Interview : Einen Millimeter vorm Knast

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Graffiti-Künstler René Turrek hat nach der illegalen Phase heute großen Erfolg.

svz.de von
18. Juli 2015, 16:00 Uhr

Er pendelt ständig zwischen seinen Ateliers in Miami und Osnabrück, hat Aufträge auf allen Kontinenten, kennt jede Menge Super-Promis, ist aber ansonsten auf dem Teppich geblieben: Graffiti-Künstler René Turrek startet im wahrsten Sinn gerade so richtig durch – seitdem er vor Kurzem angefangen hat, Luxus-Sportwagen zu stylen.

René, was geht gerade ab?
Seit vier Wochen hat sich bei mir alles geändert, als ich eine Auftragsarbeit für einen BMW X6 ins Internet gestellt habe. Den Wagen habe ich mit einer wärmeempfindlichen, blauen Farbe überlackiert. Aber bei Temperaturveränderung, zum Beispiel wenn warmes Wasser darüber gegossen wird oder die Sonne draufknallt, sieht man das Bild darunter: Ein giftgrünes Hulk-Gesicht und an den Seiten das Hulk-Logo. Nach einigen Sekunden verschwinden die Bilder wieder, sobald es trocken wird. Innerhalb von drei Tagen wurde das Video einige Millionen Mal geklickt. Ich werde gerade überschüttet mit Hunderten Mails und Anfragen von Leuten aus der ganzen Welt, die ihre Karren gestylt haben möchten. Sogar aus Usbekistan und Mexiko.

Wie bist du auf die Idee gekommen?
Es gab mal Matchbox-Autos, die das auch konnten. Im Wasser veränderten sie ihre Farbe. Ich habe mir gedacht, warum soll das nicht bei einem richtigen Auto funktionieren. Oder bei anderen Objekten: Ich habe einen Schuh von dem NBA-Basketballspieler Dwyane Wade von Miami Heat. Da kommt blauer Lack drüber. Und wenn er läuft, wird der Schuh durch die Hitze seiner Füße das Outfit verändern. Im Dezember werde ich einen Bugatti von US-Rapper Flo Rida bearbeiten.

Wie groß ist die Verantwortung, Autos so zu stylen?

Ich trage immer ein Restrisiko, dass die Farbe irgendwo reinkommt. Den Wagen klebe ich fünfmal ab. Wenn auch nur ein Tropfen in den Motor kommt, ist das ganze Projekt in wenigen Sekunden gescheitert. Ich lasse alles abmontieren, was geht: Lampen, Blinker. Wenn ich es versaue, habe ich ein Riesen-Problem. Dagegen kannst du dich nicht versichern. Und wenn, zahlst du ein Heidengeld dafür und brauchst die Versicherung am Ende womöglich gar nicht, weil sie irgendwelche Ausstiegsklauseln drin hat.

Welche Objekte kommen für deine Kunstambitionen infrage?
Eine Wand oder T-Shirts genauso wie Autos, Motorräder, oder aktuell ein Pokal der NBA für einen der Miami-Heat-Spieler. Manchmal weiß ich nicht genau, wie eine Farbe auf bestimmten Stoffen oder Oberflächen reagiert. Sie kann platzen und dann kannst du es nochmal machen. Blöd wird es erst recht, wenn beim finalen Klarlack etwas in die Hose geht. Dann fängst du ganz von vorne an.

Gibt es ein Traumobjekt?

Das Empire State Building. Dort im 45. Stock habe ich letztes Jahr zwei Bilder verwirklicht. Das war für mich eine Herausforderung, weil ich Höhenangst habe und sofort gemerkt habe, dass sich das Gebäude bewegt. Ich sollte mal einen Flugzeug-Job übernehmen, bis mir klar wurde, wie heikel das ist: Mit jedem Tropfen Farbe ändert sich die Aerodynamik. Da habe ich abgewunken.

Gibt es ein Netzwerk von Graffiti-Künstlern, um sich auszutauschen und zu unterstützen, oder herrscht Rivalität?

Eher Rivalität. Die Szene selber gönnt einem nicht den Schmutz unter den Fingern. Viele werfen mir vor, ich würde meine Seele verkaufen, weil ich ins Kommerzielle gehe. Die ganze Szene kommt ja aus dem HipHop. Diese Protagonisten haben früher immer getönt, sie kommen von der Straße, bleiben „real“ und Geld sei ihnen egal. Jetzt verdienen sie plötzlich Geld, und schlagen das doch auch nicht aus, nur weil sie sich selbst treu bleiben wollen. Ein Fußballspieler wird auch lieber Kohle verdienen, als Amateur zu bleiben und nebenbei einen Bürojob zu machen. Wenn die Jungs aus der Sprayerszene auch nur einen so lukrativen Auftrag im Monat erhalten könnten, würden sie ihn garantiert annehmen. Ist mir aber auch egal, ich mache mein Ding. Ab und zu gehe ich noch mit einigen aus der Szene malen, aber ich will gar nicht wissen, was die so nachts machen.

