Politsatire mit Detlev Buck : Fußball gucken am Teich

Detlev Buck ist vor und hinter der Kamera aktiv.
Detlev Buck ist vor und hinter der Kamera aktiv.

Der Filmemacher Detlev Buck wirkt in der Politsatire „90 Minuten – Bei Abpfiff Frieden“ mit – er spielt einen Fußballtrainer

svz.de von
28. Juni 2016, 21:00 Uhr

Detlev Buck (53) zählt zu den wenigen Filmschaffenden Deutschlands, die auf eine langjährige Karriere sowohl vor der Kamera („Männerpension“, „Bibi und Tina“) als auch dahinter („Herr Lehmann“, „Die Vermessung der Welt“) zurückblicken. Nun spielt der 53-Jährige eine Schlüsselrolle in einer außergewöhnlichen Politsatire, die morgen in den Kinos startet. In der israelisch-deutschen Koproduktion „90 Minuten – Bei Abpfiff Frieden“ sind die Israelis und die Palästinenser der Auseinandersetzungen müde geworden. Ein Fußballspiel zwischen beiden Parteien soll endgültig klären, wer bleiben darf und wer gehen muss. Detlev Buck spielt den deutschen Trainer Müller, der die Israelis zum Sieg führen soll. Olaf Neumann sprach mit ihm.

Herr Buck, wie wurden Sie zum israelischen Nationaltrainer?
Lothar Matthäus war ja mal Trainer in Israel, deshalb wollte man wohl einen Deutschen besetzen. Produzent Steve Hudson hat mich vorgeschlagen. Ich fand diese Geschichte sehr spannend. Und natürlich war ich auch daran interessiert, an all diesen Orten zu drehen und viel von der Atmosphäre mitzukriegen. Man hat mich wohl als genügend deutsch empfunden und ich wurde besetzt. Das war schön, denn ich hatte sehr viel Spaß.

Wie ist Ihnen das Land Israel begegnet?
Das war eine sehr positive Erfahrung. Tel Aviv ist eine junge und moderne Stadt, irre dynamisch und freudvoll. Auch im älteren Jerusalem existiert eine große Dynamik, aber die Atmosphäre ist schon davon geprägt, dass der Konflikt hier näher ist. Die emotionale Verbindung dazu ist stärker. Trotzdem gab es auch hier interessante Begegnungen und denkwürdige Restaurantbesuche. Mit den Konservativen ist schwer zu diskutieren, aber die junge israelische Generation ist offen und sich bewusst, dass man diesen Konflikt nicht immer nur verschärfen kann.

Können Sie die Faszination des Fußballsports erklären?
Fußball ist ein schöner Sport und ich mag das gern sehen. Leider ist das Marketing in den Vordergrund gerückt und hat Fußball zu etwas scheinbar Großem gemacht. Die Köpfe der Fifa haben in den letzten fünf Jahren über 70 Millionen Euro beiseite geschafft. Da weiß man, wo die Macht sitzt. Es ist viel Geld und es ist schmutziges Geld. Und alle wissen das. Das Irre ist, dass die Fans trotzdem bleiben.

Mit „23 Tage“ haben Sie sich der EM von 2008 gewidmet. Inwiefern sind Sie diesmal mit am Ball?
Als Zuschauer. Früher habe ich auch öfter Werbung gemacht und mit Ballack und Jogi Löw gedreht. Man hat ja die Fußballer auch zwischen den Spielen immer in der Werbung vor der Nase. Durch die Arbeit an meinen Spielfilmen habe ich diesmal keine Spots gedreht. Außerdem ist die Halbwertszeit von Regisseuren in der Werbung auch sehr kurz.

Sie kennen Joachim Löw gut und haben wiederholt mit ihm gearbeitet. Bekommen Sie Tickets für jedes Spiel, das Sie interessiert?
Das habe ich nie ausgenutzt und ich wollte ihn damit auch nie belästigen. Das ist nicht mein Ding. Manchmal bin ich im Stadion und – zack! – ist der Ball drin. Dann ertappe ich mich dabei, wie ich auf die Wiederholung warte. Mal kurz weg geguckt und die Menge jubelt. Wie ging das? Ich will das noch mal sehen! Heute gucke ich Fußball lieber mit Freunden am Teich, Fernseher und Couch rausgeräumt. Das ist irgendwie geiler. Manchmal ist mir das Stadion einfach zu nervig.

Als Regisseur der „Bibi & Tina“-Filme sind Sie äußerst erfolgreich. Wie gelingt es Ihnen, bei der Jugend immer am Ball zu bleiben?
Ach, eigentlich bin ich selbst noch verspielt genug, dass ich die Dinge toll finde, die junge Leute auch toll finden. Das ist bei allem so, glaube ich. Es bringt nichts, sich einem jungen Publikum an den Hals zu werfen. Es liegt an einem selbst, ob man diesen Nerv noch treffen kann. Man kann das nicht erlernen oder abgucken. Das merken Kinder und Jugendliche sofort. Wenn man das irgendwann nicht mehr kann, ist es an der Zeit, nach einem neuen Standbein zu suchen. Die Filmlandschaft hat sich sehr verändert.

Inwiefern?
Es gibt die Marketing-Großmaschinen und die anderen müssen wirklich, wirklich die Erbsen zählen. Ich stelle mir die ganze Zeit die Frage, wie man sich neu definiert. Nichts bleibt, alles verändert sich. Das ist in jedem Lebensbereich so. Auch in der Landwirtschaft. Die Milchproduktion kann man fast mit der Filmproduktion vergleichen. Man muss global antreten. Aber wir haben schon aufgrund der Sprache ein Hemmnis. Dann kommt die große Ware aus Amerika und nimmt die Käufer weg. Wir können nicht ohne regionale Unterstützung überleben. Wenn wir unsere eigenen Produkte nicht unterstützen, können wir gleich aufgeben. Wenn man keine eigenen Geschichten mehr erzählt, wird man eben abhängig von 08/15-Superhelden-Gurken. Die haben nichts anderes zu erzählen, als den nächsten Action-Showdown. Meine Kinosozialisation sah anders aus.

Nämlich wie?
„Amadeus“ oder „Einer flog übers Kuckucksnest“ haben mich im Filmclub einfach umgehauen, weil man etwas von einer Persönlichkeit begriffen hat und gleichzeitig toll unterhalten wurde. Heute zählen die Geschichten nicht mehr, sondern nur noch Events. Das nervt mich extrem. Ich möchte keineswegs einen genialen Regisseur wie Christopher Nolan infrage stellen. Aber man sollte meinen, dass auch er irgendwann mit diesen Dingen durch ist. Und dann braucht es etwas Neues. Aber anscheinend haben die noch unendlich viel Quatsch auf Lager.

90 Minuten - Bei Abpfiff Frieden
 

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