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Wochenend-Interview mit Julia Jentsch : Facebook? Whatsapp? „Ich bin Laie“

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Aus der Onlineredaktion

Schauspielerin Julia Jentsch steht sozialen Medien skeptisch gegenüber.

svz.de von
erstellt am 15.Okt.2017 | 05:00 Uhr

Keine Frage, Julia Jentsch kann so ziemlich alles spielen, auch eine spontane, impulsive Frau. Schließlich ist die 39-jährige Schauspielerin gebürtige Berlinerin – und als solche mit der „kessen Schnauze“ ausgestattet. Im Interview mit unserer Zeitung im Hamburger „Atlantic“ wägt sie allerdings jedes Wort sehr wohlüberlegt ab, artikuliert dabei druckreif und gönnt sich die eine oder andere Denkpause.

Frau Jentsch, man findet im Internet nicht viel Privates über Sie. Passen Sie sehr auf, was in die Öffentlichkeit dringen darf?
(Lacht) Das hat sich mittlerweile etwas gelockert. Aber es stimmt, lange Zeit war es für mich völlig klar, dass ich in Interviews ausschließlich über meine Arbeit sprechen wollte. Das Private hatte damit nichts zu tun. Es gibt natürlich Bereiche, wo es sich vermischt, wenn es zum Beispiel um persönliche Eindrücke geht. In dieser Hinsicht bin ich heute entspannter geworden. Trotzdem ist es immer noch so, dass das Berufliche für mich eindeutig im Vordergrund steht.

Nutzen Sie die sozialen Medien wie zum Beispiel Facebook?
Es gibt zwar einen Facebook-Account, den jemand mit meinem Namen angelegt hat, aber ich habe damit nichts zu tun und auch keinen Zugriff. Die Seite besteht schon seit vielen Jahren, ich habe mich darum aber nie gekümmert. Eine Freundin wollte mich dort mehrmals kontaktieren, wie sie mir sagte, aber ich hätte mich nie gemeldet. Ich antwortete ihr nur ganz verwundert: „Wie, über Facebook kontaktieren, da bin ich doch gar nicht.“ (Lacht)

Sie haben auch keine Seite unter einem Pseudonym?
Nein. Ich nutze Facebook überhaupt nicht. Ab und zu kommt mir der Gedanke, es wäre vielleicht gar nicht so schlecht, auf diese Weise mit Freunden und anderen Menschen zu kommunizieren oder sich auszutauschen. Ich weiß natürlich auch um die Vorteile, die Facebook bietet, etwa als Plattform, um Promotion für Filme zu machen.

Wie sieht’s mit Whatsapp aus?
(Lacht) Jetzt haben Sie mich aber erwischt. Da bin ich genauso Laie. Es gibt viele Leute, die mich schon seit Jahren dazu bringen wollen und mich immer wieder fragen: „Julia, hast du jetzt endlich Whatsapp?“ Ich stehe all diesen Plattformen eher skeptisch gegenüber und bewege mich darin auch nicht so gerne. Dieser Austausch ersetzt niemals das persönliche Gespräch, da nutze ich schon lieber das Telefon. Es ist doch etwas ganz anderes, die Stimme zu hören und direkt zu reagieren.

Und wie kommunizieren Sie mit Ihren Fans in aller Welt? Oder macht das alles Ihre Agentur?
Es ist ja nun nicht so, dass es einen gewaltigen Fanansturm gäbe, den ich nicht mehr bewältigen könnte. Die Anfragen werden natürlich über die Agentur an mich weitergeleitet. Meist geht es ja um Autogrammwünsche.