Früher warst du bei Illegalem dabei...
Wenn man mir damals all das, was ich gemacht habe, hätte nachweisen können, hätte ich zehnmal so viel Ärger gekriegt. Ich habe zwei Jahre auf Bewährung kassiert – ich glaube, es waren am Ende 80 Anzeigen, alle nachweisbar. Ich bin damals vor dem Gerichtstermin zu vielen Geschädigten gegangen und habe die Wände gestrichen. Das waren meist gewerbliche und öffentliche Flächen, auch Züge. Während der Bewährung habe ich dann wieder Blödsinn gemacht, aber ich hatte ein gutes Netzwerk, gute Freunde, und bin mit einem blauen Auge davongekommen. Seitdem habe ich nichts Illegales mehr unternommen, ich stand einen Millimeter vor dem Knast.

Fehlt dir nicht der Adrenalin-Kick?
Jetzt suche ich den Kick woanders. Zum Beispiel plane ich, ein Auto bei der Fahrt zu besprühen, während ich auf einem fahrenden Pick-Up daneben stehe. In Italien habe ich vor Kurzem eine Cellophanfolie nachts über eine Kirchentür gespannt. Dann habe ich die Mauer der Kirche eins zu eins auf die Folie gesprüht. Am nächsten Morgen wollten die Leute in die Messe und die Tür ist weg. Davon haben wir ein Video gemacht. Es dauerte über eine Minute, dann wussten die erst, was Sache ist.

Du engagierst dich in Präventionsprojekten der Polizei. Ist das nicht total uncool?

Zusammenarbeit mit der Polizei geht in der Szene überhaupt nicht. Aber ich weiß, was ich damals durchgemacht habe. Von der Polizei nachts gejagt zu werden, ist kein Spaß. Ich möchte den Kids, die da in der Schule sitzen, klarmachen, dass Sprayen kein Kavaliersdelikt ist und die Polizei kein Pardon kennt. Ich sage denen: Die finden euch, und wenn sie euch nicht drankriegen, dann eure Eltern. Den letzten Workshop habe ich mit einer Organisation gemacht, die illegalen Einwanderern im Alter von 11 bis 18 Jahren hilft.

Wie ist die Resonanz bei den Kids?
Schwer zu sagen. In dem Augenblick, wo ich ihnen drohe und sie ein wenig verängstige, habe ich den Eindruck, sie haben es begriffen. Aber letztlich bin ich für die auch nur ein Lehrer. Da gehen sie raus und machen doch, was sie wollen. Ich will aber jetzt nicht alle illegalen Graffitis verdammen. Die haben in ihrer Nische auch eine echte Daseinsberechtigung.

Vor allem in Staaten, wo die Menschen unterdrückt werden, und Graffitis ein Ausdruck des Widerstands sind…
Absolut. Das sind ganz oft politische Statements. Vor Kurzem habe ich mich mit einer Israelin unterhalten, die in ihrer Gemeinde zusammen mit anderen Aktivisten gegen einen Bürgermeister vorgegangen ist, der ein Mädchen vergewaltigt hatte. Alle wussten es, doch man konnte es nicht öffentlich behaupten. Mit einem symbolhaften Bild haben die Aktivisten dann die Wahrheit überall hingesprüht.

Hast du mal geschätzt, wie viele Dosen du bisher verbraucht hast?

Rund 2500 im Jahr. Das müssen also 40000 bis 50000 Dosen sein.

Was kostet eine Dose?
Um die vier Euro. Ich hätte mir also schon längst ein Haus mit Pool davon kaufen können. Man muss natürlich dazu sagen, dass ich die Dosen in den ersten drei Jahren geklaut habe.

Bist du in Malerläden eingestiegen?
Ja klar. Das war ein minutiös geplantes Verbrechen. Wir haben uns vorher Alibis überlegt und Leute eingeweiht, die das im Fall des Falles der Polizei bestätigt hätten. Wir haben dabei sogar fiktive Personen erschaffen, und uns Versionen überlegt, die wie ein Puzzlespiel zusammengepasst hätten. Wir schrieben ein echtes Drehbuch, mit dem wir uns sicher fühlten. Wir haben vorher die Lage erkundet, teilweise fünf sechs Tage vor einer Wand gesessen, um zu wissen, was da so abends und nachts abgeht, wie viele Leute vorbeigehen, wie oft die Polizei patroulliert.

Wie bist du überhaupt mit Sprayen in Kontakt gekommen?

Ich bin in Bad Iburg aufgewachsen. Damals gab es 50 Jugendliche im gleichen Alter und auf gleicher Wellenlänge, von denen waren zehn extrem cool. Davon wiederum zogen drei nachts um die Häuser. Das waren meine besten Freunde.

Irgendwann stand dann der Konflikt im Elternhaus an?

Volles Programm. Ist ja total toll, wenn du eine Hausdurchsuchung hast, und dein Vater und dein älterer Bruder beim Amtsgericht arbeiten. Letztlich haben sie mir aber geholfen.

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