Interview: Cartoonist Ralph Ruthe : Fernsehen ist für ihn gestorben

Cartoonist Ralph Ruthe

Cartoonist Ralph Ruthe

Cartoonist Ralph Ruthe unterhält jeden Tag eine Million Facebook-Fans.

svz.de von
26. Juni 2016, 09:00 Uhr

Das Netz kennt ihn als „Ruthe“. Mit vollem Namen heißt er Ralph Ruthe. Der Bielefelder Comiczeichner veröffentlicht täglich für über eine Million Follower bissige und lustige Zeichnungen. In einem Café in der Bielefelder Innenstadt spricht er über seine Wut aufs Fernsehen und über Hasskommentare.

Weit über eine Million Menschen folgen Ihnen auf Facebook. Die Zahl steigt immer weiter. Auf Youtube haben Ruthe-Videos zum Teil mehrere Millionen Klicks. Wie wichtig sind Ihnen diese Zahlen?
Naja, dass eine Million Menschen den Gefällt-mir-Knopf drückt, ist ja keine Leistung. Wahrscheinlich machen die Leute das auch bei Katzenseiten. Aber ich sehe, dass es immer mehr werden, dass viele bleiben und mit mir interagieren. Es gibt Seiten, die haben ähnlich viele Follower. Aber wenn die was hochladen, bekommen sie 12 Kommentare. Bei mir sind das auch schon mal 150  000 Likes und 800 Kommentare. Ich merke das auch bei den Live-Shows. Am Anfang waren da maximal 100 Zuschauer, und jetzt sind es mindestens 500. Selbst wenn du vor 100 Leuten spielst, die da lachen, wo du eine Pointe gesetzt hast, ist das fantastisch.

Inwiefern?
Das ist wie eine Partitur, die man geschrieben hat. Man löst Emotionen aus, die man auslösen will und das ist einfach das Größte. Als Cartoonist sitzt man ja eher zu Hause und ist für sich. Klar bekommt man die Likes im Netz und sieht, dass Millionen Menschen ein Video geguckt haben. Aber vor Publikum zu stehen, das laut über deine Arbeit lacht – das ist Hammer, superschön.

Man nennt Sie Comiczeichner, Cartoonist, Autor, sogar Fachmann für Ein-Bild-Witze… Was sind Sie eigentlich?
Komiker. Ich bringe Leute zum Lachen. Mein Job ist es, Menschen zu unterhalten. Im besten Fall mit Humor. Angefangen habe ich als Ideenlieferant für professionelle Comiczeichner. Dann habe ich selbst Comics veröffentlicht, habe Cartoons entwickelt und eine Live-Show. Deswegen sage ich der Einfachheit halber: Komiker. Ein Vorbild von mir ist Loriot. Der hat auch mit Ein-Bild-Witzen angefangen.

Warum wollen Sie Leute zum Lachen bringen?
Weil ich das gut kann. Letztlich aus purem Egoismus: Es macht mir großen Spaß, Leute lachen zu sehen, weil ich dann selbst lachen muss. Egal ob als Spaßvogel in der Klasse, im Sportverein oder auf einer Party. Schon als ich in die Schule kam, habe ich immer Quatsch gemacht, und die Leute haben darüber gelacht. Das nennt man wohl komisches Talent.

Komisches Talent ist das eine – heute verdienen Sie Ihren Lebensunterhalt damit. Wie ist das passiert?
Mit 14 Jahren habe ich meinen ersten Scheck dafür bekommen, dass ich mir Geschichten ausgedacht habe. Da war ein Comiczeichnerteam, dem ich schon mit neun Jahren Leserbriefe geschickt habe. Die haben mir bestätigt, dass ich Talent habe. Fünf Jahre später kam dieser Scheck, weil sie Ideen von mir gut fanden. Das war wahrscheinlich der größte Erfolg, den ich jemals in meinem Leben hatte. (Lacht.) Ab dem Moment wurde das, was ich mache, ernstgenommen.

