Einzigartige Karikaturen : Grande Dame der spitzen Feder

Karikaturistin Barbara Henniger  in ihrem Haus in Strausberg
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Karikaturistin Barbara Henniger in ihrem Haus in Strausberg

Früher wollte Barbara Henniger jenen eine Stimme geben, die sich nicht äußern konnten. Heute zeichnet sie auch, um zu unterhalten

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08. Juli 2015, 21:00 Uhr

Das Lexikon „Wer war wer in der DDR?“ gibt über die Zeichnerin und Karikaturistin Barbara Henniger keine Auskunft. Spaßmacher wie Eberhard Cohrs und die Schöpfer der „Abrafaxe“ sind sehr wohl vertreten. Es braucht immer noch Zeit zu erkennen, dass Humor in der DDR eine Kategorie war, die überhaupt Gesellschaftskritik möglich machte.

Aber Gerechtigkeit ist inzwischen hergestellt und Barbara Henniger als „Grande Dame der Karikaturzeichnung in Ostdeutschland“ oder auch als „die große Dame der spitzen Zeichnung“ von der Öffentlichkeit wertgeschätzt und in den Archiven registriert. 1938 in Dresden geboren, wählte sie zunächst eine ganz andere Ausdrucksform, indem sie an der Technischen Hochschule Architektur studierte. Diesen Irrtum korrigierte sie nach zwei Jahren, als sie dieses Studium „erfolgreich abbrach“.

War es nun Zufall oder ein bewusst gegensätzlich gewählter Weg – es war eine glückliche Fügung, dass sie eine Ausbildung zur Journalistin beim „Sächsischen Tageblatt“ wählte. Damit hatte sie ein Fundament dafür gelegt, dass ihre hintersinnigen satirischen Zeichnungen nicht Illustrationen komischer Situationen des Alltags blieben, sondern zu Kommentaren gesellschaftlicher Missstände wurden. So ließ sie zu DDR-Zeiten in Anspielung auf die Mangelwirtschaft zum Beispiel Frau Holle die Betten ausschütteln, aus denen dann „Anleitungen zur selbsttätigen Erzeugung von Schnee“ fielen.

Nach dem Mauerfall provozierte sie auf einem Plakat mit dem Thema „Ausländer raus!“, dass die Bremer Stadtmusikanten in den Zoo gehörten. Und als die Bundesregierung 2003 die Sozialleistungen kürzte, zeichnete Barbara Henniger ein Blatt mit einem betagten Ehepaar auf der gewaltig hohen Göltzschtalbrücke im thüringischen Netzschkau, das sich als letzten Lebensplan versichert: „Das Sterbegeld kassieren wir noch ab.“ Die Karikatur übertreibt bewusst, spitzt zu und verzerrt auch die Wirklichkeit, um durch den Kontrast zur Realität und die aufgezeigten Widersprüche den Betrachter nachdenklich zu stimmen. Das kann sarkastisch oder ironisch sein. „Ich zeichne immer aus der Sicht der Betroffenen“, bekennt Barbara Henniger. „Wenn Sie so wollen, aus der Froschperspektive. In die Vogelperspektive, also die abgehobene Sicht auf die Dinge, begebe ich mich nicht. Ich könnte nie etwas aus der Perspektive eines Bankers zeichnen.“

Kann man es trainieren, Bildeinfälle zu haben? Mit einem nüchternen „natürlich“ bestätigt das die Künstlerin. „Als ich in den 1960er-Jahren mit meinen ersten Zeichnungen zum ,Eulenspiegel‘ kam, hat mich der Redakteur getröstet, ich müsste das trainieren.“ Blitzideen seien eine Ausnahme. „Man muss sich intensiv mit einem Thema beschäftigen, jede Idee braucht einen Hintergrund, braucht Wissen“, lautete damals die Feststellung eines Mentors der in Ostberlin 1954 gegründeten Satirezeitschrift. Auch wegen dieser Erinnerung an „entscheidende Prämissen“ ihres Berufs ist Barbara Henniger diesem Magazin, das die Wendezeiten überstanden hat, bis heute verbunden geblieben.

