Pilgerstätte für Fans von Karel Gott : Gott ganz nah in Prag

Eine Frau fotografiert Erinnerungsstücke aus der 60-jährigen Bühnenkarriere des Schlagerstars Karel Gott.
Eine Frau fotografiert Erinnerungsstücke aus der 60-jährigen Bühnenkarriere des Schlagerstars Karel Gott.

Pilgerstätte für Fans von Karel Gott. Auf einem Binnenschiff am Ufer der Moldau ist eine Ausstellung über den Sänger zu sehen

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08. Juni 2017, 12:00 Uhr

In Deutschland ist Karel Gott eine Legende des Schlagers, in seinem Heimatland Tschechien so etwas wie ein Nationalheld. Da überrascht es nicht, dass keine geringere Institution als das tschechische Nationalmuseum sich einer neuen Ausstellung über die 60-jährige Bühnenkarriere des Tenors angenommen hat. „Karel Gott ist ein Phänomen, eine der größten Persönlichkeiten der Popmusik“, sagt Museumsdirektor Michal Lukes einen Tag vor der heutigen Eröffnung der Schau „Gott, My Life“.

Die Ausstellungsräume schwimmen wortwörtlich auf der Moldau, dem Fluss, dem schon der Komponist Bedrich Smetana ein musikalisches Denkmal gesetzt hat. Ein komplett entkerntes Binnenschiff bietet auf 1500 Quadratmetern Platz für gut 1000 Objekte. Der Ort sagt zugleich: Karel Gott gehört mit 77 Jahren noch längst nicht zum alten Eisen.

Denn hier, am Prager Ufer „naplavka“, versammeln sich jeden Abend junge Leute, Hipster und die Schickeria, um auf den kultigen Kneipenbooten ein Bier zu trinken oder Cocktails zu schlürfen.

Es werde für Karel Gott sehr emotional sein, die Ausstellung zum ersten Mal zu sehen, sagt seine Sprecherin Aneta Stolzova. „Er sieht sein gesamtes bisheriges künstlerisches Leben an einem Ort.“ Nicht fehlen dürfen in der Schau natürlich die zahlreichen Goldenen Schallplatten – schließlich hat der Sänger mehr als 30 Millionen Tonträger verkauft. Doch einen intimeren Blick auf den Menschen Karel Gott erhaschen die Besucher zum Beispiel an einem Ausschnitt aus seinem Bücherregal: „Er ist ein begeisterter Leser“, sagt Ausstellungskurator Peter Balog.

Neben Büchern über die Weltgeschichte – auf Deutsch! – stehen Werke über den Impressionismus und Vincent van Gogh. Interessant sind auch Karel Gotts Mixed Tapes aus den 80er- und 90er-Jahren: Auf den Audiokassetten schnitt er damals für Freunde seine Lieblingssongs unter Titeln wie „Elvis – Love Songs“, „Country ’88“ oder „Softrock“ zusammen. Auch einige ausgefallene Kleidungsstücke sind zu sehen.

Breiten Raum nehmen in der Schau Karel Gotts Erfolge im deutschsprachigen Raum ein – denn hier gelang ihm 1967, noch lange vor „Biene Maja“, der Durchbruch zur Weltkarriere. Mit „Weißt du wohin?“ spielte er die Titelmelodie des Hollywood-Films „Doktor Schiwago“ auf Deutsch ein.

„Für die Deutschen stand Karel Gott damit für östliche Romantik“, sagt Kurator Balog. Und auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges sei das Interesse an den Ländern jenseits des Eisernen Vorhangs groß gewesen.

Dass Karel Gott in der sozialistischen Tschechoslowakei als Nationalkünstler ausgezeichnet wurde, regimetreue Loyalitätsbekundungen unterzeichnete und auf Fotos neben damaligen Staatsvertretern zu sehen ist, stört heute kaum noch jemanden. „Ich denke nicht, dass Karel Gott ein Symbol des Sozialismus war. Im Gegenteil: Er ermöglichte vielen Menschen, aus der grauen Alltagswelt zu entfliehen“, sagt Museumsdirektor Lukes.

Bis Ende September erwartet Ausstellungsfinanzierer Richard Fuxa rund 100 000 Besucher auf seinem Schiff. Nicht ausgeschlossen ist, dass die Schau anschließend auch nach Deutschland kommt – schließlich fließt die Moldau in die Elbe.

Das einzige Problem, wie Fuxa sagt: „Wir können nicht selbst fahren.“ Der Grund: Der Kahn hat keinen eigenen Antrieb und muss von einem Schlepper gezogen werden.

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