Trotzdem haben Sie nach der Schule erst einmal eine solide Ausbildung zum Schriftsetzer gemacht. Warum?
Ich komme aus einem gutbürgerlichen Handwerkerhaushalt – mein Vater ist Tischlermeister. Zugegeben, ich habe mich schon gelangweilt in der Ausbildung. Aber das hat mir auch wieder die Möglichkeit gegeben, mir Cartoons und Comics einfallen zu lassen. Außerdem habe ich ein paar Dinge gelernt, die mir nicht geschadet haben. Ich bin zum Beispiel dankbar dafür, zu wissen, wie es ist, morgens um sieben aufzustehen und um acht bei der Arbeit zu sein. Dadurch weiß ich, dass ich abliefern kann. Ich habe dann in dem Beruf zehn Jahre gearbeitet und nebenbei die Bücher gemacht.

Wie frei ist Ihre Arbeit?
Ich kann von meinem Beruf leben. Und ich muss nichts machen, wovon ich denke: Da verbiege ich mich. Selbst bei den Büchern mache ich, was ich will. Deswegen ist Fernsehen für mich gestorben. Da quatschen mir zu viele Leute rein, und ich frage mich immer wieder: Wieso soll ich etwas verändern? Da sind doch offensichtlich viele Menschen, denen es gefällt. Mir gefällt es. Und mit einem Mal kommt jemand und sagt: Wir müssen das aber familientauglicher machen oder da muss mehr Sex rein – das ist nicht meine Welt.

Aber Sie haben Fernsehen ausprobiert?
Mehrfach. Ich habe zum ersten Mal vor zehn Jahren mit Leuten vom Fernsehen zusammengesessen. Da war das Internet auch noch nicht so weit. Damals habe ich gelernt, dass zum Beispiel der WDR eine Behörde ist. Das ist unerträglich. Da sitzen drei Leute in der Redaktion, die alle sagen müssen: Das ist gut. Und anschließend muss ein Gremium den Piloten gut finden. Das ist der Punkt, wo ich mich frage: Wie konnte Käpt’0,n Blaubär jemals entstehen? Bei den Privatsendern war es allerdings nicht besser. Es hat mich dann echt frustriert, mit – meiner Meinung nach – völlig unwissenden Menschen zusammen zu sitzen. Deswegen habe ich angefangen, für das Internet zu produzieren. Das war die beste Entscheidung meines Lebens. Ich bin wie ein Straßenmusiker, der sich irgendwo in die Fußgängerzone stellt und seine Lieder spielt. Da bleiben die Leute entweder stehen oder nicht. Und wenn die dann noch was in den Hut werfen – perfekt. Das ist es, was ich mache. In einer sehr großen Straße (lacht.)

Viele Menschen sehen Ihre neuesten Cartoons und Videos täglich auf Facebook. Manche Themen werden besonders hitzig diskutiert. Wie genau planen Sie, was Sie posten?
Ich würde sagen, zu 90 Prozent ist das Intuition. Zu fünf Prozent plane ich. Jetzt war ich zum Beispiel drei Tage auf Norderney. Da habe ich Besseres zu tun, als den ganzen Tag vorm Computer zu sitzen – das fände meine Frau zu Recht doof. Deswegen habe ich drei Posts vorprogrammiert. Bei den restlichen fünf Prozent geht’s mir auch nicht um Provokation oder darum, einen Shitstorm zu erzeugen. Ich weiß gar nicht, wie das geht. Es gibt natürlich Themen, über die sich die Leute immer aufregen. Bei Themen wie Pegida, Frauenrechten oder Vegetarismus weiß ich zwar schon vorher, dass die Leute sich aufregen. Die Reaktionen will ich aber nicht bewusst hervorrufen. Ich nehme sie nur in Kauf.