Der Humor in ihrer Heimatstadt Dresden sei „vielleicht etwas weniger aggressiv, eher mit Gemüt und etwas Witz“, mutmaßt Barbara Henniger, „anders als er von Karikaturisten sonst gepflegt wird“. Sie folgte aber ihrem Mann Heinfried, den sie beim „Sächsischen Tageblatt“ kennengelernt und 1967 geheiratet hatte, nach Berlin, und sie beschlossen, auf einem Laubengrundstück in der Strausberger Seenlandschaft sesshaft zu werden. Eine starke Partnerschaft, die ihresgleichen sucht. Inzwischen ist aus dem Grundstück ein terrassenförmig angelegtes Paradies geworden. Heinfried Henniger hat alle Freiheit, den Garten mit sowohl einheimischen als auch exotischen Gewächsen zu bepflanzen.

Barbara Henniger stellt dort ab und zu fest, dass wuchernde Pflanzen längst hätten eingedämmt werden müssen, und neidet ihrem Mann in keiner Weise, dass sie der in seinem Reich wachsenden üppigen Pracht nur die Kargheit dessen entgegensetzen kann, was im Schatten mehr vegetiert als gedeiht. Auch in diesem, im wörtlichen Sinne natürlichen Vorgang bleibt sich Barbara Henniger treu, indem sie sich denen widmet, die bedürftig sind, ihre Situation zu begreifen. „In der DDR empfand ich eine Art Stellvertreterfunktion für die, die sich nicht artikulieren, nicht äußern konnten. Heute kann sich jeder artikulieren, wenn er das Bedürfnis hat. Deshalb empfinde ich keine politische Verantwortung mehr für andere“, bekennt die Künstlerin.

Und doch fühlt sich Barbara Henniger nicht ungebunden. „Ich habe das Pflichtgefühl, meine Sachen so gut als möglich zu machen, anderen Vergnügen zu bereiten, komplizierte Zusammenhänge verständlich zu machen, Fingerzeige zu geben.“

Verpackten die Karikaturisten in den Jahren vor der Wende notwendigerweise ihre Botschaften in Metaphern und nutzten ausdeutbare Bildsprachen, so konnte danach ein im Blick offeneres Publikum im Westen mit dieser codierten Information, die DDR-Bürger mühelos dechiffrierten, wenig beginnen. Nach dieser mehrfach gemachten Erfahrung stellt Barbara Henniger heute fest: „Die verstehen unsere Zeichnungen nicht“. Karikatur sei heute direkter, provokativer, unterhaltsamer, auch witziger. „Ich habe gelernt, schneller zu zeichnen“, resümiert die Künstlerin.

Das andere Tempo sei schließlich auch nötig gewesen, denn viele in der DDR erschienene Zeitschriften wurden in den 1990er-Jahren eingestellt, und damit reduzierten sich die Chancen für eine Veröffentlichung. „Im westlich dominierten Illustriertenmarkt kannte man uns ja nicht, wir waren keine Marke“, stellt Barbara Henniger ohne Enttäuschung fest. Und das in ihrem 77. Jahr!

Barbara Henniger fand die Idee, ihren Geburtstag am 7. Juli mit einer Ausstellung im Kunstparkhaus ihrer Wahlheimat Strausberg zu begehen, famos und hat sich der Qual unterzogen, aus ihrem Schaffen aus fünf Jahrzehnten eine Auswahl zu treffen.
 

„o.T. Satirische Zeichnungen von Barbara Henniger“
Bis 31.8., Mo–Do 8–21 Uhr, Fr 8–19 Uhr, Sa 8–14 Uhr
EWE-Kunstparkhaus Strausberg
Hegermühlenstr. 58




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