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16. Dezember 2017 | 15:56 Uhr

TV-Tipp : Freilerner

vom

Zwei Länder, zwei Familien, viele Unterschiede: Während in Deutschland Schulpflicht herrscht, dürfen französische Eltern ihre Kinder ganz offiziell zuhause unterrichten. Arte zeigt aus beiden Ländern Familien, die sich für das «Homeschooling» entscheiden.

svz.de von
erstellt am 24.Aug.2017 | 00:01 Uhr

Es ist ein Satz, der in deutschen Schulklassen Neid auslösen dürfte: «Saskian Woods ist 14 Jahre alt und noch keinen Tag in seinem Leben zur Schule gegangen.»

Mit ihm beginnt die Dokumentation «Freilerner» an diesem Donnerstag (19.40 Uhr) auf Arte. Sie stellt die Situation von Familien in Frankreich und Deutschland gegenüber, die ihre Kinder lieber selbst unterrichten, als sich auf staatliche Bildungsangebote zu verlassen.

Ein Gutshof in Nordrhein-Westfalen und ein moderner Zwei-Verdiener-Haushalt im französischen Montpellier: Es sind keine religiösen Dogmatiker und keine «Outlaws», die Autor Klaus Balzer in ihrem Ringen um selbstbestimmte Bildung begleitet. Es sind Familien mit finanziellen und intellektuellen Ressourcen, die für ihre Kinder das wollen, was sie für die bestmögliche Bildung halten: Die Kinder sollen ihren Interessen folgen, Lerntempo und Unterrichtsinhalte selbst bestimmen.

20 000 Schüler werden in Frankreich laut Balzers Recherche zuhause unterrichtet - ganz legal. Die Eltern der rund 1000 Kinder, die demnach in Deutschland betroffen sind, riskieren harte Strafen bis hin zum Sorgerechtsentzug, weil in Deutschland Schulpflicht herrscht. In offiziellen Schul-Statistiken tauchen die Familien naturgemäß nicht auf. Medien berichten in der Regel erst dann, wenn die Fälle vor Gericht landen.

Auch bei den zuständigen Stellen ist das Phänomen weitgehend unerforscht - Zahlen kann auf Anfrage weder die Kultusministerkonferenz noch das Bildungsministerium nennen. «Wir glauben, dass das in Deutschland absolute Ausnahmefälle sind», sagt Ilka Hoffmann von der Gewerkschaft Erziehung und Bildung (GEW). «Es sind meist sehr religiöse Eltern oder Menschen aus bildungsbürgerlichen Milieus, die eine Lobby haben und deshalb überproportional in den Medien vertreten sind.»

Während die Eltern von Mats, Minou und Leo in Deutschland auf behördlichen Widerstand stoßen, scheint die Rechnung bei Familie Woods in Montpellier aufzugehen: Saskian spricht fließend Englisch und Französisch, singt in einem Opernchor und arbeitet während der Aufnahmen an seinem zweiten Kurzfilm. Sein älterer Bruder Tommy interessiert sich seit der Kindheit für Operetten, studiert Musik und erklärt als Nachhilfelehrer einem jungen Mann, der älter aussieht als er, die korrekte Aussprache englischer Wortendungen. Zukunftsängste sind beiden Brüdern fremd.

Einmal jährlich muss Saskian einen Leistungstest ablegen. Überzeugt das Ergebnis die Behörden, darf er weiter selbst über seine Bildung bestimmen. Bleiben Fortschritte aus, kann ihn der Staat doch noch zum Schulbesuch zwingen. Bislang wurde nichts beanstandet. «Sobald sie einmal loslegen, sind sie nicht mehr zu bremsen», beschreibt Mutter Allison Woods, was es in ihren Kindern freisetze, Interessen nachgehen zu dürfen, statt in der Schule Zwang zu erleben.

Bei der deutschen Familie ist es komplizierter. Mats (8), der sich laut Mutter selbst das Lesen beigebracht hat und zuhause beim Tischkickern gegen Mutter Dominique mit viel Freude «soft-skills» wie den Umgang mit Frustrationen lernt, geht nach zwei Jahren Heimunterricht auf Drängen der Schulbehörde jetzt doch zur Schule - und hat dafür kaum Verständnis: «Ich werde auf jeden Fall weiterkämpfen bis zum Ende. Bis sie kapiert haben, dass Schule blöd ist», sagt der Achtjährige. Was auch Mats am Schulbesuch gefällt: der Kontakt zu Gleichaltrigen, der nach Ansicht der GEW ein wesentlicher Bestandteil des sozialen Lernens ist, das Schulen möglich machen.

Was in beiden Ländern gleich ist: Die Freiheit, Lust und Interesse der Kinder mittels Hausunterricht über einen staatlichen Lehrplan zu stellen, muss erkauft werden. Es gibt keine finanzielle Unterstützung für Familien, die zuhause unterrichten. Die Qualität der Bildung hängt entscheidend vom Bildungsgrad und vom Geldbeutel der Eltern ab, nicht zuletzt, weil die Entscheidung in Deutschland im Regelfall von Staatsanwälten angefochten wird. Doch auch im deutschen Regelschulsystem gibt es einen starken Zusammenhang zwischen dem Erfolg der Kinder und dem Bildungsgrad und Einkommen der Eltern.

In den Alltag religiöser Gemeinschaften, die den Nachwuchs vor schulischem Aufklärungsunterricht «schützen» wollen, gibt «Freilerner» keinen Einblick. In Ländern wie den USA stellen sie jedoch die Mehrheit der Schulverweigerer. Dafür wird gezeigt, was Regelschulen oft nur unzureichend gelingt: die natürliche Offenheit und das Interesse zu erhalten, die den meisten Kindern angeboren ist. Wie dies besser gelingen könnte, dürfte die Bildungspolitik links und rechts des Rheins auch in Zukunft beschäftigen.

arte.tv - "Freilerner"

Saskian Woods - Homepage

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