Sie haben täglich mit den Fans zu tun, antworten auf Kommentare und sehen, wie sie reagieren. Wie ticken Follower?
Man kann eigentlich nicht über Follower allgemein sprechen. Bei einer Million Menschen ist das ein Querschnitt durch die Gesellschaft. Das ist eine große Großstadt. Da sind Leute, die haben mal so nebenbei „Gefällt mir“ geklickt, weil sie zwei Cartoons lustig finden. Andere sind Hardcore-Fans. Natürlich – wenn was mit Religion oder Politik dabei ist, wird das immer spalten. Aber im Zweifel sage ich: Wenn dir nicht gefällt, was ich sage, entlike doch einfach die Seite. Diese Haltung sorgt für eine Fanbase, die näher bei mir ist. Und die Leute, die bleiben, regen sich immer seltener über etwas auf.

Inwieweit darf man Witze über Religion machen?
Ich saß letztens beim Grillen mit Freunden zusammen und ein Kumpel sagte: „Für mich geht alles zu weit, was gegen Religion geht.“ Und ich habe gesagt: „Warum?“ Nur weil da jetzt jemand sitzt und sagt „Ich glaube an den Weihnachtsmann“ muss ich das ja nicht ernst nehmen. Der nächste sagt: „Du kannst doch nicht Tiere in Menschenkleidung zeichnen. Gott will das nicht.“ Es gibt wirklich Leute, die sagen das! Alles schon passiert. Es darf ja jeder glauben, was er möchte. Es darf nur nicht jeder erwarten, dass ich das ernst nehme.

Sie hatten zwar viele Auftritte in Fernsehsendungen. Aber im Netz sind Ihre Cartoon-Figuren häufiger zu sehen, als Sie selbst. Erkennen die Leute Sie überhaupt auf der Straße?
Das kommt vor. Einmal hielt zum Beispiel in Stuttgart vor einem Klamottenladen ein Auto und zwei Jungs um die zwanzig sind rausgesprungen und haben gesagt: Du bist doch der Ruthe, oder? Die haben nur angehalten, um mit mir ein Selfie zu machen. Ein bisschen absurd, dieser Aufwand. Aber tatsächlich kommt sowas mittlerweile alle zwei, drei Wochen vor. Das ist immer lustig und nett.

Setzen Sie Fananregungen um?
Nein. Generell nicht. Das passt nicht zu mir. Ich bekomme viele Vorschläge. Aber leider denken die meisten immer in Kalauern. Stichwort Nachtisch: Zwei Biber sitzen im Restaurant. Der eine sagt: „Ich esse jetzt einen Nachtisch.“ Und dann isst er den Tisch. Brüller. Und ein Prozent der Witze hat einen aktuellen Bezug so nach dem Motto: Zeichne doch mal Angela Merkel. Die steht vor einem Sarg und auf dem Sarg steht „Demokratie“… So in der Richtung habe ich ihn bestimmt schon 20 Mal bekommen. Ich schreibe dann immer ganz höflich: „Vielen Dank, aber ich setze ausschließlich eigene Ideen um.“ Das schreibe ich aber individuell, nie copy und paste. Da schreiben manchmal auch Leute über ihre persönlichen Schicksale. Darauf kann man nicht mit einem Standardsatz antworten.

Gibt es einen typischen Arbeitstag bei Ihnen?
Nee, den gibt’s nicht. Mal schreibe ich einen Tag lang nur an einem Drehbuch. Mal mache ich Sprachaufnahmen und zeichne ein wenig. Dann denke ich mir Musik für ein Video aus oder bin auf Tour. Was häufig gleich ist: Ich stehe immer so gegen sieben auf und arbeite dann so um die zehn Stunden. Früher war ich eher Nachtarbeiter. Aber seit ich in einer Beziehung bin, lebe ich mehr wie ein Mensch. Wichtig ist: Was muss fertig werden und worauf habe ich Bock. Viele denken ja, das Zeichnen sei mein Antrieb. Das stimmt aber nicht. Mein Antrieb ist Humor. Es gibt Tage, an denen ich überhaupt keinen Bock habe, zu zeichnen. Und es gibt auch Sachen, die anstrengend sind. Sobald du Termindruck hast, ist es Arbeit. Aber es fühlt sich einfach richtig an.
 

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