Interview Manfred Lütz : Glück ist kein Ego-Trip

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Manfred Lütz über gelingendes Leben und unbrauchbare Ratgeber

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27. März 2016, 13:45 Uhr

Manfred Lütz ist Psychiater, Theologe und Autor mehrerer Bestseller. Humorvoll und zugleich tiefgründig über aktuelle Gesellschaftsthemen zu schreiben ist eine der großen Stärken des Rheinländers. In seinem neuen Buch „Wie Sie unvermeidlich glücklich werden“ hat er sich Gedanken über eine der ganz großen Menschheitsfragen gemacht.

Herr Lütz, Sie leiten eine Klinik, haben Familie und nehmen mehrere Ämter in der katholischen Kirche wahr. Wann finden Sie eigentlich Zeit fürs Bücherschreiben?
Im Urlaub. Für ein Buch brauche ich so zwischen vier und sechs Wochen. Die letzten Bücher sind in Venedig entstanden. Über Tag fahre ich mit einem Boot durch Venedig. Wenn mir Ideen kommen, notiere ich sie auf einem Zettel und abends schreibe ich dann.

Wie kommen Sie auf die Ideen für Ihre Bücher?
Das ist ganz unterschiedlich. Ich habe mich unter anderem mit moderner Psychotherapie beschäftigt und hatte vor einigen Jahren den Eindruck, die katholische Kirche entwickele die Atmosphäre einer Alkoholiker-Familie. Ich war zu dem Zeitpunkt auch Leiter einer Suchtklinik und habe überlegt, ob man nicht Methoden, die man sehr erfolgreich bei Alkoholikern einsetzt, probeweise auch bei der katholischen Kirche anwenden könnte. So habe ich dann das Buch „Der blockierte Riese. Psycho-Analyse der katholischen Kirche“ geschrieben.

Was hat denn die katholische Kirche mit einer Alkoholiker-Familie gemeinsam?
In Alkoholiker-Familien haben Sie häufig Spaltungen. Da gibt es die Retter, die sind wahnsinnig bemüht, dem Alkoholiker zu helfen. Sie räumen ständig seine Flaschen weg, rufen montags beim Arbeitgeber an und sagen, er hätte Grippe. Und es gibt die Verfolger. Die wollten den Alkoholiker mal retten, haben aber mittlerweile die Nase voll, weil der Alkoholiker immer wieder versprochen hat, nichts mehr zu trinken, es dann aber doch wieder tut. Beide Gruppen streiten sich dann wie die Kesselflicker und behaupten, die jeweils anderen seien am Alkoholismus des Patienten schuld – und der kann in Ruhe weitersaufen. In der katholischen Kirche gab es einerseits Konservative, die retteten dauernd die Kirche, während die Progressiven als Verfolger ständig auf sie einprügelten, natürlich mit bester Absicht. Ich habe in meinem Buch dann versucht, die höchst effektiven Ergebnisse moderner Psychotherapie auf einen etwas exotischen Patienten, nämlich die katholische Kirche, anzuwenden.

Ihr neues Buch haben Sie vor der Veröffentlichung von Ihrem Friseur auf Allgemeinverständlichkeit prüfen lassen. Machen Sie das immer so?
Ich finde, man kann alle wichtigen Dinge auch in normalem Deutsch sagen. Ich habe zum Beispiel mein Buch „Gott – Eine kleine Geschichte des Größten“ von unserem Metzger lesen lassen, denn alles, was der Metzger nicht verstehen, ist auch nicht wirklich wichtig.

