Wochenend-Interview: Maybrit Illner : Finger, fertig, los!

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Maybrit Illner über ihren Moderationsstil, die AfD und das Kanzlerduell

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04. Juni 2016, 16:00 Uhr

Wenn man Maybrit Illner in ihrer Berliner Redaktion besucht, kann es schon mal passieren, dass man mit einem ZDF-Mitarbeiter kollidiert, der gerade einen Aufsteller mit ihrem Konterfei und dem Spruch „Sie hat auf alles eine Frage“ herumträgt. Nach dem Beinahe-Unfall stellen diesmal wir die Fragen und sie gibt die Antworten – zu ihrem ordnungsliebenden Zeigefinger, der Dauerpräsenz der AfD in politischen Talkshows und zum nächsten Kanzlerduell vor der Bundestagswahl 2017.

Frau Illner, Sie haben mal über sich selbst gesagt „Ich bin eine Kino-Tante, lese gern und viel, esse gern und zu viel, feiere gern und zu lange“. Fangen wir mal mit dem Kino an – welchen Film haben Sie zuletzt gesehen?
Lachen Sie jetzt nicht, das war James Bond. „Spectre“ ist großartig, die Regie von Sam Mendes toll. Allein diese erste Kamerafahrt über sieben Minuten – das ist großes Kino. „Spotlight“ habe ich natürlich gesehen – die beiden Oscars sind unendlich verdient. Von „Er ist wieder da“ war ich mittelmäßig begeistert. Gelesen habe ich zuletzt „Kindeswohl“ von Ian McEwan. Achtung, Tipp! Und – es stimmt: Ich esse absolut zu viel, angeblich doppelt so viel wie mein Mann. Meine Rettung ist, dass ich nichts Süßes mag. Und ich bin wohl ein schlechter Futterverwerter.

Was hat Sie veranlasst, als Journalistin vom Sport zur Politik zu wechseln?
Als 15-Jährige habe ich davon geträumt, den Olympischen Marathon zu kommentieren, und zwar so, dass sich zwischendurch keiner aufs Klo traut. Ich wollte wenigstens eine Strecke von zwei Stunden und zwanzig Minuten zur Verfügung haben. Warum der Sport, warum das Fernsehen – es ist mir bis heute unerklärlich. Meinen Eltern übrigens auch.

Sie haben sich ja damals ganz schön reingehängt.
Ja. Ich bin deswegen nach Leipzig gegangen, um Journalismus zu studieren und hatte das riesige Glück, dort bei Sportkommentator Helmut Schultze zu landen. Der erfand gerade eine Sportreporterausbildung.

Aber warum dann der Wechsel zur Politik?
1989 mit dem Fall der Mauer habe mich von einem Tag auf den anderen vom Sport entliebt und wollte auch nicht mehr wissen, wer die zehn Weltbesten im Turniertanzen sind, sondern bin mit fliegenden Fahnen in die Politik gegangen. Jetzt hieß es „Goodbye Lenin“. Aus der DDR war ein Land der runden Tische geworden. Da wollte ich dabei sein, darüber wollte ich berichten.

Mittlerweile stehen die runden Tische in Fernsehstudios – und Sie moderieren die langlebigste politische Talkshow im deutschen Fernsehen.
Im besten Falle ist sie ein runder Tisch. Wenn wir irgendetwas schaffen, dann vor allem, dass Menschen, die mit politischen Entscheidungen leben müssen, auf die Entscheider treffen. Der Bürger, der Protestler, der Experte trifft auf den Politiker. Und diskutiert wird auf Augenhöhe.

Was fällt Ihnen dabei schwerer – gelassene Freundlichkeit oder notwendige Autorität?
Gelassene Freundlichkeit fällt mir nicht schwer, und das Autoritäre eigentlich auch nicht. Sie kennen das vielleicht vom Familientisch: Wenn Sie das Gefühl haben, einer reitet nur sein eigenes Pferd, kann es durchaus nützlich sein, nochmal an den Heimatstall zu erinnern. Ich nehme mir nichts von dem vor, was da emotional passiert, sondern gehe einfach mit der größten Neugier in die Sendung – natürlich bis unter die Haarkante vorbereitet von meiner Redaktion. Und dann nehme ich die Leute einfach beim Wort.

