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Keineswegs eingestaubt : Filmorchester Babelsberg bringt «seelische Tiefenschärfe»

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Das Filmorchester Babelsberg hat eine lange Tradition - und hat von Fritz Langs Stummfilm-Klassiker «Metropolis» bis zu «Timm Thaler» deutschen Filmen emotionale Tiefe verliehen. Inzwischen ist das Ensemble auch in ganz anderem Kontext zu hören.

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erstellt am 31.Aug.2017 | 11:25 Uhr

Das Ende drohte, als die Mauer fiel: «Das Filmorchester war Anfang der 1990er Jahre eine der ersten Abteilungen im Studio Babelsberg, der gekündigt wurde», erzählt Intendant Klaus-Peter Beyer - und die Empörung ist dem studierten Bratscher noch immer anzumerken.

«Doch dann habe ich meinen dicken Kopp eingesetzt und wir haben 1992 auf eigene Faust weitergemacht.»

Ein schwieriges Unterfangen, denn damals wurden viele Filme mit Musik aus dem Computer vertont. «Doch nach und nach haben sich Produzenten wieder für Qualität entschieden, statt für diese Soße.» So kann das Filmorchester im kommenden Jahr seinen 100. Geburtstag feiern. Es ist das einzige Filmorchester mit festem Ensemble in Deutschland.  

In den Anfangsjahren spielte das 60 bis 80 Musiker starke Orchester pro Jahr die Musik für etwa 20 Filme ein, heute sind es mindestens doppelt so viele. Darunter Produktionen wie «Ich bin dann mal weg», «Er ist wieder da» (beide 2015), «Der Medicus» (2013) oder «Wickie und die starken Männer» (2009). Auch wenn der Zuschauer die Musik nicht bewusst wahrnehme, werde er von ihr berührt, erläutert Beyer. «Die Filmmusik wirkt wie ein Gefühlsverstärker - das bringt die seelische Tiefenschärfe.» Mangelnde Qualität werde von den Zuschauern durchaus wahrgenommen. «Dann heißt es oft: Der Film hat mich nicht berührt.»

Seit 2007 sitzt das Filmorchester auch wieder auf dem Gelände des Studios Babelsberg - in dem Studio, das Ende der 1930er Jahre für das Ufa-Filmorchester gebaut worden war. Monatelang hatten Beyer und seine Mitstreiter zuvor Dämmstoffe von den Wänden gekratzt und die alte Wandstruktur wieder freigelegt. «Die wussten damals schon, wie man die perfekte Akustik erzeugt», meint Beyer.

In den vergangenen 25 Jahren hat Beyer für das Orchester weitere Standbeine erschlossen. Dazu zählen Auftritte bei Wiederaufführungen von Stummfilmklassikern, Konzertreisen in alle Welt sowie Crossover-Projekte mit Bands von Jazz bis zu Rock und Pop. Drei CDs spielte das Filmorchester zum Beispiel mit Rammstein ein, dreimal war das Ensemble mit Udo Lindenberg auf Tour.

Am 3. September stellt das Filmorchester die gemeinsame CD «Zusammen» mit der Brandenburger Rockband Keimzeit auf einem Konzert in Fürstenwalde vor. «Das Projekt mit Keimzeit ist mir besonders wichtig», sagt Beyer. «Brandenburg wird ja oft belächelt, auch im Kulturbereich - und da zeigen wir, was Brandenburg kann.»

Ein wichtiger Partner ist das Filmorchester auch für die Studenten und Wissenschaftler der Babelsberger Filmuniversität Konrad Wolf. Studierende der Fachrichtung Filmmusik kommen regelmäßig in das Studio, und das Orchester spielt auch die Musik für Filmprojekte ein - etwa für den Stop-Motion-Film «Laika und Nemo», den Studenten vieler Fachrichtungen derzeit als Examensarbeiten produzieren.

«Für einen Filmmusik-Komponisten gibt es doch nichts Besseres, als wenn er direkt mit einem Orchester zusammenarbeiten kann», sagt Professor Ulrich Reuter, der an der Uni Filmmusik und Komposition lehrt. «Wir bekommen viele Bewerbungen wegen dieser Möglichkeit, direkt mit einem Orchester zusammenzuarbeiten - statt nur aus trockenen Büchern zu lernen.»

Zwar würden verschiedene Musikrichtungen auch am Computer produziert und es gebe mittlerweile auch Programme, die Orchestermusik teils erstaunlich gut simulierten. «Aber dennoch bleibt es eine Imitation, die mit einem realen Orchester nicht zu vergleichen ist», meint Reuter. «Das ist wie mit den Schauspielern - ein virtueller Schauspieler ist auch nur virtuell.»

Auch an der Forschung der Universität beteiligen sich die Musiker. Gemeinsam mit Studenten feilen sie an der Wellenfeld-Synthese, mit der zu 360-Grad-Filmen der Virtual Reality (VR) auch der entsprechende 360-Grad-Sound produziert wird. Bei dieser Technik kann sich der Zuschauer mit einer VR-Brille direkt in den Film hineinversetzen. Und dann hört er etwa einen Violinisten von der Ferne ganz anders, als wenn er auf ihn zugeht oder sich einem anderen Instrument zuwendet.

«Diese Technik ist noch in der Entwicklung», erläutert Reuter. «Und ich bin sehr dankbar, dass sich die Musiker des Orchesters an diesen sehr aufwendigen und anstrengenden Produktionen beteiligen.»

Keimzeit und Filmorchester

Filmorchester Babelsberg

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