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Papst Franziskus erhält Karlspreis : „Er öffnet uns die Augen“

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Papst Franziskus hält in Rom eindringliche Rede bei Karlspreisverleihung. Martin Schulz über den Preisträger

Papst Franziskus hat Europa angesichts der Flüchtlingskrise zu einem neuen Humanismus aufgerufen. Er träume „von einem Europa, in dem das Migrantsein kein Verbrechen ist“. Er träume von einem Europa, das die Rechte der Einzelnen fördert und schützt, ohne die Verpflichtungen gegenüber der Gemeinschaft außer Acht zu lassen, sagte der gestern nach der Verleihung des Karlspreises im Apostolischen Palast in Rom. Der Papst erinnerte die Politik daran, dass sie vor der grundlegenden und nicht verschiebbaren Arbeit der Integration stehe. Die Zuhörer würdigten Franziskus mit starkem Applaus. Der Argentinier nahm den Karlspreis zu Aachen vor zahlreichen europäischen Spitzenpolitikern entgegen, unter ihnen Bundeskanzlerin Angela Merkel. Mit Martin Schulz (SPD), Präsident des Europäischen Parlaments, sprach Rasmus Buchsteiner über den Papst.

Wie hat sich der Papst um Europa verdient gemacht?
Schulz: Er öffnet uns Europäern die Augen, indem er uns mahnt, die großen Errungenschaften der europäischen Einigung nicht leichtfertig aufs Spiel zu setzen oder sie einfach nur als gegeben hinzunehmen. Manchmal hilft die Perspektive eines Außenstehenden, um besser zu erkennen, was unsere Stärken sind, dass wir mit diesem Europa etwas Großartiges erreicht haben. Die Botschaft des Papstes ist eine des Friedens und des Dialogs und der solidarischen Verantwortung füreinander. Das ist eine sehr europäische Botschaft.

Was beeindruckt Sie an diesem Papst besonders?
Ich bewundere seine Menschlichkeit und seine Bescheidenheit. Er steht für gegenseitigen Respekt, für Toleranz und für das Streben nach Gerechtigkeit. Seine Worte finden weltweit Gehör und bieten Orientierung in Zeiten der Orientierungslosigkeit. All dies macht ihn zu einer einzigartigen Persönlichkeit. Nachhaltig beeindruckt hat mich auch das Engagement des Papstes in der Flüchtlingskrise. Mit seinem Besuch auf Lesbos hat er ein starkes Signal der christlichen Nächstenliebe gegeben, als er eine muslimische Flüchtlingsfamilie von Lesbos in den Vatikan mitgenommen hat. Das war eine klare Botschaft an diejenigen, die sich christlich nennen, aber sich weigern, muslimischen Flüchtlingen Schutz zu gewähren.

In seiner Rede vor dem Europaparlament hat Franziskus kritisiert, dass Europa den Eindruck von Müdigkeit, Alterung und mangelnder Fruchtbarkeit mache. Hat Sie die Analyse irritiert?
Nein, ich habe seine Rede als Appell verstanden, aufzustehen, für unser gemeinsames Europa zu kämpfen. Es war eine Mahnung, nicht den großen Vereinfachern und Spaltern zu folgen, also denjenigen, die Europa abwickeln wollen und die Abschottung und Ausgrenzung predigen. Die Europäische Union steht für Miteinander statt Gegeneinander, für Einbeziehung statt Ausgrenzung. Uns darauf zu besinnen und uns dafür einzusetzen, das hat er uns mit seiner Rede ins Stammbuch geschrieben.

Kommentar von Rasmus Buchsteiner: Eindringlicher Weckruf
Da nimmt einer kein Blatt vor den Mund. Franziskus liest Europa kräftig die Leviten. Dass ausgerechnet der Papst aus dem fernen Buenos Aires, „vom Ende der Welt“, wie er es selbst einmal genannt hat, die Europäer an ihre Werte und deren Ursprung erinnert und eindringlich mahnt, sie zu verteidigen, ist mehr als bemerkenswert. Wahrscheinlich braucht es die Unabhängigkeit und den unverstellten Blick eines Mannes, der von außen kommt und die Tradition des Kontinents besonders zu schätzen gelernt hat. Für seine Mahnungen und Warnungen hat Franziskus den Karlspreis nun wahrlich verdient. Der Heilige Vater beweist sich hier nicht in erster Linie als Theologe, sondern als politischer Vordenker. Mit Besuchen auf Lampedusa und Lesbos hat er in der Flüchtlingskrise Zeichen der Solidarität gesetzt, die bleiben werden. Die von ihm formulierte Sorge um die Zukunft Europas ist ein Weckruf von großer Eindringlichkeit. Die Europäische Union braucht jetzt frischen Wind, Mut, Entschlossenheit und einen neuen Aufbruch. Wenn der Argentinier im Apostolischen Papst dazu den Anstoß gegeben hätte, wäre schon viel erreicht.

Vertraut: Merkel und der Papst bei der Audienz
Vertraut: Merkel und der Papst bei der Audienz Foto: PIZZOLI
 

Dritte Privataudienz: Papst trifft Merkel

Papst Franziskus hat Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) nach der Privataudienz einen Friedensengel überreicht. Die protestantische CDU-Politikerin bedankte sich und sagte: „Den können wir gut gebrauchen in Europa.“ Die insgesamt dritte Privataudienz für Merkel bei dem Argentinier dauerte gestern vor der Karlspreisverleihung gut 20 Minuten. Die beiden unterhielten sich im Vatikan mit einem Übersetzer hinter verschlossenen Türen. Über die Themen des Gesprächs wurde zunächst nichts bekannt. Zu Beginn wechselten die beiden einige Worte auf Deutsch. „Ich freue mich, dass Sie da sind, und das schon zum dritten Mal“, sagte der Pontifex zur Begrüßung.
 

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erstellt am 06.Mai.2016 | 19:30 Uhr

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