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Wochenend-Inte : Geschmacksfrage

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

WOCHENEND-INTERVIEW: Komikerin Carolin Kebekus über krasse Comedy und böse Briefe

svz.de von
erstellt am 24.Sep.2016 | 12:00 Uhr

Ihre Witze schonen niemanden: Komikerin Carolin Kebekus führt viele vor und macht sich damit nicht nur Freunde. Am 29. September feiert ihre Show „PussyTerror TV“ Premiere in der ARD. Im Interview spricht die Kölnerin über böse Briefe, die Rolle von Frauen in der Comedy-Branche und warum sie ein Parallelleben für ihre Hobbys braucht.

Sie haben sich in Ihren Texten schon über die Kirche, Rechtsextreme und Helene Fischer lustig gemacht. Von welchen Anhängern haben Sie danach die schlimmste Post bekommen?

In letzter Zeit habe ich vor allem von Veganern böse Briefe bekommen. Die Fans von Helene Fischer waren aber wirklich am schlimmsten. An deren Posts und Wortwahl habe ich gemerkt, dass diese Menschen kein gutes Elternhaus hatten.

Wie gehen Sie mit diesen Anfeindungen um?

Wenn es konkrete Drohungen gibt, kümmert sich die Polizei darum. Wenn ich ehrlich bin, lese ich mir nicht alle Zuschriften durch. Oft werde ich erst durch Freunde darauf aufmerksam gemacht, dass ich auf meiner Facebookseite beschimpft werde. Die ganzen Diskussionen darüber muss ich mir nicht durchlesen, weil hier auch viel Mist geschrieben wird.

Gab es schon Situationen, in denen Sie Angst hatten?

Es gab sicherlich schon konkrete Momente, in denen es eine Gefahr gab. Angst hatte ich noch nie.

Wem zeigen Sie Ihre Texte zuerst?

In einer Runde lasse ich meine Ideen einfließen und merke schnell an den Reaktionen, ob das Thema passt. Auch andere Kollegen frage ich um Rat.

Bekommen Ihre Eltern auch eine Kostprobe, bevor es veröffentlicht wird?

Nein, meine Eltern würde ich niemals fragen, ob sie meine Texte lustig finden. Sie müssen sich mit dem Resultat zufriedengeben. Ich probiere die Gags dann bei Freunden aus.

Was sagen Ihre Eltern zu Ihrer Berufswahl?

Meine Eltern sind natürlich ein wenig beeinflusst, weil ihre kleine Tochter auf der Bühne steht. Trotzdem ist für sie bestimmt nicht alles lustig, was ich mache. Vor allem meiner Mutter gehen manche Witze manchmal ein wenig zu weit. Im Großen und Ganzen sind die beiden aber sehr stolz und lachen mit.

Haben Sie schon in Kindertagen die Bühne gesucht?

Ich habe immer Witze gemacht. Wenn ich bemerkte, dass ich die Pointe versemmelt habe, habe ich die Witze einfach verlängert und immer weiter erzählt. Das war aber nicht unbedingt gut. Ich wollte unbedingt, dass die Menschen lachen.

Über wen würden Sie niemals einen Witz machen?

Über niemanden. Ich verkaufe ausnahmslos jeden. Meine Familie ist bereits mehrfach witzetechnisch geschändet worden. Natürlich verändere ich ihre Namen. Aber jeder, der die Geschichte kennt, merkt, dass er gemeint ist.

Mit welchem seriösen Beruf haben Sie in der Vergangenheit trotz Ihrer Liebe zur Comedy geliebäugelt?

Ich hätte auch sehr gerne Biologie studiert und mich auf den Bereich Evolution und Genetik spezialisiert. Das fand ich sehr faszinierend. Doch in diesem Studium hätte ich mich sehr viel mit Chemie beschäftigen müssen, und das war mir zu theoretisch.

Die Comedy-Branche wird vor allem von Männern dominiert. Gibt es ein besonders starkes Netzwerk unter den Frauen?

Nicht nur in meiner Branche, sondern auch in anderen Berufen bauen die Frauen nur sehr wenige Netzwerke untereinander auf. Frauen sind schlechter darin, und das ist ein echtes Problem. Natürlich habe ich enge Kontakte zu manchen Kolleginnen, und ich könnte sofort alle anrufen. Ein gemeinsamer Austausch und ein gegenseitiges Unterstützen sind aber nicht selbstverständlich, weil man immer das Gefühl vermittelt bekommt, dass der Kuchen für die lustigen Frauen wesentlich kleiner ist.

Aber warum ist der Kuchen für Männer größer?

Bei Männern ist es okay, wenn mehrere Comedians das gleiche Thema besetzen. Eine Newcomerin dagegen, die ein bisschen lauter und heftiger ist, wird sofort mit mir verglichen. Viele sagen dann, ich würde kopiert werden, und stellen mich als die einzig Wahre dar. Dann stelle ich mir schon die Frage, warum es denn nur eine Frau geben darf, die krasser formuliert und feministischer agiert als alle anderen. Der Raum für Frauen wird dadurch begrenzt, und das finde ich schade.

Ist es mehr Fluch oder Segen, die einzig Wahre zu sein?