Sie haben einmal über Ihren Berufsstand geäußert: „Therapeuten sind Leute, die gut in der Schule waren, anschließend sehr viele Bücher gelesen haben und dann in kleinen, hässlichen Räumen mit gestörten Menschen ihre Zeit verbracht haben.“ Trifft das auch auf Sie zu?
Die Leute denken immer, dass sie in einer Lebenskrise zu einem Psychotherapeuten gehen müssen. Das ist aber Quatsch. Psychotherapeuten haben keine Lebenserfahrung. Woher denn auch? Früher auf dem Schulhof haben wir nie mitgespielt, weil wir den Numerus clausus erreichen mussten, dann haben wir viele dicke Bücher gelesen, tragen deswegen eine Brille und sitzen, wie gesagt, jahrzehntelang mit gestörten Menschen in hässlichen kleinen Räumen. So erzähle ich das im Kabarett, aber da ist viel Wahres dran. Wir können sehr erfolgreich Krankheiten behandeln, aber wenn eine Frau plötzlich von ihrem Mann verlassen wird, dann ist die tief verzweifelt, aber das ist keine Krankheit, sondern eine gesunde Reaktion auf eine schreckliche Situation, und da ist ein Freund eine viel bessere Hilfe als ein Psychotherapeut, der gegen Bezahlung eine Stunde die Woche zuhört und sagt: „Das ist aber schlimm.“

Welche Tätigkeit macht Ihnen mehr Freude: die des Autors oder die des Psychiaters?
Das kann ich gar nicht sagen. Psychiater bin ich sehr gerne, weil ich gerne mit Menschen zu tun habe. Bücher habe ich nie um ihrer selbst willen geschrieben. Es gab immer Anlässe. Das Buch „Lebenslust – Wider die Diätsadisten, den Gesundheitswahn und den Fitnesskult“ habe ich geschrieben, weil ich glaube, dass viele Menschen durch die allgemein herrschende Gesundheitsreligion ihr eigentliches Leben verpassen. Bei meinem Glücksbuch war der Anlass unter anderem die absurde Ratgeberliteratur. Der Soziologe Ulrich Beck hat mal gesagt: „Die Ratgeberliteratur schlägt eine Schneise der Verwüstung durch Deutschland.“ Dadurch fühlen sich viele Menschen für sich selbst gar nicht mehr kompetent.

Allerdings haben Sie mit Ihrem Glücksbuch selbst einen Ratgeber publiziert …

Nee, um Gottes willen – mein Buch ist ein Anti-Ratgeber. Das Problem von Glücksratgebern ist ja, dass da ein Autor schreibt, wie er persönlich glücklich wurde, und den Leser dann unglücklich zurücklässt, weil der nun mal nicht der Autor ist. Dagegen habe ich in meinem Buch versucht, dem Leser auf Augenhöhe zu begegnen, und unter anderem erzählt, was die gescheitesten Menschen der Welt über das Glück gedacht haben. Insofern enthält das Buch eine kleine Geschichte der Philosophie des Glücks. Das waren ganz unterschiedliche Ideen, und der Leser kann dann selbst aussuchen, was zu ihm passt.

Wie viele Ratgeber haben Sie eigentlich gelesen, bevor Sie Ihr Glücksbuch geschrieben haben?
Ich habe nicht systematisch Ratgeber gelesen, um nicht unbewusst zu plagiieren. Erst danach habe ich diese Bücher gelesen, und es war wirklich schrecklich. Da gibt es zum Beispiel ein „World Book of Happiness“: 200 Glücksspezialisten aus allen Ländern der Welt beschreiben da auf jeweils zwei, drei Seiten, was sie für das Glück halten. Das sind 400 anstrengende Seiten, und zu 95 Prozent sind das reine Banalitäten. Zum Beispiel, man sollte mal ausspannen und Freundschaften pflegen. Da wäre ich nie drauf gekommen. Hinten auf dem Buch steht ein unfreiwillig komischer Satz: Neueste Glücksforschung, keine Philosophie. In Wahrheit wissen wir heute nicht einen Deut mehr über das Glück als die Philosophen vor 2000 Jahren. Für moderne Waschmaschinen braucht man moderne Gebrauchsanweisungen, aber das Leben ist keine Waschmaschine.

Warum brauchen die Menschen heute Bücher, wo andere Menschen ihnen verraten, wie sie selbst glücklich werden können?
Viele Menschen verlieren heute den Überblick bei den ständigen neuen Informationen und suchen Orientierung bei Experten. Dabei gibt es nur einen wirklichen Experten für mein Leben: Mich selbst.

