Mordverdacht O.J. Simpson : Ewiger Zweifel bleibt

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O.J. Simpson kommt bald nach Haftstrafe wegen Raubes frei – der Mordverdacht schwebt immer noch über ihm

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21. Juli 2017, 21:00 Uhr

Als O.J. Simpson im Anhörungssaal seine Aussage beginnt, soll niemand den „Elefanten im Raum“ neben ihm bemerken. Die geringste Rührung, wie Simpsons Anwalt Malcolm LaVergne später sagen wird, könnte die Sache gefährden. Bei dem Auftritt Simpsons vor dem Bewährungsausschuss im US-Staat Nevada – per Videokonferenz aus dem Gefängnis zugeschaltet – soll vor allem eines nicht zur Sprache kommen: der über 20 Jahre zurückliegende Mordverdacht gegen den früheren Footballstar. Seit fast neun Jahren sitzt Simpson in der Haftanstalt Lovelock in Nevada ein. Diese will er im Oktober als freier Mann verlassen – und setzt dabei auf eine emotional aufgeladene Verteidigungsstrategie. Der inzwischen 70-Jährige hat damit Erfolg: Das Gremium gibt seinem Antrag statt – im Oktober kommt er auf freien Fuß.

2007 war O.J. Simpson zusammen mit mehreren Komplizen in ein Hotelzimmer im Hotel-Casino Palace Station in Las Vegas eingedrungen und hatte zwei Sammler von Fan-Artikeln gezwungen, ihm persönliche Erinnerungsstücke auszuhändigen. Simpson wurde wegen bewaffneten Raubes und Körperverletzung zu maximal 33 Jahren Haft verurteilt.

Siompson schildert am Donnerstag bei der Anhörung, was sich bei dem Überfall – aus seiner Sicht – zugetragen haben soll. Er habe bei dem Vorfall niemals mit einer Waffe auf jemanden gezielt oder Drohungen ausgesprochen. „In keiner Weise oder Form habe ich ihnen etwas Böses gewollt“, beteuert er und verweist auf sein „musterhaftes Benehmen“ hinter Gittern.

Die Zuschauer vor ihren Bildschirmen erfahren, dass Simpson während seiner Haftzeit eine Gebetsgruppe gegründet hat, Computerkurse absolviert und Sportteams coacht. „Ich bin wahrscheinlich der vorbildlichste Häftling, den sie hier je hatten“, sagt der 70-Jährige sichtlich überzeugt.

Selbst das Opfer des Raubüberfalls, Bruce Fromong, nimmt Simpson in Schutz. „Ich glaube, dass O.J. in die Irre geführt wurde“, sagt der Mann, der sich als langjährigen Freund des früheren Stars bezeichnet. Er bestätigt zudem die Darstellung Simpsons, dass sich zwischen den Souvenirs tatsächlich Gegenstände aus dessen Privatbesitz befunden hatten, die dem Star unrechtmäßig entwendet worden waren. „Es ist an der Zeit, diesem Mann eine zweite Chance zu geben“, empfiehlt er dem Begnadigungsausschuss.

Tatsächlich scheint zu diesem Zeitpunkt alles für eine vorzeitige Entlassung des „Mustergefangenen“ zu sprechen. Wenn da nicht eben der Elefant wäre – ein Schatten der Vergangenheit, den O.J. Simpson niemals abzustreifen vermochte. 1994 stand er wegen des Vorwurfs vor Gericht, seine Ex-Frau Nicole Brown und ihren Freund Ron Goldman in Los Angeles brutal ermordet zu haben.

Rund 95 Millionen Zuschauer verfolgten damals live im Fernsehen, wie O.J. sich eine dramatische Verfolgungsjagd mit der Polizei lieferte. In einem Verfahren, das von den Medien später als „Prozess des Jahrhunderts“ bezeichnet wurde, sprachen ihn die Geschworenen nach neun Monaten im Oktober 1995 trotz erdrückender Beweislage überraschend frei.

Umfragen von damals wie heute zeigen jedoch, dass die meisten Amerikaner Simpson für den Täter halten. 1997 verlor er einen von den Hinterbliebenen der Opfer angestrengten Zivilprozess und wurde zur Zahlung von über 30 Millionen Dollar an die Angehörigen verurteilt.

Umso größer war die Genugtuung für die Angehörigen der Mordopfer, als Simpson 2008 in dem Raubprozess zu 33 Jahren Gefängnis verurteilt wurde. Die Höhe des Strafmaßes erschien vielen Menschen damals überraschend hoch. „Es ging nicht um Gerechtigkeit“, hatte das Opfer Fromong in der mit einem Oscar prämierten Dokumentation „O.J.: Made in America“ gesagt. „Sie wollten den Mann drankriegen, der 1994 mit Mord davongekommen ist.“

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