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Wochenend-Interview: Nora Tschirner : Fast unaushaltbar

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Warum die Schauspielerin Nora Tschirner die Ausstrahlung ihres „Tatorts“ kirre macht.

Eigentlich sollte Nora Tschirners „Tatort“-Einsatz in Weimar einmalig sein. Doch am 24. April ermittelt sie bereits zum dritten Mal mit Christian Ulmen. Im Interview erzählt die Schauspielerin, warum sie und Ulmen seit mehr als 15 Jahren so ein gutes Team sind, wie sie die Wende als Achtjährige erlebte und weshalb sie ihre Filmpreise gerne in der Welt herumschicken möchte.

Frau Tschirner, wie fanden Sie Goethe in der Schule?
In der Schule fand ich vieles nervig und hatte Schwierigkeiten, einen Zugang zu der klassischen Literatur zu finden. Als Schülerin fühlte ich mich doch sehr in diese Richtung gedrängt. Ich bin eher jetzt dabei, Klassiker für mich zu entdecken, und erkenne die Schönheit darin.

Haben Sie also lieber einen Aufsatz als eine Gedichtinterpretation geschrieben?
Auf jeden Fall. Die Gedichtinterpretation löst immer noch einen leichten Würgereiz bei mir aus. Das ist doof, weil es eigentlich tolle Texte sind. Aber wenn man es machen muss und nicht freiwillig dabei ist, wird es schwierig – auch wenn wir wirklich tolle Lehrerinnen hatten. Trotzdem sind die Synapsen, die sich in dieser Zeit gebildet haben, wahrscheinlich heute von Vorteil.

Wie lange mussten Sie überlegen, als Sie das „Tatort“-Angebot bekamen?
Es gab schon vorher ein Angebot für einen „Tatort“ – aber ohne Christian – und das hatte ich abgesagt. Ich hätte bestimmt viele Freiheiten bekommen, aber nicht gewusst, was ich damit tun soll. Kurze Zeit später bekam ich erneut eine Anfrage für den „Tatort“ in Thüringen. Ich war sehr verwirrt, weil ich doch gerade einen abgesagt hatte. Als es dann hieß, dass Christian mein Partner würde, wurde es spannend für mich. Ich habe mich mit ihm besprochen. Mit Christian würde ich auch Beipackzettel einlesen. Er fand den Autor gut, und das hat mich überzeugt. Als ich das erste Blatt las, gefiel mir die Tonalität sehr gut.

Ihr „Tatort“ war als einmaliges Special geplant. Im Herbst wird schon der fünfte gedreht. Könnten Sie sich vorstellen, an Christian Ulmens Seite – ähnlich wie Batic und Leitmeyer vom Münchner „Tatort“ – 25 Jahre zu spielen?
Ich finde Batic und Leitmeyer sind das beste Beispiel dafür, dass so eine „Tatort“-Langzeitbeziehung sehr zauberhaft sein kann. Ich drehe sowieso seit 15 Jahren mit Chrissel – ob wir nun die nächsten 25 Jahre „Tatort“ machen, hängt nicht davon ab, ob ich Lust habe, mit ihm so lange zu drehen. Wenn die Qualität der Bücher stimmt und wir Lust haben, warum nicht? Ich bin gespannt und sage niemals nie.

Warum sind Sie so ein gutes Team?

Wir haben bestimmte Synapsen, die sich sehr ähnlich sind. Oft fühlen wir uns wie Außenseiter, weil wir einen Witz sehr komisch finden, über den sonst niemand lachen kann. Zudem haben wir ein sehr ähnliches Wertesystem und eine Abneigung gegen feste Denkstrukturen. Das schweißt uns zusammen, denn mit denen haben wir es in unserem Berufsalltag oft zu tun bekommen. Wir können Seite an Seite wahnsinnig gut kämpfen, aber wir können auch Clanchef-Brüder-Streitigkeiten miteinander haben. Außerdem sind wir extrem gute Lebensberater füreinander, wir sind einfach Freunde. Es ist ein besonderer Glücksfall. Wir sind Partners in Crime, das ist schicksalhaft gut gelaufen.

