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Wochenend-Interview : „Gebt Cannabis frei!“

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Claus Dieter Clausnitzer: Die Joints beim „Tatort“-Dreh sind hervorragende Arbeit.

Seine populärste Rolle ist zweifellos der „Vadder Thiel“, als der er am 8. Mai wieder im „Tatort“ aus Münster zu sehen ist. Dabei hat Claus Dieter Clausnitzer auch über 45 Jahre Theater gespielt, war in weit über 700 Folgen von „Rote Rosen“ und in einem der berühmtesten aller Loriot-Sketche zu sehen. Von seiner Liebe zu Borussia Dortmund, der „Rote Rosen-Montage“ in Lüneburg und seiner dritten Heimat auf der indonesischen Insel Lombok erzählt der 77-Jährige in einer Kaffeerösterei.

Herr Clausnitzer, 14. April 2016 – für Sie der schlimmste Tag des Jahres?

Was war da?

Borussia Dortmund verliert in der Nachspielzeit 3:4 in Liverpool.

Au ja, o Gott, entsetzlich! Ich müsste eigentlich Trauer tragen. Ich hab das Spiel nicht gesehen, weil ich im Zug war, aber ich hab auf dem Handy den Liveticker verfolgt. 2:0 zur Pause – gut, dann 2:1, aber gleich wieder 3:1 – da dachte ich, dass es durch ist. Aber dann 3:2, 3:3, da wurde ich schon fickerig. Und dann schießt Liverpool dieses Tor, das ich nachher immer wieder gesehen habe. Das war eine Katastrophe.

Wie sehr ärgern Sie sich über solche Katastrophen?

Ich ärgere mich richtig. Ich hab’ ja mit meinem Freund Professor Rohner eine Dauerkarte beim BvB, und der sagt immer: Du darfst Dich nicht ärgern, wir gucken uns das doch zum Vergnügen an. Aber ich finde es sehr ärgerlich, wenn der BvB so wie in Liverpool verliert. Denn eigentlich ist es doch die Stärke der Dortmunder, was die da vorgemacht haben – ein verloren geglaubtes Spiel noch zu drehen. Unter Kloppi hatte der BvB diesen Charakter, und jetzt hat ihn Liverpool.

Immerhin steht der BvB jetzt im Pokalfinale gegen Bayern München. Ihr Tipp?

Wir gewinnen durch Tore von Mkhitaryan und Ramos 2:1. Das Halbfinale habe ich hier in Lüneburg im Fernseher gesehen und dabei versucht, meinen Text für „Rote Rosen“ zu lernen.

Dortmund ist Ihre Heimat und Lüneburg Ihr Zweitwohnsitz?

Kann man so sehen. Ich bin immer gependelt, die Woche über bin ich hier quasi auf Montage und drehe, und am Wochenende bin ich zu Hause. Hier hatte ich zunächst eine kleine Wohnung, die war im Sommer leider viel zu heiß – seit einem Jahr kommt meine Frau immer mit, und wir haben uns eine größere Wohnung in Lüneburg genommen.

Ihr drittes Zuhause ist Südostasien?

Ja, Indonesien. Meine Frau hat da lange als Fotografin gearbeitet, Hotels fotografiert und getestet. Sie war immer schon großer Bali-Fan und hat mich irgendwann damit angesteckt. Mittlerweile hat sich das relativiert, weil Bali doch ziemlich überlaufen ist. Beinahe wie Mallorca – es gibt zwar noch ein paar schöne Ecken, aber fast alle zieht es in den Süden Balis und nach Ubud. Wenn Sie jetzt am neuen Flughafen in Denpasar ankommen, geht es da zu wie in Bangkok oder Singapur. Früher war da alles klein und fast schon idyllisch ... mit Gamelanmusik im Hintergrund, und es roch nach Räucherstäbchen.

Und jetzt?

