Pussy Riot in Deutschland : Eine Stunde Rebellion

Schnell, laut, aggressiv: Pussy Riot bei ihrem Auftritt in Hannover.
Schnell, laut, aggressiv: Pussy Riot bei ihrem Auftritt in Hannover.

Pussy Riot bringt „Riot Days“ auf die Bühne – Start der Deutschlandtournee

svz.de von
11. Januar 2018, 05:00 Uhr

Irgendwann, im letzten Drittel der Show, bespritzen Kyrill Masheka und Maria Alyokhina ihr Publikum mit Wasser. Von gefrorenen Tränen war zuvor die Rede, die Häftlinge in russischen Gefängnissen weinen, wenn sie in der Psychiatrie mit dem Medikament Chlorpromazin sediert werden. Alyokhina hat das nicht selbst erlebt; zumindest schreibt sie das nicht in ihrem Buch „Tage des Aufstands“. Aber sie hat offenbar eine Mitgefangene gesehen, die aus der Psychiatrie zurückgekommen ist in den Regelvollzug, voll mit Chlorpromazin.

Alyokhina ist eine von den Pussy-Riot-Frauen, die für ihr 40-sekündiges „Punk-Gebet“ in der Moskauer Christ-Erlöser-Kathedrale ins Gefängnis gekommen ist. Sie hat aufgeschrieben, wie es ihr ergangen ist: wie sie und ihre Freundinnen die Aktion vorbereitet und durchgeführt haben, wie sie sich in Moskau versteckten, gefasst und verurteilt wurden. Und sie schreibt über die Haft: über das Unrecht in russischen Gefängnissen, das sie nicht hingenommen hat.

Aus ihrem Buch hat sie zusammen mit dem Produzenten Alexander Cheparukhin, dem Regisseur Yury Muravitsky und drei weiteren Künstlern eine gut einstündige Show kondensiert: eine Stunde hämmernde Musik, eine Stunde Film, Text, Gesang, eine Stunde Reizüberflutung. Eine Stunde Zorn. Eine Stunde Protest – gegen Putin, gegen das autoritäre Russland, gegen eine autoritäre Kirche. Eine Stunde Kampf für Menschenrechte.

Die Musik des Duos AWOTT stampft – nicht laut, aber immer unterschwellig aggressiv, immer unter Dampf, so als ob der nächste Knall unausweichlich kommt. Viel Rhythmus, hin und wieder ein paar Töne, die Nastya am Saxofon bläst. Dazu rezitieren Alyokhina und Masheka den Text aus „Tage des Aufstands“: Schnell, laut, aggressiv. Sie tragen die Mützen mit den ausgeschnittenen Löchern für Augen und Mund über dem Gesicht. Manchmal sieht Alyokhina auch aus wie eine gelassene junge Frau. Aber dann schnellt die Faust nach oben, und der Dampfkessel aus Rhythmus und Worten explodiert im laut hinausgebrüllten „Welcome to Hell“ oder in zornigem Geheul. Dann bricht Masheka in einen wilden Tanz aus, Nastya singt, und so gehen die vier die Geschichte von Pussy Riot durch – auf Russisch mit deutschen Übertiteln und illustriert von Videos auf einer Leinwand.

„Behave as punk as possible“, sagt Produzent Cheparukhin, verhaltet euch so punkig wie möglich. Ein paar Besucher tanzen tatsächlich hin und wieder. Aber gegen die geballte Flut aus Information und Protest kommt der Pogo nicht an. Die Botschaften hier wollen gehört werden – ein fulminanter Abend ist es trotzdem.

Weitere Termine: 11.1. Hamburg, Fabrik; 14.1. Berlin. SO36



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