Wochenend-Interview : Forever young

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Warum sich die Schauspielerin Katharina Wackernagel immer noch wie 18 fühlt.

svz.de von
19. März 2016, 16:01 Uhr

Katharina Wackernagel, übernehmen Sie! Seit 2009 ermittelt die Schauspielerin in den Stralsund-Krimis. Nun steht Urbino als neuer Einsatzort an. Als junge Pathologin klärt sie in einer neuen Krimi-Reihe Morde in Italien auf.

Frau Wackernagel, Backen entspannt Sie. Haben Sie sich nach den Dreharbeiten im hitzigen Urbino noch vor den Backofen gestellt?
Ich mache das wirklich gerne. Aber in Urbino war es nicht möglich, weil ich im Hotel gewohnt habe – und in eine Hotelküche habe ich es bislang noch nicht geschafft. Kochen oder Backen ist für mich Entspannung. Ich kann dabei gut Texte lernen, und kann dabei gut nachdenken.


Warum lernt sich der Text beim Zwiebelschneiden so gut?
Ein Text lernt sich am besten durch Wiederholung. So wie sich manche Menschen Eselsbrücken bauen, sind bei mir Worte mit bestimmten Bewegungen verbunden. Um eine bestimmte Beiläufigkeit zu erreichen, fällt es mir leichter, einen Text nebenbei zu lernen. Wenn ich mich dafür still auf einen Stuhl setzen müsste, würde ich abdriften. Trotzdem denke ich nicht bei bestimmten Textstellen, „da muss noch Pfeffer dran“ (lacht).


Während der Dreharbeiten zu dem Film „Die letzte Lüge“ haben Sie sogar die Crew bewirtet. Was macht Filmleute am besten satt?
Meine Kuchen kommen immer sehr gut an. Den Film haben wir in Forchheim gedreht. Hier war das ganze Team auf Ferienhäuser verteilt. Ich hatte das Haus mit der größten Küche, weil ich mich noch um das Mittagessen gekümmert habe, und nach dem Essen kamen die Kollegen oft auf mich zu und wollten das Rezept wissen. So hatte mein Bruder die Idee, dass ich daraus ein Kochbuch entwickeln könnte.


Im deutschen Fernsehen gibt es aktuell viele Krimis. Warum haben Sie gerade beim „Urbino“-Krimi zugesagt?
Mich hat das Buch nicht umgehauen, weil es ein Krimi ist. Denn zwei Drittel aller Rollen, die ich angeboten bekomme, spielen in Krimis. Zum einen haben mich der komödiantische Charakter des Films und die Rolle der Malpomena del Vecchio interessiert. Ich fand diese Widersprüchlichkeit ihres Charakters toll. So hat sie feministische Tiraden, ist aber auch eine kleine Dame, die sich im Mädchensitz auf das Motorino setzt und sich an der Hand durch die Straßen führen lässt. Zum anderen kenne ich Regisseur Uwe Jansen schon sehr lange und hatte Lust, mit ihm zu arbeiten. Außerdem ist Urbino natürlich nicht der schlechteste Ort zum Drehen.

Haben Sie einen Lieblingskrimi?
Ich habe die Bücher von Henning Mankell und Ake Edwardson verschlungen. Die Skandinavier haben es mir angetan. Momentan lese ich ein Buch von Fred Vargas. Ich mag die Adamsberg-Krimis gerne, weil sie so speziell sind. Eine Zeit lang war ich ganz versessen auf Krimis. Aber heute lese ich nur noch einen Krimi pro Jahr. Im Fernsehen mag ich „Kommissarin Lund“ oder „Die Brücke“. Die Serie „True Detectives“ habe ich auch verschlungen. Bei den deutschen Formaten finde ich einige „Tatort“-Paare sehr gut.

Wem sehen Sie am liebsten beim Ermitteln zu?
Ich mag den Stuttgarter „Tatort“ sehr gerne. Auch die Kölner haben tolle Filme gemacht. Die Dortmunder sind sehr speziell, und die Münsteraner schaue ich wie eine Komödie. Alle sind sehr verschieden.

Was macht die „Urbino“-Krimis anders?
Unsere Filme haben einen eigenen Rhythmus und spielen mit dem Mystischen. Der Aberglaube ist zwar ein Klischee, das wir von den Italienern haben, aber er tut der Geschichte gut. Sympathisch finde ich, dass mit Leonardo Nigro ein besonderer Typ als Comissario gefunden wurde. Er ist kein klassischer Ermittler, sondern eher ein kleiner Streifenpolizist. Auch meine Rolle ist nicht die abgeklärte Pathologin, die locker mit dem Kaffeebecher ihre 100. Leiche untersucht. Sie studiert seit 20 Semestern Medizin, ist total aufgeregt und will sich der Verantwortung nicht stellen. Nun wird sie ins kalte Wasser geschubst. Die Grundgeschichte hat mir gefallen.