Erinnern Sie sich, was Sie bei Ihrem ersten Treffen dachten?
Nein. Ich habe ihn ziemlich sicher das erste Mal auf dem Bildschirm gesehen. Ich fand es total cool, dass ein Deutscher auf Englisch bei MTV moderiert. Weil er so schlau war, hatte ich eher ein bisschen Schiss vor ihm. Ich dachte, dass er ein Typ ist, der einen fertigmacht. Auch in den ersten Jahren unserer Zusammenarbeit habe ich lange gebraucht, um zu verstehen, dass er mich wirklich mag und schätzt. Das konnte ich erst nicht glauben.

Haben Sie gemeinsame Marotten?
Jeder, der mit uns gedreht hat, würde an dieser Stelle laut „Ja“ schreien und erklären, warum wir ihn so nerven. Aber Christian und ich kriegen das gar nicht mit. Ich glaube, dass wir am Set unausstehlich sind – und zwar nicht, weil wir Arschlöcher, sondern weil wir aus Versehen sehr nervig sind. Auch nach 15 Jahren sticheln und necken wir uns noch im Minutentakt. Das geht bis zum 14. Drehtag. Dann haben wir so einen Lagerkoller, dass wir uns in die Haare kriegen und drei Tage nicht miteinander reden. „Der treue Roy“ ist der erste Film, bei dem das nicht passiert ist. Unser Team mag uns zwar wahrscheinlich schon sehr, aber leicht ist es mit uns bestimmt nicht.

Der „Tatort“ ist das Thema am Sonntagabend. Wie gehen Sie mit diesem neuen Fokus um?
Das ist für mich fast unaushaltbar. Die ersten Male bin ich für fünf Tage vom Netz gegangen. Ich war nicht nur offline, sondern auch telefonisch nicht zu erreichen. Das fängt kurz vor der Ausstrahlung an und hält noch bis drei Tage danach an. Oft versuche ich, nicht im Land zu sein oder zumindest an einem Ort, an dem es die Leute nicht kümmert. Die Vorstellung, dass gerade acht Millionen Menschen diesen Film schauen und eine Meinung dazu haben, macht mich total kirre. Ich bin dann wie die Mutter von den Klitschkos, die bei den Kämpfen nicht zuschauen kann. Das ist für mich wie Silvester am Brandenburger Tor, es schwebt zu viel Energie auf einen Ort konzentriert in der Luft.

Wie stehen Sie zum grünen Parka, den Kira Dorn nur sehr selten auszieht?
Ich finde ihn toll, sonst würde ich ihn nicht tragen. Ich mag es außerdem, dass wir meist nur ein Kostüm haben. Im vierten „Tatort“ ziehe ich mich zum ersten Mal um und habe zwei Kostüme. Herrlich entspannt.

Warum tut dem „Tatort“ der Witz so gut?
Für mich schließen sich Witz und Krimi nicht aus. Ich bin ein großer Fan der „Brenner-Romane“ von Wolf Haas. Sie sind unfassbar lustig und unfassbar düster, gruselig und spannend zugleich. Ich habe das Gefühl, dass es eine deutsche Eigenschaft ist, dass Genres bei ihrem Zweck bleiben müssen. Eine Komödie darf nicht ernst und ein Krimi nicht lustig sein. Andere Nationen mischen viel virtuoser. Ein gutes Beispiel dafür ist auch die Serie „Sherlock“. Sie ist emotional, spannend und witzig. So spielt das wahre Leben. Erst steht man auf einer Beerdigung am Grab, und eine halbe Stunde später sitzt man beim Leichenschmaus, erzählt sich Anekdoten und liegt unter dem Tisch vor Lachen. Das ist der Weg zurück ins Leben. Humor hilft einfach bei der Linderung von Schmerzen. Deshalb sind die tollsten Geschichten, die, die unterschiedliche Gefühle miteinander verzahnen. Wer es schafft, diese Tonalitäten zu treffen, ist ein toller Autor.

Sie haben sich letztes Jahr von Ihrer Band „Prag“ getrennt. Vermissen Sie die Bühne?
Nein. Wenn überhaupt vermisse ich den kreativen Austausch, das gemeinsame Tüfteln und die Gemeinschaft. Die Songs auf der Bühne zu präsentieren macht mir auch ein bisschen Angst.