Die Schar der Fans könnte nach der TV-Serie „Das Verschwinden“, die Das Erste am 22., 29., 30. und 31. Oktober ausstrahlt, noch anwachsen. Eine erstklassige Produktion, die lange nachwirkt. Geht Ihnen das genauso?
Wir hatten eine viereinhalb Monate lange Drehzeit, von August bis Dezember. Das ist sehr intensiv, und ich habe so etwas bei anderen Projekten bis dahin noch nicht erlebt. Was einerseits dazu führt, dass man denkt, es wäre jetzt ganz gut, auch mal wieder zu Hause zu sein. Andererseits hat man Angst vor dem Moment des Abschiednehmens, weil man jeden Tag mit tollen, engagierten Kollegen zusammengearbeitet hat. Ich jedenfalls habe das Drehende als schmerzvollen Abschied empfunden. Das war das eine Erlebnis. Das andere hatte ich, nachdem ich die TV-Serie bei den Münchner Filmfestspielen zum ersten Mal gesehen habe. Danach musste ich oft über die Figuren nachdenken.

Woran liegt das?
Das hat mit dem Format zu tun. Man bekommt als Zuschauer in sechs Stunden Sendezeit so viele unterschiedliche Momente in diesem Familienleben mit. Es entsteht ein Gefühl des Begleitens der Personen. So eine Serie hat ja auch die Möglichkeit, Szenen zu zeigen, in den zwar nicht so viel passiert, aber die einem sehr nahegehen. Ich stellte mir oft Fragen, wie es mit den Figuren weitergehen könnte. Es bleibt alles in allem ein intensiver Eindruck von der Serie.

Was ist für Sie die Essenz von „Das Verschwinden“?
Das Wesentliche an diesem Stoff sind die zwischenmenschlichen Beziehungen. Familiär, aber auch darüber hinaus. Wie werden die gelebt, in welcher Ehrlichkeit oder Unehrlichkeit, was geben die Menschen voneinander preis, und wohin führt das ein oder andere Verhalten? Der kriminalistische Faden treibt die Geschichte zwar voran, aber was mich auch packt, ist die Frage, was zwischen den Menschen abgeht.

Hätten Sie die Mutterrolle vor der Geburt Ihrer Tochter auch so intensiv spielen können?
Die Frage ist nicht einfach zu beantworten, weil ich einerseits daran glaube, dass man vieles spielen kann, was man manchmal leider, manchmal zum Glück nicht erlebt hat, und durch das Schauspielen die Möglichkeit hat, sich in andere Welten und Biografien hineinzuversetzen. Deswegen, denke ich, kann eine Frau auch ohne eigene Kinder sehr gut eine Mutter spielen. Trotzdem glaube ich, dass all das, was man im eigenen Leben erlebt, einen weiterbringt und verändert und in bestimmten Situationen hilft. Es gab einige Momente beim Dreh, wo ich auf eigene Erfahrungen als Mutter einer Tochter zurückgreifen konnte. Es war natürlich auch ein Geschenk, mit einem Mädchen wie Anne-Marie Weisz spielen zu können. In der Rolle der jüngeren Tochter zeigte sie großes Talent und das Gespür, worauf es ankommt, um in intimen Situationen total auf mich reagieren zu können. Das war eine tolle Erfahrung, weil es mich auch forderte.

Ein zentrales Thema der Serie ist der Generationenkonflikt, der in der Aussage „Warum sollen wir so werden wie ihr?“ gipfelt. Wie haben Sie selbst damals als 19-Jährige den Generationenkonflikt zu Hause erlebt?
Ich war relativ brav, habe nicht rebelliert. Meine Eltern konnten mir vollends vertrauen. Und trotzdem gab es auch Konflikte, weil ich mich nicht verstanden fühlte oder auch anders gesehen werden wollte. Diese Spannungsmomente gab es bei uns auch, aber sie waren überschaubar.

Die Jugendlichen im Film nehmen Drogen. Sind Sie früher auch damit in Kontakt gekommen?
Natürlich habe ich in meinem Umfeld mitbekommen, dass es Drogen gibt und wie sie wirken. Wenn es mich selber interessiert hätte, hätte ich sicher genug Möglichkeiten gehabt. Aber damals schreckten mich viele negative Erlebnisse ab, wenn ich sah, wie sich Menschen, die man glaubte, gut zu kennen, nach und nach durch Drogen veränderten und ich Angst um diese Personen hatte.