Es gibt zwei Aspekte Ihres Moderationsstils, die Sie von anderen unterscheiden: Der interessiert geneigte Kopf und die dirigierende Arbeit Ihrer Zeigefinger. Ist das einstudiert?
Schön wär’s! Nein, die Moderation ist echtes Multi-Tasking: Einerseits soll jeder zu Wort kommen, denn fair muss es sein, andererseits müssen einzelne Spaziergänger wieder eingefangen werden, die unser Thema gerade fröhlich verlassen. Ist die letzte Frage beantwortet? Wie lautet die nächste? Sind die wichtigsten Argumente ausgetauscht? Ist das Neue markiert? Ich bin extrem wach, um all das mitzubekommen. Aber etwas geht mir völlig durch die Lappen: Was mein Kopf und mein Finger gerade machen.

Meine Mutter hat mir immer gesagt: Zeige nicht mit nacktem Finger auf angezogene Leute. Sie tun das ständig.
(lacht) Den Spruch kenne ich auch, mit dem bin ich groß geworden. Aber manchmal ist es einfach auch ein gutes Ordnungsinstrument, um zu sagen: Wir haben Dir jetzt lange genug zugehört, jetzt ist mal wieder ein anderer dran. Oder, dass von woanders jetzt der interessantere Impuls kommt. Aber ehrlich: Ich krieg’s auch nicht weg, und Hände unterm Tisch sieht doof aus. Sie haben schlicht recht: Richtig nett ist das nicht.

Flüchtlingskrise, Terrorangst, Altersarmut – wer sich durch deutsche Talkshows zappt, könnte meinen, am Wochenende sei der Weltuntergang. Sind Krisenthemen die besseren Themen?
Krisenthemen sind wichtige Themen, aber sie sind nicht automatisch das Beschwören des Weltunterganges. Unser Ansatz lautet: Worin besteht das Problem? Wer hat Interesse daran, es in welche Richtung zu lösen? Welche Interessen stehen dagegen? Wem schadet und wem nutzt das? Nichts daran ist krisenhysterisch, manipulativ oder destruktiv. Natürlich haben wir in letzter Zeit viel über die Flüchtlingskrise geredet, aber sie war und ist eben auch ein alles überwölbendes Thema mit tausend Facetten.

Was ist beim Wandel der Themen für Sie besonders augenfällig?
Aus „außen“ ist „innen“ geworden und aus „innen“ „außen“. Vor zehn Jahren haben wir viel mehr über die Sicherungssysteme in Deutschland geredet – Gesundheitssystem, Rentensystem, Bildungssystem. Das war alles eine zirzensische, gut gepflegte deutsche Nabelschau. Spätestens seit der großen Finanzkrise ist klar, dass alles, was da draußen in der Welt passiert, Auswirkungen hat auf Deutschland.

Die geänderte Themenlage hat neue Gäste in die Talkshows gespült – AfD-Politiker. Was ist das Neue an denen?
Als Kandidat für politische Ämter zu sagen „Deutschland wird untergehen, und da oben stehen lauter unfähige Politiker, die uns das eingebrockt haben“, das ist neu. 15 bis 20 Prozent der Menschen in diesem Land haben das sicher schon immer so gedacht. Neu ist, dass daraus eine Bewegung wurde, die sich gegen das Establishment und gegen Einwanderung richtet. Man muss mit ihren Anhängern und Vertretern diskutieren und nicht so tun, als gäbe es sie nicht.

Heißt der Impuls trotz aller Lügenpresse-Vorwürfe „Wir reden mit Euch und nicht über Euch“?
Unbedingt. Wer sind die? Warum sehen sie sich als Opfer des Systems und die Flüchtlinge als Aggressoren? Der Lügenpresse- Vorwurf ist nicht nur in diesem Zusammenhang absurd. Wer behauptet, dass die Presse lügt, unterstellt ja, dass wir wider besseres Wissen eine verlogene, tendenziöse und manipulierte Berichterstattung betreiben. Das ist schlicht Blödsinn.

