemlichen Imagegewinn, auch wenn HSV dagegen arbeitet (schmunzelt).

Elphi, G-20-Gipfel – macht Hamburg gerade ein bisschen auf heimliche Hauptstadt?
Wir haben in Deutschland viele Hauptstädte. Berlin ist die große Stadt und auch die Weltstadt, in der man Dinge erleben kann, die man so auch in New York, London oder Paris findet. Trotzdem hat Deutschland viele Hauptstädte und ist im positiven Sinne provinziell. Hamburg ist auch eine Hauptstadt von Deutschland, München auch und Köln auch. Dazu kommt dieses Riesenballungszentrum Ruhrgebiet, das man ja auch als eine Stadt begreifen kann.

Wie haben Sie den G-20-Gipfel in Hamburg erlebt?
Die Idee, diesen Gipfel in Hamburg zu veranstalten, war meiner Meinung nach selten blöd. Es gibt auf allen Seiten nur Verlierer, die Stadt Hamburg und ihre Einwohner, die friedlichen Gipfelgegner und die Polizei. Für ein paar windelweiche politische Beschlüsse wurde die tolerante und freie Gesellschaft wieder einmal geschwächt. Die einzigen die von diesem absurden und gewalttätigen Wochenende profitieren sind die reaktionären und autoritären Kräfte im In- und Ausland.

Müssen Sie eigentlich einen Schalter umlegen, wenn Sie von Hamburg wegfahren, um den Eberhofer zu spielen?
Für den Eberhofer eigentlich nicht mehr. Der ist wieder da, wenn ich die Jeans, das rosa T-Shirt, das Polizeihemd und die Lederjacke anzieh. Und wenn dann der erste Drehtag auch noch mit Simon Schwarz ist, der in seiner Wildlederjacke ums Eck kommt, dann passt’s.

Könnte es Figuren wie den Eberhofer und die anderen auch im Emsland, Ostfriesland oder Mecklenburg-Vorpommern geben?
Bestimmt. Es funktioniert ja nicht, weil’s bayerisch ist, sondern weil deutsche Provinz gut gezeigt wird. Diese Archetypen gibt’s überall in der Provinz – da gibt’s den Angeber, einen, der’s Geschäftliche besser versteht, der andere weniger. Da gibt’s einen, dem alles wurscht ist, es gibt den Freak und es gibt die Angepassten. Was bei uns der Metzger Simmerl ist, wäre an der Küste vielleicht der Fischer.

Werden die Filme, die im Kino ja fast nur in Bayern zu sehen sind, für die bundesweite Fernsehausstrahlung eigentlich nachsynchronisiert?
Nein. Es gab nur einmal – bei der ersten Folge „Dampfnudelblues“ – einen Unterschied zwischen der Kino- und der Fernsehfassung, bei denen es unterschiedliche Musikrechte gibt. Er wurde als Fernsehfassung produziert, und zwar mit Musik von AC/DC und den Beatles. Aber das wäre fürs Kino unbezahlbar gewesen. Dafür wurde dann ähnliche Musik neu komponiert.

Fällt Ihnen ein Tatort ein, der witziger ist als die Eberhofer-Krimis?

Ich will nicht sagen, dass wir das Witzigste im deutschen Fernsehen sind. Aber auch wenn ich Tatort-Kommissar war, sehe ich Eberhofer zu nullkommanull Prozent in einem Konkurrenzverhältnis zum Tatort oder anderen deutschen Krimiformaten. Eberhofer ist zwar a bisserl Krimi, aber das ist nicht das Wichtigste. Es geht um einen liebevollen, manchmal auch schwarzhumorigen Blick auf die Provinz.

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erstellt am 15.Jul.2017 | 10:00 Uhr

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