Ist die Lust am Schauspiel in der Schule geweckt worden?
Die Begeisterung am Schauspielen und an Theater begleitet mich schon, seit ich denken kann. In der Schule gab es tatsächlich eine Theater-AG, die mich sehr interessiert hat. Ein Lehrer, der diese AG vorher geleitet hatte, fragte mich mal zum Ende meiner Schulzeit auf dem Schulhof, was ich künftig machen wolle. Ich nannte verschiedene Optionen. Er fragte schließlich „Willst du nicht Schauspielerin werden?“ Manchmal braucht es jemanden, der etwas ausspricht, was man insgeheim schon längst gedacht oder gefühlt hat, um es auch umzusetzen.

Ihre Eltern sind Juristen. War da nicht eine juristische Karriere vorgezeichnet?
So einen eindeutigen Plan gab es nicht. Aber sie waren schon relativ überrascht, wenn nicht gar geschockt, als ich ihnen überzeugend mitteilte, dass ich Schauspielerin werden will und mich an einer Schauspielschule bewerbe. Prompt kamen Argumente wie „Das ist doch eine brotlose Kunst“ und „Du könntest so viel anderes machen“. Da merkte ich, sie hatten andere Vorstellungen mit mir.

Sie sind 2005 relativ schnell in der Rolle der Sophie Scholl weltbekannt geworden und haben ein Jahr lang einen Marathon an Interviews, Auftritten und Auszeichnungen abgespult. Hatten Sie Sorge, diese Rolle würde Sie nie mehr loslassen?
Das war in der Tat ein zwiespältiges Gefühl. Einerseits wünscht man sich ja, eine Figur so zu verkörpern, dass die Menschen einem das vollends abnehmen, auf der anderen Seite möchte man nicht, dass man ausschließlich damit in Verbindung gebracht wird. Es ist zum Glück nicht eingetreten.

Stand nach dem Erfolg von „Sophie Scholl“ die Tür zu Hollywood nicht weit offen?
Es gab weder Angebote noch Gespräche. Ich war ja damals froh, überhaupt für einige Stunden nach Hollywood zu dürfen. Zu der Zeit der Oscar-Nominierung habe ich „A Taste of Honey“ mit Peter Zadek am St.-Pauli-Theater geprobt. Ich habe nicht viel Zeit in Hollywood verbringen können, weil ich so stark wegen der Theaterarbeit gebunden war. Ich bin nur rübergeflogen, schnell in ein hübsches Kleid geschlüpft, und fuhr in einer großen Limousine zur Oscar-Verleihung. Ich kam mir vor wie „Alice im Wunderland“. All die berühmten Stars, mit denen man aufgewachsen ist, laufen plötzlich auf dem roten Teppich an dir vorbei. Es war sehr surreal.

Haben Sie die fehlenden Angebote aus Hollywood vermisst?
Wenn es Angebote gegeben hätte, wäre ich denen sicher nachgegangen. Dazu ist meine Neugierde viel zu groß. Ich hätte das gerne ausprobiert. Die Chance, in einem anderen Land, in einer anderen Sprache mit Kollegen aus anderen Ländern zu arbeiten, reizt mich sehr. Es passiert ja in den vergangenen Jahren häufig, dass deutsche Schauspieler in amerikanischen Filmen mitspielen – mal kleinere, mal größere Rollen. Das ist doch toll.

Macht Sie der 20. Februar 2018 nervös?
Bis jetzt noch nicht. Ich habe nur festgestellt, dass es in meinem Freundeskreis durchaus aufgeregte Diskussionen gibt, ob und wie man den 40. Geburtstag feiert. Dann fällt mir auf, dass ich auch bald dran bin. Über eine große Feier habe ich, ehrlich gesagt, noch nicht nachgedacht. Ich war in der Beziehung sowieso immer sehr arrhythmisch. Ich habe zum Beispiel den 17. Geburtstag groß gefeiert, aber den 18. dafür nur in kleinem Kreis.

Ist Ihr 40. Geburtstag ein Anlass, eine Art Bilanz zu ziehen?
Nein. Auch dafür gibt es immer wieder arrhythmische Momente in meinem Leben, in denen ich einfach mal spontan innehalte und über mich und das Leben nachdenke. Aber vielleicht macht die Zahl ja doch etwas mit mir.

 

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