Beatrix von Storch ist bekennende Rundfunkbeitrags-Verweigerin – und ständiger Gast in öffentlich-rechtlichen Talkshows. Mich erinnert das an jemanden, der in ein gutes Restaurant geht, das Essen genießt, dann aber nicht zahlen will und schlimmstenfalls noch den Koch beschimpft.
Das ist ein hübsches Bild – ob ein Besuch in unserem Restaurant für Politiker immer ein Genuss ist, sei aber dahingestellt. Frau von Storch saß allerdings noch nicht bei uns. Aber für uns wäre es auch kein Kriterium, ob sie Gebühren zahlt oder nicht. Wir laden Gäste ein, weil sie für ein Thema wichtig sind. Ob sie Gebührenzahler sind, ist in allererster Linie ihr Problem, nicht unseres.

Bei der Bundestagswahl 2017 steht vermutlich ja wieder ein TV-Duell an. Gibt’s schon Planungen?
Ich glaube, darüber hat noch keiner nachgedacht. Wie auch? Wir wissen ja noch nicht einmal, wer der Herausforderer sein wird, und auch in dem anderen Fall ist die Messe noch nicht gesungen. Eine Sache aber ist hundertprozentig sicher: Den Wahlkampf, den Angela Merkel beim letzten Mal gemacht hat, kann sie nicht noch einmal machen.

Warum nicht?
Sie ist mit ihrer Politik in Bezug auf die Flüchtlinge so stark wie noch nie in die Offensive gegangen. Und sie ist ins Risiko gegangen. Bei Fukushima konnte sie mit Sicherheit wissen, dass 80 Prozent der Bevölkerung hinter ihr stehen. Sie konnte bei der Entscheidung zur Abschaffung der Wehrpflicht davon ausgehen, dass sie 80 Prozent pazifistische Deutsche hinter sich hat. Das ist jetzt anders, die Flüchtlingskrise spaltet durchaus das Land – und es gibt niemanden mehr, der vor ihr steht. Es kommt eigentlich nur ein absolut offensiver Wahlkampf in Frage, in dem sie sich traut, die Dinge zu verteidigen, die sie für richtig hält. Auch wenn sie mittlerweile längst eine restriktivere Politik macht.

Kann man überhaupt noch von einem Duell sprechen, wenn da die Spitzenkandidaten von Parteien sitzen, die vor der Wahl eine Große Koalition gebildet haben und es danach vermutlich wieder tun?
Mein Lieblingsmodell ist dieses Kanzlerduell nicht. Vier Journalisten und zwei Politiker – das ist eine sehr künstliche Situation, und in der Struktur das Gegenteil von einem Duell. Inhaltlich glaube ich nicht an eine Neuauflage der Großen Koalition und: Die größte Opposition saß zuletzt in den beiden Volksparteien selbst, man ist eben nie alternativlos. Aber klar, wie soll so ein Streitgespräch zwischen zwei Kandidaten laufen, die eine gemeinsame Strecke hinter sich gebracht haben? Das war ja schon beim letzten Mal so, als Peer Steinbrück einen linken Alternativkanzler geben sollte, obwohl er natürlich ein Miterfinder und Unterstützer der Agenda 2010 war. Aus einer Großen Koalition heraus lässt sich sehr schwer ein ernstzunehmender Wettbewerb um politische Linien machen.

Vorausgesetzt, es käme dennoch zu diesem Duell in der Konstellation vom letzten Mal, dann wären auf Moderatorenseite die Namen Will, Illner und Kloeppel vermutlich gesetzt. Aber wer könnte Stefan Raab ersetzen?
Da gibt’s noch keine Personallisten. Keine Ahnung, wünschen Sie sich einen…

Wie wär’s mit Jan Böhmermann?
Warum nicht? Wenn er Lust hat…

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