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Künstler-Portrait : Geoffrey Rush spielt gern «spezielle Männer»

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Geoffrey Rush verkörperte schon Albert Einstein, Peter Sellers und David Helfgott - für den australischen Schauspieler wird die Vergangenheit gerade durch die Darstellung dieser besonderen Männer lebendig.

svz.de von
erstellt am 28.Jul.2017 | 11:30 Uhr

Die Unzufriedenheit mit dem eigenen Schaffen ist häufig ein treuer Begleiter des Künstlers. Der Schweizer Bildhauer und Maler Alberto Giacometti war geradezu zerfressen von Unruhe über sein Werk.

Im Film «Final Portrait» schlüpft nun Geoffrey Rush in die Rolle des Exzentrikers mit wirrem Haar. Im Interview der Deutschen Presse-Agentur spricht der Oscarpreisträger über den Selbstzweifel Giacomettis und kreative Prozesse.

Frage: Plagen Sie manchmal Selbstzweifel in Ihrer Arbeit?

Antwort: Ja, aber ich bin vermutlich nicht so unsicher oder launisch, wie ich denke, dass es Giacometti ist. Er ist sehr interessant launisch, weil er so viele Widersprüche und Verwirrungen in seinem kreativen Geist hat. Er war extrem grantig, vor allem in den Jahren vor seinem Tod. Er kehrte allen zeitgenössischen Bewegungen um ihn herum den Rücken zu, weil er nach etwas suchte und nicht wusste, wonach. So erreichte er, wie er es erachten würde, Sackgassen, und glaubte, dass kein Gemälde jemals fertig sein könnte.

Frage: Kokettiert Giacometti Ihrer Ansicht nach mit seinem Zweifel oder war er wirklich so?

Antwort: Der Film ist nicht wirklich eine Biografie, es wird nicht die Geschichte von Giacomettis Leben erzählt. Er basiert auf dem kurzen künstlerischen Tagebuch von James Lord, das er schrieb, nachdem er bei Giacometti Modell gesessen hatte. So ist es eine Erfahrung aus erster Hand. Lord, ein sehr blaublütiger Schriftsteller von der US-Ostküste, der seine eigenen Beobachtungen des künstlerischen Prozesses macht und damit das Publikum in dieses Duett einlädt, bei dem der Künstler, in diesem Fall Giacometti, eben auch durch Zweifel geht.

Frage: Was brauchen Sie für eine Atmosphäre, um kreativ zu sein?

Antwort: Ich verbringe die eine Hälfte meines Lebens am Theater und die andere an professionellen Sets. Das sind alles Gruppenaktivitäten, also kommt die Inspiration von allem, was dort zu finden ist. Bei Giacometti war es dieses einzigartige Studio, seine Höhle, in der er wie ein Einsiedler lebte und wo er mit seinen Verwirrungen, seinen eigenen Widersprüchen und Glauben allein war. Ich denke, er hat eine Stimme gefunden, die einzigartig war und sich vor allem im «Walking Man» (Anm.: Skulptur «Der schreitende Mann») herausdestillierte.

Frage: War es wegen der optischen Ähnlichkeit einfach zu Giacometti zu werden?

Antwort: Es hat ein bisschen geholfen, aber ich musste schon eine Art Annäherung finden, weil er kleiner war als ich und einen schweizerisch-italienischen Hintergrund hatte. Wir haben mit ein paar kleinen Tricks gearbeitet, um mich näher an seine exzentrische Frisur zu bringen und haben noch andere Details verändert, wie die Form meiner Nase.

Frage: Sie haben jüngst auch Albert Einstein verkörpert. Was macht mehr Spaß, Einstein oder Giacometti?

Antwort: Für mich ist es im Grunde das Gleiche. Ich fühle oft gewisse Gemeinsamkeiten. Ich spiele selten Kriminelle, Revolverhelden oder Cowboys. Es gibt ein paar Leute wie Peter Sellers oder den Marquis de Sade. De Sade war Schriftsteller, Sellers war Komiker und Schauspieler und Giacometti ist Künstler. Es sind alles spezielle Männer, die das Gefühl des Zeitalters, in dem sie lebten, auf gewisse Weise definieren. Sie werden zu interessanten, zentralen Charakteren, über die die Vergangenheit viel lebendiger und faszinierender wird als über die Klischees, die wir vielleicht in unseren Köpfen haben.

Frage: Haben Sie jemals ein Projekt wegen fehlender Muße beendet?

Antwort: Nein, es liegt in der Natur des Theaters, dass du das Stück beendest. Und es kann sein, dass du es dann 8 oder 16 Wochen spielst, aber jedes Mal vor einem Publikum, das darauf reagiert. Und du kannst dadurch dann hoffentlich das Stück vertiefen und mehr Einblicke bekommen. Das liegt in der Natur des Theaters und manchmal auch in Filmen. Manchmal sieht man den Film und denkt sich «Ich wünschte, er hätte eine andere Aufnahme dort genommen», aber man kann immer mehr verbessern und verbessern.

ZUR PERSON: Der australische Schauspieler Geoffrey Rush (66) ist für die Leinwand bereits in viele starke Charakterrollen geschlüpft. Zuletzt war er als Albert Einstein in der Fernsehserie «Genius» zu sehen, 2003 verkörperte er den in seinem Heimatland berühmten Buschranger Ned Kelly. Für seine Darstellung des australischen Pianisten David Helfgott, der eine schizoaffektive Störung hat, in «Shine - Der Weg ins Licht» erhielt Rush 1997 den Oscar als bester Hauptdarsteller. In der Blockbuster-Reihe «Fluch der Karibik» spielt Rush den Piratenkapitän Barbossa.

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