Sind wir auf die Nachbarinsel Lombok ausgewichen. Da hat es mir schon früher sehr gut gefallen: Tolle Landschaft, alles relaxed und natürlich die Cidomos, also die Pferdekutschen. Wir sind da, wann immer es geht, und engagieren uns auch sozial, wie vorher schon auf Bali. Vor ein paar Jahren habe ich beim NRW-Duell im WDR-Fernsehen 3000 Euro gewonnen. Damit habe ich einem bei der Arbeit schwer verunglückten Balinesen geholfen. Komang Sadre lebte mit seiner fünfköpfigen Familie in einer kleinen Hütte mitten im Wald: Kein Strom, Wasser, nix Bad oder Toilette. Mit dem Geld haben wir ihm dann ein richtiges Haus gebaut. Die Kinder dieser Familie besuchen mittlerweile alle die Senior High School, die älteste Tochter ging nach dem Abitur in eine Touristikfachschule und hat einen sehr guten Job in einem Vier-Sterne-Hotel. So etwas machen wir auf Lombok jetzt auch.

Und trotzdem arbeiten Sie noch.

Meine Frau sagt immer: Warum tust Du Dir das an? Aber das hat nichts mit Antun zu tun. Ich bin froh, dass ich das noch machen darf, machen kann, und dass man mich noch will. Das ist doch schön. In diesem Job gibt’s keine Rentner. Sie können ja auch dem Maler nicht den Pinsel aus der Hand nehmen, nur weil er 65 geworden ist. Ich arbeite, solange es mir Spaß macht, das ist ja auch das Schöne an diesem Beruf.

Schauspielerinnen beklagen häufig, dass die Rollenangebote mit zunehmendem Alter immer weniger werden. Ist das bei Männern nicht so?

Doch auch, allerdings längst nicht so schlimm wie bei den Frauen. Über 45 Jahre war ich in festen Engagements und habe dabei auch immer gedreht. Und jetzt habe ich ein festes Engagement bei „Rote Rosen“. Aber vielleicht bin ich ja ’ne Ausnahme, zum Glück kann ich mich über mangelnde Arbeit nicht beklagen.

Also spielt der Münster-„Tatort“ in Ihrem Berufsleben eher eine kleine Rolle, auch wenn er Ihnen die größte Aufmerksamkeit beschert.

Das stimmt. Diese kleine Rolle ist ein Geschenk, wir sind ein super Team und alle freuen sich auf ein Wiedersehen bei den Drehtagen, aber für mich gibt es ja nicht nur den Tatort... (grinst)

Eine Frage ist im Zusammenhang mit dem Münster-„Tatort“ unvermeidlich: Wann haben Sie im wirklichen Leben Ihren letzten Joint geraucht?

Das muss man doch nicht sagen. Wieso überhaupt den letzten? (lacht)

Gute Gegenfrage – ist auch eine Antwort.

Wir können gerne über Drogen und gerade über Hasch reden. Ich bin ein absoluter Befürworter der Drogenfreigabe. Es macht doch keinen Sinn, sie zu verteufeln, gerade bei Cannabis. Das ist doch eigentlich eine Heilpflanze und die als Einstiegsdroge zu bezeichnen, ist doch Unsinn. Dann muss man auch Alkohol als Einstiegsdroge bezeichnen. Dann wäre ja selbst Sex eine Einstiegsdroge (lacht).

Drehen Sie Ihre Joints beim Dreh selbst?

Nein, die werden von der Requisite gedreht, die machen das ganz schön, das sieht immer gut aus. Meistens brauche ich so fünf oder sechs Stück – aber da ist natürlich nichts drin, also zumindest kein Hasch. Trotzdem: Hervorragende Arbeit.

Erschrecken Sie manchmal die Quoten, wenn Sie mitkriegen, dass wieder über 13 Millionen eingeschaltet haben?

Das ist schon Wahnsinn. Aber war ja auch nicht immer so, am Anfang waren es deutlich unter zehn Millionen. Aber gerade der Münster-„Tatort“ ist offenbar so eine Art Familienzusammenführung wie es früher „Wetten, dass..?“ war. Wir sechs – die drei Jungs und die drei Mädels – sind natürlich auch so etwas wie eine Familie. Nicht nur ich denke so: Wenn einer von uns sechsen nicht mehr dabei wäre, dann wäre es ja auch nicht mehr der „Tatort“ Münster.

Ist die Frage nach der Quote für Sie immer die spannendste am Montagmorgen?

Eigentlich nicht. Ich habe mich im Laufe der Jahre daran gewöhnt, dass wir immer die Quotenkönige sind. (lacht)

Wie sind Sie damals an die Rolle des Vadder Thiel gekommen? Mussten Sie sich casten lassen? 