Warum, weil es live ist?
Ha, nein, live macht mir nie Angst. Ich fände es schlimmer, wenn man etwas lange probt, dann aufzeichnet und scheitert. Ich habe auch generell keine besondere Angst vorm Scheitern, weil ich sie auf eine Art auch spannend finde. In der Situation des Scheiterns zeigt sich der Mensch am klarsten. Ich habe 25-mal angefangen, Französisch zu lernen. Andere würden sagen, dass ich 25-mal gescheitert bin. Ich finde, dass ich nun ein paar Brocken Französisch sprechen kann.

Und warum macht Ihnen nun die Bühne Angst?
Ich bin einfach nicht gerne der Alleinunterhalter auf der Bühne, sondern lieber kreativ in der Gemeinschaft. Deswegen mag ich auch die Arbeit am Set, weil wir mit 50 Menschen an einem Film werkeln. Auch bei der Premiere in Weimar bade ich nicht wonniglich im Applaus. Ich setze mich dann lieber wieder neben Chrissel und halte Händchen. Was natürlich niemals passieren wird (lacht).

Sie sind in Ost-Berlin aufgewachsen. Wie haben Sie die Wende erlebt?
Sehr achtjährig. Als wir das erste Mal in den Westen gefahren sind, bin ich nach der Fahrt die ganze Zeit auf einem Bein herumgehopst und habe immer gesagt: „Das hätte ich nie gedacht, das hätte ich nie gedacht.“ Meine Eltern dachten in diesem Moment wahrscheinlich: „Wow, unsere Tochter ist ein politischer Übermensch, sie ist hochbegabt.“ Irgendwann haben meine Eltern mich gefragt, wahrscheinlich auch um sich zu bestätigen, wie schlau ich bin: „Was hättest du denn nie gedacht?“ Und ich habe geantwortet: „Dass ich auf einem Bein springen kann.“ Exakt so habe ich die Wende erlebt.

Und wie wurde es mit zunehmendem Alter?
Die nächsten Jahre bemerkte ich den Umbruch stärker: Aus dem Russischunterricht wurde eine Russisch-AG, wir wechselten ständig die Lehrer und wir sind sofort viel ins Ausland gefahren. Mit meinen Eltern habe ich riesige Reisen gemacht, weil sie alles sehen wollten.

Sehen Sie Ihre Kindheit heute in einem anderen Licht?
Klar. Für mich ist es spannend, aber auch sehr spekulativ. Höchstwahrscheinlich kann es sein, dass die DDR für Kinder ein sehr guter Staat zum Aufwachsen war. In der Pubertät änderte sich das, weil das freie Denken unmöglich war. Wer anders politisch orientiert war, landete im Gefängnis. Aber für eine Kindheit war das ein guter Ort. Denn als Kind muss ich nicht reisen. Oft frage ich mich, wie es für mich weitergegangen wäre, aber das ist sehr spekulativ. Heute kann ich verstehen, dass die Menschen an ihre Grenzen gestoßen sind.

Anfang April haben Sie den Jupiter-Award bekommen. Wo stehen Ihre Trophäen?
Ehrlich gesagt (flüstert) habe ich eine Kiste. Es ist eine sehr, sehr schöne Kiste, denn es ist ein alter Reisekoffer, und dort lagern meine Preise (lacht). So sehr ich mich über sie freue: Ich kann mich nicht dazu bringen, Filmplakate von mir selbst oder Preise sichtbar zu platzieren. Ich bin ja kein Tischtennisprofi.

Bekommen die Preise auch mal Ausgang?
Ich habe einen Preis schon mal an jemanden verschickt, den ich nicht kannte. Ein Fan, ein Bekannter eines Bekannten, der gerne mal meinen Bambi haben wollte. Der Bambi ist dann als Leihgabe für ein Jahr umgezogen. Das hat mich sehr froh gemacht, so ein Reh braucht ja schließlich auch mal Licht und Luft. Vielleicht wäre das grundsätzlich eine schöne Idee. Man könnte seine Preise wie Wanderpokale herumschicken. Sie könnten dann jeweils an Menschen weitergereicht werden, die tolle Dinge tun. Der Jupiter von 2016 darf an Nachbarin Cordula verliehen werden, wenn Cordula für die ganze Verwandtschaft sehr guten Apfelkuchen gebacken hat. Das fände ich lustig. So, das war’s dann ab jetzt wohl auch für immer mit Preisen für mich.

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