Oft habe ich das Gefühl, ich werde nur so hervorgehoben, weil ich eben eine Frau bin. Wäre ich ein Mann, würde ich bestimmt auch gute Sachen machen und erfolgreich sein, aber die Menschen würden mich nicht so glorifizieren. Trotzdem genieße ich es natürlich und freue mich über den Erfolg. Ist doch toll und sehr praktisch, dass ich die einzige Frau bin, die Comedy macht. Dann kommen alle Gäste nur zu mir (lacht).

Verspüren Sie einen anderen Druck als männliche Kollegen?

Ich habe mich in der Branche bereits etabliert und verspüre dadurch weniger Druck. Aber ich habe den Eindruck, dass es in unserer Branche so wenige Frauen gibt, weil sich Frauen einen größeren Druck machen. Wenn eine Frau auf die Bühne geht, wenig Erfolg hat und in einer Situation versagt, dann gibt sie schneller auf. Sie kann nur schwer damit umgehen, dass die Zuschauer sie nicht gut fanden. Männer stecken das besser weg und sagen sich (spricht mit tieferer Stimme): „Ich war gar nicht so schlecht, es war ein blödes Publikum. Aber ich war ganz gut.“ Frauen sind viel selbstkritischer und fleißiger. Sie scheitern an ihrem Anspruch, perfekt zu sein.

Wie behaupten Sie sich in der Männerdomäne Comedy?

Ich glaube schon, dass die Menschen am Anfang hinter meinem Rücken gesagt haben, dass ich die Jobs nur bekomme, weil ich gut aussehe. Zudem wurde heruntergespielt, was ich erzähle: „Sie kann ja nicht mehr, als über Pipi und Aa zu sprechen.“ Und das stimmt (lacht). Ich finde einfach alles lustig, was sich unter der Gürtellinie abspielt. Am Ende des Tages mache ich einfach gute Arbeit. Und wer gute Arbeit abliefert, sollte auch respektiert werden.

Warum ist es nur unter der Gürtellinie lustig?

Nicht nur, aber in der Hose wird es schon sehr, sehr lustig. Alle Witze über Fürze, Geschlechtsteile und Sex sind lustig. Auch Füße können sehr witzig sein – auch ein Körperteil unter der Gürtellinie. Diese Themen bieten einfach viel Potenzial, es sind Tabuthemen, über die wenige offen sprechen.

Was ist der schlimmste Anmachspruch, den Sie je gehört haben?

Lustig fand ich mal den Spruch: „Woher kennen wir uns nicht?“ Da musste ich erst mal lachen. Am schlimmsten ist es aber, wenn Männer dir hinterherschnalzen oder man an der Baustelle vorbeiläuft und dir ein „Wohoooo“ nachgerufen wird.

Warum trauen sich Männer das?

Erschreckenderweise gibt es Frauen, die darauf reagieren. Männer trauen sich das, weil es bei manchen Frauen tatsächlich funktioniert.

Wie überzeugt ein Mann Sie?

Ein Spruch reicht bei mir leider nicht. Geld, Humor, eine Schulter zum Anlehnen und ein sehr großer Penis sind immer von Vorteil (lacht).

Wie garantieren Sie, dass Sie jetzt bei der ARD genauso gutes Geld verdienen wie Ihre männlichen Kollegen?

Das ist eine gute Frage. Zum Glück regelt das ein Mann für mich, der soll das für mich auskämpfen. Vielleicht sollte ich mal recherchieren und die anderen fragen, was sie so verdienen.

Wie sehr haben Sie gefeiert, dass es für Ihre Sendung „PussyTerror TV“ nun vom WDR zur ARD geht?

Mein Team und ich haben das total gefeiert. Es war immer unser Ziel, in das Hauptprogramm zu kommen. Nun haben wir es schneller geschafft als gedacht – das finden wir super. Und die Redaktion bleibt ja trotzdem im WDR.

Sie spielen auf der Bühne gerne mit Klischees. Was ist typisch weiblich an Ihnen?

Ich mag Pferde und habe mir früher immer die Wendy gekauft. Früher bin ich viel geritten. Ich hätte auch wieder große Lust, mehr zu reiten. Dafür bräuchte ich allerdings ein Parallelleben. Für Hobbys habe ich keine Zeit mehr. Ich gehe nur noch arbeiten und freue mich, wenn ich noch Zeit für Familie und Freunde habe.

Sie werden mit Ihrem Programm in diesem Jahr die Lanxess-Arena in Köln füllen. Wie bereiten Sie sich darauf vor?

Am Anfang dachte ich, dass ich eine Riesenshow mit vielen Gästen bieten müsste. Je näher der Termin rückt, desto mehr denke ich, dass ich einfach das mache, was ich immer tue. Deswegen kommen schließlich die Leute.

Sind Sie aufgeregt?

Ach, das sind doch nur 15  000 Menschen (lacht). Doch, ich bin sehr aufgeregt.

Wie schalten Sie nach einem Auftritt ab?

Ich bin danach immer total aufgedreht, voller Energie und kann nur sehr schlecht einschlafen. Manchmal treffe ich nach meinen Auftritten noch Freunde, aber manchmal muss ich auch in ein Hotelzimmer. Während mich eine Stunde vorher noch 6000 Leute angeschaut haben, guckt mich dann nur noch der Fernseher an. Da wird man dann automatisch müde, schaltet ab und schläft.
 

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