Vor 20 Jahren haben Sie Ihr Fernsehdebüt in der Serie „Tanja“ gegeben. Was denken Sie, wenn Sie sich als 17-Jährige über den Bildschirm sehen?
Das ist schon seltsam. Ich war so verdammt jung. Daran merke ich immer, dass ich ein sehr schlechtes Zeitgefühl habe. Die Zeit vergeht so schnell. Einerseits ist es toll, so lange schon zu drehen und diese Dokumente zu haben. Andererseits ist es auch ganz schön ernüchternd, weil ich mich eigentlich immer noch wie 18 oder 19 fühle. Ich komme mir nicht wie 37 vor. Aber es ist schön, zu sehen, wie ich mich verändert und was ich gelernt habe.

Haben Sie eigene Lieblingsfilme?
„Die Boxerin“ oder „Contergan“ schaue ich immer noch sehr gerne und staune über mich. Aber es gibt auch komische Momente.

Wie sehen Sie sich selbst?
Ich denke manchmal, dass ich jemand anderem zuschaue. Es fällt mir schwer, mich daran zu erinnern, dass ich diese Rollen gespielt habe.

Sie haben die Zeit in den 30ern als zweites Erwachsenwerden bezeichnet. Ist die Pubertät oder die Phase Mitte 30 schlimmer?
Die Pubertät war auf jeden Fall schlimmer. Der Vorteil an der jetzigen Phase – also der zweiten „Pubertät“ – ist, dass ich diese Gefühle alle schon einmal erlebt habe. Ich weiß, dass sich das Leben weiterentwickelt, während ich mit 15 Jahren alles scheiße fand. Das Leben, Veränderungen, die Schule – ich dachte, dass alles niemals enden wird. Ich bin auch in der Pubertät durchaus mal melancholisch gewesen oder in tiefe Löcher gefallen. In diese Gefühle habe ich mich damals total reingehängt. Damit verschwende ich heute meine Zeit nicht mehr. Ich kann das alles ändern, ich muss mir nur einen Ruck geben und mich bewegen.

Fühlen Sie sich mit 37 Jahren erwachsen?
Früher dachte ich immer, dass irgendwann der Punkt kommt, an dem ich mich als erwachsene Frau fühle. Spätestens wenn ich eine eigene Wohnung habe, mein eigenes Geld verdiene und selbst entscheiden kann. Ich dachte, dass ich irgendwann mitten im Leben stehe und mich sicher fühle. Aber das ist noch nicht so. Natürlich bin ich weder ein Kind noch ein pubertierendes Mädchen. Aber ich fühle mich nicht so wie die Vorstellung, die ich damals von mir als Erwachsener hatte. Ich fühle mich nicht als souveräne 37-Jährige, die alles bis zu ihrer Steuererklärung checkt. Noch heute bin ich das Kind meiner Eltern. Es gibt so viele Dinge, wo mir der Rat und die Hilfe meiner Eltern wichtig sind.


Als Siebenjährige haben Sie Ihre erste eigene Theatergruppe gegründet. Was haben Sie inszeniert?
Das Kinder-Theaterstück „Balle Malle Hupe und Arthur“, das ich auf Platte hatte. Ich habe die Truppe zusammengetrommelt und alle angewiesen, ihre Texte zu lernen. Am Ende kam es sogar zu einer Aufführung unserer Theatergruppe „Roter Handschuh“ in Kassel.

Wann führen Sie mal hinter der Kamera Regie?
Bis zu meinem 40. Lebensjahr möchte ich das geschafft haben. Das habe ich mir als persönliches Ziel gesetzt.


Gibt es Stoffe, die Sie interessieren?
Es gibt diverse Stoffe. Mein Bruder schreibt irrsinnig viel und entwickelt tolle Ideen. Es gibt zwei Bücher unterschiedlicher Art, die mich interessieren. Leider gibt es zwei Faktoren, die dem im Weg stehen. Das ist zum einen die Zeit. Ich bin dieses Jahr schon sehr verplant. Aktuell fällt es mir sehr schwer, mir für eine mögliche Regie Zeit freizuhalten, weil ich viel zu gerne spiele. Zum anderen ist ein Film immer eine teure Angelegenheit. Sollten wir den Film selbst produzieren, müsste noch Geld gesammelt werden.

Kommen bei Ihnen Existenzängste auf, wenn Sie einen Film selbst finanzieren?
Ich würde niemals mein ganzes Erspartes für einen Film aufbrauchen und habe schon deshalb jetzt keine Angst davor, morgen meine Miete nicht mehr zahlen zu können. Aber ich weiß zu genau, wie schwer es ist, einen Film zu refinanzieren. Alleine über die Kinozuschauer schaffen das die allerwenigsten. Mein Bruder und ich hatten bei unseren letzten beiden Filmen einfach Glück, weil wir sie an das ZDF verkaufen konnten. Aber das ist eine absolute Ausnahme.

Haben Sie andere Ängste?
Existenzängste beschleichen mich manchmal, wenn ich mir die Frage stelle, wie es in der Zukunft weitergeht. Wird es für mich immer so gut laufen wie bisher? Das betrifft vor allem zukünftige Rollen im Alter. Es ist ein Fakt, dass es nicht so viele tolle Frauen- wie Männerrollen gibt. Zudem ist es ein Fakt, dass Frauen ab dem Alter von 40 nicht mehr so viele große Rollen erhalten. Ich finde dieses Ungleichgewicht ungerecht. denn es gibt viele tolle Schauspielerinnen und tolle Frauengeschichten in der Literatur, die noch nicht erzählt wurden.

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