Ist die Sorge, nicht glücklich werden zu können, nicht ein Luxusproblem der westlichen Welt? Die Flüchtlinge, die zu uns kommen, haben ganz andere Probleme.
Ja, das glaube ich schon. In dem Moment, wo Sie glücklich sind, ist Glück überhaupt kein Thema. Erst wenn Sie unglücklich sind, denken Sie über die glücklichen Zeiten in Ihrem Leben nach. Das Problem der Glücksratgeber ist, dass es da dauernd bloß um die Produktion irgendwelcher Glücksgefühle geht, zum Beispiel indem man seine Füße in Champagner badet. Da sind dann Flüchtlinge etwas Beunruhigendes, weil sie uns unsere Glücksgefühle klauen könnten. Aber Glück ist kein Ego-Trip. Der Mensch ist ein soziales Wesen. Unser Dorf hier im Rheinland ist glücklicher, seit wir Flüchtlinge haben, weil viele Menschen, die bislang nur ihre Rente aufgezehrt haben, jetzt Deutschkurse geben oder Flüchtlinge zum Arzt begleiten. Es gibt viel mehr Kommunikation im Dorf, man sieht mehr lächelnde Gesichter. Menschen in Not zu helfen erlebt man als in sich sinnvoll.

Welche Rolle spielt Erfolg für ein glückliches Leben?
Als unsere Töchter aus der Pubertät raus waren, haben wir ein großes Fest gefeiert. Das war auch nötig, weil die Pubertät wirklich anstrengend war. Da habe ich eine kleine Ansprache gehalten. Wir haben unseren Töchtern Glück gewünscht, aber keinen Erfolg. Man soll die Fähigkeiten, die man mitbekommen hat, fleißig einsetzen – ob man dann damit Erfolg hat, das hängt von so vielen Zufällen ab. Das ist nicht wirklich wichtig. Vincent van Gogh war der erfolgloseste Maler aller Zeiten, seine Bilder waren unverkäuflich, aber trotzdem hat er ein gelingendes Leben gelebt. Josef Stalin war dagegen der erfolgreichste russische Herrscher aller Zeiten, aber wer wird das Leben dieses Massenmörders ein gelingendes Leben nennen?

Kann man in Krisensituationen glücklich sein?
Der Titel meines Buches „Wie Sie unvermeidlich glücklich werden“ ist natürlich etwas ironisch gemeint gegen den Ratgeber-Tsunami, aber er hat auch einen ernsten Kern. Der Philosoph Karl Jaspers hat gesagt, dass die Grenzsituationen menschlichen Lebens unvermeidlich sind: Leid, Schuld, Kampf, Tod. Und wenn man zeigen könnte, wie man in diesen unvermeidlichen Situationen glücklich sein kann, dann kann man unvermeidlich glücklich werden. Da ist zum Beispiel Yehuda Bacon, ein Auschwitz-Überlebender, der gesagt hat, auch im Leiden könne man einen Sinn erleben, nämlich dann, wenn man so tief erschüttert werde, dass man erlebe, dass jeder Mensch, auch der Verbrecher, jemand ist, wie man selbst. Und wenn jemand, der in Auschwitz war, sagt, dass man auch im Leiden glücklich sein kann, dann ist das nicht bloß etwas Theoretisches.

Sinn im Leiden finden – haben Sie so etwas erlebt?
Ich habe vor 35 Jahren eine Gruppe von behinderten und nicht behinderten Jugendlichen gegründet. Da gab es Michael, dem war mit zwölf Jahren die Schultasche aus der Hand gefallen. Es wurde festgestellt, dass er erblichen Muskelschwund hatte, seine beiden jüngeren Brüder bekamen das auch. Alle drei saßen im Rollstuhl. Seine jüngeren Brüder starben vor ihm, er starb mit 25 Jahren. Ich war auf der Beerdigung, und da sagte mir die Mutter, sie würden jetzt überlegen, ein behindertes Kind zu adoptieren. Die Eltern haben das, was sie getan haben, als sinnvoll erlebt und wollten nun ihre Fähigkeiten einem weiteren Kind zugutekommen lassen.

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