Nee, es hat sicher eine Diskussion über mehrere Kandidaten gegeben, und bei mir haben Sie dann zugegriffen.

Wie hat der „Tatort“ denn Ihr Leben verändert?

Ich werde schon viel auf „Vaddern“ angesprochen – auch hier in Lüneburg und sogar auf Lombok. Obwohl ich in Dortmund 34 Jahre im Theater alles rauf und runter gespielt habe, sprechen mich die Dortmunder doch hauptsächlich auf „Tatort“ und „Rote Rosen“ an, ist halt ein anderes Medium, kann man nicht miteinander vergleichen.

Haben Sie als Taxifahrer Vadder Thiel denn einen Bonus bei den Taxifahrern im wirklichen Leben?

Da erkennen mich erstaunlich wenige. Darüber habe ich mich anfangs gewundert, aber ich schätze mal, es liegt daran, dass die meisten Taxifahrer Migranten sind und nicht unbedingt „Rote Rosen“ oder „Tatort“ gucken. Umso mehr werde ich dagegen im Zug angesprochen, meistens wollen die Leute dann ein Selfie mit mir machen. Mittlerweile fahre ich aber kaum noch Zug – nicht deshalb, sondern, weil es mit dem Auto einfach schneller geht.

Lassen Sie uns noch ein bisschen tiefer in die Kiste greifen: „Mein Name ist Erwin Lindemann..“.

Darauf werde ich heute noch angesprochen.

Der berühmte Loriot-Sketch mit dem Lottogewinner aus Wuppertal. Sie waren darin der Regisseur, der Lindemann seinen Spruch immer wieder aufsagen lässt – bis zur totalen Verhaspelung.

Als ich den Text bekam, habe ich geschrien vor Lachen, bin in die Küche zu meiner Frau gelaufen und hab gesagt: Das musst Du Dir jetzt anhören. Die Szene war einfach gigantisch. Und heute sagen die Leute immer zu mir: „Man erkennt Sie gar nicht wieder. Ich wusste ja gar nicht, dass Sie das waren, bis ich es gelesen habe.“

Genauso erging es mir auch. Wie ist Loriot eigentlich damals auf Sie gekommen?

Ich war in Bremen am Theater engagiert, zusammen mit Evelyn Hamann. Loriot hat sich Stücke angesehen und die Leute, die ihm gefallen haben, dann zu sich geholt. Die erste Rolle, die ich zusammen mit Evelyn hatte, war der Sketch im Bekleidungsladen, in dem Loriot und ich die karierten Jacken verwechseln (fängt an, den Sketch zu zitieren).

Ihr Berufsleben währt mittlerweile über 50 Jahre – gibt es einen Tag, an den Sie sich ganz besonders gern erinnern?

Ich erinnere mich an Schlomo Herzl aus „Mein Kampf“ von George Tabori. Seit meiner Zeit in Bremen war George mein Theatervater und ich habe mich wahnsinnig gefreut, dass ich in der Deutschen Erstaufführung seinen Schlomo in der alten Kaue der Zeche Minister Stein spielen durfte, das war eine besondere Spielstätte des Dortmunder Theaters. Später wurden wir mit diesem Stück zum NRW-Theatertreffen eingeladen und sehr stolz waren wir, dass zur Eröffnung „Mein Kampf“ live im WDR-Fernsehen übertragen wurde. Für mich ein unvergesslicher Tag.

Und worauf freuen Sie sich noch?

Als junger Schauspieler wollte ich immer Othello spielen, hat nie geklappt. Später dachte ich dann immer, im Alter wäre Lear ’ne tolle Rolle, allerdings muss man sich in solch eine Figur mindestens ein halbes Jahr reinarbeiten und die Zeit hab’ ich nicht. Noch habe ich keine Entzugserscheinungen, obwohl ich das Theater über alles liebe. Ich bin einfach ein Ensemble-Typ, ein Teamplayer. Ich muss immer zusammenglucken und reden und diskutieren – und das alles habe ich hier bei den „Roten Rosen“ , wie in einer großen Familie.

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erstellt am 07.Mai.2016 | 12:00 Uhr

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